207 Samstag, den 10. September 1892. 19. IahrgaW
FuldaerMZcitllng
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♦ Offiziös wird gemeldet: S.M. der Kaiser haben die Abhaltung der Kaisermanöver beim 13. und 14. Armeekorps aufgegeben.
* Berlin soll behördlich für seuchenfrei erklärt werden. Seit gestern ist weder eine Erkrankung an Cholera, noch ein Choleratodesfall vorgekommen. Im Krankenhause zu Moabit sind heute noch 91 Personen untergebracht, die aus Cholera beobachtet werden; gestern wurden davon 15 als gesund entlassen. Der Berliner Magistrat beantragt bei den Stadtverordneten die Bewilligung eines Kredits von 300,000 Mark für die bereits ergriffenen und noch zu ergreifenden Maßnahmen gegen die Choleragesahr.
* Professor Virchow erklärte einem Journaüsten gegenüber die in Rußland zur Bekämpfung der Cholera und zur Vorbeugung einer Verschleppung derselben getroffenen Vorkehrungen für geradezu großartig; man könne sagen, daß die Russen in gewisser Beziehung weiter seien, als wir in Deutschland und Berlin. Der ganze Westen Rußlands sei gegenwärtig seuchenftei.
* Dem Bundesrathe wird eine Novelle zum Gesetz über die Kautionen der Bundesbeamte» zugehen.
* Der Kolonialrath wird im Oktober berufen.
Geheimrath v. Glasernapp vom Reichsschatzamt ist zum Vertreter Deutschlands auf der von den Bereinigten Staaten berufenen Währungskonferenz be-
Deutsches Deich.
Berlin, 8. September.
tet worden fei Am folgenden Morgen — das besagt genug! Der Bericht scheint aber erst am 24. August also zwei Tage nach Feststellung der Cholera in Berlin angekommen zu sein, denn an diesem Tage wurde zuerst daS Auftreten der Cholera in Hamburg amtlich gemeldet. Hat Hamburg keine Telegraphen? Warum wurde nicht wenigstens am 22. August in Hamburg das Auftreten der Cholera bekannt gegeben, um sofort die schärfsten BorbeugungSmaßregeln zu treffen? Und herrschte nicht schon am 16. August die Cholera in Hamburg, wie Professor Dr. Koch festgestellt hat? Wir wollen eS auf sich beruhen lassen, ob die Hamburger Behörden absichtlich ein Verheimlichungsund Vertuschungssystem beobachtet haben, es genügt zu ihrer moralischen Verurtheilung, daß sie sich wenigstens einer unverantwortlichen strafwürdigen Sorglosigkeit und Nachlässigkeit schuldig gemacht haben. Gegen diesen Borwurf haben die Behörden auch nicht einmal ein Wort der Vertheidigung gefunden. Uebrigens ist man selbst in nationalliberalen Kreisen Hamburgs jetzt sehr schlecht aus den Senat und dm Magistrat in der Musterrepublik zu sprechen, man geht mit den Behörden in Zuschriften selbst an nationalliberale Blätter strenge ins Gericht und u. A. ist in einer Zuschrift an die .Nationalztg." die Frage aufgeworfen, ob es weiter zulässig erscheinen könne, daß dieser Stadt-Magi st rat die Funktionen einer Staats-Regierung auszuüben habe.
* Breme», 8. Sept. Amtlich. Seit gestern Mittag ist den Krankenanstalten ein Cholerafall nicht zugeführt worden. Seit dem 3. September kein Erkran- kungs- und kein Todesfall vorgekommen.
* Cleve, 5. Sept. Von einflußreichen Mitgliedem der CentrumSpartei des Wahlkreises Cleve-Geldern, dessm Reichstagsmandat durch dm Rücktritt des bisherigen Abgeordneten Perger erledigt ist, wird als Kandidat zur Ersatzwahl der jetzige Chefredaktmr der .Germania" in Berlin, Dr. Marcour, vorgeschlagen und jedenfalls auch ausgestellt werben. Herr Dr. Marcour ist am Niederrhein geboren; er stammt aus einer angesehenen Familie CalcarS, war längere Zeit Redakteur der .Köln. Volksztg.", leitete dann kurze Zeit dm ,Wests. Merkur" und ist seit etwa einem Jahre Redakteur der .Germania."
* Trier, 7. Sept. Die Abbestellung der Kaiserparade hat in der Bürgerschaft eine große Enttäuschung hervorgerufen. Alle Vorbereitungen zum Empfange des Kaisers sind getroffen. Die materiellen Nachtheile der Einwohner sowie der Stadt sind erheblich. Die.Trieri- sche Zeitung" bezeichnet Maßregeln für unbedingt geboten. . ,
* Bochum, 7. Sept. Am 3. Oktober ist, tote berichtet, vor der Strafkammer in Essen Termin angesetzt zur Verhandlung der Beleidigungsklagen Baare contra Fusaugel. Für die Verhandlungen sind nur zwei Tage angesetzt, obwohl dieselben, wenn der von Herrn Fnsangel beantragten Beweisführung stattgegeben wird, viel länger dauern dürften. Herr Fus- angel hatte gegen Bürgschaft einen achtwöchentlichen Urlaub beantragt zur Vorbereitung seiner Vertheidi-
Mädchen den ganzen Hergang, daß ihre Herrin es hier zu einsam gefunden habe und dämm mit Verwandten in ein Seebad gereift sei.
„Mit welchen Berwandtm?"" fragte er barsch.
DaS wußte Ellen Smith nicht. Sie erzählte weiter, daß alle seine Briefe an das Gmeralpostamt St. Martin le Grand in London übermittelt worden wären, daß Mrs. Estcourt ihnen allmonatlich den Betrag für Alle Auslagen geschickt und daß sie immer in ihrm Briesen von ihrer Rückkehr zu Ansang des November gesprochm habe. Er hörte ihr wie ein Träumender zu.
„Jetzt fing ich nun an, sehr ängstlich und besorgt zu werden, denn seit sechs Wochm hat meine Herrin Nichts von sich hören laffm. Das andere Mädchen, daS mit mir zurückgeblieben war, wollte nicht länger bleiben, sie behauptete ganz bestimmt, daß das nicht seine Richtigkeit haben könne. Ich wollte das Haus aber nicht verlassen.""
Er wußte nicht, was er sagen sollte, denn er hatte nicht dm geringsten Schlüssel zu Margarita's Ser» halten, ahnte er doch Nichts von ihrem Verlangen, das Geheimniß des Testaments zu entdeckm, von ihrer eifersüchtigen, krankhaften Sorge, daß sie zwischen ihn und sein Glück getreten sei, und von ihrem Entschlüsse, aus jede Gefahr hin und um jeben Preis Alles zu ent- becken unb ihm zu feinem Rechte zu verhelfen. Selbst
gung, inbefj ist durch bie Staatsanwaltschaft in Essen biefer Antrag abgelehnt worben. Nach Lage bet Sache kann sich Herr Fnsangel im Gesängmß unmöglich in geeigneter Weise auf feine Vertheidigung vorbereitm, zumal ihm die Lektüre von Zeitungen nicht gestattet ist. Er ist also nicht einmal orientirt über bie Verhanblnngm des stattgehabten Stempelprozesses unb kann kein Urtheil bariiber haben, in Wie wett fern Beweismaterialeiner nochmaligen Prüfungunb Sichtung zu unterziehm ist. Es ist vielfach aufgesmlen, baß man ben Verhanblungstermin kurz vor bei Entlassung Fusanzel's aus seiner gegenwärtigen Gesängnißhast angesetzt hat. Jebensalls erheischt bas öffentliche Interesse eine enbliche unb nach allen Seiten befriebtgenbe Aufklärung ber Angelegenheit. Es ist unseres Erachtens gar kein Grunb vorhanden, auch nur den Schein zu erwecken, als ob Herr FuSangel in seiner Vertheidigung nicht frei sei. M .
* Koblenz, 7. Sept. Am Samstag Nachmtttag starb die K r a n k e n s ch w e st e r, die den hier im Jsolir- Hospital verstorbenen Hamburger gepflegt hatte, unter ben Anzeichen ber Cholera. Im Ganzen sinb jetzt bret TobeSsälle an Cholera hier vorgekommen. Die Barmherzige Schwester, welche bie verstorbene Krankenschwester pflegte und die Wärterin, welche die Wäsche ber Verstorbenen besorgt hat, sinb gestern unter »er- bächtigen Umftänben ebenfalls erkrankt.
• Mainz, 7. Sept. Als ber Korrespondent be8 Mainzer Tagblatts," ber biefem bie gehässige Auslassung über: „Die Ultramontanen auf bem Rhein"" zugehen ließ, entpuppt sich nunmehr em gewifier Herr Heinrich Fett. In einer m bem genannten Blatte gestern abgebruckten Erklämng äußert berselbe sich also:
„Das Mainzer Journal" nimmt tn ferner gestrigen Nr. 207 zu derartig verleumderischen, gifksprühenden, gehässigenJnstnna- tionen gegen meine Person als Referent des Mainzer TagvlattS^ über die ultramontane Rheinfahrt feine Zuflucht, daß ich gegen die Redaktion des Journals den Klageweg betreten habe. Auf eine weitere Polemik gegen das Journal und dessen unquali- ficirbare Kampsmanier einzugehen verbietet mir Die Selbst- °^Mainz, 6. Sept. 1892. Heinrich Fett."
Dazu bemerkt bas Mainz. Journal": Der Schlußsatz ber Erklärung ist von uns, unb wie uns allgemein versichert wirb, von Allen benen, welche Herrn Fett näher zu kennen die Ehre haben, gebührend gewürdigt worden. In puncto „Selbstachtung"" aber haben wir und, Wie man uns verschiedentlich mittheilt, auch die anderen Leute ganz entgegengesetzte Ansichten wie Herr Fett. Wir meinen, daß es eine der ersten Pflichten ber „Selbstachtung"" sei, thatsächliche Unwahrheiten unb Beleibigungen ehrlich zu wiberrufen.
♦ Aus der Pfalz, 7. Sept. Der Centrumsverem Speyer hielt am Sonntag eine Versammlung ab, bie einen großartigen Verlaus nahm. Weber 2000 Männer hatten sich im Saale ber Schwarzhalle-Bierhalle ein- gefunben. Um 4 Uhr eröffnete Herr Domkapitular unb Stabtpsarrer Busch bie Versammlung mit bem christ- katholischen Gruße „Gelobt sei Jesus Christus" und wies auf ben Ernst ber Zeit hin, in ber sich alle unsere Gegner zusauunengethan, um an ben Funba- bessen erinnerte er sich nicht mehr, baß er sie gebeten hatte, Miß CarneronS Briese zu lesen, unb daß einer derselben eine Anspielung auf das Testament enthielt. Er war ganz verwirrt, unb baS Mädchen betrachtete ihn mit innigem Mitleid.
„Sie hofften wohl, meine Herrin hier vorzufinben, Sir?" fragte sie. „Vielleicht kommt sie morgen. Sie weiß boch, wann Sie zurückzukehren gebuchten?"
„3a", versetzte er, „sie weiß Tag unb Stunbe." Dann fragte er nach bem Telegramm, unb bas Mädchen übergab es ihm.
„Ich nahm es an, Sir", sagte sie, „wagte aber nicht, es zu öffnen." , , _
Er riß baS Telegramm, bas Margartta s Herz mit seliger Freude erfüllen sollte, in Stücke und trat mit bem Fuß barauf — unb blieb bann ganz still wie Jemanb sitzen, der von einem furchtbaren Schlage betäubt ist. wußte nicht, wie lange er gesessen hatte, bis Ellen wieder mit der Frage zu ihm kam: „Wollen Sie nicht in ben Salon kommen, Sir? Ich habe bort Feuer und bie Lampen angezündet."
Er folgte ihr in das trauliche Gemach, in bem er mit Margarita so viele glückliche Stunben verlebt hatte, Schwankenbes Schrittes betrat er beffen Schwelle Als seine Blicke auf bie wohlbekannten Gegenstände fielen, zitterte er, wie Jemand, ben bie Schauer des Todes
stimmt.
* Den Berliner Stadtverordneten ist eine Magi- stratsvorlage zugegangen, mittelst welcher die Bewilligung von 27,000 Mark zur Beschickung der Chicagoer Weltausstellung mit Modellen und Zeichnungen hiesiger Bauanlagen beantragt wirb.
* Die Reichstagsersatzwahle» in Sugun-Sprottau unb Halle-Hersorb haben an bem Besitzstände der Parteien nichts geändert. Die Freisinnigen behaupteten den ersteren, die Deutschkonservativen den letzteren Wahlkreis.
* In den Städten an der Hamburger Eisenbahn sind an ben Bahnhösen unb Flußläufen Anschläge angebracht, welche besagen, daß baS Elbwaffer von Wittenberge ab stromabwärts mit Cholerakeimen bnrchsetzt sei, weshalb vor ber Benutzung besselben zum Baben, Kochen, Waschen unb Trinken ernstlich gewarnt Wirb.
* Hamburg, 7. September. DieBehörben ber Musterrepublik Hamburg sehen sich genöthigt, burch ihr offiziöses Organ, ben ,Hamb. Korrefp." sich gegen bie Vorwürfe zu vertheidigen, bie jetzt allenthalben gegen sie erhoben werben. Selbstverstänblich leugnen sie ab, baß sie ben Ausbruch ber Cholera-Epidemie absichtlich längere oder kürzere Zeit geheim gehalten hätten, um nicht bie Hamburgischen Handels- und Schifffahrts- Interessen zu schädigen. Sie berufen sich zu ihrer Rechtsertigung darauf, daß, sobald das Auftreten der Cholera durch die am Nachmittag des 22. August abgeschlossene bakteriologische Untersuchung sestgestellt war, am folgenden Morgen durch die obersten Medizinalbehörden an daS Reichsgesundheitsamt berich-
Das verhäugmßvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(83. Fortfetznng.)
Er stand nun auf ber Flur und blickte mit bleichem Antlitz und bebenden Lippen rings umher. Da war keine Margarita zu sehen. Er sprach mit leiser Stimme:
„Wo ist Ihre Herrin?" und das Mädchen sah ihn erschrocken an.
„Wissen Sie es denn nicht, Sir?" erwiderte sie. „Meine Herrin ist nicht hier. Sie ging, bald nach Ihrer Abreise, auch von hier fort und ist nicht wieder zurückgekehrt."
Ei» Schmerzensschrei entrang sich seiner Brust. Es schien, als ob ein stummer, leidenschaftlicher Schmerz sich seiner bemächtigt hätte. Endlich sank er auf einen in der Nähe stehenden Stuhl nieder und wiederholte langsam ihre Worte:
„Sie ging bald nach meiner Abreise auch von hier fort unb ist nicht wieber zurückgekehrt. Wie ist eS möglich? Ich habe boch fortwährenb Briefe von ihr hier ans Maryeth erhalten. Was meinen Sie eigentlich?"
Er sprach in eigenthümlich betlemmenber Weise unb War wie betäubt. Darauf erzählte ihm bann bas