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JV 227 Dienstag, den 4. Oktober 1892. 19. Jahrgang

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Das Urtheil im Trierer Prozeß

hat bei den Liberalen gar arg verschnupft. Unsere Leser kennen dasselbe bereits. Die Begründung des- lelben geht von der Voraussetzung auS, daß die Re­liquienverehrung ein Dogma der katholischen Religion sei. Dann gehöre aber auch die Verehrung deS Trierer Rockes zu den Einrichtungen der katholischen Kirche, denn seine Verehrung unterscheide sich in keiner Weise von der Verehrung anderer Re­liquien. Aus dem ganzen Ton der Broschüre gehe aber zur Genüge hervor, daß der Verfasser die ge­lammte Einrichtung der Reliquienverehrung treffen wollte, da die Kritik nirgends an eigenartige Momente -er Ausstellung des Rockes anknüpfe. Der Angeklagte habe die Reliquienverehrung mit dem Fetischdienste der Heiden in Vergleich gestellt. Auf dieser Fest­stellung behauptet das Urtheil, daß in den Angriffen eine Beschimpfung der katholischen Kirche vorliege. Die das Merkmal der Beschimpfung bildende Rohheit des Ausdrucks sei zweifelsohne vorhanden. Beide An­geklagte haben auch gewußt, daß die Reliquienverehrung ein Gebrauch der katholischen Kirche ist und waren sich, wie man nach ihrem Bildungsgrade annehmen muß, auch des beschimpfenden Charakters der Ausdrücke bewußt; die Beschimpfung geschah durch eine Druck­schrift, die verbreitet wurde, war alfo eine öffentliche. Was die Anklage wegen Beleidigung des BifchofS be­trifft, so sei zu prüfen, yb der Inhalt der Broschüre beleidigend sei. Das Urtheil nimmt dieses von 12 Stellen der Broschüre an. Besonders gelte dieses von dem Vorwurf der Demonstration des Bischofs gegen die Staatsgewalt der „künstlichen Mache" in der Verabredung der Ausstellung mit dem Bischof Don Luxemburg, der „zwiespältigen Haltung" des Bi­schofs in der Wunderfrage, ferner in feiner staats­bürgerlichen Stellung, da die Broschüre den Bischof -es Mangels am deutschem Patriotismus zeihe und ihm geradezu Landesverrath vorwerfe, endlich in seiner kirchenpolrtifchen Haltung, da Bischof Komm absichtlich den konfessionellen Frieden gestört haben soll. Alle diese Vorwürfe feien im Laufe der Verhandlungen nicht erwiesen worden. Was die An­rufung des § 193 Wahrung berechtigter Interessen, zu Gunsten der Angeklagten betrifft, so gehe aus keiner Stelle der Broschüre hervor, daß sie zur Wahrung evangelischer Interessen geschrieben worden sei. Die Broschüre sei eine rein politische, und die Eigen­schaft des Vrrfosfers als Theologe und evangelifcher Mann eine rein zufällige. Eine politische Richtung stehe aber nicht unter dem Schutze des § 193/ Die

Das Thatskichliche über den trojanischen Krieg.

Nach Mittheilungen eines Zeitgenossen und Kombattanten.

(Schluß.)

„Unteroffizier Nestor!" rief er mich eines schönen Tages, denn ich war inzwischen avancirt, „Sie sind doch sonst so'n anschläg'scher Kopp (Odysseus sprach stark im dorischen Dialekt); wissen Se denn nid) en Mittel, bet die verflixte Zucht hier endlich mal'n Ende kriegt? Ick möchte nämlich jerne mal nach meine Olle, die Penelope (wonach unser alter Schraubendampfer seinen Namen gekriegt hatte) und nach meinem Jungen, dem Telemach, sehen."

„Nichts einfacher als das, Herr Oberst!" entgeg­nete ich, indem ich die Haken stramm zusammen nahm, „da brauchten wir ja blos das große hölzerne Pferd zurechtzuzimmern, dann ist der trojanische Krieg sofort zu Ende."

„Wat for'n hölzernet Ferd?" fragte Odysseus miß­trauisch. „Sie sind woll wieder mal in Thran, Unter­offizier?"

„Wie werde ich mir noch einmal derartiges er­lauben !" war meine bescheidene Antwort, „haben Herr Oberst denn wirklich nach niemals etwas von dem be­rühmten hölzernen Pferd gehört, in dessen Bauch einige Dutzend großer Helden Platz haben, und das auf vier Rädern geht?"

Odysseus erklärte mir ganz offen, daß er von dieser

Absicht der Beleidigung gehe endlich aus dem durch­weg angeschlagenen hämischen, ironischen Ton hervor.

Die liberalen Blätter sind wegen dieses Urtheils nun furchtbar entrüstet. Einige zweifeln fogar die Objektivität der Richter an. Glücklicherweise, schreibt ein Blatt, und manche druckten es ab, kann ein ein­zelner Richterspruch das freie Wort nicht in unzerbrech­liche Ketten schlagen, und was auch in Trier geurtheilt werden mag, andere deutsche Gerichte werden sich davon nicht beeinflussen lassen. In Trier wird gegenwärtig ein Prozeß geführt, heißt es weiter, bei dem es sich u. A. um die Ehrfurcht handelt, die man in Deutschland alten Ueberresten menschlicher Körper, Geräthe und Kleidungsstücke schuldet, sobald ihnen eine anerkannte ReligionS - Gesellschaft den Charakter soge­nannter Reliquien zuerkennt. Das eigentlich Interessante an dem Trierer Prozesse, meinen sie, ist die selbst­bewußte Sicherheit, mit der heute der römische Klerus den weltlichen Schutz selbst auf einem so be­denklichen Gebiete, wie es doch der Reliquiendienst unter allen Umständen ist, in Anspruch nimmt, der Reliquien- Kultus, der „der ungeheueren Mehrheit des deutschen Volkes als das Gegentheil der Religion er­scheint". Die liberalen Blätter ärgern sich also offen­bar darüber, daß der kathol. Kultus und die Geistlich­keit noch einen gesetzlichen Schutz genießen, daß es nicht erlaubt ist, Bischöfe und gläubige Katholiken öffent­lich zu befchimpfen. Das kennzeichnet so recht die Toleranz und den wirklichen Liberalismus unserer modernen Liberalen. Die „liberale" Presse geberdet sich, als wäre die freie Meinungs - Aeußerung in Ge­fahr, wenn der Reliquien-Kultus und insbesondere die Verehrung des Trierer Rockes zu den Einrichtungen und Gebräuchen einer anerkannten Religions-Gesellschaft gehören solle. Es ist Niemandem benommen, seine An­sicht über den Reliquien-Kultus und den hl. Rock zu äußern, nur beleidigen und beschimpfen soll man ihn nicht. Man soll den Katholiken nicht „wüsten Aberglauben" und das „Gegentheil von Religion" vor­werfen, weil sie die Verehrung der Reliquien für gut und nützlich halten, und wenn man den hl. Rock nicht für echt halten will, fo kann man das in anständiger Weife sagen und zu begründen suchen, man soll aber nicht wie ein Gassenbube schimpfen auf die Katholiken, die ihn für echt halten, und soll nicht von „Pfaffen- thum", „abgekartetem Gaukelspiel" rc. reden. Die Leute a la Thümmel verlangen jedoch nicht das Recht der Kritik, sondern das Recht des Schimpfens und Belei­digens, und zwar nur für sich; wenn man ihnen mit gleicher Münze heimzahlen wollte, würden sie Zeter und Mordio schreien; sie thun es ja schon, wenn man sie nur energisch in ihre Schranken weist. Daß die „liberalen" Zeitungen sich als Träger der „modernen Kultur und Wissenschaft" aufspielen wollen, die sie gegen „den verwegenen Muth" der Kirche mit den „Wunderleistungen ihrer Reliquien" in Schutz nehmen müssen, ist eine lächerliche Anmaßung. Daß „der

Sache absolut keine Ahnung habe, und setzte ich ihm denn mit möglichster Genauigkeit auseinander, wie die Geschichte gehandhabt werden müsse, daß man das Riesenvieh mit dem Bauch voller Helden am Strande stehen lassen und mit der Flotte scheinbar abfahren sollte, worauf alsdann die geistig überaus beschränkten Trojaner dasselbe in die Stadt ziehen und überrumpelt werden würden.

„Alle Wetter!" meinte der erfindungsreiche Odys­seus, nachdem ich mit meiner Auseinandersetzung fertig war, „das ist eine famose Idee von mir!"

Dann ging er hin und machte den anderen Grie­chenfürsten diesen meinen Vorschlag, welchen dieselben auch annahmen und in der allgemein bekannten Weise ausführten.

Sehen Sie, meinte bei dieser Schilderung der alte brave Nestor, auf diese Weise bin ich nicht nur um den Ruhm gekommen, die Idee mit dem hölzernen Pferd gefaßt und dadurch eigentlich Troja erobert zu haben, sondern man hat mir außerdem noch die Bla­mage aufgehängt, ein fürchterlicher Trunkenbold zu sein. Homer schildert mich in seiner Ilias meistens als beim Wein sitzend, und selbst Herr Schiller hat sich nicht entblödet, mich in seinem „Siegesfest" betitelten Gedicht „den alten Zecher" zu nennen. Als wrnünftiger Mensch setze ich mich aber selbstverständlich über derartige Nichtswürdigkeiten hinweg, fügte er milder hinzu, und daß ich mit meiner Lebensweise recht habe, beweist ja schon der Umstand, daß ich ein so hohes Alter er»

Bischof fein Jahrhundert in die Schranken fordert", und daß die Kirche „auch für ihre fragwürdigsten Aus­wüchse, die der ungeheueren Mehrheit unseres Volkes als daS Gegentheil reiner Religion erscheinen, von der Staatsgewalt die Erzwingung äußerlicher Achtung und das Schweigen der Kritik zu fordern sich erkühnt", daß man „das freie Wort nicht in unzerbrechliche Setten schlagen" werde, das sind hohle und lächerliche Phrasen, die nur gar zu dürftig die Thatsache verhüllen, daß man die abstrusesten Meinungen und Gebräuche unan­getastet läßt, den Katholiken aber das Recht der freien religiösen Ueberjeugung und des entsprechenden Han­delns nicht einräumen will.

Deutsches Deich.

Berlin, 1. Oktober.

* lieber die Zurückziehung des preußische» Schulgesetz-Entwurfs geht der ,Schles. Volksztg/ von hervorragender, aus höchsten Kreisen informirter Seite nachträglich Folgendes zu:

„Die plötzliche, durch nichts motivirte Zurücknahme des Schulgesetzes erregte um so größeres Staunen, als über das, was unmittelbar vorangegangen sein mußte, nichts Sicheres in die Oeffentlichkeit gedrungen war und auch bisher nichts Ver­läßliches bekannt geworden ist. Jetzt endlich erfahre ich zuver­lässig, daß in der That der Gr o ßherzo g v on B ad en dem Kaiser von dem Schulgesetze mit Erfolg abgerathen hat. Sehr begreiflich das! Denn man weiß, daß Se. Majestät der Kaiser auf die Meinung des Großherzogs große Stücke hält, und daß andererseits der Großherzog trotz aller Erfahrungen, welche das Großherzogliche Haus mit dem vulgären Liberalismus gemacht hat — liberal ist. Als Liberaler muß er selbstverständlich in diametralem Gegensätze zu einem auf konservativer Grundlage beruhenden Schulgesetze stehen, und es ist erklärlich, daß er seinen ganzen Einfluß aufbot, ein solches zu Falle zu bringen. Es wäre aber im höchsten Grade bedenklich, wenn es ihm noch öfter gelänge, seinen Einfluß nach dieser Richtung hin geltend zu'machen."

Hiezu bemerkt die ,®ermania': Wir unserseits wußten längst und haben nie daran gezweifelt, daß der Großherzog von Baden, dessen politische Gesinnung be­kannt ist, auf die Entschließungen des Kaisers gegen­über dem Schulgesetz-Entwurf einen dem letzteren keines­wegs förderlichen Einfluß ausgeübt habe. Ebensowenig aber zweifeln wir daran, daß die Zeit kommen wird, wo der Großherzog bedauern wird, den Ver­heerungen, welche der Liberalismus in seinem Lande gerade in Kirche und Schule anrichtet, nicht früher und entschiedener entgegen getreten zu sein.

* Wie die nationalliberalen Blätter melden, dürfte es sich bestätigen, daß in der bevorstehenden Tagung des Landtages ein neues Wahlgesetz nicht vorgelegt werden wird, obschon ein solches als das letzte Glied der Steuervorlage bezeichnet worden ist. Man wolle zunächst den Abschluß der Steuergesetze abwarten und bas Ergebniß als Grunblage für das neue Wahlgesetz ansehen. Indessen sei die Regierung entschlossen, über die Richtung des Wahlgesetzes dem Landtage in ein­gehender W.eise Ausschluß zu geben. — Das istgunbe- reichte; aber daß mich Odysseus nicht wenigstens zum Vizefeidwkbel gemacht hat, das kann ich ihm nie ver­gessen !

Ich fand diefeS Benehmen des Odysseus dem alten Nestor gegenüber natürlicherweise ebenfalls schändlich und ich erkundigte mich denn nun nach dem schließ­lichen Verlauf der ganzen trojanischen Kriegsaffaire, welchen mir der wahrheitsliebende ehrwürdige alte Herr in nachfolgender Weise, als ein für Historiker von Fach fehr schätzbares Material schilderte:

„So war denn also nach zehnjähriger unermüdlicher Beschießung die gewaltige Festung Troja endlich sowest dem Erdboden gleich gemacht, wie dies vom militäri­schen Standpunkte aus nothwendig war, ohne dadurch gleichzeitig den 3000 Jahre später statifindeu sollenden Schliemann'schen Ausgrabungen Abbruch zu thun, als der alte Menelaos (und wer konnte ihm das verdenken?) denn nunmehr auch Sehnsucht empfand, sein geliebtes, lang entbehrtes Weib, die sogenannte Helena, welche den Accent nach wie vor auf der drittletzten Silbe trug, endlich einmal wiederzusehen.

Oü est la femme? ging es durch die Reihen der Sieger und bald wurde aus dem Thurm am skäischm Thor eine tiefverschleierte Dame herangeführt, die, wenn einfach, so doch nach der neuesten Mode gekleidet, die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Ein befreiter und zwei Mann mit geladenen Gewehren begleiteten sie.

Als das verführerische unglückselige Weib auf fünf Schritte an den alten guten Mmelaos herangekommen