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JV 219

Samstag, den 24. September 1892.

19. Jahrgang

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(♦) Die Sammlungen für Hamburg.

Mit Recht beklagen sich die Altonaer darüber, daß man überall nur für Hamburg milde Gaben sam­melt und des Nothstandes in der Schwesterstadt Altona ganz vergißt. Im Grunde genommen muß Altona jetzt darunter leiden, daß es eine bessere Wasser­leitung und überhaupt eine bessere Verwaltung hat, als Hamburg. Wenn in Altona dieselbe jämmerliche Wirtschaft geherrscht hätte, wie in Hamburg, so würde auch in Altona die wirkliche Epidemie mit all' ihren Schrecken ausgebrochen sein, und dann würde man auch Altona als unterstützungsbedürftig anerkannt haben Jetzt eben scheint der Glaube vorzuherrschen, daß Altona mit seinen wenigen sporadischen Erkrankungs- und Todesfällen schon aus eigener Kraft fertig werden könne. Ein verhängnißvoller Jrrthum! Die unmittel­baren Folgen der Altonaer Cholerafälle sind freilich von der städtischen Armen- und Waisenpflege wohl zu bezwingen. Aber Altona leidet schwer unter den mittelbaren Folgen der Epidemie an der Unter­elbe, der Geschäftsstockung und der Arbeitslosig­keit. Viele Tausende von Arbeitern, die in Hamburg chr tägliches Brod suchen, wohnen in Altona. Liegt der Handel und Wandel in Hamburg darnieder, so leidet ein großer Theil der Altonaer Bevölkerung eben­so schwer, wie die Hamburger. Dabei ist das Ham­burger Gemeinwesen viel leistungsfähiger, als das Altonaer.

Als neulich gemeldet wurde, daß der Hamburger Senat eine Million Mark von der Bürgerschaft sich bewilligen lassen wolle, glaubte man, daß diese Million zur Abhilfe der Roth in den ärmeren Klassen bestimmt sei. Aber dem war nicht so; diese Vollmillion soll eine bewilligt war. Der eigentliche „Nochstandskredtt steht noch aus; die jetzt erst ernannte gemischte Cholera- Kommission wird diese dringliche Angelegenheit erst vorzuberathen haben. Wr möchten den Hamburger Behörden rathen, daß sie möglichst schnell mit der Staatshilfe gegen den Nothstand Vorgehen, und dabei recht tief in den Beutel fassen. Denn erst, wenn das deutsche Volk sieht, daß Hamburg das Seiniae thut, wird die Mildthätigken allgemein m Gang kommen. Natürlich muß auch sur Altona die Hilfe des preußischen Staates m entsprechendem Maße eintreten. Fast noch wichtiger, als die Almosen an Nothleidende, ist die Beschaffung von Arbeits­gelegenheit für die unfreiwillig feiernden Hande. Man sollte sofort möglichst viel öffentliche Arbeiten in Angriff nehmen, z. B. die proMitten Eisenbahnbauten.

Neben den offiziellen Unterstützungen bleibt natür­lich noch Raum genug für die Privat-Wohl- thätiqkeit. Es kommt jedoch vor Allem darauf an, daß das Sammelgeld in die rechten Hände gemth und mit Gerechtigkeit und Umsicht verwendet wird. In dieser Hinsicht möchten wir den mildchatigen Katho­liken einen Vorschlag machen im Anschluß an den

Christoph Columbus und

Die Entdeckung Amerikas.

Historisch-biographische Studie von Dr. F. I. Holly.

(2. Fortsetzung.)

Am 6 September steuerte man ins offene Meer. Das Admiralschiff führte stets den Zug an und hatte zur Nachtzeit am Maste e,ne Laterne aufgesteckt nach deren Lichte die beiden anderen Segler stch zu näßten hatten. Zum Glücke erhob sich bereits am dritten Tage der Fahrt ein kräftiger Ostwind, der fast wahrend der ganzen Expedition anhielt u.,d nicht wemg zum Ge­lingen derselben beitrug. Bald schwand auch der letzte Küstenpunkt ans den Augen, und nun sollten die ver­wegenen Sch'ffsleute 34 Tage und Nachte ununter­brochen auf den trügerischen Wogen schaukeln. Von der qesammten lebenden Welt abgeschnitten, mch s anderes erblickend als den Himmel und d,e unüber­sehbare Wasserfläche, ohne festes, sicheres Ziel, und an­geführt von einem tollkühnen Manne, dem lediglich eine ideelle, wissenschaftliche Garantie für die Sicher­heit seines Unternehmens zu Gebote stand, fingen bald auch die Beherztesten an, den Muth sinken zu losten. Columbus aber zeigte sich jetzt im vollen Glanze seines Geistes und seiner Größe. „Er suchte ihnen, sagte ein Geschichtsschreiber treffend, „überall und tn lebet tage Vertrauen einzuflößen, und seine eigene Ruhe mutzte

ihre Bewunderung erwecken. Unermüdlich stand der edle Mann Tag und Nacht mit dem Senkblei und Beobachmngsinstrument auf dem Verdeck, schließi nur wenige Stunden und zeichnete die kleine Beobachtung auf Wo er Angst und Traurigkeit bemerkte, da redete er freundlich zu und heiterte die Murrenden mit Ver­sprechungen auf. Es war zu bewundern, welche Herr­schaft über die Gemächer er besaß.

Als die Schiffe in dm Strich des Passatwindes kamen, wurden sie sanft und mit großer Schnelle sort- getrieben. Columbus gab zwar den Fragenden eine geringere Strecke, als die wirklich schon zuruckgelegte an; dennoch wuchs die Angst des Schiffsvolkes von Neuem. Hm und wieder stellte sich Anlaß für Hoff­nung ein. Man sah unbekannte Vögel, aber man wußte nicht daß die Seevögel viele hundert Merlen fliegen können. Einmal war die See mit grünem Meergrase so bedeckt, daß die Schiffe fast in ihrem Laufe aufge- halten wurden. Aber Gras und Vögel verschwanden nach einigen Tagen wieder, und die armen Menschen sahen sich von Neuem auf dem weiten, öden Ozean allein. Was sollte aus ihnen werden, wenn ihre 8st>r- räthe zu Ende gingen ? Wie sollten ihre gebrechlichen Fahrzeuge die lange und sich immer weiter ausdehnende Rückreise aushalten, wenn sie nirgends einen Hafen

In der That wurde die Geduld und Ausdauer der

schönen Hirtenbrief, den der Bischof von Osnabrück an die schwergeprüfte katholische Gemeinde von Ham­burg gerichtet hat. Der Oberhirt ermuntert die Katho­liken, sich in allen Verhältnissen vertrauensvoll an ihre Geistlichen zu wenden, die mit der Uebernahrne des Priester- und Seelsorgeamtes sich verpflichtet haben, ihr Leben als Opfer dem Dienste Gottes und des Nächsten zu weihen. „Als treue Hirten werden sie Euch in keiner Noth verlassen, wo Ihr deren Beistand bedürfet." Wohlan, ermöglichen wir es den Geistlichen im Epidemie-Gebiete, mit Hilfe der Mitarbeiter vom Werke des hl. Vinzenz auch der materiellen Noth in ihren Gemeinden Abhilfe zu bringen, indem wir ihnen unsere Gaben für die dor­tigen Nothleidenden zuführen.

Gegen die Zersplitterung der Wohlthätigkeit durch verschiedene Vertheilungsstellen werden vielfach Bedenken erhoben. Im vorliegenden Falle können dieselben nicht für durchschlagend erachtet werden. Es kann sich Nie­mand darüber wundern oder gar beklagen, wenn den Leuten, die in Hamburg das Heft in der Hand haben, nicht überall ein gerütteltes Maß von Vertrauen ge­schenkt wird. Bei dem Cliquengeist und der Verwirrung, die dort sich gezeigt haben, glauben wir nicht daran, daß eine centrale Vertheilungsstelle überall gleichmäßig die Bedürfnisse zu entdecken und zu befriedigen ver­mögen wird. Nachhilfe von Wohlthätem, die einen kleineren Kreis in sorgfältigere Obsorge nehmen, wird also gewiß nicht vom Uebel sein. Im Nebligen wird es dem Gesammtwerke keine Einbuße, sondern nur Förderung bringen, wenn in katholischen Kreisen unter der Flagge einer unseres Vertrauens besonders wür­digen Vertheilungsstelle gesammelt wird; denn ohp.x i e s myrh» _k>-;<*-*--— --•>-/ “'1 "

Die Expeditionen der katholischen Blätter nehmen gewiß sämmtlich gern milde Gaben wit der erwähnten Zweckbestimmung entgegen. Also Vertheilung unter Leitung der katholischen Seeliorger und billige Berücksichtigung Altona's und etwaiger sonstiger bedürftiger Orte neben Hamburg.

Wieviel Katholiken in Altona leben, ist uns augen­blicklich nickt begannt; die Statistik gibt blos die Ge- sammtzahl für die ganze Provinz Schleswig-Holstein an: 21,783. In Hamburg betrug bei der letzten Volks­zählung die Zahl der Katholiken 23,351. Es fehlt also gewiß nicht an Nothleidenden, die auf die Hufe ihrer Glaubensgenossen besonderen Anspruch haben.

Unsere Expedition erklärt sich bereit, Gaben für Hamburg und Altona anzunehmen und die­selben den" dortigen katholischen Geistlichen zu über­mitteln. —

die Vorlage hat Graf Caprivi dem Kaiser ein sehr ausführliches Memoire vorgelegt, das die kaiserliche Billigung erhalten haben soll, so daß damit die zwei­jährige Dienstpflicht wohl sicher als Vorschlag der Regierung dem Reichstage entgegen treten wird. Wie es weiter heißt, soll in nächster Zeit eine B ro- schüre erscheinen, welche die für die Vorlage maß­gebenden Gesichtspunkte enthalten wird. Es wird kaum noch irgendwo daran gezweifelt, daß die Frage der Militärreform den Brennpunkt der nächsten Reichs- tagsverhandlungen bilden wird, wenn auch einstweilen der Regierung die Frage noch große Kopfschmerzen macht, woher das Geld zur Deckung der nun auf 65 Millionen (vielleichtsogar 100—150Millionen) jährlich bezifferten dauernden Ausgaben genommen werden soll. Die Deckung der einmaligen Ausgaben, die 100 bis 150 Mill, betragen werden, erfolgt natür­lich auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der An­leihe. Man schließt aus dem Umstande, daß auch der Präsident der Reichsbank Dr. Koch zur letzten Sitzung des preußischen Staatsministeriums am Donnerstage zugezogen worden ist, darauf, daß dort die Sache bereits in Gang gebracht sei. Mit der Beschaffung der dauernden Deckungsmittel geht es nicht so leicht, denn wo auch der tastende Finger des Reichsschatzsekretärs hinfährt, überall stößt er auf empfindliche Stellen, die ein herzhaftes Zufassen nicht gestatten wollen. Daß eine Erhöhung der Einnahmen aus dem Tabak, dem Bier und der Börse in erster Linie in Aussicht ge­nommen und zugleich an eine Aenderung der das Branntweinkontingent betreffenden Bestimmun­gen gedacht wird, haben wir bereits auseinander aefdit DÜ> uu*- 1,1

lE noch große Zurückhaltung. Es ist dies ganz natür­lich denn man kann Niemand zumuthen, zu Vorlagen Stellung zu nehmen, deren Inhalt und Rechtfertigung ,Stat 3mmer6m />ch tartS °°n allen Seiten Stimmen, weiche ernstlich und etndrinz. lich vor einem Uebermaß der ^oicberungen warnen und bei allem guten Willen, für die Wehr­haftigkeit des Vaterlandes das Möglichst zu leisten, auf die bereits ungemein starke wnthschaststche An­spannung der Volkskräfte Hinweisen. Die Blatter des Centrums und der Nationalliberalen, ja selbst unab- bänaiae konservative Organe stimmen barm überein. Überallher erschallt die bringenbe Mahnung, ben Bogen nicht zu überspannen. Insbesondere die Centrumspresse beginnt bereits sehr merklich eine Grenze des Entgegen- kommens^zu ^e^ra8Cu möchten kulturkämpferische Blätter gar zu gern in Die öffentliche Diskussion werfen, mn damit Stimmung ober vielmehr Verstimmung zu machen. So wurde neuerdings behauptet, ber Erz­bischof von Griesen-Posen sei kürzlich bei ferner An­wesenheit in Berlin zum Kultusminister zttrrt worden „ad audiendum verbum“ wegen ber Polmfrage. ®etn» gegenüber können wir zuverlässig versichern, baß der

Segler auf eine immer härtere Probe gestellt. Tag um Tag verlief, Nacht um Nacht verfloß und noch immer sah man kein Ende der anstrengenden Fahrt vor sich. Zuletzt drohte unter den Matrosen eine Meuterei auszubrrchen. Es ist zwar geschichtlich mcht erwiesen und wird vielfach ins Reich der d'cht.nden Phantasie zurückgewiesen, daß dieselben den Admiral ,ur Aximkehr zwingen wollten, und baß einige sogar L abscheulichen Gedanken „faßten, CMmbus über Bord zu werfen, wenn er sich ihren Wünschen nicht füae. Doch scheint die Unzufriedenheit der Mami- schaft eine große gewesen zu fern; denn der Entdecker bemerkt in seinem Tagebuche am 9. Oktober selber.

Heute klagten die Matrosen über die unertrLgnche Dauer der'Reise; doch ermuthigte ,ch sie, so gut ich konnte durch die Aussicht auf den großen bevorstehen­den Gewinn." Ihre Beschwerden feien um so mäßiger, als man sich Indien jetzt nähere und er mit Hulse des Herrn feine Reise sortzusctzen gedenke, bis er es ene®üi Festigkeit des großen Mannes, feine Zuversicht und freundliche Zurede besänftigte die erregten Ge- müther noch einmal. Allein, als ui den folgen, en Tagen trotz mehrfach erwachter Hoffnung immer noch kein Land erschien, da wandelte sich die Angst der Armen in Verzweiflung. Ihre Haltung wurde Maus- fordernd und trotzig. Einige machten sogar Mime,

Berlin, 22. September.

* Betreffs ber Militärvorlage wird ber Mün­chener Allgemeinen Zeitung' aus Berlin gemeldet: Uever