Sonntag, den 2. Oktober 1892
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Landes und zum Theile den Gewohnheiten der Bevölkerung zuzuschreiben ist; die Regierung bestrebt sich, die schlechten physischen Verhältnisse durch Vermehrung der Verkehrsmittel und durch Schaffung einer größerm Anzahl von Bauerngrundbesitzern zu bessern; dadurch, daß der irische Bauer Eigenthümer von Grund unv Boden wird, werden Sparsamkeit und Fleiß gefordert werden und Beruhigung eintreten". Dieser Rede ge- mäß handelte auch die konservative Regierung. Wir erwähnen nur die Landeinkauss - Akten von 188d und und 1891. Gemäß ersterer vermittelte der Staat den Ankauf gepachteten Landes zwischen dem Pächter und dem Gutsherrn. Die Atte von 1891 bezweckte die ausgedehnteste Auskaufung der irischen Landlords zu Gunsten der Pächter. Das britische Reich streckt vorläufig einen Bettag von 30 Millionen Pfund vor, der auf hundert Millionen erhöht werden kann. Die Pächter zahlen den Werth ihrer Güter m 40 Jahren in Raten ab, die um 40 Percent niedriger find, als die bisherigen Pachtzinse. Das war in ihren Grundzügen die Aktion der konservativen Regierung.
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Nach Mittheilungen eines Zeitgenossen und Kombattanten.
„Es war, so erzählte mir mein Gewährsmann, (ein gewisser Nestor, dessen Name wohl auch der Mehrzahl meiner geehrten Leser bekannt sein dürfte), um daS Jahr 1184 vor Christi und ich diente zu jener Zeit gerade als Einjährig-Freiwilliger in der griechischen Marine, da lebte in Der Stadt Troja in Kleinasien ein junger leichtlebiger Königssohn mit Namen Paris, der immer allerhand dumme Streiche im Kopfe hatte, jedem hübschen Gesicht hinterherlief, und mit einem Wort überhaupt die „Pariser Moden" jm Orient einzuführen bestrebt war. —
Dieser Paris hatte denn also eines Tages Wind davon bekommen, daß der alte griechische Fürst Mene- laos, „der Gute" genannt, eine junge preisgekrönte Schönheit, eine gewisse Helena, zur Gattin erkoren habe.
Da das Bild dieser Dame zu Troja in den Läden sämmtlicher Photographen und Buchhändler ousgehangen hatte, so war es wohl kein Wunder, daß
*) Wir entnehmen die lustige Darstellung des trojanischen Krieges dem im Verlage von I. H. Schorer, A.-G. in Berlin, erschienenen Werkchen „Münchhausen der Jüngste" von Eduard Jürgensen.
Deutsches Keich.
Berlin, 30. September.
* In dem Maße, in dem das Sommerhalbjahr zur Neige geht, nimmt auch die Cholera ab, so daß man auf deren baldiges Erlöschen, wenigstens in Deutschland hoffen darf. Mögen die getroffenen Maßnahmen aus- reichend fein, um ein Wiederauftauchen der Epidemie im kommenden Frühjahre auszuschließen. Blreb auch in Deutschland die Cholera int Wesentlichen auf Hamburg beschränkt, so war doch unser gesammteS Vaterland bei den Beziehungen, welche Hamburg mit allen Landern desselben unterhält, unausgesetzt bedroht, und es ist begreiflich, wenn auch nicht zu billigen, daß hier und da zu drastischen Mitteln gegriffen wurde, um „Alles, was aus Hamburg kommt" fern zu halten, yn der österreichisch-ungarischen Monarchie war die Cholera nur in Galizien ausgebrochen, aber fie hatte hier nur, wenn man so sagen darf, eine kurze Gastrolle gegeben, und sich mit verhältnißmäßig wenigen Opfern begnügt. In verschiedenen Theilen Rußlands, welche von der Seuche heimgesucht warm, ist dieselbe erloschen; dagegen ist sie in anderen Theilen, die bisher davon verschont geblieben, aufgetreten. In Frankreich, wo die Cholera viel länger herrscht, als m Deutschland, wo sie aber Anfangs offiziell abgeleugnet wurde, ist sie nicht verheerend aufgetreten. Nur Havre war ziemlich stark von ihr heimgesucht, doch ist sie hier bedeutend zurückgegangen. Paris hat Tag für Tag neue Cholera- erttankungen und neue Choleratodesfälle, doch ist beten Zahl im Nachlassen. In Belgien und den Nieder- landen hat die Cholera gleichfalls keinen großen Um- fang gewonnen. In England find einige wenige Fälle vorgekommen. Südeuropa ist überhaupt davon verschont geblieben.
* Die Militärvorlage wird dem Bundesrathe unmittelbar nach dessen Zusammentritt zugehen. Eine Dieselbe hat man mir heute Abend geraubt. Ich frage Sie, wohin soll das sührm, wenn nnseremS so ohne Weiteres auf denProppen gesetzt werden kann? Weim ich mir einen unmaßgeblichen Vorschlag machen darf, so nehmen wir unsere 1200 Panzerschiffe und beginnen morgen früh den trojanischen Krieg von 1184 — 1174 vor Christi Geburt!" , , . r ,
Nachdem der alte MenelaoS m dieser eindringlichen Weise gesprochm hatte, erscholl lautes Bravorufen rings umher, blos auS einet Ecke zischte es gewaltig. Das war aber der erfindungsreiche Odysseus gewesen, ein Großgrundbesitzer und Industrieller von der Insel Jtbaka, der immer über alle möglichen Dinge ferne eigenen Ansichten zu haben pflegte und denn auch m diesem Falle um das Wort bot. Er wollte „zur Sache sprechen, wie er sich ausdrückte. Was OdysseuS zu sagen hatte, war natürlich dummes Zmg; et kam mit der alten abgedroschenen Redensart, daß zu einem Kriege 1. Geld, 2. Mammon und 3. Tausendmarkscheine gehörten, und was derartige verwerfliche Em- wände mehr waren. Plötzlich wurde Odysseus aber von der Journalistentribüne her durch ein fabelhaft lautes, schallendes Lachen unterbrochen. Man forschte sofort nach den Urheber dieses Spektakels und da stellte sich heraus, daß dieses Gelächter von Niemanden anders, als von dem alten Homer herrührte, einem durch seine schwungvolle Feder sowohl als auch durch
legenheiten in seinen Händen; während dieser ganzen Zeit hatte er der irischen Mißstände nicht Erwähnung gethan, geschweige zu deren Abstellung auch nur das Geringste beigetragen; ja er regierte von 1880 vis 1885 Irland mit mindestens ebenso schlimmem Zwange, als es sein Gegner Balfour je gethan. Bisher war die irische Frage für Gladstone nichts als ein hochwillkommenes Agitationsmittel. Als Agitator war Gladstone ganz in seiner Rolle; ob er nun als Organisator sich bewähren, ob er einer zielbewußten, zweckentsprechenden Aktion sich fähig erweisen werde, ist nichts weniger als ausgemacht.
Die gänzliche Unthätigkeit der irischen Parlamentarier für das wahre Wohl ihres Volkes und die Folgen ihrer furchtbaren Verhetzungen schilderte mit beredten Worten der katholische Pfarrer von Carvarol in der Grafschaft Galway, Walter Conway, in einem in mehreren Londoner Blättern abgedruckten Briefe; eS 6ci6t boiiit *
’ Schon längst ist das irische Volk durch die Wühlerei der Nalionalliga in seinem Charakter verschlechtert worden. Vor zwanzig Jahren noch der friedlichste Mensch von der Welt, ist der irische Bauer heute mehr als durch Freierthum und Mondscheinritter durch das System des Boycottens verwildert. Wo immer dasselbe zur Anwendung gekommen, zeigte sich das Landvolk widerspenstig gegen das Gesetz und beun- tückisch gegen die Grundherrn. Man hat ihm nicht umsonst gepredigt, die letzteren seien seine bittersten Femde; man hm ihm nicht vergebens praktisch gezeigt, rote man ihm durch Verweigerung aller Arbeit, aller Lebensmittel quälen und beugen kann. Nun sind Haß und Schadenfreude großgewachsen. die als dichtes Unkraut jedes Gemeingefühl jedes Bewußtsein gemeinsamer Bürgerpflicht in den armen Taglöhnern überwuchern, die mit wirklichen Bauern nichts gemein haben, als daß sie dm Boden bebauen. Geht es ihnen darum besser? Nem, dem Elende m Irland haben bis jetzt die irischen Parlamentarier mcht die kleinste Linderung verschafft; ihre schönen Reden für die Selbstverwaltung der grünen Insel vertreiben nicht das Gespenst der Noch aus den jammervollen Hütten von Galway . . . Parnel- liten wie Anttparnelliten: sic haben die Verhandlungen des englischen Parlaments zu verschleppen aber nicht ihrem hungernden Volke Hilfe zu bringen verstanden . . . Die irische parlamentarische Partei hat während ihrer ganzen Thatigkett die armen Arbeiter Irlands gröblich vernachlässigt .. . Das Geld, das edle Stammesgenossen von jenseits des Meeres schicken, wird für politische Zwecke vergeudet, statt damit die Blößen jener Kinder zu bedecken, die aus Mangel an Kleidern und Schuhen nicht in die Schule gehen können und ohne je Öen Unterricht aufwachsen müssen."
So viel steht fest, die liberale Parteit hat bisher für Irland so gut wie nichts gethan, die irische Nationalpartei ebensowenig; beide haben nur agitirt. Sehen wir unS hingegen die konservative Partei tn der letzten Periode ihrer Herrschaft unter Salisbury an. Von der Hornerule will sie allerdings absolut nichts wissen, was unserer Ansicht nicht entspricht; allein sie schlugen einen praktischen Weg ein, um einen Zustand in Irland zu schaffen, der geeignet Wäre, dem irischen Volke jene materielle Unterlage zu verschaffen, auf der es zur Reife für Hornerule sich emporarbeiten könnte. Die „politische Anzustiedenhcit in Irland , sagte Lord Salisbury in einer Rede zu Cambridge, „wird in Wirklichkeit durch materielles Elend verursacht, was in großem Maßstabe der Natur des der junge Paris sterblich in die schöne Frau verliebt wurde und er beschloß, dieselbe dem alten MenelaoS wegzuschnappen. ,, _
Er that dies auch auf die denkbar einfachste Weise von der Welt, indem er sie zu einer Kahnpartie ein» lud und mit ihr, der Nichtsahnenden, auf den HelleS- pont hinausruderte, wo bereits ein Schnellsegler bereit lag, der die Ausreißer direkt nach Schottland brachte, um daselbst von dem berühmten Schmied Gretna-Green, ziviliter getraut zu werden.
Es wurde zehn, (S wurde elf, es wurde zwölf Uhr Nachts. Der alte MenelaoS, eine sehr ideal angelegte Natur saß immer noch zu Hause und wartete, daß seine schöne Helena von der Kahnparthie zurückkehren sollte. Damit war eS jedoch Essig. —
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AIS die Sonnenuhr schließlich halb eins zeigte, konnte eS MenelaoS nicht länger aushalten, er rannte auf die Straße hinunter und ließ sänimtlicheGnechen- fürften mitten in der Nacht zu einer Sitzung zusammenrufen , denn er war fürchterlich erregt. Dieselben kamen denn auch sofort und fragten, waS los fei, worauf ihnen der alte MenelaoS etwa folgende Rede hielt: ,
Meine Herren! DaS Vaterland ist in Gefahr, Wie" Ihnen alle bekannt sein dürste, war ich im Besitze einer ausgezeichnet schönen und tugendhaften Gattin.
(*) Gladstone und Homerule.
Gladstone und seine Anhänger haben eS tausendfach verkündet, daß Hornerule die einzige Rettung Jr- landS sei, und daß eS deS nunmehrigen Premiers wichtigstes, ja einziges Bestreben sein werde, Irland mit der Selbstregierung zu beglücken. Ob der greife Staatsmann dies wirklich so ganz ernstlich will, ob er es kann, ob er, wenn es darauf ankommt, auS- führen wird, WaS er bisher nur versprochen hat, das Alles sind offene Fragen. Ebenso ist eS etwa mit Ausnahme beS geplanten irländischen Parlamentes noch ganz unbekannt, wie die künftige Autonomie Irlands in Gladstones Geiste beabsichtigt ist, ja es läßt sich sogar fragen, ob er mit sich selbst im Reinen ist, wenn nicht über alle Einzelheiten, so doch über tue Grundzüge seines Planes zur Lösung der irischen Frage. Gönnen wir ihm ein halbes Jahr Zeit zum Nachdenken hierüber und beschäftigen wir uns inzwischen mit der andern Frage, ob Homerule wirklich daS Heilmittel für alle Hebel Irlands ist, und ob Gladstone wirklich so der rechte Mann sei, von dem man vertrauensvoll die Heilung der Schäden auf der grünen Insel erwarten darf.
ES ist nicht zu leugnen, daß die politische Selbstständigkeit Irlands von England einst unter Verhöhnung alles Rechtes durch Gewalt vernichtet wurde, und daß demnach Irland ein historisches Recht auf Wiederherstellung dieser Selbstständigkeit in irgend einer Form besitzt; eS ist auch zuzugeben, daß die Selbstverwaltung Irland große Vortheile bringen kann, aber unter gewissen Bedingungen und Voraussetzungen. Sind diese jetzt gegeben und vorhanden? Als solche Bedingungen und Voraussetzungen bezeichnen wir z. B. eine derartige Charakterbeschaffenheit der irischen Führer und deS GroS der irischen Abgeordneten, die Bürgschaft leistet, daß diese in einem irischen Separat - Parlamente mit Ernst, Würde, Sachkenntniß und Selbstlosigkeit die Angelegenheiten des Landes wahrnehmen würden. Diese Voraussetzung fehlt heute fast gänzlich; es steht vielmehr zu befürchten, daß das irische Parlament em Tummelplatz für Mandatsjäger, Popularitätshascher, Skandalmacher und Klopffechter sein, ja das veritable Schlachten in demselben aufgeführt würden. Eine andere Wichte Bedingung seiner gedeihlichen Wirksamkeit einer irischen Selbstverwaltung ist die vorhergehende Ordnung der agrarischen Verhältnisse, beziehungsweise Beseitigung beS wate» terieöen Elendes der irischen Landbevölkerung. And Was bat denn Gladstone bisher eigentlich geleistet für Irland. Worte, nichts als Worte. Mehr als 25 Jahre lang hatte er die Leitung der britischen Ange-
Das Watsächliche über den trojanischen