Einzelbild herunterladen
 
  

19. Iahrgary

Mittwoch, den 28. September 1892«

JV 222

uldaerWZkitiliig

Erscheint täglich, Soun» tntb Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 $L bei Wiederholungen kntsvrecheickrr Vkibatt, icher Abonnement-preis ohne Bringerloh» md> BestellgeÜ» mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen m Fulda und auSmärtS 1 Mark 50 Psetuug.

*§ Frankreich

gilt heute nicht zum ersten Male als das Land der Widersprüche. In allen Perioden seiner Geschichte hat eS durch die äußere und innere Gegensätzlichkeit der Erscheinungen geglänzt. ES ist das Land des über­zeugungsvollsten Royal iS muS und der wildesten Demagogie. Nirgends waren die Männer und auch Frauen, die ihr Blut für den König und die Königin des Landes vergossen und auS Liebe für den Thron zum Bettelstäbe griffen, zahlreicher als auf französischem Boden. Und dieses selbe Land, daS so groß im Guten, so leuchtend in der Herrschaft erscheint, ist gleichfalls, und zwar bis zum Entsetzen groß in den Beispielen des Verbrechens. Jene Volksmänner, Danton, Marat und Robespierre, sind im Schatten des franzö­sischen Königthums groß geworden, haben an seiner Brust den Haß gegen Königthum und Monarchie ein­gesogen. Sie gelten heute, wenn auch die Geschichts­schreibung ihr Bild in manchen Einzelheiten korrigirt, als Scheusale, welche der ganzen Welt ein ab­schreckendes Beispiel liefern. Auf dem Gebiete der Religion hat Frankreich durch Jahrhunderte den Bannerträger gespielt. Die Niederwerfung des Heiden- thums im Norden Europa'S ist zum Theile fein Werk. Man braucht nicht im Einzelnen zu erwähnen, was eS Alles für die Kirche gethan hat. Noch hmte bilden die politischen undskirchlichenTraditionm Frankreichs, wenn auch oft gegen Willen und Neigung der republikanifchen Regierung, in manchen Fällen ein Bollwerk gegen die Feinde der Religion. Nirgends zeigt sich die Opfer- Willigkeit in Gut und Blut größer. Frankreich wendet mehr Gut für die Kirche auf, schickt mehr Missionäre in ferne Zonen, fast immer einem ftühen Tode entgegen, als irgend ein anderes Land. Aber dieser selbe Land ist zugleich der thätigste Vertreter nicht nur für republikanische, sondern auch für demokratische Ideen in Europa; eS ist der stärkste Mauerbrecher an den Mauern der Kirche. Seine Literatur verbreitet zu­gleich daS Erhabenste und das Gemeinste, seine Philo­sophen und Politiker überbieten sich darin, wie der Geist der Negation, die Zerstörung, die Auflösung der Sitten am schnellsten und wirksamsten zu verbreiten ist.

Die Widersprüche, welche die Geschichte Frank­reichs beherrschen, zeigen sich in unseren Tagen wieder einmal so deutlich, wie nur möglich. Es ist nicht zu leugnen, daß nach einer langen Zeit des UmhertastenS endlich eine gewisse Stetigkeit, mäßigere BeurtheilungS- Methode in die französische Regierung eingekehrt ist. Das ist jedenfalls schon ein Gewinn, welcher der Zeit, der Erfahrung und auch dem mäßigenden Einflüsse Ruß­lands zuzuschreiben ist. Wenn die französische Regie­rung auf der Bahn zur Einsicht noch einen Schritt weiter geht, so muß sie nothwendig dazu gelangen, den Katholiken Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aber dieselbe Regierung, die einerseits so besonnen verfährt, thut zugleich nicht daS Mindeste, um die Rechte und Empfindlichkeiten eines benachbarten Volkes zu schonen, dessen Sympathie und Stellung für Frankreich

Christoph Columbus

und

Die Entdeckung Amerikas.

Historisch-biographische Studie von Dr. F. I. Holly.

(5. Fortsetzung.)

Ohne große Fährnisse für Leib und Leben durch­machen zu müsfeu, langte Columbus zum zweiten Male in Amerika an. Mit großer Umsicht siedelte er Leute aus seinem Zuge auf den bekannten Inseln an, überall schaltete und waltete er mit Vorsicht und Klugheit. Trotzdem stellten sich ihm bald große, fast unüberwind­liche Hindernisse in den Weg, ja, er bekam noch viel schlimmere Widerwärtigkeiten und Kränkungen zu kosten, wie ehedem.

Zunächst mußte er die bittere Erfahrung machen, daß die Kolonie feiner Landslente, die er auf Haiti zurückgelasfen, physisch und moralisch sehr herunterge­kommen war. Die Niederlassung befand sich in einem sehr verwahrlosten Zustande; die Insassen derselben waren theils Krankheiten und bösartigen Fiebern zum Opfer gefallen, theitS von den Pfeilen der Insulaner zu Tode getroffen worden. Die Uebriggebliebenen hatten sich nichts weniger als beliebt gemacht bei den Indianern. Durch Grausamkeiten und freche Ueber- ariffe in die Rechte der Rothhäute hatten sie sich die­selben zu den erbittertsten Feinden gemacht, so daß Columbus in der Folge manchen Strauß mit ihnen

in gewissen Lagen von der größten Wichtigkeit sind. Tag für Tag berichten die Zeitungen, daß belgische Kohlenarbeiter aus den nördlichen Provinzen Frank­reichs ausgewiesen werden.

Weshalb? Aus keinem anderen Grunde, als weil diese Belgier den französischen Kohlenarbeitern Konkurrenz machen. Stellt man sich auf den strengsten nationalen Standpunkt, so kann man die Parole, „den heimischen Arbeitsmarkt für die heimischen Arbeiter" wohl ver­stehen. Allein dann müßte Frankreich sich auch eine Gesetzgebung schaffen, welche diesen extremen Standpunkt begründet und einführt. Offenbar will es das nicht. Frankreich will im Gegentheile eine politische, und, soweit angänglich, eine „wirthschaftliche Annäherung mit allen Staaten und Völkern, die ihm entgegenkommen wollen, mit Ausnahme des Deutschen Reiches. Von diesem Standpunkte aus ist das Verfahren der Franzosen gegen arme und harmlose belgische Kohlenarbeiter ein Fehler; denn in der politischen Aktionslinie Frankreichs läge viel eher daS Bestreben, die Belgier dnrch Sympathien und Interessen an sich zu fesseln. Schon eher begreifen läßt sich die Opposition, welche Frankreich der Kongo- Gesellschaft in Afrika macht, denn hier besteht in der That ein Gegensatz von Interessen und schließlich kann eine französische Konzession in Afrika zu einem Freund­schaftsdienste Belgiens in Europa führen. Sehn­liche Berechnungen spielen jedenfalls, wenn auch nur nebenbei, mit.

Eine der merkwürdigsten Erscheinungen auf dem Gebiete der Gegensätze ist aber die an Demuth streifende Aufmerksamkeit, mit welcher fran­zösische Politiker von Bedeutung und Gewicht die Winke des Beschlusses einer auswärtigen Macht an» nehmen. Es handelt sich dabei freilich um Ruß­land. Das Bezeichnende liegt in der Willfährigkeit der Franzosen, namentlich der liberalen Franzosen. Uebrigens schwebt über all' diesen Widersprüchen und Thorheiten ein Gedanke, der Trost gewährt: sie zeigen deutlich, daß die Dinge in Frankreich sich im Zustande der Gährung befinden. Der trübe Most kann immer­hin einen Wein liefern, der besser ist, als man er­wartet.

Deutsches Keich.

Berlin, 26. September.

* Die Eröffnung des Reichstags soll, wie die .Nationalliberale Korrespondenz' zuverlässig hört, am 22. November stattfinden.

* Das Komitee zur Feier des Jubiläums Papst Leo XIII. hat, wie aus Rom gemeldet wird, in Folge der in verschiedenen Staaten Europas herrschenden Cholera-Epidemie sich veranlaßt gesehen, einen Auf­schub in den Pilgerfahrten nach Rom eintreten zu lassen, die nach den neuesten Dispositionen erst gegen Mitte Oktober in der ewigen Stadt eintreffen werden. Der erste Pilgerzug, der nach Rom kommt, wird hauptsächlich aus Elsässern bestehen, dem dann

auszufechten sich gezwungen sah. Nur mit bewaffneter Hand konnte er sich auf vielen Inseln Zutritt ver­schaffen, und oft mußte er Entdecker, Organisator und Feldherr in einer Person sein. Nichtsdestoweniger machte er in seinen Entdeckungen neue und große Fort­schritte. Ein namhafter Theil der Inseln, welche Cen­tralamerika und dem nördlichsten Theile von Süd­amerika vorgelagert sind, wurde von ihm aufgefunden; auch landete er später auf dem Festlande selber und überzeugte sich derart von der Grundlosigkeit seiner anfänglichen Ansicht, Cuba sei ein Theil des zusammen- hängendm Westenlandes.

Es würde nun zu weit führen alle Einzelheitm seiner Entdeckungen hier anzuführen, zumal es ja all­gemein bekannt ist, daß andere große Seefahrer, auf den Schultern des Columbus stehend und sich dessen Erfahrungen zu nutze machend, in kurzer Zeit den ganzen westlichen Theil der Erdkugel der alten Welt erschlossen. Der edle Genuese selber aber schöpfte nur wenig Freude und Genuß aus seiner epochemachenden Thar. Unannehmlichkeiten und Hindernisse thürmten sich im weiteren Verlauf der Dinge in Amerika berges­hoch vor ihm auf. Bald mußte er sehen, wie seine besten Freunde und getreuesten Anhänger im Kampfe mit den Indianern fielen oder von einer verherenden Seuche weggerafft wurden; bald ward er mit tiefstem Seelenschmerze inne, daß die Kolonisirung und Civili-

solche aus Oesterreich-Ungarn, Deutschland, England, MÄta und Columbien folgen werden. Außer den ge­nannten sind bisher keine anderen Pilgerzüge offiziell notifizirt worden. Bei dieser Gelegenheit kann ver­sichert werden, daß der Papst sich andauernd einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut und die in diesem Sommer besonders lästig gewesene Hitze vortrefflich er­tragen hat.

* Zu den Ausgleichs - Verhandlungen der preußische» Regierung mit dem Herzog von Cumberland (Welfenfonds) erfährt die Magd. Ztg.', daß dieselben einen erfreulichen Fortgang nehmen, da man auf beiden Seiten ernstlich bemüht sei, einen be­friedigenden Abschluß herbeizuführen. Bei den viel« verwickelten Rechts- und Eigenthums-Fragen, die hier­bei zu lösen sind, ist es aber natürlich, daß die Unter­handlungen eine gewiffe Zeit erfordern, ehe eine end­gültige Entscheidung getroffen werden kann. In Bezug auf Herrenhausen dürfen Vie Verhandlungen als im Wesentlichen abgeschlossen betrachtet werden. Auch die Interessen der Stadt und Provinz Hannover werden bei den beiderseitigen Festsetzungen in wünschenswercher Weise berücksichtigt. Die bedeutenden Sammlungen an Werken der Kunst, die nach dem Vertrage vom Sep­tember 1867 dem König Georg und seinen Rechtsnach­folgern zustehen, werden in Hannover verbleiben. Die Befürchtung, daß sie der Stadt genommen werden und diese dadurch eine große Einbuße an ihren Kunstschätzen erleiden wird, ist durch den Gang der bisherigen Ver­handlungen vollständig ausgeschlossen. Die Berhältnifle der königlichen öffentlichen Bibliothek liegen so, daß der Herzog Anspruch auf den größten und werthvollsten Theil derselben machen kann. Sie ist wesentlich au8 Privatmitteln des früheren Königshauses gestiftet unb unterhalten worden. Aber trotzdem wird auch durch das Entgegenkommen des Herzogs ein die Interessen der gelehrten und gebildeten Bevölkerung Hannovers befriedigender Abschluß gefunden werden. Man darf mit Sicherheit annehmen, daß sie, obwohl das ©igen» thumsrecht des Herzogs in dem angegebenen Umfange unbestreitbar ist, dennoch an ihrem jetzigen Orte ver­bleibt und nach wie vor für alle wissenschaftlichen Arbeiten ein unentbehrliches Hülfsmittel bildet.

* Den Muth der eigenen Ueberjeugung, den er früher schon bewiesen, bekundet auch neuerdings wieder in der Frage der Rückberusuug der Jesuiten Dr. Max Oberbreyer in Leipzig durch folgendes Ein­gesandt in der .Kreuzzeitung': Geehrte Redaktion; Die .Post' hat jüngst in einem „Possumus“ betitelten, vielleicht halb ironischen Artikel vorgeschlagen, die Jesuiten möchten, ebenso wie es der neue Erzbischof von Westminster gethan, ihren Eid dahin korrigiren, daß die Pflicht zum Kampf gegen Häretiker wegfiele. Wenn dies die Bedingung ihrer Wiederzulassung in Deutschland fein sollte, könnten die Jesuiten diese ganz gut erfüllen. Gestatten Sie, der Gerechtigkeit wegen, auch mir, dem konservativen Protestanten, der sich mit diesen Dingen beschäftigt hat, zu kon- ftatiren, daß der Jesuitenorden von Ignatius von

firung selbst ruhiger Landesstriche ob der Nachlässigkeit, Trägheit und dünkelhaften Ueberhebung seiner Spanier schlecht oder gar nicht vorwärts schritt. Auch die Christianisirung der Indianer nahm nicht überall den erhofften Verlauf. Zwar verschlangen die Heiden allemal im Anfänge mit Heißhunger die Heilswahrheiten und ließen sich auch gerne taufen; nach kurzer Zeit aber huldigten sie meist wieder ihren angestammten Götzen und kehrten zu ihren ehemaligen Sitten und Gebräuchen zurück.

Mehr als alles dieses aber kränkte den Columbus der Neid und die Mißgunst, die er von vielen Seiten erfahren mußte. Die Lorbeeren, die dem großen Manne verdientermaßen um die Schläfen geschlungen worden waren, träufelten verschiedenen spanischen Granden die Gisttropfen schlimmster Scheelsucht in die Seele. Sie suchten deshalb durch eigene Forschungen den Ruhm des Genuesen, zu verdunkeln, und wo dieses nicht an­ging. durch Verleumdung und Anschwärzung den Glanz des Nebenbuhlers zum Erblassen zu bringen. Und sie brachten es auch oft fertig.

Am spanischen Hofe, wo man größere praktische Erfolge von der zweiten Expedition des Columbus er­wartet hatte, und die Versprechungen, die derselbe ge­macht, nicht ganz erfüllt wähnte, lieh man den ehrab­schneiderischen Zungen seiner Widersacher nur zu williges Gehör. Anfangs scheute man sich allerdings, härtere