JV 216
Mittwoch, bett 21. September 1892.
19. Iahrgatq
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* Hamburg.
Wer kannte heutzutage diesen Namen nicht! Wie -viele Schrtcknisse, Gefahren und Drohungen birgt er er nUt in sich! Dies eine Wort genügt, um Dörfer und Städte in Aufregung zu versetzen, wiewohl dies in Anbetracht der vorzüglichen und wohlorganisirten Vorsichtsmaßregeln, die über ganz Deutschland ausgedehnt, in jedem Dorf und jeder Stadt angeordnet sind, nicht gerade sehr begründet ist. Aber unterschätzen darf man darum die Gefahr doch nicht; denn vielleicht um eine Nuance lauten die Cholera-Nachrichten aus Hamburg günstiger; die Epidemie scheint ein wenig nachzulassen und die kühlere Witterung regt die Hoffnung an, daß das Erlöschen der Epidemie in nicht allzu ferner Zeit zu erwarten sei. Freilich fehlt es schon jetzt nicht an Stimmen, welche für das kommende Frühjahr «inen neuen Ausbruch Vorhersagen wollen. Die, welche so sprechen, begründen ihre Ansicht damit, daß es in Hamburg eine große Anzahl von Wohnungen gäbe, deren Bewohner sämmtlich von der Cholera dahinge- rafft worden sind; diese Wohnungen sind als verseucht zu betrachten und doch soll bis jetzt nichts oder doch nur wenig geschehen sein, um diese Räume gründlich zu reinigen und ohne Gefahr für die Gesundheit wieder bewohnbar zu machen. Selbstverständlich handelt es sich dabei um die Wohnungen der ärmeren Klassen. Bon den Allerärmsten gar nicht zu reben; denn haben dieselben überhaupt eine stetige Wohnung? Man kann diese Frage unbedingt mit Nein beantworten. In jeder Großstadt gibt es Zehntausende, die sroh sind, wenn sie überhaupt eine vierteljährig, wenn nicht gar wöchentlich wechselnde Stätte haben, um des Nachts ihr Haupt ausruhen zu lassen. Und diese unstäte, wandernde Bevölkerung, schlept sie nicht den Keim der Krankheit von Stätte zu Stätte?
Bei all' bett Choleraberichten aus Hamburg ist ein Zug zu beobachten: bie Verbreitung ber Epibemie erregt Entsetzen nab blasse Furcht; bie auffallenbe Haltung ber Hamburger Behörden wird mit mißbilligender, aber zumeist auch stummer Verwunderung beobachtet. Allerdings gibt es auch Kreise, in denen lebhaft kritisirt wird und wir möchten nicht inmitten einer Hamburger Senatsversammlung die scharfen und auch persönlich beleidigenden Urtheile wiederholen, welche gegen den Senat geschleudet t werden. Nicht nur Deutschland — ganz Europa, ja die ganze Welt ist in dieser Sache Richter. Die furchtbare Ausdehnung der Epidemie, die Rathlosigkeit des Hamburger Senates und seiner Organe bedrohen nicht nur Deutschland; sie bedrohen die ganze Welt; denn Hamburg schickt heute die Boten des Todes bis nach Newhork, bis nach Hongkong, bis an die Thore Indiens. Bei solcher Sachlage hat nicht nur der Hamburger und der Deutsche überhaupt, sondern auch der Amerikaner und ber Jnbier das wohlbegründete Recht, seine Stimme gegen den Senat der Republik Hamburg zu erheben und ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Die Welt erfährt in der That mit Erstaunen, wie es gegenwärtig in Hamburg aussieht. Die Kranken, ob an der Cholera oder an ungefährlichem Brechdurchfall erkrankt, werden in einem und demselben Wagen ins Krankenhaus gebracht, da kann auch der Gesunde der Cholera anheimfallen. Der Abschied der Kranken von ihren Angehörigen ist zumeist ein Abschied für's Leben, denn die Hospitäler sind überfüllt; es fehlt an Aerzten, welche die Kranken Pflegen können, so wie es sich gehört; es fehlt an Personal, das sich um die Persönlichkeit der Kranken kümmert. Oft liegen die Leichen über drei Tage laug bis zur Beerdigung, weil die Papiere fehlen.
Die Standesämter können die Arbeit nicht leisten. Und in den Leichenhallen, in den Schuppen, die als Leichenhallen dienen, liegen Hunderte von Leichen anfgestapelt durcheinander und übereinander, bis sie, nach einer Woche, endlich zur Beerdigung gelangen. Massengräber werden für sie hergerichtet, und in völlig schmucklosen, schwarz angestrichenen Kästen werden die Opfer der Epidemie beigesetzt. Daneben verlautet noch von furchtbarem Elend, welches Hunger und Entbehrung unter den Armen verbreiten. Ganz erklärlich, denn die Quellen des Handels sind zum Theil verstopft; der arbeitenden Vevölkernug ist ein Theil der Arbeit genommen, und natürlich ist Roth und Hunger die Folge davon. Manches geschieht, um das Unglück zu lindern; die Engel derBarmherzigkeit, die katholischen,,Grauen Schwestern", haben ihre in Hamburg stationirte Anzahl durch Zuzug aus den Klöstern in Breslau und an anderen Orten ergänzt und leisten in den Stätten des Jammers und der Roth Alles, was menschliche Hilfe vermag. Sie vermag znweilen Uebermenschliches unter Gottes Beistand. Aber was ist die kleine Zahl dieser Engel der Güte angesichts des fnrchtbaren Elendes?
Wer die Schilderungen liest und etwa zufällig nicht wüßte, aus welchem Orte sie kommen, der würde wahrscheinlich glauben, daß all diese Schreckensscenen sich in einer armen, von einer „unintelligenten" Bevölkerung bewohnten Stadt der Erde ereigneten; in einer Stadt, die in einer Periode des Niederganges begriffen ist. Aber nein: die Stätte dieses unsäglichen Jammers ist eines der blühendsten, der stolzesten und reichsten Gemeinwesen der ganzen Welt, eine Stadt, die stolzer auf ihren Reichthum, auf ihre Ordnung und ihren Bürgersinn ist als irgend eine andere Stadt der Welt. Zwar hat sich in Hamburg auf politischem und wirthschaftlichem Gebiete int Laufe der letzten zwei Jahrzehnte Vieles geändert; aber Vieles davon ist noch zum Gewinn der Stadt ausgeschlagen und ohne Zweifel ist Hamburg heute so reich wie zu irgend einer Zeit seiner Geschichte.
Wie kommt es nun, daß in dieser reichen und blühenden Handelsstadt, welche Tausende der größten und kostspieligsten Schtffe nach den fernsten Meeren ausrüstet, die Hunderttausende von Wagen und Transportmittel dem Handel Tag für Tag zur Verfügung stellt, keine geeigneteren, dem Zwecke angepaßten Wagen zum geregelten Transporte der Kranken in genügender Anzahl gestellt werden können, daß es an Aerzten, Wärtern, an Schreibern fehlte? Es ist, für die Meisten wenigstens, ein psychologisches Räthsel, weshalb man in Hamburg so wenig Energie in der Bekämpfung der Epidemie entwickelt hat. Wer auch nur ein wenig sich beschäftigt hat mit den Räthseln des menschlichen Geistes, der kann die Hypothese nicht ganz von sich weisen, daß Hamburg, wenn es sich um eine lukrative Handelsunternehmung gehandelt hätte, zehntausendmal mehr Geschick und Energie entwickelt hätte, als es diesmal gegenüber der Cholera geschehen ist, als sie das Leben namentlich der armen Bolks- klassen bedrohte. Ja den Annalen der Geschichte wird der Bürgersinn der großen Städtewesen oft gerühmt. Sieht man aber näher zu, so findet man fast immer, daß sich diese gerühmte Eigenschaft nur da glänzend bekundet, wo es sich um Dinge handelt, die znrn Gebiet der äußeren Repräsentation gehören. Stattliche Häuser, schöne Straßen, prunkvolle Feste — und dabei das Elend, soweit es nicht in Sarnrnt und Seide geht,
in den Quartieren der Armen weilend. Gewiß hat Hamburg seine guten Eigenschaften; aber es ist auch die Stätte des vollendetsten norddeutschen Epikuräer- thumS des liberalen Bürgerhochmuthes in höchster Potenz, der erfahrungsmäßig Arm in Arm mit der ausgeprägtesten Selbstsucht geht. In all diesen Beziehungen sind denn auch die tieferen psychologisch« Gründe zu finden, aus denen man in Hamburg die Geißel walten ließ, so lang es schien, als ob die außer ihrem Bereiche blieben, welche sich für die eigentliche Blüthe des Stadtwesens halten. Die ti effte Ursache all dieses Elendes ist in dem Umstande zu suchen, daß Hamburg als Stadt kaum als christlich gelten kann. Der Glaube glüht dort nur in wenigen Herzen und was von christlicher Charitas vorhanden ist, das zeigt fich bei dieser Gelegenheit. Politisch ist das Ansehen des Hamburger Senates nicht minder gesunken. Möglicherweise gelangt Hamburg allmälig zu einem noch engeren Anschlüsse an die preußische Verwaltung, als es ihn jetzt schon besitzt. Annexionslustige Geister in Preußen sehen mit stiller Befriedigung die wachsende Mißstimmung der Hamburger Bevölkerung gegen den Senat.
Deutsches Keich.
Berlin, 19. September.
* Der Kaiser, der gestern zum Besuch der Kaiserin Friedrich in Homburg v. d. H. weilte, wurde bei der Ankunft doriselbst außer von seiner erlauchten Mutter und den Prinzessinnen Viktoria und Margarethe vom Großherzog von Mecklenburg-Strelitz und dem Prinz« Friedrich Karl von Hessen empfangen. Homburg prangte in reichem Festschmuck. Der Kaiser besichtigte u. Ä. mit der Kaiserin Friedrich das neuerbaute Schloß Friedrichshof. Heute früh 8 Uhr traf der Kaiser wieder in Potsdam ein.
* In Berlin sind vier neue Fälle von asiatischer Cholera festgestellt toorben; in drei Fällen ist die Krankheit von Hamburg aus eingeschleppt. Erkrankt sind der 15jährige Sohn des Schiffers Woytkowski, ein Kellner Namens Lange, der vor etwa 3 Wochen als Krankenpfleger nach Hamburg gereift und am Freitag nach.Berlin zurückgekehrt war, ein Fräulein Bohlken, welche am 12. ds. aus Hamburg gekommen war, wo sie als Krankenpflegerin bei einer cholerakranken Frau thätig gewesen war, und der Musikdirektor Bertels«, der am 15. ds. aus Hamburg zugereist war. Im Ganzen befinden sich im Moabiter Krankenhaus noch 32 Männer und 19 Frauen in Beobachtung und Behandlung.
* Im Reichsgesundheits-Amte findet am 26. d.M. eine Konferenz über den Entwurf eines allgemeinen Senchengefctzes statt.
* Die ,Post' berechnet die Kosten der neue» Militärvorlage auf 100 Millionen; wenn 150 Millionen angegeben werden, so habe man jedenfalls laufende und einmalige Kosten durcheinander geworfen.
Das oechmigmßvolle Testament.
Nach bem Englischen von H. v. Remagen.
(Schluß.)
Ihr Name wurde bald berühmt, denn sie verwendete ihr ganzes Vermögen auf Werke der Barmherzigkeit. Sie baute Kirchen, Wohlthätigkeitsanstalten und Schulen, sie unterstützte die Armen und Kranken, sie ließ keine Bitte unerhört und versagte den Bedürftigen niemals ihren Beistand. Meilenweit im Umkreise wurde ihr Name nur mit Segnungen, Thränen und Gebeten genannt.
Ihre liebenswürdige, edle Weiblichkeit schien fich erst vollends entwickelt zu haben, das schöne Antlitz gewann mit den Jahren noch immer an Liebreiz, die Zeit vergeistigte es immer mehr. Das goldige Haar war vielleicht um einen Schatten dunkler geworden, die Augen hatten wohl an Tiefe des Ausdrucks gewonnen und um die Lippen hatte sich ein ernsterer Zug gelagert, aber Adelaide Cameron stand dennoch eben erst an der Schwelle ihrer Entwickelung zum vollendeten Weibe.
Sie hatte zahllose Bewerber gehabt. Die Stolzesten und Edelsten des Landes hatten ihr Vermögen und Titel zu Füßen gelegt, aber sie beachtete sie kaum.
„Meine Schattenliebe ist mir theurer als jede
andere es je sein könnte," sagte sie sich oft mit schmerzlichem Lächeln, „und ich werde ihr bis in den Tod getreu bleiben."
Von Lord Rylestone erhielt sie nur selten Nachrichten und sie hatte längst jede Hoffnung auf seine Liebe aufgegeben, ruhte jein Herz doch in Margarita's Grabe. Der schönste Zug ihres Charakters bekundete sich durch die große Sorgfalt, die sie auf Margarita's Grab verwendete. Jeder, der es sah, mußte fich fagen, daß hier liebende Hände walteten; die seltensten Blumen blühten in üppiger Fülle daraus, und es verging keine Woche, in der sie es nicht besuchte. Wenn sich irgend Jemand eines besonder« Vorzuges in ihrem Herzen zu erfreuen hatte, so war es Mary Meadows — die Frau, die sich Margarita's so liebevoll angenommen hatte. Lord Rylestone hatte ihr ein ansehnliches Jahresgehalt ausgesetzt; denn seine einzige Freude war es gewesen, alle Diejenigen aufzusuchen und sie reichlich zu belohnen, die Margarita einen Dienst erwiesen hatten.
So verging die Zeit, und Adelaide sah lächelnd bereits ihren sechsundzwanzigsten Geburtstag heran- kommm.
„Ich wollte, meine Züge fingen auch an alt zu werden," sagte sie, „denn mein Herz war, glaube ich, niemals jung."
Nach Ablauf von sechs Jahren hatte Lord Ryle-
stone sich bereits einen berühmten Namen und ein bedeutendes Vermögen erworben.
Wie ihm Adelaide prophezeit hatte, war es wirklich geschehen: er hatte den Schmerz überwunden und war als edlerer, besserer Mensch daraus hervorgegangen. Nachdem er einigeZeit planlos umhergereist war, hatte er eine Stelle in Canada angenommen.
Diese füllte er so außerordentlich gut auS und zeigte dort so viel Gewandtheit, Entschlossenheit und Energie, daß seine Leistungen die allgemeinste Anerkennung fanden und ihm daraufhin eine Stellung in seinem Vaterlande angeboten wurde, die er bereitwilligst annahm.
Er laugte an einem Maiabend, wo die Lust von Fliederduft und Nachtigallengesang erfüllt war war, auf seinem Ahnenschloffe an, doch ehe er seine Schritte dahin lenkte, besuchte er erst Diargarita’8 Grab. Welche zärtlichen Hände hatten es sorgsam gepflegt? Weiße duftige Blumen blühten darauf und die Liebe schien daran Wache gehalten zu haben.
Dieser Besuch that ihm unendlich wohl, eS war chm, als hätte er feine Schmerzenslast dort abgelegt. Sie ruhte ja nun int seligen Frieden.
Darauf begab er sich nach dem Schlosse. Er ttaf Miß Cameron im Garten und mit ihr em kleines Kind, eine ihrer Pflegebefohlenen.
Wahrscheinlich war sie nicht sonderlich über fein