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19. Jahrgang

Dienstag, den 13. September 1892.

209

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S-t. Die SovntagsenthMgung fördert die Sozialdemokratie.

An der Richtigkeit dieser Behauptung kann von Niemanden gezweifelt werden, der es sich angelegen sein läßt, die Vorgänge im öffentlichen Leben etwas mehr als oberflächlich zu betrachten. Wer nach fechs- tägiger angestrengter Thätigkeit am siebenten, am Sonn­tage, keine Zeit findet, sich einmal von den irdischen Sorgen frei zu machen und seinen Geist zum Höheren zu erheben, der muß nothwendigerweise über kurz oder lang dem Materialismus anheimfallen, jener verderb­lichen Weltanschauung huldigen, die nur das für gut, nützlich und schön hält, was zur Befriedigung der körperlichen Bedürfniffe und der sinnlichen Gelüste dient. Und da diese Anschauung den Hauptinhalt der sozialistischen Irrlehre bildet, so ist es leicht begreiflich, daß ein Arbeiter, der freiwillig oder gezwungen auf die ganze oder einen großen Theil der Sonntagsruhe verzichtet, auf dem besten Wege ist, sich für die Sozial­demokratie, die ihm in dem — allerdings in nebel­grauer Ferne liegenden — fozialistischen Zukunftsstaate alle erdenklichen materiellen Genüsse verspricht, zu be­geistern und ihr Anhänger zu werden. Die Thatsache aber, daß die fortwährende, ununterbrochene Beschäftig­ung mit rein irdifchen Dingen, Geist und Gemüch all­mählich für alles Höhere unempfindlich macht, wird noch immer nicht von den sogenannten „Aufgeklärten" unserer Zeit begriffen und wir haben es gesehen und sehen es noch fortwährend, mit welcher Beharrlichkeit man sich gegen die Einführung der gesetzlichen Sonn­tagsruhe sträubt. Eine überaus große Zahl von „Gründen" werden gegen die Sonntagsruhe angeführt, und selbst der Altreichskanzler Fürst Bismarck erklärte vor noch nicht langer Zeit, daß er es mit seinem Ge­wissen nicht vereinbaren könne, daß ein Arbeiter ver­pflichtet werde, am Sonntag dem süßen Nichtsthun zu huldigen. Ja, gewisse edle Seelen, die sonst absolut nicht für die leibliche und besonder? für die geistige Wohlfahrt der Arbeiter schwärmen, ihn gewissermaßen als ein untergeordnetes Wesen betrachten, sprechen, wenn es sich um die Gewährung einer ausreichenden Sonn­tagsruhe handelt, von einem „Eingriffe in die persön­liche Freiheit", von einer „unverantwortlichen Schädig­ung berechtigter Interessen" und sagen zum Schluffe das, was auch seiner Zeit im Reichstage von angeb­lichen „Arbeiterfreunden" gegen die Sonntagsruhe geltend gemacht wurde: Wer foll dem Arbeiter den Lohnausfall vergüten, den er erleidet, wenn er am Sonntage feiert? Gegen dieses, jene „Arbeiterfreunde" trefflich charakterisirende Argument hat sich bereits vor ca. 30 Jahren der hochsel. Bischof Kettel er von Mainz in feiner herrlichen Schrift: „Die Arbeiterfrage und das Christenthum" gewendet, und erklärt, daß, wie man dem Arbeiter die Nachtruhe zur Wieder­erlangung oder Stärkung seiner durch die Tagesarbeit verbrauchten Kräfte gewähren müsse, man ihm auch nach sechstägiger Arbeit einen Ruhetag nicht vorent­halten könne. Der Mensch sei keine Maschine, die man bis zur Untauglichkeit in Dienst halten könne,

Das verhiingnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(85. Fortsetzung.)

44. Kapitel.

Lord Rylestone und Miß Cameron speisten allein mit einander und nach Tische befahl die Letztere, die Bildergallerie zu erleuchten, um Lord Rylestone die Veränderungen zu zeigen, die sie mit einigen Bildern in Bezug auf ihr Placement vorgenommen hatte.

Sie begaben sich gemeinschaftlich nach der Gallerte.

Draußen bedeckte ein dichter Nebel die herbstliche Erde, der Himmel war düster und der Wind klagte in den entlaubten Bäumen. Darinnen in der Bilder­gallerie war Alles Glanz und Pracht und Wärme. Die lange Gallerte mit ihrem dunkelrothen Teppich, ihren Marmorstatuen, den reichen Tapeten und aus­erlesenen Bildern war strahlend erhellt, Licht und Wärme schienen den ganzen großen Raum zu durch­dringen. Adelaide war nie schöner als an diesem Abend gewesen, wo es ihr nur darauf ankam, Allan zu zer­streuen und ihm zu gefallen. In feiner augenblicklichen Gemüthsverfassung zwangen ihm aber weder der goldige Glanz ihres üppigen Haares, noch das milde Licht ihrer Augen auch nur den leisesten Ausdruck der Ver­wunderung ab. Er hatte kein Auge für die vollendete

ondern ein Geschöpf Gottes, ein Menfch, der neben eidlichen Bedürfnissen auch geistige habe, und den man für feine Leistungen so bezahlen müsse, daß er nach einer sechstägigen angestrengten Thätigkeit den iebenten Tag, den Tag, der dem Schöpfer Himmels ind der Erde gehöre, und von ihm geheiligt fei, in Ruhe verleben und zu feiner geistigen Erhebung ver­wenden könne. Aber, wie gefügt, von dergleichen will man im Zeitalter der „Aufklärung" und des Materialis­mus nichts wissen; nur nothgedrungen und dem äußeren Zwange gehorchend, läßt man sich herbei, dem Arbeiter eine karg bemessene Sonntagsruhe zu gewähren. An >ie Folgen der Sonntagsentheiligung, die man nament- ich tn Frankreich zu beobachten seit lange hinreichend Gelegenheit gehabt, denkt man nicht, und der Dekalog, )ie zehn Gebote Gottes ist ja, wie s. Z. in einer deutschen literarischen Zeitschrift „bewiesen" wurde, ver­altet. Und bei solchen, in „gebildeten" Kreisen ver­tretenen Ansichten wundert man sich über das stetige Zunehmen der Sozialdemokratie? Man wundert sich darüber und fördert sie fort und fort, indem man aus „wirthschaftlichen Gründen" die Glaubenslosigkeit, die Gottentfremdung begünstigt! In der That, man hat allen Grund, an dem gesunden Menschenverstände der „Aufgeklärten" zu zweifeln!

Vor nicht langer Zeit hatten wir Gelegenheit, mit mehreren „zielbewußten" Sozialdemokraten über ver­schiedene Themata zu sprechen. Hierbei kamen wir auch auf die Beweggründe, welche die Betreffenden bewogen hatten, sich der Sozialdemokratie anzuschließen, und da hörten wir u. a., daß es vor Allem der religiöse Jndifferentismus ihrer Arbeitgeber gewesen sei, der sie der Sozialdemokratie zugeführt. Ja, hieß es, unfere Herren gingen niemals in die Kirche, sie ließen an den Sonntagen, wenigstens Vormittags und noch einen Theil des Nachmittags arbeiten, und wenn wir er­klärten, wir wollten nicht arbeiten, sondern an dem Gottesdienste Theil nehmen und dann mit den Unserigen, d. h. der Familie einen Spaziergang machen rc., dann wurde uns gesagt, vom Beten lebe man nicht und spazieren gehen könnten wir auch noch nach Beendigung die Arbeit. Wir blieben in der Fabrik, die Herren mußten ja wissen, was gut war, und so kam es, daß wir monatelang keine Kirche besuchten. Nach Beendigung der Arbeit begaben wir uns — wir schämten uns im Arbeitszeug am hellen lichten Tage nach Hause zu gehen — in ein nahe gelegenes Wirthshaus und tranken Bier oder Schnaps, wie es uns gerade paßte. Im Wirthshause trafen wir gute Freunde, auch solche, die die Welt gesehen hatten, wir sprachen über unsere Lage, daß es nicht so bleiben könne, wie es jetzt sei, rc. rc. und schließlich sahen wir ein, daß wir nur durch die Sozialdemokratie etwas erreichen könnten.

In dieser kurz geschilderten Weise sind manche brave Arbeiter dem Glauben entstemdet und der Sozial­demokratie in die Arme getrieben worden. Und wer trägt die Schuld daran, daß sie zur atheistischen Um­sturzpartei gehören? Diejenigen, welche sie gelehrt, den Sonntag zu entheiligen um eines geringen materiellen Anmuih der stattlichen Gestalt, kein Ohr für die weiche, melodische Stimme. Er gedachte nur der südlichen Reize des holden Antlitzes, vor dem sein Herz sich be­wundernd neigte.

„Ich habe den Murillo hierher hängen lassen," sagte Adelaide, die neben ihm stand, „weil ich glaubte, daß seine glühenden Farben einen wohlthuenden Kon­trast gegen die duftigen Tinten diefes Bildes von Grenze bilden würden."

„Sie haben fehr recht daran gethan," erwiderte er beistimmend — aber sie sah, daß er mit seinen Ge­danken weder bei ihr, noch bei den Bildern weilte.

Sie ließen sich auf einen der dunkelrothen Sammet­divans nieder und feine Blicke fchweiften rings umher. Da fiel sein Auge plötzlich auf ein altes spanisches Bild, das eine schwarzäugige Frauengestalt, die sich über eine dunkelrothe Rose neigte, darstellte, und ihre künstlerisch vollendete Haltung, ihre klassische Schönheit und der Farbenichmelz auf ihren Wangen erinnerte ihn lebhaft an Margarita, wie er sie so oft über Blumen geneigt, vor sich gesehen hatte.

„Haben Sie Mr. Beale während Ihres Aufent­halts in London aufgesucht?" fragte Adelaide, ihn aus feinen Träumereien erweckend.

„Ja, aber ich traf ihn nicht zu Hause," erwiderte Lord Rylestone. „Wenn ich rechtzeitig daran gedacht

Vortheils willen, der aber nicht den Arbeitern oder ihren Familien, sondern den Wirthen zu Gute kam!

Wem es daher ernst mit der Bekämpfung der Sozialdemokratie ist, der muß in erster Linie dahin wirken, daß die Heiligung des Sonntags, des Tags des Herrn, hochgehalten wird, und vor Allem, wenn er Arbeitgeber ist, darauf bedacht sein, daß feine Arbeiter, selbst wenn eine Thätigkeit am Sonntage unbedingt erforderlich fein follte, wenigstens nicht in der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten behindert werden.

Deutsches Keich.

Berlin, 10. September.

* Im Moabiter Krankenhause zu Berlin ist der an der asiatischen Cholera erkrankte Kaufmann Kappel jeute Vormittag an einem heute Vormittag hinzuge- retenen Choleratyphoid gestorben. Als choleraverdächtig ind in den letzten 24 Stunden 9 Personen einge- iefert worden. Ein neuer Cholerafall ist nicht fest- ;estellt.

* Die für den Eisenbahnverkehr infolge der Cholera­gefahr getroffenen Anordnungen haben infolge der Beschlüsse der Reichscholerakommisfion einige nicht erhebliche Aenderungen und Ergänzungen erfahren. Infolge deffen ist eine neue „Dienstanweisung, betreffend Maßnahmen im Eisenbahnverkehr bei Choleragefahr" aufgestellt worden, der als Anlagen-Anweifungen über die Behandlung der Eisenbahn- Personen- und Schlaf­wagen bei Choleragefahr und über Ausführung der Desinfektion und Verhaltungsmaßregeln für das Eisen- bahnperfonal bei choleraverdächtigen Erkrankungen uuf der Eifenbahnfahrt beigegeben sind.

* Der angekündigte Ministcrial-Erlaß betreffs Behandlung der ans Cholera-Gegenden ein- treffcnden Personen und Gegenstände ist erschienen. Er bestimmt die Einführung einer Meldepflicht aller aus dem hamburgischen Staatsgebiete kommenden Per- fsnen bei Androhung angemesiener Strafe gegen Zuwider­handlungen und polizeiliche Beobachtung der gemeldeten Personen bis nach Verlauf von 6 Tagen nach Verlaffm des hamburgifchen Gebietes hinsichtlich ihres Gesund- heitszustandes (mit thunlichst geringer Belästigung), ärztliche Untersuchung bei Cholera-Verdacht. Derselben Behandlung sollen alle Personen unterliegen, die aus einem andern Orte eintreffen, an welchem nach einer ausdrücklichen amtlichen Veröffentlichung im .Reichs­anzeiger' Cholera-Epidemie herrscht. Land-Quarantänen werden als in der Regel unzulässig, weil wirkungslos, erklärt. Nur in feltenen Ausnahmefällen darf diese Maßregel nach Zustimmung der Landespolizei-Behörde angeordnet werden.' Die gänzliche Absperrung eines Ortes gegen Personen aus einer verseuchten Gegend ist im Allgemeinen unstatthaft. Die Ein- und Durchfuhr von gebrauchter Leib- und Bettwäfche, gebrauchtm Kleidern, Hadern und Lumpen, Obst, frifchem Gemüfe, Butter und Weichkäfe aus dem hamburgifchen Staats­gebiete ist sofort durch Landespolizei - Verordnung zu verbieten. Ausgenommen von dem Verbote bleiben Wäsche und Kleider von Reisenden. Verbotswidrig ein» hätte, würde ich ihn gebeten haben, mich hier aufzu­suchen.

Adelaide lächelte.

„Ich glaube kaum, daß er Ihrer Aufforderung ge­folgt wäre," fagte sie, „Mr. Beale und ich stehen feit einiger Zeit auf etwas gekanntem Fuße."

Er fcch sie mit einem geringen Ausdruck der Theil- nahme an, fo daß sie sich dadurch ermuthigt fühlte, in ihrer Mittheilung fortzusahren.

„Wir haben augenblicklich jeden Verkehr mit einan­der abgebrochen und ich bezweifle, ob ich ihm fein Ver­gehen je verzeihen kann."

Lord Rylestone hatte längst kein Ohr mehr für Miß Camerons Mittheilungen, feine Gedanken ver­setzten sich wieder in denselben düsteren Abgrund. Wo weilte Margarita und warum hatte sie ihn verlassen? Diese Frage beschäftigte ihn stets und so auch in diesem Augenblicke, wo er Adelaide zuzuhören schien.

„Wodurch hat Mr. Beale Sie denn so tief ge­kränkt?" fragte er ernst.

„Er erlaubte sich in meinem Hause einen unver­zeihlichen Uebergriff und deshalb werde ich ihm nie wieder vertrauen."

Sein Interesse an Adelaides Erzählung war so gering, daß er sie gar nicht über die näheren Um-