V 204
Mttwoch, den 7. September 1892
19. Jahrgang
illdaerMZeitiilig
Sonn» und Fmrlagk ausgenommen. - Inserate kosten bte einspaltige Zelle oder deren Raum 15 Ps„ bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vwrleilapriicber Abonnementspreis ohne Bnngerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 60 Pfennig.
39. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands zu Mainz.
Mai»;, 1. Sept.
Graf Ballestrem als Schlußredner der vierten öffentlichen Generalversammlung (mit lautem Zuruf begrüßt) bespricht die gegenwärtige Lage der Katholiken Deutschlands, namentlich in den Parlamenten. Wir haben nun Windthorst schon mehr wie ein Jahr entbehren und ohne ihn katholische Angelegenheiten verwalten müssen. Wenn wir einen Rückblick weifen, so rst zuerst unser Blick gerichtet nach Rom. Tiefe Betrübniß und Indignation ergreift uns dabei. Die Lage des Papstes hat sich im letzten Jahre um nichts gebessert. Redner bespricht dann die Exzesse des liberalen Pöbels in Rom bei der katholischen Columbusfeier; sodann die neueste radikale Agitation gegen das Garantie-Gesetz. Wir protestiren immer von Neuem gegen die unwürdige Stellung des heiligen Vaters, jedes Jahr, cur jeder Versammlung. Der Papst darf keines Menschen Unterrhan sein; er ist der Stellvertreter Gottes und nur Gott verantwortlich. (Lauter Beifall.) Man gebe dem Papste sein Eiqenthum zurück. Nun werden die Gegner fragen: „Wie könnt Ihr die Rückgabe Rom's verlangen, ohne den Dreibund zu bekämpfen? Ich würde die Frage nicht besprechen, wenn ich nicht von den verschiedensten Seiten in ein falsches Licht gesetzt worden wäre. Die Köln. Ztg.' schrieb in einem Artikel, der Papst sei eine Verlegenheit für das Centrum. Ich protestire dagegen; der Papst wird nie ei ne Verlegenheit für das Centrum sein. (Beifall.) Aber auch das Centrum wird nie eine Verlegenheit für den Papst fein. Wir sind eine Garde des Papstes. (Beifall.) Das schließt aber nicht aus. daß wir die geschlossenen Verträge als gütig und zu Recht bestehend anerkennen. Andere sagen: Windthorst hat anders in die,em Punkte gedacht, als das jetzige Centrum. Freunde haben mir gerathen, darauf mit den eigenen Worten Windthorft's zu antworten. (Graf Ballestrem verliest Windthorft's Rede vom 6. September 1888 in Freiburg über den Dreibund.) Diesen Worten Windt- horst's habe ich nichrs hinzuzufügen. Auf dieser Erklärung stehe ich und das ganze Centrum. (Beifall.) Ich kann erwähnen, daß diese Rede Windt- horst's in einem Schreiben des Papstes an den Präsidenten der Freiburger Versammlung vom Jahre 1888 lobende Erwähnung gefunden hat. Redner bespricht sodann den 5aII des Volksschulgesetzes; er faßt sich zwar kürzer, .weil der Gegenstand schon behandelt sei und er Allem beistimme, was darüber gesagt worden ist. Das Wort atheistisch oder christlich werden wir Caprivi nie vergessen. Er brauche nicht an den ritterlichen Kultusminister zu erinnern, der auch dem gemeinsten Gegner miponirt hätte. Die Truppe, die beordert wurde, das Feuer zu stopfen, war nicht nur die Truppe des Königthums, sondern auch die des Christeri- thums. Recht das Christenthum hat eine Schlappe erlitten; aber die Truppe des Chcistenthums und das Kömqrbum. Das Vertrauen aus die Stetig-
Das oerhSugmhvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(80. Fortsetzung.)
John Bohns erwähnte ihres halben Eingeständnisses des Verbrechens, aber der Richter war scharfsichtiger als ihre drei Ankläger.
„Es ist Kummer, aber kein Verbrechen, was hier zu Grunde liegt", tagte er sich. „Was sie an den
Geldschrank führte, weiß ich nicht; aber ich bin fest
überzeugt, daß sie nicht zu stehlen beabsichtigte, obgleich man die Gelder und Juwelen am Boden zer
streut fand. Wenn sie dafür eingekerkert wird, so gibt es keine Gerechtigkeit mehr im Lande," dachte er weiter.
„Fand man irgend welche Gegenstände in ihrem Besitze vor?"
„Nein".
«Wird irgend etwas aus dem Schranke vermißt?"
Darauf berieth sich der Richter eine Zeit mit Mr. Beale. Er sprach dem Advokaten seine Ansicht dahin aus, daß es sich vier unbedingt um ein Geheimniß handle und daß Miß Ayenel entschieden andere Beweggründe zu ihrer That gehabt habe. Plötzlich blickte er auf.
keit in der Führung der Geschäfte ist verloren. Ein christlicher neuer Kultusminister ist an die Stelle des alten getreten; ob er aber erreichen wird, was Zedlitz nicht erreichen konnte, weiß ich nicht. Haben Sie je einen ein Viertelmal so großen Saal gesehen, den man mit reinen National-Liberalen überfüllen könnte? Dann müssen diese auf jüngere Brüder zurückgreifen. Der Rütli-Bund reicht von Bennigsen bis Bebel. Ballestrem übergeht die Jesuitenfrage. Der Rede des Abg Lieber habe ich nichts hinzufügen. Lieber hat im Namen des Centrums gesprochen; wir stehen einstimmig hinter ihm. Graf Ballestrem, au Ostafrika übergehend, dankt den Missionaren, die dort unsere Interessen vertreten, auch den französischen. Das Centrum wird immer auch ihre Interessen vertreten. Auf dem sozialen Gebiete sind die Sozialdemokraten seit dem letzten Jahre merkwürdig still. Wenn sie still sind, wird mir besonders bang; sie stürzen sich nicht in Unkosten und reden, wenn andere Leute ihre Geschäfte besorgen. Wer hätte im vorigen Jahre geglaubt, daß der Vater des Sozialistengesetzes, der Commis-Voyageur aller Unzufriedenen, (Bismarck) durch Deutschland ziehen würde! Die Unzufriedenen sind sehr zahlreich; finden sich Führer für sie, so werden sie gefährlich. Wir haben in vielen Versammlungen dagegen protestirt und Abg. Lieber ist als Engel des Chrtstemhums durch die Monarchie, durch Deutschland gezogen. Ballesteem dankt der katholischen Presse nicht nur für ihre Leistungen, sondern auch für ihren Takt und ihr richtiges Gefühl. Die Presse wird jetzt famos rebigirr. Wir bedürfen eines großen Centrums- blattes in Berlin, das ist die ,Germania'; sie muß nachdrücklich unterstützt werden. Ich will nicht schließen, ohne die Legende zu erwähnen, die stets im Sommer kommt tu - bte SeeschktsM die Legende von der angeblichen Uneinigkeit des'Centrums und beider Flügel desselben. Wenn der ein Demokrat ist, der Volksrechte vertheidigt, so sind wir Alle Demokraten. Wenn konservativ, wer die Güter des Volkes vertheidigt, so sind wir auch Alle konservativ. Sie haben Lieber und Groeber gehört, Sie haben Schorlemer gehört und jetzt hören Sie mich. Merken Sie einen Unterschied? (Tobender Beifall.) Das Centrum ist einig in allen großen Fragen, einiger als irgend eine andere Partei. Die angebliche Uneinigkeit ist ein albernes Gewäsch liberaler Zeitungen. Wir werden auch stets einig bleiben unter der alten Fahne für Wahrheit, Freiheit und Recht. (Lang andauernder Beifall.)
Der katholische Juristenverein hielt gestern unter Vorsitz des Herrn Reichstagsabg. Dr. Porsch eine Sitzung ab. Der Vorsitzende erstattete eingehenden Bericht über die Geschäftsführung, an welchen sich eine längere Diskussion knüpfte. Schließlich wurde der bisherige Vorstand einstimmig wiedergewählt.
* ‘ *
Der St. Raphael-Verein zum Schutze katholischer Auswanderer hielt gestern unter dem Vorsitze des Präsidenten des Vereins, Fürst Isenburg-Birstein seine Generalversammlung ab. Der erste Redner
„W >s wird noch außer dem Geld und den Juwelen in dem Schranke aufbewahrt", fragte er.
„Allerlei Dokumente und Papiere der Ryleston'schen Familie".
„Dann können Sie sich darauf verlassen, daß sie etwas Derartiges suchte", sagte der Richter. „Wenn es ihr darauf ankam, Geld, Juwelen zu entwenden, so hat sich ihr dazu oft genug eine günstigere Gelegenheit geboten."
„Aber wer in aller Welt ist sie denn?" rief Mr. Beale, den dieser nette Gesichtspunkt völlig überraschte, aus. „Welch ein Inter.sie kann sie an den Familienpapieren der Rylestones haben?"
„Das kann tch nicht sagen. Jede Familie hat ihre Geheimnisse. Ich habe keine Idee, was sie sagte, aber ich sche mein amtliches Urtheil und meinen Ruf für dre Behauptung ein, daß nicht die Juwelen, fondern die Papiere sie nach dem Schlöffe führten."
Mr. Beale sah betreten aus. Konnte in der Rylestone'schen Familie ein Geheimniß existiren, das er nicht kannte? Er mochte aber auch denken und grübeln so viel er wollte, so verfiel er auch nicht annähernd auf den wahren Sachverhalt.
Mr. Layston war scharfsichtig genug, um noch etwas Anderes zu erforschen. Miß Ayenel war allem Anschein nach ganz unbekümmert um ihr Schicksal —
Generalsekretär und Landtagsabgeordneter Cahensly erstattete Bericht über die Schritte, welche der deutsche Raphaelverein mit den übrigen europäischen Raphael- vereinen beim hl. Stuhle zu Gunsten der nach Amerika eingewanderten Katholiken gethan hat. Der zweite Redner, Prof. Sorleberg, der geistliche Vertrauensmann des Raphaelvereins in Antwerpen, berichtete ausführlich über die von ihm und dem Vertrauensmann Herrn Würden entfaltete segensreiche Wirksamkeit.
* '* *
Nach Beendigung der Schlußsitzung der Generalversammlung, welche den großartigen Verlauf derselben krönte, fand heute Nachmittag Uhr im großen Saale des Frankfurter Hofes ein gemeinsames Festmahl statt. Bei demselben brachte der Präsident der Generalversammlung Dr. Porsch den ersten Toast aus auf den hl. Vater, indem er auch daran erinnerte, daß derselbe demnächst (19. März 1893) sein 50jähriges Bischofs-Jubiläum feiern werde unter allgemeiner begeisterter Theilnahme der Katholiken Deutschlands. Ihm werde das katholische Deutschland Liebe und Treue entgegenbringen wie es auch den Nachfolgern auf dem Stuhle Petri treu bleiben werde. Graf Sierakowski (Westpreußen) toastete auf den Kaiser und auf den Großherzog von Hessen. Graf Balle st rem widmete unter Erinnerung an den Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler seinen Trink- spruch dem Hochw. Bischof Dr. Haffner von Mainz. Graf Hompesch brachte ein Hoch ans auf die drei Präsidenten des Mainzer Katholikentages. Bischof Dr. Haffner feierte den Kommissar der Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands, den Fürsten zu Löwenstein, als den Katholiken und den wahren Edelmann. Bürgermeister Mooren (Eupen) gedachte in seiner Tischrede des goldenen, gastlichen Mainz. Beigeordneter Geier, der Präsident des LokalkomrteeS, sprach zugleich Namens Hes Oberbürgermeisters den Dank aus für das der Stadt Mainz ausgebrachte Hoch und toastete auf die Mitglieder und Theilnehmer des Mainzer Katholikentages. Die Redner des Katholikentages feierte Domkapitular Dr. Knecht (Freiburg), während Freiherr v. Heereman der großen aber erfolggekrönten Thätigkeit des Mainzer LokalkomrteeS gedachte. Namens desselben sprach Herr Nicola Racke der Versammlung feinen Dank aus.
* *
Um 48/< Uhr fuhr ein großer Theil der Versamm- lungsbesucher auf dem festlich mit den Flaggen der verschiedenen deutschen Staaten geschmückten Salou- dampfer „Frauenlob" unter Musikbegleitung rheinabwärts nach Rüdesheim und Bingen. Dort erstrahlten bei eingetretener Dunkelheit das Nationaldenkmal auf dem Niederwald, die Rochuskapelle rc. in bengalischem Lichte. Es war nicht beabsichtigt, dort ans Land zu gehen, vielmehr mußte der Dampfer nach Beendigung der Illumination alsbald zurückkehren. Die Zeit erlaubte einen längeren Aufenthalt nicht. Den Abschluß her Generalversammlung bildete die Wallfahrt zum hl. Rochus nach Bingen. Dieselbe ist unter großer Betheiligung großartig und erhebend verlausen. Der
es war ihr gleichgiltig, wie ein schweres Urtheil über sie gefällt werden mochte — sie hatte kein Interesse an ihrer Freisprechung. Er sprach leise mit Mr. Beale.
„Wir müssen unbedingt Alles in Betracht zi. Heu", sagte er. „Sie hat Nichts entwendet — es ist bei ihr Nichts. Ihre Lebensaussichten sind unerläßlich, nachdem sie ihre Stellung und ihren guten Namen verloren, vernichtet, und es scheint mir eine ausreichende Strafe für sie zu sein. Welches Verbrechen sie auch icabsichtigt haben mag, begangen hat sie es noch nicht, 'ennoch ist sie vor der Welt gebranbmarft. Meiner Ansicht nach ist die Sache damit genügend erledigt und wir sprechen die Angeklagte frei."
42. Kapitel.
Miß Ayenel war also freigefprochen und die Anklage zurückgezogen. Der Richter sprach, während er das bleiche, verfallene Antlitz betrachtete, einige freundliche, ermahnende Worte zu ihr, aber sie hörte und beachtete sie nicht. Sie war nun wieder vollständig auf freiem Fuße, aber die Freiheit hatte keinen Werth für sie. Die grausame Anklage, die einen düsteren Schalten auf ihr ganzes Leben warf, war freilich zurückgezogen, aber ihre Zurücknahme ließ sie ganz gleichgiltig. Sie war wie versteinert.
Hätte Mr. Layston seiner Herzensneignng folgen