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IS. Jahrgang

Freitag, den 9. September 1892.

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JM 206

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* Unseren liberalen Gegnern

hat wohl selten eine Katholiken-Versammlung so viel Kummer gemacht wie die Mainzer. Mit Sorgen haben sie die Versammlung kommen sehen, mit Betrübniß blicken sie auf ihren Verlauf zurück. Wie dieselbe eigentlich hätte verlaufen sollen, darüber machen sie sich schwerlich ein klares Bild, und wir wüßten ihnen auch nicht zu helfen; denn nach unserer Ansicht ist sie eben genau so verlaufen, wie sie verlaufen mußte. Eben so wenig sind sie sich klar darüber, was sie denn eigentlich an ihr aussetzen sollen. Denn wenn protestantenvereinliche und jüdische Blätter sich so mächtig entrüsten über die Beleidigung, die der Herr Bischof von Mainz den Protestanten angethan haben soll, so können wir unmöglich annehmen, daß es ihnen mit dieser Entrüstung ernst ist. Die eine oder andere Wendung in den Reden Lieber's, Ballestrem's oder Porsch's, die j diesem oder jenem Liberalen nicht gefallen mag, ist doch auch noch kein Grund, das Vaterland für „in Gefahr" zu erklären. Was wir aber sonst noch hören, sind Deklamationen über „Ultra- montanismus", „Junker", „Reichsgedanke" u.s.w., mit denen vielleicht das „gebildete Bürgerthum" etwas an­zufangen weiß, wir nicht. Also wozu den Lärm?

Es muß wohl noch etwas in der Luft liegen, sagt die ,Köln. Vlksztg.', was den Liberalen die Lage schwül erscheinen läßt, und so wittern sie denn gleich so etwas von einem Bündniß aller Reaktionären und Klerikalen, zu dem die Regierung mit Verzweiflungs­miene Gevatter steht. Einen verheerenden Funken in das liberale Pulverfaß hat am Samstag die ,Nordd. Allgem. 3‘g.' geworfen. Ihr Artikel besagt im Grunde nur, daß man sich bemühen müsse, zu den Reden auf der Mainzer Versammlung eine objektive Stellung zu gewinnen, und daß die Einigkeit im Centrum eine Thatsache sei, mit der man rechnen müsse und an der andere Parteien sich ein Muster nehmen könnten. Ein solches Urtheil kränkte um so tiefer, als dieselbe ,Nordd. Allgem. Ztg.' die Katholiken - Versammlung mit einem recht ungeschickten Artikel begrüßt hatte. Das Blatt macht sich heute ein Vergnügen daraus, eine Anzahl der heftigsten Auslassungen zusammenzustellen, die ihr Artikel hervorgerufen hat.

Das A. und O. ist immer: wie kann man nur diefe verruchten Ultramontanen so behandeln! Was soll aus dem Vaterlande werden, wenn die Regierung sich unter das Joch des Ultramontanismus beugt? Der ganze Schmerz kommt also bei unseren Liberalen daher: Eine Ahnung sagt mir, bald wird man mich verleugnen. Die Regierung glaubt — das ist die finstere Ver- muthung unserer Vertreter derer von „Bildung und Besitz" — die mächtige Partei des Centrums für ihre Politik nicht entbehren zu können, und so steht zu be­fürchten, daß die Liberalen kalt gestellt werden könnten. Nun großes Halloh: „Es ist doch wahrlich eine Schmach! Gesellschaft könnte sie die allerbeste haben und läuft jetzt diesem Centrum nach". Eindringlich wird der Regierung nun zu erwägen gegeben, was aus dem „Reichsgedanken" und dem „Kaisergedanken" werden

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(82. Fortsetzung.)

„Wenn Sie es so ansehen, Madame, so muß ich mich in Demuth unterwerfen. Ihr Zorn schmerzt mich sehr tief, denn ich habe Ihnen treu und ehrlich ge­dient. Das einzige Unrecht, das ich beging, ist, daß ich nicht ruhig zusehen konnte, als man Sie bestehlen wollte."

Die klägliche Stimme und das zuckende alte Gesicht rührten Adelaide. Sie konnte ihrer alten treuen Dienerin, deren einziger Fehler ihre allzu große Dienst­fertigkeit war, nicht zürnen.

„Ich verzeihe Ihnen, wenn Sie mir versprechen, nie etwas Aehnliches zu thun."

„Hoffentlich wird sich nie wieder Gelegenheit dazu finden," erwiderte Mrs. Grame und verließ in äußerst würdevoller Haltung das Zimmer.

„Sie sind Beide blind — ja mehr denn wahnsinnig gewesen — daß sie es wagten, Miß Ayenel so schmäh­lich zu behandeln," fuhr Miß Cameron fort. „Ich muß ihr auf jede nur ersinnliche Weife Genugthuung ver- schaffen."

Aber dazu bot sich ihr nie wieder die Gelegenheit. Miß Cameron wartete Tag und Nachlauf eine Kunde

sollte, wenn sie sich „klerikal gängeln" lasse, sich „unter das Joch des Klerikalismus beuge" u.s.w. — Die Phraseologie für solche Fälle ist ja bekannt, und eine neue Wendung finden wir nicht, selbst von dem „schwülen Weihrauchduft" der ,Köln. Ztg? meinen wir schon gelesen zu haben. Bei den dringenden Vor­stellungen bleibt es aber nicht; es wird auch ge­droht, und zwar mit der scharfen Opposition des gesammten Liberalismus, der wieder 'mal einen Rütli- Bund schließen wird.

Und um das „gebildete Bürger:hum" hierfür zu begeistern, wird es mit den gruseligsten Redensarten von „Ultramontanen" und „Junkern" bearbeitet. Natürlich waren die „Ultramontanen" ganz nette Leute, so lange sie freisinnige Wahl - Beklemmungen heben halfen. Nun sie an Orten, wo man es anders gewohnt war, den Konservativen gegen die Liberalen beistehen, nun muß eine Schwenkung der Ultramontanen zu den konservativen Junkern und Landräthen, wo möglich unter dem Oberkommando eines Bischofs, eingetreten sein. An alles, was Freisinn und Nationalliberalis­mus beim Schulgesetze gethan, will man nicht erinnert werden; von den Bemühungen, den Liberalismus auf einem kirchenfeindlichen Boden zu vereinigen, sollen die Katholiken nichts merken; sie sollen thun, als wäre noch alles beim Alten. Den Nationalliberalen dürste nicht wenig Schmerz die Sorge machen, das Centrum könne die Militär-Vorlage annehmen. Eigentlich sind solche Sachen doch etwas, was die Nationalliberalen berufsmäßig aus Patriotismus zu machen haben, und es wäre doch höchst unbequem, sich hier vom Centrum ausstechen lassen zu müssen, um so mehr, als man wegen einer solchen That auch noch nicht einmal auf das Gentium schimpfen dürfte. Wenn es dies ist, so meinen wir, die Nationalliberalen brauch­ten sich vorerst noch keine Pein zu machen; sie dürften vollauf Gelegenheit finden, ihren Patriotismus zu be­währen.

Daß die Regierung mit dem Centrum rechnet, glauben wir, denn sie muß wohl. Daß nun aber da­mit alle die sä limmen Dinge kämen, die den Liberalen die erhitzte Phantasie vorspiegelt, davon sehen wir bis­her leider wenig Anzeichen. Die Regierung macht noch keine Miene, den „ultramontanen Forderungen" ent­gegenzukommen; irgend eine offiziöse Zeitungsfreund­lichkeit hat nichts zu bedeuten. Anderseits denkt auch das Centrum nicht daran, mit fliegenden Fahnen und brennenden Lunten in's Regierungslager einzu- marschiren. Man sehe sich doch nur die zahlreichen Klagen und Beschwerden an, die in Mainz erhoben wurden: Jesuiten - Gesetz, Ordensfra^e, Schulfrage, Parität u. s. w. Und sollten auch alle unsere For­derungen erfüllt werden, unbedingte Regierungs-Partei würde das Centrum damit doch noch nicht. Voraus­sichtlich bliebe also den Liberalen noch vielfach Gelegen­heit, einzufpringen; wenn sie nur die Macht dazu hätten. Daß diese fehlt, wird die Regierung auch nicht unbeachtet lassen können.

Lindernden Balsam auf die liberale Wunde hat ein Telegramm der Münchener Allgem. Ztg.' geträufelt,

von Miß Ayenel, sie stellte alle erdenklichen Nach­forschungen an, weil sie sich nach ihrer Rückkehr sehnte; aber Margarita Rylestone kehrte nicht wieder in das Haus, aus dem sie als Diebin vertrieben war, zurück.

„Und wenn es sich wirklich so verhielte, wenn Miß Ayenel mich meiner werthvollsten Kleinodien beraubt hätte, so würde ich sie dennoch geschont haben, weil ich sie liebe."

43. Kapitel.

Zwei Jahre waren vergangen, die Zeit der Ver­bannung war vorüber und Lord Rylestone stand wieder auf englischem Boden. Wie lang war ihm die See­reise geworden! Er brachte ganze Tage auf dem Deck des Schiffes zu und schien die vorübergehenden Mi­nuten zu zählen und zu segnen, weil ihrer jede ihn näher brachte zu Derjenigen, die er von ganzer Seele liebte.

Er lächelte jetzt erstaunt über sich selbst, daß er die Trennung so standhaft ertragen hatte. Nun war sie überstanden und brauchten sie hienieden nicht mehr von einander zu gehen. Er wollte das schwarzäugige Weib, dessen Antlitz in südlicher Anmuth strahlte, nie wieder verlassen. Daß sie gesund und zufrieden war, hatte er aus ihren Briefen ersehen; nur in der letz­teren Zeit waren sie ernster als sonst erschienen und es war ein ihm unerklärlicher schwermüthiger Grundton

wonach die Haltung der Centrumsführer in Mainz an den maßgebenden Stellen des Reiches und Preußens den ungünstigsten Eindruck hervorgerufen habe. Wir wollen's abwarten. Zu dem Uebermuth, den uns die Liberalen zuschreiben, haben wir wahrlich keine Ver­anlassung, sehen wir doch so gut Wieste den verhäng- nißvollen Mangel an Stetigkeit und Klarheit in der gegenwärtigen Politik. Aber so viel verstehen wir von der Lage doch auch, um sagen zu können: ohne das Centrum wird es so leicht nicht gehen. Dabei wird uns die Angst, welche die Liberalen vor uns verrathen, nicht verleiten, unsere Macht zu überschätzen und unsere Erwartungen zu Überspannen. Im Gegentheil, bittere Erfahrungen haben uns noch vorsichtiger als gewöhn­lich gemacht.

Deutsches Keich.

Berlin, 7. September.

* Die Meldung des,Hamb. Korrespondent' wonach der Kaiser auch die Manöver in Baden und Württem­berg abbestellt habe, ist in dieser Form unzutreffend; richtig ist nur, daß mit dem Ausfall der Manöver im Rheinland und in den Reichslanden vorläufig auch der geplante Befuch des Kaisers an süddeutschen Höfen unterbleibt.

* In Berlin ist kein neuer Fall asiatischer Cho­lera festgestellt worden, obfchon seit gestern 16 cholera­verdächtige Erkrankungen amtlich gemeldet sind. Der Kaufmann Kappel liegt noch immer schwer krank dar­nieder. Im Ganzen sind in Berlin 6 Erkrankungen an asiatischer Cholera vorgekommen, davon 4 mit tödt- lichem Ausgange. Auch die Erkrankungen an Brech­durchfall nehmen ab. Es erkrankten daran an den einzelnen Tagen seit dem 30. August: 24,24, 25, 22, 22, 12 und gestern gleichfalls 12.

* Zwischen Helgoland und Cuxhafen bezw. Ham­burg ist wegen der auf Helgoland eingerichteten Qua- rantaine die Postdampfschiffahrt eingestellt worden. Die Postverbindung mit Helgoland wird von Wilhelms­haven bezw. Gestemünde aus unterhalten.

* Ein Telegramm aus Petersburg meldet: „Die Kommission, welche zur Berathung der zwischen Deutsch­land uud Rußland schwebenden wirthschaftlichen Fra­gen eingesetzt ist, wird, wie verlautet, noch im Laufe dieser Woche zu einer Sitzung zusammentreten. Der Kommission gehören der Finanzminister, die Minister des Innern und der Domänen, sowie der Minister des Auswärtigen an."

* Eine ganze Reihe von gesetzgeberischen Maßnahmen, die sich auf die Handwerker-Verhält­nisse beziehen, werden von den offiziösen ,Berl. Polit. Nachr.' angekündigt. Vorläufig werden Gesetzentwürfe über die Ab zahlungs- Geschäfte und denHausir- Handel in Aussicht gestellt. Daß diese Gesetze auch die Handwerker-Frage berühren, wollen wir nicht in Abrede stellen, aber sie betreffen nicht lediglich das Handwerk, sondern auch das Kleingewerbe (sogar auch die großen Möbel-Fabriken, die keine Abzahlungs-Ge­schäfte machen) und das stehende Gewerbe, nicht minder

hindurchgezogen. Bald sollte sein dunkeläugiger Lieb­ling, dem der Abschied so schwer wurde und die Trennung so unerträglich schien, wieder an seinem Herzen ruhen. Er gedachte des blumenumrankten Fensters und des liebestrahlenden Antlitzes, das ihm daraus entgegen lächeln würde. Freilich blühten bei seiner Rückkehr die Blumen nicht mehr, sie waren längst ge­storben und die langen, kahlen Ranken hingen traurig herab, aber das heißersehnte Antlitz war doch da — die dunklen Augen, die ihm einen leidenschaftlichen Gruß entgegenbrachten, erwarteten ihn doch dort. Wie langsam schien das Schiff vorwärts zu gleiten! O, daß er zu Margarita fliegen — daß er sich durch die Luft Bahn machen und an ihre Seite eilen könnte! Er feufzte tief,und schwer und dann bezwang er seine Gefühle und gedachte jenes Fensters, an dem ihn Mar- garitas Antlitz strahlend wie ein Stern erwarten würde.

Sobald er landete, telegraphirte er nach Maryeth: „Ich bin in London angekommen und hoffe in zwölf Stunden bei Dir zu sein."

So hielt er eS für das Beste. Sie konnte sich nun genügend auf seine Ankunft vorbereiten und würde sich noch rechtzeitig seines Wunsches erinnern, um ihm von jenem Fenster aus ihren Willkommengruß entgegen zu winkm.