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Beilage zu Nr. 208 der „Fuldaer Zeitung

Sonntag, den 11. September 1892.

am

aus alle

Dieser Brief weckte ihn wie aus einem Traume. Er hatte Waltoncourt, Adelaide und alles Uebrige in der namenlosen Verzweiflung über den Verlust seiner Gattin ganz vergessen und entschloß sich nun sofort dahin abzureisen. Wenn sich eine passende Gelegenheit bot, wollte er Adelaide seine Leidensgeschichte erzählen und ihren Rath dabei einholen. Ihrer Theilnahme war er gewiß und vielleicht verfiel sie auf eine Ver- muthung, auf die er noch nicht verfallen war. —

- Eine zeitgemäße Ketrachtung.

(Schluß.)

hat Niemand gedacht; es waren eben seltene Vögel und die ganze Sache '„eine kuriose Geschichte." Wem ist aber bei diesen Vögeln das Herz groß und voll ge­worden : den Altvätern, welche bei den Fittichen des­selben an die Posaunen des jüngsten Tages dachten oder uns, die wir mit Lachen hinausliefen, um die kuriosen Vögel zu sehen und die ganze Geschichte den folgenden Tag rein zu vergesfen? Und welches Ge­schlecht ist diesmal das große Geschlecht und welches das kleine: das Geschlecht der abergläubigen Altoäter mit ihren ernsten und starken Gedanken an Tod und Ewigkeit, oder das Geschlecht der ungläubigen Enke mit ihren lächerlichen und schwachen Gedanken an — gar Nichts?" —

Wer war es, der diese gehaltreichen Bettachtungen in so meisterhaft volksthümlicher Sprache veröffentlicht hat? Allerdings ein großer Meister des Styls: kein Geringerer nämlich als der berühmte Literarhistoriker A. F. C. Vilmar. Vor mehr als 50 Jahren gab er das .Hessische Historienbüchlein' heraus; seinem Beispiele aber folgte später der ihm warm befreundete, nun auch schon lange verewigte Domkapitular I. Malkmus, indem derselbe auf fuldaischem Boden, — wie jener auf hessischem — alte Erzählungen sammelte und daraus das „Fuldaer Historienbüchlein" zusammen stellte.

Das verhkingnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(84. Fortsetzung,)

Aber der nächste und mancher darauf folgende Tag verging ohne die geringste Kunde — ohne ein Wort oder einen Brief von ihr zu bringen, und ttotz aller angestrengten Nachforschungen gelang es ihm nicht, etwas Weiteres zu ermitteln, als daß sie kurz nach seiner Abreise zwei Tage von Hause abwesend war. Darauf war sie zurückgekehrt und hatte, wie es schien, alle Vorbereitungen für eine längere Abwesenheit ge­troffen, dabei aber sorgfältig Jedem ihren zukünftigen Aufenthaltsort verschwiegen und ihren Leuten nicht I einmal ihre Adresse anvertraut. Das war alles, was er ermitteln konnte. Er wußte genau, daß sie weder Freunde noch Verwandte hatte und konnte sich also keinen Begriff machen, zu wem sie gereist sein könnte. Nach ihrer festen, klaren Handschrift zu schließen, mußte sie vollkommen gesund sein. Er wartete einen Tag nach dem andern, bis er ganz muthlos war, aber es kam keine Kunde von ihr.

„Wenn dieser Zustand noch lange währt," sagte er sich, „so verliere ich den Verstand darüber". Er war bleich und elend geworden und hatte von den vielen durchwachten Nächten tiefe Schatten unter den Augen. Eigentlich sah er nur noch wie der Schatten des glück­lichen Mannes aus, der eilig durch den kalten Herbst­nebel dahin geschritten war, um das Weib, das er jetzt für immer verloren glaubte, in seine Arme zu schließen.

Er fuhr nach London und ermittelte dort auf ver- fchiedene Nachforschungen, daß sein letzter Brief noch unabgeholt auf der Post lag. Das beunruhigte ihn vollends, denn wenn Margarita lebte und gesund war, so wußte er, daß Nichts sie abhalten würde, sich seinen Brief zu verschaffen. Eine namenlose Angst bemächtigte sich seiner. Was konnte ihr zugestoßen sein? Unbe­dingt war nur ein sehr ernster Unfall oder gar der Tod die Ursache zu ihrem Verhalten. Bekannte, die Lord Rylestone während seines zweitägigen Aufmt- haltes in London trafen, erkannten ihn kaum wieder; das Antlitz war so verändert, wie der Mehlthau eine Blume verwandelt.

Er suchte Mr. Beale zweimal in seinem Geschäfts­lokale auf, traf ihn aber beide Male nicht. Er wußte keinen Rath mehr und war ganz unentschlossen über die ferneren Schritte, die er zur Auffindung seiner Gattin noch thun sollte. In allen hervorragenden Zeitungen hatte er große Anzeigen setzen lassen, aber er erhielt keine einzige Benachrichtigung, darauf. Währmd er also hin und her überlegte, wurde ihm von seinem Klub aus ein Brief übermittelt, der, wie die Aufschrift erwies, von Miß Cameron war. Sie bat ihn, wenn auch nur einen Tag nach Walton herüber zu kommen, da Etwas in Bezug auf John Leechs Pachtung zu ordnen sei.

Miß Cameron war seit dem unseligen Abbruch ihrer Beziehungen zu Margarita ganz allein geblieben. Sie hatte keine andere Gesellschafterin engagirt und Mr. Beates gelegentlicher Versuch sie dazu zu bewegen, mit dem Bemerken abgewiesen, daß Sie auf Miß Äyenels Rückkehr warten wolle.

Es waren nun bereits mehrere Wochen verflossen, seit Margarita aus Layston Park verschwunden war und Miß Cameron hatte Nichts weiter von ihr gehört. Ihre Sachen waren sorgfältig gepackt worden und standen zur Absendung bereit, aber es verlautete Nichts darüber. Adelaide gedachte ihrer zu jeder Stunde und hoffte täglich auf irgend eine Nachricht von ihr.

„Sie ist jetzt begreiflicherweise erzürnt und ent­rüstet", sagte sich Miß Cameron, „aber wenn ihr Zorn verraucht sein und sie sich klar wird, daß ich ganz schuldlos bin, dann wird sie zurückkehren."

Tage und Wochen vergingen indeß, ohne daß irgmd eine Kunde von ihr kam; inzwischen hatte Adelaide von Lord Rylestone's Heimkehr gehört und dadurch wurden ihre Gedanken von ihr abgelenkt und sie be­schäftigte sich nur noch damit, daß Lord Rylestone zurück war und sie ihn Wiedersehen würde.

Aber er ließ Nichts von sich hören. Er hatte nicht die geringste Absicht, Walton zu besuchen, und wenn John Leech nicht mit einer Klage wegen seines Pacht­zins gedroht hätte, wäre es sehr wahrscheinlich ge­wesen, daß er nicht hingekommen und daß das Räthsel über das Verschwinden seiner Gattin niemals, niemals gelöst worden wäre. Bei seiner Ankunft im Schlosse empfing ihn Adelaide im Strahlenglanze ihrer Juwelen und Schönheit, erschrack aber unwillkürlich bei seinem Anblicke.

Dieser hagere, sorgenbeladene, gebeugte, verzweifelte Mann konnte unmöglich derselbe Lord Rylestone sein, von dem sie sich vor ungefähr zwei Jahren an einem milden Juni-Abend getrennt hatte; die eingesunkenen hohlen Augen waren es nimmermehr, die sie damals so freundlich angeblickt hatten. Es lag grenzenloses Mitleib, fast Furcht in dem Blicke, mit dem sie ihn betrachtete. Ihre weichen, warmen Finger umschlossen seine kalte, kraftlose Hand.

„Sind Sie krank, Lord Rylestone, oder haben Sie sich in Canada zu Tode gearbeitet?" fragte sie ihn.

Er antwortete ihr lächelnd, aber sie wendete sich mit einem tiefen Seufzer ab.

„Das ist der Schatten Ihres früheren Lächelns," bemerkte sie. „Was ist mit Ihnen vorgegangrn?"

„Ich bin sehr unglücklich und befinde mich in einer verzweifelten Lage," versetzte er.

Sie sah ihn erstaunt an. Er erkannte die liebende Seele nicht, die aus ihren Augen strahlte.

„Sie sind unglücklich?" wiederholte sie. „O, sagen Sie mir den Grund, damit ich Ihnen Hel en kann!"

„Ja, Sie können mir helfen, aber ich muß Ihnen erst eine lange Geschichte erzählen und bedarf etwas der Erholung, ehe ich damit beginne. Ich muß dabei Manches vergefsen und mir Anderes in's Gedächtniß zurückrufen — muß mich erst ein wenig kräftigen. Ver­zeihen Sie mir, Adelaide, ich bin nicht recht Herr meiner selbst."

Er sank in den nächsten Sessel, sie knieete neben ihm nieder und ergriff eine seiner herabhängenden Hände. Das Unglück hatte sie näher gebracht, als sie sich je zuvor gestanden hatten.

„O, sagen Sie mir, was ich thun kann, um Ihnen zu helfen!" flüsterte sie mit sanfter, freundlicher Stimme. „Glauben Sie mir, daß ich zu Allem bereit bin, was Ihnen nur im Geringsten von Nutzen sein kann."

Zu seinem Glücke sah er den innigen Ausdruck, die Zärtlichkeit und Hingebung, die aus den Zügen des Mgen Mädchens sprach, nicht."

„Ich bin zu jeder Hilfeleistung bereit," fuhr sie mit ihrer weichen, sanften Stimme fort. „Verzeihen Sie mir, wenn ich ganz offen spreche, ich zähle dabei auf unsere alte Freundschaft. Betrifft Ihre Sorge Geldangelegenheiten? "

Er fühlte sich ihr für ihre Freundschaft unendlich verpflichtet — sie rührte sein Herz — und er beschloß, ihr allmählich seine Geschichte zu erzählen, wenn sie ihm auch seine grenzenlose Sorgenlast nicht zu erleichtern vermochte. Was sie auch für ihn thun konnte, diese Last war ihm nicht abzunehmen.

„Es handelt sich um keine Geldangelegenheit," er­widerte er langsam; „ich glaube nicht, daß Geldsorgen mich je wieder bedrückm werden. Ich bin namenlos unglücklich und Sie sollen die Ursache erfahren, aber nicht gleich, nicht heute, mir erscheint mein Schmerz in rief em Augenblicke zu groß für Worte. Morgen werde ich kräftiger sein und dann sollen Sie Alles erfahren."

„Und Sie werden meine Hilfe annehmen?" fragte ie theilnehmend.

Er bejahte ihre Frage und versicherte sie seiner innigen Dankbarkeit für jede Hilfeleistung. Da pochte es an die Thür und Adelaide erhob sich hastig und verwirrt aus ihrer knieenden Stellung. (Forts, folgt.)

Damit haben sie denn auch die böse Zeit wacker, getrost und freudig überstanden und es folgte auf die schlimmen Jahre eine Zeit der Zucht und guten Sitte, der Gottesfurcht und Frömmigkeit, aber auch der Ruhe und des Wohlstandes in ganz Deutschland und insbe­sondere in Hessen, wie noch keine da gewesen war, so daß man noch jetzt und mit Recht diese Zeit „die gute alte Zeit" zu nennen pflegt. Doch Gott fei Dank, es gibt noch heutigen Tages Dörfer und Gegen­den in Hessen, wo, wenn es Mittag oder heiligen Abend läutet, die Leute auch draußen auf dem Kar­toffelacker, und wenn sie gleich bis dahin müßige oder faule Geschwätze geführt haben, doch mit einem Male stille werden, ihre Mützen abnehmen und ein stilles Vaterunser sprechen. Der Historienschreiber meint, diese Leute hätten um ihres Gebetes willen noch immer etwas von der alten Unerschrockenheit und Freudigkeit in Noth und Tod, wenigstens hat es .hm so vor­kommen wollen, und er wußte nicht, ob die anderen Dörfer und die Städte, in denen das gemeine Gebet, oft auch das Geläut abgekommen ist, so gar übel thäten, wenn sie es den Dörfern, welche hier gemeint sind, nachahmen und ihr Geläut und Gebet wieder Herstellen wollten. Wenigstens wünscht er, daß die alte Sitte da nicht abkommen möge, wo sie herrscht.

Aber unsere Väter sahen auch in vielen Dingen, auf die wir heut zu Tage gar nicht mehr achten, Vor­zeichen solcher göttlichen Strafgerichte und Vorzeichen des jüngsten Tages und meinten gar oft, den jüngsten Tag mit Gewißheit herankommen zu seheu und d-sien Zeit ausrechnen zu können. So ging an die sechzig Jahre lang (seit dem Jahre 1530 ungefähr) durch ganz Deutschland, auch durch Hessen der Reim:

„Das Jahr achtzig acht Ist das Jahr, welches ich betracht; Geht alsdann die Welt nicht unter, So geschieht doch großes Wunder."

Es gab Gelehrte, welche auf das Jahr 1532, 1533, 1583, 1657, 1666, den gewissen Untergang der Welt ausrechneten, bald aus den Sterneu, bald Sprüchen und Buchstaben und welche sorgfältig Erzählungen von Mißgeburten, feurigen Zeichen „... Himmel (die Kometen verstanden sich als Zeichen des jüngsten Tages von selbst), ja von seltsamen Gestalten der Wolken und vom Fluge der Vögel als eben so viel Merkzeichen des Weitendes aufzeichneten; auch von hessischen Wunderzeichen der Art ist in dicken Büchern gehandelt. Das war nun freilich Aberglaube und meist noch sündlicher Aberglaube dazu, denn den jüngsten Tag soll man nicht mit menschlichm Künsten ausrechnen wollen; den hat sich Gott Vater allein Vorbehalten. Auch ist der innerste Grund, weshalb solche Beob­achtungen und Rechnungen angestellt wurden, oft nicht allein eine vorwitzige Neugier, sondern auch eine fast heidnische Furcht; aber etwas liegt doch immer in der­selben, etwas, was unserer Zeit, die große Lust hat, neben den Wunderzeichen von Kometen und Mißge­burten auch den Gottesglauben und das Gotteswort selbst mit zu dem alten Aberglauben zu rechnen, fast ganz und gar fehlt: Die gewisse Aussicht auf große, zukünftige Dinge, auf ein Ende aller Zeitlichkeit und aller irdischen Sachen, auf die Auferstehung der Todten und auf eine ewige Seligkeit. Mochte das auch mit­unter in gar kleinen und albernen Dingen gesucht werden, diese Gedanken an eine große, gewaltige Zu­kunft waren doch immer dabei, und der Historien- fchreiber läßt sich nicht ausreden, daß das recht große Gedanken waren, weit größere als unsere Zeit hat, die nur an heute und morgen denkt und von dem Zu­stande nach dem Tode nichts weiß, als daß wir „davon nichts wissen" oder wenn's ja Einer mit schönen Worten schmücken will, „daß dort ein dunkles unbe­kanntes Land sei." Da ist mir denn doch das Morgen- roth des jüngsten Tages, und wenn ich es auch nur aus blutrothen Wolkengestalten, wie sie jeder Herbstabend bringt, herausleuchten sehe, lieber als das dunkle und unbekannte Land.

Von diesen Zeichen will ich meinen lieben Lesern nur ein Beispiel geben. Im Jahre 1552 und bann wieder 1578 kam eine ungeheure Menge kleiner unbe­kannter Vögel an dem Lahnberg bei Marburg an; ihre Zahl war so groß, daß die fliegenden Schwärme die Sonne verdunkelten und die Schaaren beim Sitzen alle Büsche und Bäume und den ganzen Erdboden be­deckten, so daß man sie bei Nacht von den Bäumen schüttelte und mit Händen in großen Hansen fing. Diese Vögel hatten am Flügel ein kleines rothes Feder- lein, einem blutigen Spießeisen gleich; das bedeutete nun Krieg und Blutvergießen und bei Bielen sogar _____,___a, __, ... „vu# „VV|UUMI WU1-__

ba§ endliche schreckliche Gericht über alle Gottlosen. Frauen sind ja oft so scharfsinnig und erfinderisch. Er

Wrr haben dieselben Vögel vor etwa 20 ober 30 machte sich also auf ben Weg. Am letzten Tage be8

^agren in fast ebenso großer Anzahl an eben bemselben November langte er auf dem Schlosse an, in bas er

Lahnberg ankommen sehen, aber an bas jüngste Gericht Margarita als seine Gatttn einzuführen gehofft hatte.