JV 210
Mittwoch, den 14. September 1892. . 19. Jahrgang
uldaerAZcitllng
Das verhängnisvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(86. Fortsetzung.)
„Ich höre, Miß Cameron," sagte Lord Rylestone freundlich zu ihr.
„Eines Abends verweilte die junge Dame länger als gewöhnlich im Salon — es war der letzte Abend, am Sem Mr. Beate bei uns war. Wir plauderten eifrig und sie begleitete mich noch auf mein Zimmer. Dort bat sie um die Erlaubniß, noch ein Weilchen bei mir bleiben zu dürfen und sprach viel über die Schönheit meines Haares." Bei den letzten Worten glitt ein mattes Lächeln über Adelaiden's Züge.
Er schwieg.
„Sie blieb lange bei mir," fuhr Miß Cameron fort, „und es schien nachher, als hätte sie all den Unsinn nur geschwatzt, um sich so lange in meiner Nähe aufhalten zu können, bis es ihr gelungen war, sich unbemerkt in den Besitz meiner Schlüssel zu setzen. Am darauffolgenden Morgen verließ ich mein Zimmer später als gewöhnlich und fand, als ich herunter kam, eine seltsame Verwirrung im ganzen Hause; das Bibliothekzimmer war verschlossen, und man meldete mir, daß Mr. Beate den Schlüssel davon an sich genommen habe. Ich fragte nach ihm, es hieß, er sei ausgegangen.
Deutsches Deich.
Berlin, 12. September.
♦ Der Kaiser hat, wie verlautet, zur Linderung -es Elends in Hamburg eine namhafte Summe — man spricht von 30,000 Mark — gestern aus seiner Privatschatvlle angewiesen. Auch die Kaiserin hat zu der Sammlung des Vaterländischen Frauenvereins der Provinz Schleswig-Holstein zum Besten der Ham- burger-Nothleidenden 1000 Mark beigetragen. — Die Fürstin Bismarck und die Gräfin Waldersee haben namhafte Beträge an das Oberbürgermeisteramt zu Hamburg eingesandt.
* In Berlin sind seit Mittwoch Abend keine neuen Cholerafälle konstatirt worden. Von Samstag Mittag bis heute Mittag wurden 17 choleraverdächtige Per- sonen gemeldet, doch wurde bei keiner asiatische Cholera festgestellt. Der Bestand an choleraverdächtigen Kranken im Moabiter Krankenhaus betrug heute Mittag noch 60.
* Behufs einer wirksamen seuchenpolizeilichen Kontrolle der Unter- und Oberelbe und der mit ihr in Verbindung stehenden Fluß- und Kanalwege hat der Reichskanzler auf Grund des Artikel 4 der Reichsverfassung in der Person des Königl. Preußischen Ober- Regierungsraths Frhrn. v. Richthofen einen „Reichskommissar für die Gesundheitspflege im Stromgebiet der Elbe" berufen. Dem Reichskommissar ist das erforderliche ärztliche Personal zur Versügung gestellt. Er ist angewiesen, unverweilt mit den Behörden derjenigen Bezirke, welche durch seine Amtsthätigkeit berührt werden, in Verbindung zu treten, lieber die Einrichtung des Dienstes und über die Vertheilung des zur sackverständigen Beaussichtigung der Gesundheitsverhältnisse auf den vorbezeichneten Schiffahrtsstraßen berufenen ärztlichen Personals wird der Reichskommissar daS Erforderliche bekannt machen. Die Geschäftsräume desselben befinden sich im Reichsamt des Innern, Wilbelmsstr. 74.
* Die Wahl des neuen Oberbürgermeisters von Berlin findet Donnerstag über acht Tage statt. Bürgermeister Zelle wird, wie schon jetzt als fiststehend gelten kann, gewählt und von der Regierung bestätigt werden.
* Der Kladderadatsch' ist in Rußland verboten worden.
* Die dem Bundesrathe zugegangene Novelle zum Gesetz über die Kautionen der Bundesbeamten läßt neben der Verpfändung von Inhaber papieren die Bestellung eines Faustpfandrechts an einer Reichsoder Staatsschuldbuchsforderung zu und ermächtigt die Reichsverwaltung, die Umwandlung der als Kautionen niedergelegten Schuldverschreibungen in Buchschulden unabhängig von der Zustimmung der Kautionsleister herbeizuführen.
* Die .Schlesische Zeitung' erfährt, daß zur Aus- führunq der Bestimmungen der Gewerbeordnung über den Maximalarbeitstag im Oktober ds. Zs. Erhebungen in allen Detailgeschäften über die Arbeitszeit angestellt werden sollen. Die Hälfte der Fragebogen erhalten die Angestellten zur Beantwortung.
* Der Diensteid der in den deutsche« Schutzgebieten angestellte» Beamten, welche nicht Rerchr- beamte im Sinne des Gesetzes betreffend die Reckts- verhältnisse der Reichsbeamten find, hat durch kaiserliche Verordnung folgende Fassung erhalten: „Ich N. N. schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich Seiner Majestät, dem deutschen Kaiser, treu und gehorsam sein, meine Dienstpflichten nach Maßgabe der Gesetze und der mir zu ertheilenden Instruktionen treu und gewissenhaft zu erfüllen und das Beste des Reichs und seiner Schutzgebiete fördern will, so wahr mir Gott helfe usw."
* Das Abzahluugsgeschäftswese» soll bekanntlich gesetzlich neu geregelt werden. Die ,Berl. Pol. Nachr.' treten nun der hier und da ausgesprochenen Ansicht entgegen, als sei eine völlige Beseitigung dieser Geschäfte beabsichtigt. Es handele sich nur darum, die Auswüchse auf diesem Gebiete zu beschneiden, wobei allerdings nicht blos die Frage der Klausel über dm Eigenthums vorbehalt in den Leihkontrakt en in Betracht kommen dürfte. „Die ganze Angelegenheit ist einer langen Erörterung an dm maßgebenden Stellen unterzogen worden. Schon im Jahre 1889 wurden die einzelnen Landesregierungen um Gutachten angegangen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden im Reichsjustizamt des Innern zusammengestellt. Es wurde sodann im Reichsjustizamte auf Grund dieses Materials ein Gesetzentwurf ausgearbeitet und dieser wiederum den verschiedensten kommissarischen Berathungm unterzogen, welche bereits im Winter von 1891 auf 1892 begonnen haben."
* Im Monat August wurden i» den deutsche« Münzstätte» ausgeprägt: 20,000 Mark Zweimarkstücke, 91,774 Mark Einmarkstücke, 203,791 Mark Zwanzigpfennigstücke und 33,789 Mark Einpfennigstücke.
* Gegenwärtig geht unter der Spitzmarker „Eine klerikale Volks-Univerfität in M.-Gladbach" ein Berliner Artikel durch eine Reihe liberaler Zeitungen, worin der von dem Volksverein für das katholische Deutschland für die Zeit zwischen dem 20. und 30. September in Aussicht genommene praktisch-soziale Kursus eine auffallende Ankündigung erfährt. Man kann allerdings dem vorläufig entworfenen Lehrplane „Mannigfaltigkeit und geschickte Zusammenstellung" nicht absprechen, aber die Sache geht doch vom Volksverein aus und ist damit als eine Lebensäußerung von katholischer Seite zu betrachten — genügt für die Bornirlheit des landläufigen Liberalismus, die Besprechung des Unternehmens in hämisch boshafter Weise vorzunehmen. Gegenüber solchem Gebühren kommt nicht allein der Spruch des Terentius: „Nichts ungerechter als ein unwissender Mensch, der nur das, was er selbst gemacht, gelten läßt", in Betracht, vielmehr spielt hier der Fanatismus, die Erbtugeud des Liberalismus, wieder eine Rolle. Für so wohlgemeinte und praktische Mitarbeit an der Lösung der sozialen Frage, also auch für so eminent patriotische Leistungen, wie wir sie in den Bestrebungen des Volksvereins sehen, würde man ohne Zweifel Anerkennung haben, Darauf fragte ich nach meiner Gesellschafterin und sah bei dieser Frage eine wachsende Verlegenheit auf den Gesichtern meiner Leute. Ich bestand darauf, daß mir der ganze Sachverhalt genau mitgetheilt werde und erfuhr dann die feltsame Geschichte."
Er zeigte jetzt dadurch, daß er seine Augen auf sie richtete, ein gesteigertes Interesse.
„Mrs. Grame hatte bemerkt, daß die unglückliche junge Dame meine Schlüssel zu erlangen wünschte und daraus Verdacht gegen sie geschöpft. Sie beobachtete sie daraufhin in der Nacht und sah, wie das junge Mädchen sich in der nächtlichen Stille aus ihrem Zimmer schlich, nach dem Bibliothekzimmer ging, dort Licht anzündete und mit dem Schlüssel, den sie aus meinem Zimmer entwendet hatte, den Geldschrank aufschloß."
„Darnach war sie unbedingt eine Diebin," warf Lord Rylestone ein.
„Das kann ich nicht glauben. Hören Sie nur, Lord Rylestone. Mrs. Grame beobachtete sie, wie sie Geld und Juwelen aus dem Schranke herausnahm, und ging dann leise nach Mr. BealeL Zimmer hinauf, um ihn Herbeizubolen. Mrs. Grame berichtete ferner, daß bei ihrer Rückkehr die Juwelen und daS Geld verstreut um sie her lagen, sie selbst aber mit dem Antlitz zur Erde dazwischen kauerte. Dieses Benehmen
(Erfdietnt täalicb Sonn« und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspalttge Zell« oder bereu Raum 15 Ps„ bei SBieberfjolungen entft>re<$eri)ei
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wenn sie von irgend welcher andern Seite ausgingen ; aber den Katholiken darf man keine Gerechtigkeit widerfahren lassen, das hieße ja aus der Rolle sallm. Uebrigens haben die für die Vorträge gewonnenen Herren über die von ihnen zu behandelnden Themata ihre Kenntnisse in ihren früher veröffentlichten Schriften bekundet.
* Fraue»b»rg, 10. Sept. Wie andere preußische Bischöfe hat auch der Hochw. Herr Bischof Dr. Thiel öffentliche Gebete in den Kirchen der Diözese zum Zwecke der Abwendung der drohenden Choleragefahr angeordnet. „, ~ „
* München, 10. Sept. Hier ist bisher kein Fall von asiatischer Cholera vorgekommen. Zwei an der Cholera nostras erkrankte Personen (General v. Helwig und ein aus Helgoland heimgekehrter Geistlicher) befinden sich auf dem Wege der Besserung. Die Behörde« haben sehr einschneidende Maßregeln gegen die Einschleppung der Cholera ergriffen. Auch sonst geschieht vieles gegen die Choleragefahr. Der Münchener Magistrat' hat das Feilhalteu von Obst, Backwerk, usw. auf öffentlichen Plätzen gänzlich untersagt. Die Gasthofbesitzer in Würzburg haben beschlossen, allen von Hamburg und Umgebung kommenden Reisenden die Aufnahme zu versagen, hier in München wurde ein aus Hamburg zugereister Commis aus einem Hotel höflich entfernt und das betreffende Zimmer so gründlich desinfizirt, daß auf der Straße ein Menschenauflauf entstand.
Ausland.
* Rom, 10. Sept. Der Papst veröffentlicht heute eine Encyklica über den hl. Rosenkranz, in welcher er das Gebet als Vorbereitung zu seinem Bischofsjubiläum empfiehlt. , , _
* General Cialdini, einer der Schöpfer Jungitaliens, ist, wie gemeldet, am 8. d. M. in Livorno gestorben. Zu Modena im Jahre 1811 geboren, studirte er zunächst Philosophie und Medizin. Zur militärische« Laufbahn entschied er sich endgiltig erst, als er 1833 nach Spanien ging, um mit der Oporto-Legion Don Carlos zu bekämpfen. Rasch avancirte er unter der Königin nach Besiegung des Don Carlos zum Oberstlieutenant. Als 1848 die Revolution in der Lombardei ausbrach, wandte er sich alsbald nach seinem Vaterlande zurück und focht unter General Ferrari als Oberst bei Vicenza, woselbst er schwer verwundet in österreichische Gefangenschaft geriet!). Nach dem Frieden wurde er piemontesischer Oberst, machte die Schlacht bei Novara mit und erhielt 1855 in der Krim die Führung einer Brigade, die er in der Schlacht an der Tschernija anführte. Zurückgekehrt wurde er General und Inspektor der Bersaglieri, deren Organisation vorzüglich sein Werk ist. Nach der Schlacht bei Palestro 1859, erhielt er den ersten militärisch-politischen Auftrag: Die Besetzung der Romagna und ihre Angliederung an Piemont; dem folgte 1860 die Okkupaüo« des'Kirchenstaates und fein Sieg über Lamoriciöre bei Castelfidardo, endlich der neapolitanische Feldzug, der ihm den Titel eines Herzogs von Gaeta (das er 1861 sckemt mir mehr dafür zu sprechen, daß sie irgend einen tödtlichen Schlag empfangen hatte, als daß sie zu stehlen beabsichtigte. Natürlich beschuldigte Mr. Beale und Mrs. Grame sie des Diebstabls, obgleich sie standhast leugnete und sich ihre Unschuld zu beschwöre« bereit erklärte. Sie schenkten ihr kein Gehör und Mr. Beale schickte nach einem Sicherheitsbeamten, um sie verhaften 'zu lassen. Er begleitete sie selbst zu Mr. Layston, welcher sie vollkommen freisprach. Sie verließ sofort darauf sein Haus und ist seitdem völlig verschollen."
„Aber, meine liebe Miß Cameron, wie sehr wir uns gegen den Gedanken auch sträuben mögen," sagte er, „wenn sie vor dem geöffneten Geldschranke mit dem Gelde und den Juwelen ringsum ausgebreitet vorgefunden wurde, fo muß sie doch unbedingt einen Diebstahl beabsichtigt haben."
„Das glaube ich nimmermehr; Sie kennen ste nicht. Wenn Sie nur einen Blick in ihr Antlitz gethan hätten, so würden Sie sich sagen, daß eS ganz undenkbar ist. Ihre Züge waren edel, sanft und rein. Vielleicht halten Sie meine Auffassung für allzu romantisch, Lord Rylestone, aber ich kann mich von dem Gedanken nicht losmachen, daß sie nur die Papiere in dem Geldschrank durchsuchen wollte und gar nicht an einen Diebstahl dachte."