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JV 223

Dom«Stag, den 29. September 1892.

uldilerMZeitM

s Sterne und Mumm

warmempfindendes Herz und sein tiefinnerlicher Natur­sinn an den Poeten erinnern. Seine Schreib- und Ausdrucksweise ist nicht ohne Anmuth. dabei doch knapp und durchsichtig klar, oft schwungvoll und begeistert. Seinen Freunden gegenüber zeigte er sich opferwillig, weniger gewinnend soll dagegen seine Art, mit den Untergebenen zu verkehren, gewesen sein. Hier erscheint er uns streng, unnachsichtig, ja zuweilen fast hart und starr und diese Seite seines Charakters mag ihm auch den Vorwurf der Grausamkeit eingetragen haben, der ihm schon zu seinen Lebzeiten des Oefteren gemacht wurde. Allein es ist wohl zu bedenken, daß die äußerst schwierigen Verhältnisse, in denen sich der große Mann zur See und in dem neuentdeckten Lande gar nicht selten befand, eiferne Strenge und Disziplin erheischten, daß nur durch sie einigermaßen Ordnung und gesittete Zustände ausrecht erhalten werden konnten. Obendrein mögen auch die Verdächtigungen und Verkennungen, denen oft seine edelsten Absichten unterlagen, fehlge­schlagene Hoffnungen und Enttäuschungen ,eder Art seine Stimmung zuweilen etwas verbittert h^en.

Ein authentisches Porträt des Christoph ColumbuS ist nicht vorhanden. Der Wahrheit am nächsten mag wohl dasjenige die Züge des Entdeckers wiedergeben, welches im Marine-Museum zu Madrid aufbewahrt wird.

• Gestern ist im Kaiserlichen Gesundheitsamte die Sachverständigen-Kommission unter Vorsitz des Direktors des Kaff. Gesundheitsamts Kühler betreffs des Bolks-Senchengesetzes zur Berockhung zusammengetreten. Es wird beabsichtigt: a) im Gesetze die leitenden, auf alle in Betracht kommenden Krank- heiten anwendbaren Grundsätze zu ordnen und für ein­zelne Krankheiten diejenigen Schutzmaßregeln zu be­stimmen, welche von so einschneidender Wirkung find, daß eine gesetzliche Ermächtigung erforderlich scheint; b) in den Ausführungsbestimmungen alle weiteren, zur Abwehr und Unterdrückung jeder einzelnen Krankheit nothwendigen Maßnahmen vorzuschreiben, soweit sie sich zur allgemeinen Regelung eignen. Den Berath- ungen der Kommission soll zunächst die Erörterung einer großen Anzahl Fragen zu Grunde gelegt werdm, welche betreffen: Die Bezeichnung der Krankheiten, mls welche das Gesetz sich beziehen soll (Anzeigepflicht); Ermittelung der Krankheiten; Abwehrmaßregeln gegen das Ausland; Schutzmaßregeln im Jnlande (Veroffmt- lichunq der Krankheitsfälle, Jsolirung der Kranken, zwangsweises Heilverfahren, Ausfuhrverbote, Beschränk­ungen in der Benutzung öffmtlicher und privater An­lagen, Verbot von Menschenansammlungen, Beschränkung des Schulbesuchs, Verkehrs- und Bettlebs-Beschrank- unqen u. s. w.); DeSinfektionsvecfahren; Entschädigung-- pflicht (für vernichtetes oder beschädigtes Prwatelgen- thum, gestörten Gewerbebettieb); Strafvorschnsten uud Ausnahmebestimmungen (für Militär und Manne.) _ Im weiteren Verlause der Berathungen wird für jede im Gesetze zu nennende Krankheit nach den vor- angeführten Gesichtspunkten sestzustellen fein, welche besonderen Vorschriften gegenüber der einzelnen Krank­heit hinsichtlich der Anzeigepflicht, der Abwehrmaß­regeln gegen das Ausland, der Schutzmaßregeln im Jnlande, der Desinfektion u. s. w. erforderlich stnd^ — Als diejenigen Krankheiten, auf welche das Gesetz sich beziehen soll, kommen in Frage: die astatische Cholera, das Gelbfieber, orientalische Beulenpch, Fleck­typhus, Rückfalltyphus, Darmtyphus, Ruhr, Pocken, Diphtheritis, Scharlach, Masern, Keuchhusten, ^nfluenza, Genickstarre, Kindbettfieber, Tuberkulose, Syphilis, Aus­satz (Lepra), die ansteckenden Augenkrankheiten, die aus Menschen übertragbarm Thierkrankhetten, wie Milz­brand? Tollwuth, Rotz, Trichinose; ferner eventuell: Malaria, Brechdurchfall der Kinder, die epidemisch auftretende Lungenmtzündung, Rose und andere Mund- krankheiten, Krätze und andere durch Lebewesen verur­sachte Hauskrankheiten, Krebs und krebsartige Ge- schwülste, Skorbut und verwandte Krankheitsformen, Röcheln, Schweißsriefeln, Pellagra - Der Kommission gehören außer dem Vorsitzenden, Direktor des Reichs- qesundheitSamtes Dr. Köhler, folgende Berliner Herren an : Geh. Obermedizinalräthe Dr. Skrzeczka und Dr. Schönfeld, Geh. Mevizinalräthe Dr. Koch, Dr. Pistor, Dr Gerhardt und Dr. Lewin; Geh. Oberregierungs- rath Hoepker, Gmeralarzt und Abtheilungschef m der Medizinalabtheilung des Kriegsminlsterlums, Dr. Groß- Heim, Professor Dr. Schwemnger. Ferner sind von außerhalb berufm: Geh. Medizinalrath Professor Dr.

bracht zu haben. Für das Oberhaupt eines so großen Gemein­wesens wie Berlin, kommt es indeß weniger aus die lurtstische Durchbildung und nicht ein Mal aus geniales Verwaltungs- Talent an als vielmehr aus eine durchdringende Erkenntmß der Bedeutung der sozialen Frage, aus die Ausfindigmachung der Mittel, welche zu ihrer Lösung beitragen können, und aus die Entschlossenheit, die Mittel anzuwenden. Nach dreier Richtung hin hat Herr Zelle die Probe noch ganz zu.bestehen nachdem er zwei Jahrzehnte lang sich fast ausschließlich mit den Rechts- aeschäften der Stadt befaßt hat. Man hat Herrn Zelle auf den Schild erhoben, weil man hofft, er werde noch am ehesten von allen freisinnigen Kandidaten bestätigt werden. Eine bessere Wahl wäre entschieden der ReichStagsabyeordnete Schrader gewesen, welchem seine Thätigkeit auf sozml - politischem Gebiet sehr zu Statten gekommen sein würde. Allein der „Eisenbahn- Minister Kaiser Friedrichs" hatte Verzicht geleistet.

Christoph Columbus

und

Die Entdeckung Amerikas.

Historisch-biographische Studie von'Dr. F. I. Holly.

(6. Fortsetzung.)

3. Christoph Columbus als Mensch.

Ein beglaubigtes Bildniß des Mannes, den wir als großen Entdecker kennen lernten, ist uns zwar nicht überliefert worden; allein die Schilderungen, die unS verschiedene zeitgenössische Schriftsteller von ihm ent­worfen, lassen doch auf mancherlei Züge seines Amßern schließen. Nach diesen Angaben zeichnete sich der Wackere aus durch hohen, schlanken Wuchs und hervorragende Rüstigkeit im Körperbau. Sein Gesicht war mehr läng­lich als rund, die Adlernase deutete auf Kühnheit und Unternehmungssinn, aus den hellblauen Augen blitzten Geist und Thatkraft. Das rothblonde Haar, das in vollen Wellen über Hals und Nacken flotz, war früh von Sorgen und Aufregung gebleicht, das Gesicht trug viele Sommerfleckm. Die Haltung des Entdeckers war ehr- furchtqebietend, stramm und gemessen; doch zog die Wurde, Güte und das Wohlwollen, das aus seinen Augen strömte, außerordentlich an. Seine Sprache war fließend und überzeugend, seine Denkkraft und Logik tomen tadellos und fortreißend. Der kühne Flug ferner Phan­tasie streifte an dichterische Begabung, wie auch sein

Deutsches Keich.

Berlin, 27. September.

* Der Kaiserin, die gestern einige Stunden außer­halb des Bettes weilte, ist dies vorzüglich bekommen. Heute Nachmittag sind die drei ältesten kaiserlichen Prinzen von Wilhelms höhe bei Kassel in Pots- dam eingetroffen. - Anläßlich der glücklichen Geburt einer Prinzessin soll eine theilweffe Amnestie für weibliche Gefangene erfolgen.

» Die Verschiebung der Pilgerfahrten nach Rom, aus Anlaß der Jubelfeier des hl. Vaters, Haven wir bereits berichttt. Nun meldet auch der ,Osservatore Romano', die Kommission für die Veranstaltung der Festlichkeiten anläßlich des BischofS-JubilaumS des Papstes habe beschlossen, in Anbetracht des gegen­wärtigen Gesundheitszustandes im Auslandeden elsas- fischen Pilgerzug, welcher am 12. d. M. in Rom eintreffen sollte, zu verschieben.

» Der ,Reichsbote', das Organ der gläubigen Prediger, scheint augenblicklich wieder an der Angst vor Rom zu kranken. Während er noch kürzlich recht schön von einer großen, christlichen Politik schrieb, bei der sich gläubige Katholiken und Protestanten dte Hande „icken müfiten hält er sich heute darüber auf, daß Seitenfprüngen geschützt und näher an die Sette Richter s ge- auch Jesuiten als Lehrer an dem praktisch-sozialen । « Mwn. Kür das Oberhaupt eines so großen Gemein-

Kursus in M.-Gladbach theilnehmen. „Wenn das möglich ist" - schreibt Herr Pastor Engel mit der ihm eigenen Logik — „dann können die Jesuiten ruhig auf die Aufhebung deS Jesuitengesetzes verzichten.

Soll das etwa einen Vorwand abgeben zur Rechtfer­tigung der sonderbaren Haltung der Konservativen in der Jesuitenfrage? Ganz im Style der Denunziation der Köln. Ztg.' wird behauptet, das Jesultengesetz wolle den Jesuiten die Thätigkeit (die Ordensthätig- feit verbietet das Gesetz nur!) in Deutschland verwehren. Der Rnchsbote' in der Gesellschaft der .Köln. Ztg.' — tote gefällt ihm das? Sehr sonderbar ist auch die

4. Christoph ColumbuS als Katholik.

Geboren in einem Jahrhundert, in welches die ver- hängnißvolle, die Kirche Christi so schwer schädigende Religionsspaltung noch nicht ihre trüben Schatten wach Sprosse einer höchst ehrbaren, echt katholischen Tuch­weberfamilie in Genua, ausgewachsen m strengchrlftlichen Ansichten und wohl unterrichtet in allen HeuSwahr- heitm des Glaubens, ist Christoph Columbus der Typus eines vorzüglichen, überzeugungstteuen Katholiken. Die Vorschriften der göttlichen Gebote und der kirchlichen Behörden befolgte er nach dem Zeugnisse glaubwürdiger Zeitgenossen mit gewissenhaftester Pünktlrchkeit; nie unterließ er wissentlich ein Tag- oder Tischgebet di- heiligen Sakramente empfing er mit rührender Andacht, der hl. Messe wohnte et mit kindlicher Frömmigkeit und so ost als möglich bei.

Columbus entsprach vollauf den Erwartungen, welche die Träger der spanischen Krone Ferdinand und Isa­bella, dieses echt christliche Königspaar, auf ihn setztm. Ist ja doch bekannt, daß den Entdecker neben mancherlei weltlichen Beweggründen vornehmlich der Wunsch, das Christenthum unter wilde Heidenvölker zu verpflanzen, zu seinen kühnen Seereisen ermuthigte. Er betrachtete sich nur als den Vollstrecker eines göttlichen Rathschlusses, als das Werkzeug, dessen sich Gott zur Ausstreuung 1 des Samens seines Evangeliums in den neu entdeckten

auf die

,Fuldaer Zeitung

T.....

I Art und Weise, in welcher der .Reichsbote' den Katho­liken seinen Dank für die Unterstützung in Löwen­berg abstattet. Er stimmt ein lautes Klagelied darüber

4 an, daß es nicht möglich fei, mit den evangelischen Li- beraten „die christlichen Grundlagen unseres Volks-

1 lebens zu schützen". „ES ist für jeden evangelischen für das am 1. Oktober beginnende Konservativen ein großer Schmerz, daß wir dazu die

' _ , . Hilfe der Katholiken nöthig haben." Es würde bester

4. Ouartal 1892 ausgesehen haben, wenn der ,Reichsbote' diesem großen

. Schmerze vor der Wahl offenen Ausdruck gegeben hatte.

wolle man schleunigst dem nächste« Postämter«- \ ® Oberbürgermeister von

stellen, damit uns dieselben rechtzeitig übermittelt wer- ^erli? schreibt die ,Köln. BlkSztg.':^

den können und prompte Zusendung ermöglicht wird. $ie Stadtverordneten - Versammlung hat am Freitag in Der Post - Abonnementspreis auf die , Fulda er geheimer Sitzung den Bericht ihres Ausschu^s^entgegen-

meister Helle zu wählen, und die Stadtverordneten-Berfamm- i wng wird am nächsten Donnerstag die Wahl zweifellos mit ~ sehr großer Mehrheit vollziehen. Nur die Sozialdemokraten

6-trägt pro Quartal nur 1 M. 50 Psg. -k-l. Bf ftellaeld. als Bürgermeister bestättgt wurde und inzwischen nichts vorge-

I kommen ist, was seine Person in den Augen der Regierung zu I kompromittiren im Stande gewesenwäre. So wett der Hof m Betracht kommt, kann gegen Herrn Zelle — abgesehen von seiner politischen Parteistellung - noch weniger etwas emge- wendet werden. Hr. Zelle zeigt sich nicht abgeneigt, von dem großen Wohlthäter Kunze das Geld anzunehmen um die Häuser zwischen der Breitenstraße und der Kurfürstenbrücke ab­reißen zu können, woran die Stadt schon lange gedacht hatte, und später vielleicht ganz auf eigene Kosten wird herantreten muffen, um dem Verkehr freie Bahn zu schaffen. Mit den großen Schloßbauplänen, Terrassen, Ententeich, Abreibung der Bau-Akademie u. s. w. hatte dieser Plan an und für sich nichts zu thun, oder er konnte doch wenigstens abgesondert als etwas Selbstständiges behandelt werden; aber in der Bürgerschaft, Preffe und im Abgeordnetenhause erblickt man m demselben den Anfang unüberfehbarer Folgen - und wie die Sache sich schließlich gestaltete auch mit Recht. Auch sonst ist Herr Zelle auf dem Hofparquet noch nicht gestolpett. Beim Empfang der Königin von Italien und der Kaiserin in diesem Sommer hatte er zwar entschieden Unglück, aber der gute Wille, das Beste zu leisten, war doch unverkennbar. Im Repräsentiren wird er ver- muthlich nichts Hervorragendes leisten. Herr Zelle ist als Parlamentarier bekannt; er gehört als geborener Berliner zu den Vertretern des spezifisch Berlinischen Freisinns, zu welchem man Richter nicht rechnet. Diese Gattung zeichnet sich durch eine besonders schiefe Auffassung aller kirchlichen und Schul-

I fragen aus und durch eine starke Kampflust gegen die Ortho­doxie, wobei sie allerdings mehr den protestantischen Geglichen a, la Stöcker im Auge haben, als den katholischen. Die Sprech­weise des Herrn Zelle ist fast so spitz als diejenige Virchow's; aber an höflichen Formen überragt er lenen und sein grund-

I liches juristisches Wissen scheint ihn vor manchen rollenwidrigen