19. Jahrgang
M 203
Dienstag, den 6. September 1892.
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den.) Die Gründung und Unterstützung von Jünglings- Lehrlings- und ähnlichen Vereinen, der Beitritt zum kath. Volksverein als Vermächtniß Windthorst's, die Unterstützung der von Künstlern ausgehenden Bewegung zur Gründung einer über ganz Deutschland sich erstreckenden Gesellschaft für christliche Kunst (ähnlich der Görresgesellschaft) die Sammlungen für die Re- staurirung der Kapelle der deutschen Nation in Loretto, der Verein christlicher Mütter. Ferner sprach die Versammlung ihr Bedauern ans über die Erklärung der Reichsregierung vom 24. Sept. 1891 bezüglich der Handwerkerfrage, sowie die Ueberzeugung, daß die gesetzliche Forderung der korporativen Ausgestaltung des Handwerks dringend nöthig ist. An die Regierung wurde die Bitte gerichtet, die Herstellung von Handwerkerartikeln in den Gefängnissen zum Verkauf an Private abzufchaffen. Dem Lokalkomitee wurde der Dank für die Veranstaltung der Kunstausstellung ausgesprochen. Eine längere Resolution wendet sich gegen die farblose Presse. Sodann wurde die Aufmerksamkeit auf die Thatsache gelenkt, daß die Katholiken tm Besuche der höheren Schulen fast überall hinter den Andersgläubigen zurückstehen. Es soll über diesen Gegenstand auf der nächsten Generalversammlung em Vortrag gehalten werden. Auf Antrag des Fürsten Isenburg und der Abgg. Dr. Lieber und Cahensly wurde einstimmig folgendes Telegramm genehmigt: „Bischof Wigger Newark. Die Generalversammlung deutscher Katholiken Deutschlands übermittelt den aus dem Katholikentage in Newark versammelten Glaubengenossen herzlichen Brudergruß und den Ausdruck wärmster Sympathie. Die Wahl des Ortes der nächsten Generalversammlung wurde dem Kommissar, als welcher Fürst Löwenstein wiedergewählt wurde, anheimgestellt mit dem Ersuchen, dabei die Reichslande und Württemberg in erster Linie ins Auge zu fassen.
Unmittelbar an die geschlossene Generalversammlung schloß sich die
vierte öffentliche Generalversammlung in der Stadthalle. Die Hochw. Herren Bischöfe Dr. Haffner und Msgr. Patterson wohnten ihr wieder bei. Zunächst sprach der schweizerische Nationalrath Decurti n s, der in begeisterten Worten Wilh. Emanuel Frhr. v. Ketteler als Sozialreformer feierte. Ketteler habe in der Sozialpolitik zunächst auf die großen christlichen Denker des Mittelalters zurückgegriffen und die Sozialpolitik Leo XIII. eingeleitet und vorbereitet. Nachdem der Redner unter stürmischem Beifall seinen Vortrag beendet hatte, sprach der Präsident Namens der Versammlung seine besondere Freude darüber aus, den bewährten Vorkämpfer unserer schweizerischen Glaubensgenossen bei uns zu sehen. .
P. Odilo Wolff, Prior von Emaus tn Prag, hielt sodann einen tiefdurchdachten und geistvollen Vortrag über die christliche Kunst, dessen Inhalt in wenigen Zeilen leider nicht zu skizziren ist. Seine Grundsord^ rung war: Abwendung von dem elenden Streben nach falscher Naturwahrheit, Rückkehr zu den Grundprinzipien der Alten. Die Kunst soll sich in Allem unterwerfen
Lord Rylestone konnte unmöglich ein Weib, das des Diebstahls angeklagt war, der Welt als seine Gemahlin vorstellen. Sie hatte sich selbst zu Grunde gerichtet. Dieses Bewußtsein brachte sie an den Rand der Verzweiflung und sie vergaß alle Andere darüber. Das entsetzliche Dilemma, in das sie durch ihre eigene Unbesonnenheit gerathen war, erschien ihr unbedeutend dagegen und selbst das Geheimniß des Testamentes war ihr im Vergleich weniger furchtbar. Durch ihre eigene Handlungsweise hatte sie sich unwürdig gemacht, Lord Rylestone's Gemahlin zu sein."
„Es wuß ein Fluch auf mir ruhen," sagte sie sich; sie bedachte aber nicht, daß dieser Fluch nur die Folge ihrer unüberlegten Handlungsweise, bei der sie die Mittel über dem Zweck vergessen hatte, und ihres mangelnden Ehrgefühls, das alle Schönheit und Leidenschaft und Geistesgaben der Welt nicht zu ersetzen vermoch- ten, war. ,
„Es ruht ein Fluch aus mir," wiederholte ste, „ich muß mein Verhängniß erfüllen."
Dann versank sie in vollständige Gleichgiltigkeit. Sie wußte, daß sie durch den Hohn und die Schmähungen ihrer Untergebenen beschimpft, durch den Verdacht des Diebstahls entwürdigt worden war und daß sie sich durch ihre eigene Handlungsweise so unwiderruflich von ihrem Gatten losgelöst hatte, als hätte der Tod sie geschieden. Was kümmerte die Zukunft sie nun
Das verhiingnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(79. Fortsetzung.)
41. Kapitel.
Herr Henry Layston war ein sehr geachteter Landrichter. Er steckte niemals ein Kind, weil es eine Blume entwendet hatte, ins Gefängniß, aber rücksichtslos wußte er die Männer zu bestrafen, die ihre angetrauten Weiber schlecht behandelten. Die Blätter der Grafschaft waren stets feines Ruhme« voll und nannten ihn einen weisen und gerechten Richter. Nach Laystonpark machte sich nun auch Mr. Beale an dem feuchten, kalten Septembermorgen mit dem Sicherheitsbeamten, der Gefangenen und Zeugin auf den Weg, als eben die Dämmerung ihre grauen Nebel über die Gegend ausbreitete. r n
Er hatte einen gefchlossenen Wagen bestellt, um Miß Ayenel die Schande der Blosstellung möglichst zu ersparen. Aber das war ganz vergebene Mühe. Sie war für allen äußeren Schein, für alle Sorgen um ihren guten Namen und Ruf vollständig abgestorben. Ihr tiefer Kummer wurde mit jeder Stunde nagender und empfindlicher. Je länger sie über das entsetzliche Geheimniß nachdachte, um so furchtbarer ^schien eS ihr — je mehr gewann die Ueberzeugung m ihr Raum, daß sie der Fluch des Lebens ihres GatteriM!
39. General-Dersammlung der Katholiken Deutschlands ;u Main;.
* Mainz, 31. August.
Reichs- und Landtagsabgeordneter Dr. Lieber, stürmisch begrüßt, will dem katholischen Volke Rechenschaft geben über die Zurückziehung deS Antrages auf Aufhebung des Jesuitengesetzes Seitens des Centrums in der letzten Session. Nachdem er dies mit Hinweis auf die damalige Lage — Berathung des Volksschul- gesetzentwmfs — gethan, fährt er fort:
' Der Liberalismus hat sich inzwischen unsere Köpfe darüber zerbrochen (Heiterkeit), was wir nun beginnen werden; man sagte schon, wir würden die Jesuitenftage fortan nur noch in unseren Volksversammlungen verhandeln. Demgegenüber erkläre ich ganz entschieden im Auftrag des Vorstandes der CentrumsfrEon auf der 39. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands: Das Centrum wird den Antrag Windt- horst als Antrag Graf Ballestrem wieder einbringen. (Brausender, langanhaltender Beifall) Und es wird ihn dann keiner Vorlage, keiner politischen Lage zulieb wieder außer Verhandlung setzen. (Stürmischer Beifall.) Ich erkläre drittens: das Centrum wird seine Jesuiten zu vertheidigen wissen gegenüber allen, wenn auch noch so schmachvollen Verleumdungen. (Bravo!) Wir werden die Aufhebung des Jefuitengesetzes verlangen nicht etwa, weil auch das Sozialistengesetz gefallen ist. Man hat so viel in katholischen Blättern gelesen, es sei ja unerträglich, nachdem das Sozialistengesetz gefallen, das Jesuitengesetz noch aufrecht stehen zu sehen. Gewiß, das ist sehr unerträglich. Aber selbst, wenn das Sozialistengesetz noch aufrecht stände wie die Berge, wäre das Jesuitengesetz noch immer ebenso unerträglich. (Lebhafte Zustimmung.) Wie kann man Männer, deren ganze Lebensaufgabe die Festigung der göttlichen und menschlichen Ordnung ist, in irgend einen Vergleich stellen mit jenen, die den Umsturz als Grundsatz und die Gottlosigkeit als Evangelium predigen? (Lebhafte Zustimmung). Zu solchen Vergleichen freilich hat die Behandlung unserer Jesuiten gegenüber der Behandlung der Umsturzmänner geradezu genöthigt. Während einem Pater Tilmann Pesch in Düren und einem Pater Granderat in Dortmund polizeilich verboten wurde, in gemeinverständlichen theologischen Vorträgen über die Grundlage der menschlichen Verpflichtungen gegen Gott und die Gesellschaft aufzuklären, konnten die Apostel des Umsturzes ungehindert ihre gesellschaftsmordenden und Gott bekriegenden Vorträge vor Tausenden von Zuhörern halten. i.Pfui!) Wie fällt da der Vergleich aus? So, daß das Knirschen unseres inneren Menschen, von dem der unvergeßliche Mallinckrodt sprach, sich verdoppeln müßte. Und so sage ich, wir fordern die Aufhebung des Jesuitengesetzes nicht, weil auch das Sozialistengesetz verschwunden ist, obgleich wir anerkennen muffen, daß, nachdem das Sozialistengesetz verschwunden ist, es eine bis zur Lächerlichkeit getriebene Konsequenzmacherei der Jesuitenfurcht ist, die Jesuiten jenseits der Grenze zu halten. Ich spreche von den Jesuiten, meine dabei aber auch die Redemptoristen, Lazaristen, die ehrwürdigen Väter vom göttlichen Geiste und die Schwestern vom heiligsten Herzen Jesu. Ist es nicht geradezu lächerlich einen Bebel, Liebknecht ihre Brandreden halten zu laffen und diese unschuldigen Frauen als reichsgefährlich fern zu halten. (Sehr richtig!) Wir fordern die Aufhebung des Jesuitengefetzes als unser gutes Recht (lebh. Bravo) und werden nicht müde werden, es zu fordern. Wir bedauern, daß der Reichskanzler Graf Caprivi, der sonst so viel Sympathisches für uns Hat, insbesondere, wenn wir ihn mit seinem Vorgänger vergleichen (Heiterkeit), dafür bis jetzt sich nicht hat zugänglich finden lassen, aber wir geben uns der Hoffnung hin, es werde das noch geschehen! und wenn ihn etwas dazu bringen kann, so werden es wohl die Erfahrungen mit dem Schulgesetz und gelegentlich der Wiener Hochzeitsreise besorgen. (Bravo!). Wir fordern sie aber auch im Interesse unseres deutschen Vaterlandes (Bravo!), weil wir die innerste Ueberzeugung haben, daß die Zetten so schlecht sind daß man nach Jedem, der im allgemeinen Zusammenbruch
einen Halt und eine Stütze bietet, rufen und lechzen wird. Und wir wünschen unserm deutschen Vaterlande, daß es nicht erst die Roth des Zusammenbruchs zum Hülferuf veranlassen wird. Ich denke, Sie sind mit den Erklärungen, die ich im Auftrage des Vorstandes der Centrumspartei über unser Verhalten in Vergangenheit und Zukunft abgegeben habe, zufrieden. (Lebhafte Zustimmung.» Wir stehen heute, wie zuvor, wir stehen in aller Zukunft aus dem Boden des Anttages Windthorst, und gegenüber allen Verleumdungen und Verdächtigungen unserer Jesuiten sagen wir immer wieder: stellt den Sünder vor Gericht, aber unterwerft ste alle dem gemeinen Recht. Es ist aber nicht gelungen, aus allen deutschen Jesuiten und verwandten Orden auch nur einen einzigen Sünder unter die Lupe des Staatsanwalts zu bringen. Ja, wir werden nicht aufhören, die Aufhebung des Jesuitengesetzes zu verlangen. Und wenn der Winter, der auf unseren Jesuiten lastet, seine Herrschaft noch lange ausüben sollte, wir deutschen Katholiken werden immer sagen: Und es wird doch Frühling werden! (Brausender anhaltender Beifall.)
Der Vorsitzende erklärt hierauf, nach S1^ Uhr, die Versammlung für geschlossen.
Mainz, 1. Sept.
Im Laufe des gestrigen Nachmittags begann der Himmel sich wieder aufzuklären und die Befürchtung, das Gartenfest in den Neuen Anlagen werde nicht programmmäßig stattfinden können, erwies sich als unbegründet. Ein wenig kühl war es allerdings; das hinderte aber nicht, daß Tausende hinausströmien und sich draußen bei Musik, Gesangesvorträgen des Mainzer Sängerbunds und festlicher Beleuchtung sehr wohl sein ließen und zwar, wie billig, recht lange. Heute ist das beste Wetter, das man sich überhaupt denken kann: halb bedeckt, ohne jede Wassersgefahr, dabei die richtige Mitte zwischen heiß und kalt,
Die Einleitung des letzten Versammlungstages bildeten, wie herkömmlich, in allen Kirchen abgehaltene hl. Messen in der Intention des BonifatiuSvereins. Die vierte geschloffene Generalversammlung war bereits auf 8 Uhr anberaumt. ES war aber noch eine solche Menge Arheitsstofi zu erledigen, daß der Präsident von vornherein die Redner mahnen mußte, sich äußerst kurz zu fassen. Mancher, der noch wohl mit einer Rede geladen war, dürfte denn auch wohl ganz verzichtet haben, während die Anderen ihre Gedanken möglichst zusammendrängten. Gleichwohl mußte der Präsident in den Verhandlungen einen gewissen Geschwindschritt anschlagen und immer wieder auf die dringende Zeit Hinweisen. Es ist dies ein Uebelstand, der sich auf jeder Generalversammlung und zwar in steigendem Maße bemerklich macht, so daß es wohl an der Zeit wäre, auf Abhilfe durch Aenderung der Geschäftsordnung oder des Programms bedacht zu sein. Wir heben aus den heutigen Beschlüssen die folgenden als die wichtigsten hervor. Empfohlen wurde die kräftige Unterstützung der Trappisten-Mission in Bosnien, Einrichtungen für Raths- und Auskunftsertheilung, sowie Rechtsschutz für die Arbeiter in den Jndustrie- orten, der Besuch der sozialpolitischen Kurse in M.- Gladbach, (wie Herr Generalsekretär Hitze mittheilte, sollen täglich Vormittags drei Stunden lang Vorträge gehalten, Nachmittags Ausflüge zur Besichtigung praktischer Einrichtung gemacht und Abends beim Glase Bier der „praktische Kommunismus" verwirklicht wer-
Weuu sie nur hätte geräuschlos aus der Welt verschwinden können!
„Ich will mein Leben nicht selbst zerstören," sagte sie sich, „denn das wäre feige und nichtswürdig, und ich will selbst im Tode nicht den Vorwurf der Feigheit auf mich laden. Aber ich möchte unbemerkt aus der Welt verschwinden — wenn ich mich nur an einem entlegenen Orte, wo mich Niemand kennt oder sieht und beachtet, verbergen könnte!"
Lady Rylestone kam in ihrem krankhaften, überreizten Zustande allmählich auf die Idee, daß ihr Gatte sich viel wohler fühlen würde, wenn er nie wieder etwas von ihr hörte oder sah.
Sie fuhr mit ihren Begleitern schweigend durch den grauen Septembernebel dahin. Kein Wort der Klage entschlüpfte ihren Lippen, ihre Gebete waren verstummt, sie beachtete die Bemühungen, sie vor müßigen Beobachtern zu schützen, nicht; schweigend, kalt und regungslos saß sie da, ohne eine Miene zu verziehen, die dunklen Augen auf die Bäume am Wege gerichtet. Der höchste Schmerz war jetzt über sie gekommen — sie hatte nun die Ueberzeugung gewonnen, daß Lord Rylestone sie nach diesem schmählichen Verdachte nie öffentlich als seine Gemahlin anerkennen könnte, und dieser Gedanke durchzuckte sie wie ein Dolchstoß. Sie selbst hatte nun die Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet, sich auf die unwiderruflichste WeiseZvon ihm losgelöst.