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Beilage zn Nr. 202 der „Fuldaer Zeitung".

Das vert-äl-gnitzvolle Testament.

Nach dem Englischen von $. v. Remagen.

(78. Fortsetzung)

Aber John Boy s hielt >s nickt für „Kvtröbw"; er batte iw Leben Mu, ckeilei gefihen, aber ein Bild der Ve> zweiflung, wie dies-- gebrochene Gestalt es dar­bot, war ihm noch niemals voigekommen. Margarita wü bigte ihn keines Buckes, ja sie schien kaum danach hinzuhören, wie ihre Ankläger die Geschichte ihrer Er- grersung, von ihrer Besichtigung des Schlosses unter falschen Angaben, von der h^imlich'N Entwendung des Sckiüsi ls aus Mir. Cimetons Zimmer und von der Eröffnung des Geldschrankes und her scheinbaren Besitz­nahme aller Juwelen und W-nthpopiere erzählten.

„L-'der spricht der Sachverhalt sehr für einen wohl- übert-gien Diebstahl" fügte Mr. Bryns theilnehmend. „Sind ug n''welche Gegenstände bereits in ihrem Be­sitze vorgefunden worden?"

„Ne,n, direkt in ihr.m Besitze nicht, sie lagen alle hier am Boden verstreut."

„Das spricht zu ihren Gunsten", bemerkte der Beamte.

Mr. Beale trat vor.

„Ich klage diese Person der unrechtmäßigen An­eignung von Miß Camerons Schlüsseln und des beab­sichtigten Diebstahls an", sagte er. „Ich bin bereit, Sie zu Mr. Layiton zu begleiten," fuhr er fort. „Wir wollen Sie in einem geschloffenen Wagen dorthin trans- portiren, um alles unnölh ge Aufsehen zu vermeiden."

Dann wendete er sich zu dem verzweifelnden Weibe.

„Ich b klage diesen Vorfall unendlich, Miß Aymel", sagte er. „Hoffentlich wird er Ihnen zur Lehre dienen und Sie werden diese ems'tzliche Laufbahn Nicht weiter verfolgen. Ich bedauere aus Herzensgründe, daß Sie eine so wenig ehrenvolle erwählten. Atzt müssen Sie sich dem Gerichte stellen und Rede und Antwort über Ihre Handlungen geben."

„Das ist keine Spitzbubenphysiognomie", äußerte der SicherheitSbeamte unwillkürlich, als er ihre bleichen, verstörten Züge erblickte. Er war an solche Auftritte gewöhnt, aber fein geübtes Auge fand in Margaritas Antlitz keine Spuren der Schuld.

„Das wird sich ausweisen." sagte Mr. Beale und dann fügte er zu der Haushälterin gewendet hinzu: „Mrs. Grame, Sie sind eine unentbehrliche Zeugin, Sie müssen unbedingt mit uns fahren."

Zum ersten Male bewegten sich die bleichen Lippen.

„Wollen Sie mir erst eine Unterredung nut Miß Cameron gestalten?" fragte sie mit matter, leiser Stimme.

In dieser ents tzlichen Stunde der Roth wäre sie bereit gewesen, ihrer Nebenbuhlerin ihr Geheimniß au- zuvertiauen. Sie Härte ihr jetzt in ihrer äußersten Verzweiflung gestehen mögen, daß sie Lord Rylestone's Weib fei und daß sie den G-ldschrank nur heimlich öffnete, um die Abschrift des Testamentes zu erlangen. Als letztes, einziges Rettungsmittel vor der Kerkerhaft würde sie daS Geheimmß abgelegt haben; aber ihren Anklägern vermochte sie ihr Geheimnih nicht zu offen­baren — vor solchen Augen sollte Allan's Name nicht bloßgestellt werden. So tief gedemüthigt sie auch war, so schien sie sich doch hoch über sie zu erheben. Sie wollte sie keiner Bitte um Mitleid und Gnade wür­digen, mochten sie mit ihr thun, was sie wollten. Was würde die Haushälterin, der die Ehre der Familie an­geblich so sehr am Herzen lag, dereinst sagen, wenn sie erfuhr, daß es Lord Ryl.stone's Gemahlin war, die sie so unbarmherzig verfolgte? Was würbe Mr.Beale empfinden, wenn man ihm mittheilte, daß er Lady Rylestone unter Anklage gestellt hatte.

„Dann würden sie darunter zu leiden haben," dachte sie — und hätte es ihr Leb n gekostet, so wäre dennoch kein Wort über ihre Lippen gekommen.

Selbst in dieser ents.tz ichen Lage überkam sie die Erinnerung an das Testament und das bittere Grheim- N'ß und das Bewußtsein, daß Allan sich durch seine Liebe für sie zu Grunde gerichtet hatte, wie eine un­absehbare Schmerzenkfluth und sie sagte sich, daß ihr Tod seine einzige Erlösung sei.

Sie sah dem Sicherheits-Beamten in's Gesicht.

„Was weiden Sie mit mir thun?" fragte sie. „Werden Sie mich außer Landes transportiren?"

„Nein, danach ist der Fall nicht angethau," ver­setzte er, über das theilweise Eingeständniß ihrer Schuld erstaunt.

„O, wenn Sie es nur thälen!" murmelte sie, und im innelften Herzen hielt sie nächst dem Tode die Ver­bannung für das Beste in ihrer Lage.

„Wir muffen uns auf den W g machen," sagte John Boy ns. Da richtete sie noch einmal die dunklen Augen mit dem Ausdruck d>s Flehens und der Ueber- rebung auf Mr. Beale, der sich eilends abwendete.

„Wollen Sie mir nicht erst eine Unterredung mit M.ß Cameron gestatten?" fragte sie leise.

Sonntag, den 4. September 1892.

„N m, unter feinen Umständen," verfitzte er. „Es wü'de sie nur betrüben, ohne für Sie den geringsten Erfolg zu haben."

Da trat Mrs. Grame ein und meldete, daß der Wagen vorgefahren fei.

„Sie werden so verständig fein, Miß Ayenel, uns ohne Widerrede zu folgen, hoffe ich," fagte Mr. Beale.

Sie blickte ihn mit trübem, verschleiertem Blick an, als ob sie ihn nickt verstände, und der Sicherheits- Beamte näherte sich ihr. Er streckte die Hand aus, als wollte er ihren Aim damit berühren, aber der Blick, den sie ihm zuwarf, bewog ihn, in feiner Bewegung inne zu halten.

„Rühren Sie mich nicht an!" rief sie ans.

„@ut, gut!" fagte er. „Ich habe durchaus nicht die Absicht, wenn Sie uns ruhig folgen wollen. Wird die Dame in diesem Anzuge zur Stadt fahren?" fügte er zu Mr. Beale gewendet hmzn. Darauf blieben sie noch einen Augenblick stehen Und betrachteten sie.

Das lange, schwarze Gewand, das sie zur größeren Sicherheit angelegt hatte, hüllte ihre Gestalt graziös ein, ihr Antlitz war marmorbleich, ihr schwarzes, ganz aufgelöstes Haar hing wie ein Schleier herab, die dunklen Augen verkündeten unsagbaren Schmerz und unsagbare Furcht. Sie konnten den Eindruck, den sie in diesem Augenblicke auf sie machte, nie wieder ver- geffen.

„Würde es von Einfluß aus das Urtheil jein, wenn ich einen Eid leistete, daß ich — Gott verz-ihe Denen, die mich so falsch beschuldigen — nie die Absicht hatte, zu stehlen?" fragte sie.

„Dadurch können Sie nichts erreichen," versetzte Mr. Beale, „denn der Schein spricht durchaus gegen Sie."

Ein halb trotziger Zug durchzuckte Lady Rylestone's schönes Antlitz.

„Es liegt in meiner Macht, mich von jedem Ver­dachte zu reinigen," sagte sie. „Wenige Worte wären im Stande, Ihre falsche schmähliche Anklage zu wider­legen und Sie haben es rathsam gehalten, meine An­wesenheit durch einen beabsichtigten Diebstahl zu er­klären. Es wird eine Zeit kommen, wo die Schande, daß Sie mich so verkannten, Sie schwer drücken wird."

Mr. Beale fühlte sich, ohne sich darüber Rechen­schaft zu geben, durch diese strengen, seltsamen Worte sichtlich beunruhigt.

„Wenn es in Ihrer Macht liegt, sich durch wenige Worte zu reinigen," sagte er, „so sprechen Sie doch — lassen Sie mich Ihre Vertheifoigung Horen."

„Ich verschmähe es, weil Sie mich des Diebstahls beschuldigt haben," erwiderte sie.

„Alles Komödie," sagte Mr. Grame. „Ein Richter wird sich davon ebenso wenig einschüchtern lassen, als ich."

John Boyns wandte sich mit einer sehr ungedul­digen Miene zu ihr, denn er war geneigt, an die Un­schuld des Weibes, das mehr verzweifelt als verworfen aussab, zu glauben.

„Die Dame kann in diesem Anzuge nicht fahren," sagte er. „Holen Sie ihr wenigstens einen Hut und ein Tuch. Jyre Frauenhände können sie besser berühren — stecken Sie ihr das lange Haar auf — sie macht den Eindruck, als ob der Schmerz sie verwirrt hätte, oder als ob sie in einer wunderbaren Betäubung be­fangen wäre."

Margarita blieb stumm und regungslos stehen, während die Haushälterin ihr, wie ihr geheißen war, das lange Haar aufsteckte und ihr Hut und Tuch um­gab. Sie schrak bei Berührung der lieblosen Hände leicht zusammen, sagte sich bann aber: „Was thut es? W-un ich nur sterben konnte, um meinem Gatten aus dem Wege zu sein!"

Sie kannte nun das entsetzliche Geheimniß. Es hatte sich wie ein verzehrendes Feuer um ihr Herz gelagert, hatte ihr zartes Leben mit all seinem Hoffen, Lieben und Wünschen zerstört und sie zu Stein ver­wandelt. Was fitzt auch geschehen mochte, ihr Glück war und blieb unwiederbringlich verloren und sie fand im Leiden und Dulden eine Art von Genugthuung — eine gewisse Beruhigung.

Ais Mr. Beale wiederholte, daß der Wagen benit fei, äußeite sie kein Wort; aber sie machte mit ihrem bleichen Antlitz mehr den Eindruck eines anklagenden Geist s, als Diejenigen, die sie jetzt dem Gesetze zu überantworten beabsichtigten.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Unter der Ueberichnft „Bitte und Rüh an Pferdebesitzer" verbreitet der Berliner Tbiersckutzverein folgende Flugschrift: Weg mit den Scheuklappen! Sie sind nur zu rechtseiligen, wenn mehrere Pferde von verschiedenem Temperament denselben Wagen ziehen und das Autreiben des einen Pferdes nicht auch dem and reu gelten foll. Sonst sind sie vom Uebel, denn sie quälen das Pferd, das meist zum

Schielen gezwungen wird, sie sind Staub-, Schnee- und Windsänger und schaden hierdurch den Augen, sie rufen meist das hervor, was sie hindern sollen, näm­lich Aengstlichkeit und Scheu, weil das Pferd durch die theilweise Blendung der Augen eine unrichtige Vorstellung von Gegenständen erhält. Sie hindern endlich das Verständniß des Pferdes für das Ver­langen des Menschen: man denke an die Schwierigkeit des Rücktretens beim Abspannen, ohne daß das Pferd sehen kann, wo Deicksel ober Scheere sich befinde. In Berlin haben die Pferdebahn- und Ornnibus-Gefell- schaften, sowie die Feuerwehr bei ihren Pferden, diesen jungen, feuerigen Thieren, die Scheuklappen mit bestem Erfolge abgeschafft und die verständigen Fuhrherren sind ihrem Beispiele gefolgt.

* Unsere Wetter kundigen prophezeien einen schönen Herbst, da Laurentius und Bartholomäus (10. und 24. August) schönes Wetter brachten. Wir werden allem Anschein nach ein gutes Weinjahr haben und das ist wenigstens ein Trost in der jetzigen, von Cholera- und sonstigen Bazillen arg durchzitterten Zeit.

(Die Heimath der Influenza.) Tie Influenza, jene heim­tückische Krankheit, welche im Winter von 1889 auf 9 i ihren unheimlichen Siegeszug durch ganz Europa hielt und schließlich sogar nach der neuen Welt übersetzte, ist ein Kind d s Ostens und zwar stammt sie aus Rußland. Ein französischer Gelehrter, Professor Tissier, welcher im Austrage seiner Regierung den Ursachen der Anfluenza und der ursprünglichen Heimstätte der Krankheit uachforschte, hat in überzeugender Weise dargethan, daß die Influenza ein Ergebmß des russischen Bodens ist. Die Art, wie dort die Menschen im Winter zusammengedrängt in überheizten Wohnungen leben, dann die mangelhafte Entwässe­rung des im allgemeinen flachen Erdbodens, der beim Beginn der Thauperiode im Frühjahr sich in einen vollständigen Sumpf zu verwandeln pflegt, der Schmutz der Bauernhöfe, die Ver­unreinigung der Flüsse — all' diese Umstände wirken zusammen, um einen sehr günstigen Nährboden für die Influenzakeime zu bilden Im Schlamme Rußlands ist der Bazillus oder die Mikrobe der Influenza entstanden, um dann die gefährliche Krankheit mit erstaunlicher Schnelligkeit weiter nach Westen zu tragen, und so lange jene Zustände in Rußland bestehen bleiben, so lange sieht sich das übrige Europa von erneuten Einfällen der Influenza bedroht.

* Mit der therapeutischen Verwerthung des Gähnens be­schäftigt sich im,Korrespondenzblatt für Schweizer Aerzte' der Dr. O. Naegeli und schreibt insbesondere dem „Tiefgähnen" mannigfachen Heilwerth zu Er schreibt: „Das Gähnen ist als physiologisches Tiekathmen die natürlichste Lungengymnastik. Da das große Publikum kaum je dazu zu bringen sein wird, nach Schiebers System ein- und doppelseitig tief zu athmen, so sollen wir Aerzte Jedermann den Rath ertheilen, unbekümmert um sogenannten Anstand, Morgens und Abends so oftmals als möglich durch Gähnen und Recken die Lungen tüchtig auszu­lüften und die Athmungsmuskulatur zu üben. Es wird dadurch vielleicht manchem chronischen Lungenleiden vorgebeugt.werden können. Gestützt auf die weitere Erfahrung, daß beim Tief­gähnen die Schlundmuskulatur sich hebt und streckt und die knorpelige Ohrtrompete ausgequetscht wird, habe ich versucht, das Gähnen therapeutisch zu verwerthen. Zuerst hatte ich wieder­holt Gelegenheit, dies an mir selber zu thun. Ich leide häufig an Schluckweh, das gewöhnlich von einem plötzlich auftretenden heftig stechenden Ohrenschmerz (Tubenichmerz) begleit# ist, und manchmal hatte es in der Nacht mich aufgeweckt Forcirtes Gähnen, acht- bis zehnmal wiederholt, hat mir stets sofort den Schmerz genommen. Seither habe ich in allen Fällen von akutem Rachenkatarrh, Entzündung der Gaumenbögen und be­ginnendem Tubenkatarrh die Gähnkur verordnet, fast ohne Aus­nahme mit dem Erfolg, daß Hals- und Ohrenschmerz rasch sich besserte und bald ganz verschwand. Es wurde dem Patienten nicht swwer, nach meinen Angaben durch schlürfendes Einathmen, durch Autosuggestion, wenn sie für sich allein waren, oder durch Imitation, wenn ich es ihnen vormachte, zu jeder Zeit zu gähnen Ich verordne ihnen, so oft im Tage möglich, wenig­stens sechs» bis zehnmal nacheinander dies zu thun und gleich nachher zu schlucken".

* Die Geschichte vom Butterbrod. Eine angenehme Ueber- raschung widerfuhr in den letzten Tagen einer kleinen Berliner Beamtenfamilie. Und der sie die Ueberraschung verdankte, war die kleine Hermine, das einzige dreijährige Töchterchen des Hauses. Bor etwa zwei Monaten war's, da saß ein ärmlich, aber sauber gekleideter Mann auf einer Bank der Garten-Anlage, in welcher die muntere Kleine alltäglich in den Vormittagsstunden ihr Butterbrod aß und kindliches Spiel trieb. Der Mann erregte ihre Aufmerksamkeit Er blickte so trübe und düster zu Boden. — gewiß, er hatte Hunger. Sie faßte sich ein Herz und trat auf ihn zu: „Willst du auch ein Stück Butterbrod?" und resolut brach sie die Hälfte von ihrem Brode ab und reichte sie ihm. Er soh verdutzt auf — ein wonniges Lächeln glitt über seine verhärmten Züge. „Ich danke dir, mein Kind I" — und er nabm das Stückchen Butterbrod und aß es, und Beide lachten einander vergnügt an. Seither wurden sie gute Kameraden. Sie suchte, sobald sie in den Garten kam, sofort noch dem „armen Manne", wie sie ihn nannte, und er war glücklich, wenn das rosige Menschenkind mit ausgebreiteten Aermchen auf ihn zulief. Und ein Stückchen Butterbrod mußte er alleweil mitessen — wenn es noch so klein war. Vor einigen Tagen blieb er aus. Her- minchen war untröstlich und zerbrach sich den Kopf, wo der „arme Mann" nur sein möchte. Da bekam eines Tages ihr Papa einen Brief von einem Notar, der ihn zu sich bat Dort erfuhr der Papa merkwürdige Dinge. Erstlich, daß der „arme Mann" gar kein armer Mann war, sondern ein sehr wohlhabender Zum Zweiten, daß er dte kleine Hermine zu seiner Erbin gemacht habe Zum Dritten, daß er einen Bries hinterließ, in welchem zu lesen stand: „Ich hatte an aller Welt gezweifelt; denn die mir die Liebsten waren, haben rwch betrogen. Ich habe Allem entiagt; denn was ich wollte, konnte ich nicht haben. Ich habe mich dem Geize ergeben, denn meine Freigebigkeit hat mir nur Undank eingebracht. Knapv vor dem Ende meines Lebens hat mich eine Kindeshand mit Macht erfaßt und dem Leben zurück­gegeben. Nur für kurze Zeit, aber wenn ich Millionen zu ver­geben hätte, wäre dieser Augenblick nicht zu theuer bezahlt. Viel­leicht frommt meiner kleinen Freundin meine Habe mehr als mir, der ich sie nie zu schätzen und zu verwenden wußte."