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AGU- Hierzu eine Beilage.

39. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands;u Main;.

* Mainz, 31. August.

Der gestrige Tag schloß mit zwei Festkommersen der kathol. Studkntenkorporationen ab. Die kathol. Studentenvereine tagten im Frankfurter Hofe, die Studentenverbindungen in der Festhalle. An beiden Stellen hatten sich die Versammlungstheilnehmer in großer Anzahl eingefunden. Die Kommerse verliefen in der üblichen Weise unter ungetrübter Heiterkeit; doch fehlte auch der Ernst nicht; insbefondere ließen sich die angeseheneren Gäste angelegen sein, diesen, jedoch mit Humor gemischt, zu Worte kommen zu lassen. Bei den Studentenvereinen hielten u. A. Präsident Dr. Porsch, Rechtsanwalt Trimborn, Graf Sierakowski, Rechtsanwalt Görtz, Dr. Lieber, Gym­nasiallehrer Dr. Höber u. A. zündende Ansprachen; bei den Verbindungen Präsident Dr. Porsch, De- cutius und Propst Szadowski (Königsberg), Dekan Hammer. Zu gleicher Zeit fand im Concertsaale der Liedertafel eine sehr schöne, vielbesuchte Festversamm­lung des kathol. Lehrlingsvereins statt.

Der hergebrachten Sitte gemäß wurde zur Ein­leitung des dritten Versammlungstages ein Requiem für die verstorbenen Mitglieder der Generalversamm­lungen gehalten, welches Herr Domkapitular Prälat Dr. Komp aus Fulda im hohen Dome celebrirte. Dar­nach fand noch eine Anzahl Sonderversammlungen statt, darunter die des Raphaels- und Juristenvereins. Um 11 Uhr wurde die dritte geschloffene General- Versammlung eröffnet. Ihr wohnte der Hochwürd. Herr Bischof Patterson aus London wiederum bei. Dieselbe war der weiterem Erledigung von Anträgen gewidmet. Zunächst wurde in einer Resolution dem Centrum der Dank und das Vertrauen der Versamm­lung ausgesprochen für die nachdrückliche Vertretung der Interessen sowohl der Arbeiter, speziell bei Be- rothunz der Bergqes'tznooelle, als auch der Handwerker. Weiter wurden RSolutionen angenommen zur Em­pfehlung der kaufmännischen Vereine, der Vereinigungen für die weiblichen und jugendlichen Lehrlinge und Ge- hülfen im Handelsgewerbe, des KanistuSvereins, des Afnkavereins, des St. JosephsmqsionsvereinS zu Aachen, des Bonifatiusverems und des Bonifatiussammelvereins, des Vereins vom hl. Grabe. Bon den Herren Prä­lat Racke (Paderborn), Dr. Knecht (Freiburg) und v. S a v i g n y (Berlin) wurde abermals auf die Berliner Kirchennoth hingewiesen. Auch wurde eine Resolution ang'nommen, „der Vorstand der Generalversammlung möge die Bildung eines Centtalkomitees zur Organi­sation der Agitation für Aufbringung der Mittel zur Abhilfe dieser Kirchen-und Seelsorge-Roth übernehmen." Es wurde ferner empfohlen, die wahre Kunst durch thatkräftige Unterstützung der selbstthätigen Künstler und Kunsthandwerker gegenüber der fabrikmäßigen Her­stellung von Massenartikeln zu sördern, sowie die „Zeitschrift für christliche Kunst" durch Abonnement und Mitarbeit zu unterstützen. Eine Resolution ver­langt, daß in allen Klassen der Volksschule der Religions­unterricht in der Muttersprache ertheilt werde. Graf Ballestrem bat noch um Beiträge für das Windthorst- Denkmal in Meppen, das ungefähr 25,000 M. kosten wird, von denen noch 10,000 M. fehlen. Beiträge können an Herrn Hauptmann a. D. Schöning in Meppen gesandt werden. Wegen der vorgerückten Zeit konnte ein Theil der vorbereitenden Anttäge nicht mehr erledigt werden.

Die um 5 Uhr beginnende dritte öffentliche Generalversammlung hat, soweit dies möglich war, ihre Vorgängerinnen an Fülle des Besuches noch über­troffen. Bis auf die mühsam frei gehaltenen Gänge war auch das letzte Plätzchen im Saale der Stadthalle besetzt, und gar Mancher mußte, ohne Einlaß zu finden, an der Thür wieder umkehren. Unter den Ehrengästen befanden sich wiederum der Hochw. Herr Bischof Dr. Haffner, sowie der Bischof von EmauS in London, Dr. Patterson.

Um 5*/< Uhr eröffnete Vicepräsident Graf Prey- sing die Sitzung und ertheilte das Wort dem Hochw. Herrn Bischof Patterson: Ich bin nicht im Stande, so führte diefer aus, Ihnen mit Worten auszusprechen, wie glücklich ich mich schätze, einer so großartigen, be- dmtungsvollen Versammlung beizuwohnen. Obwohl

meine Person nicht würdig ist, mein Vaterland Eng­land zu vertreten, werden Sie mir doch gestatten, wenn ich hier die Grüße der englischen Katholiken überbringe und Ihnen meine Bewunderung ausspreche für die Art und Weise, wie Sie schon seit Jahrzehnten den Kampf mit dem Unglauben führen. Wir bewundern diesen Kampf, an dem sich der Arbeitsmann und der Bauer mit demselben Eifer betheiligt, wie der Staats­mann und der Bischof. (Bravo!) Insbesondere gratu- liren wir Ihnen zu den großen Resultaten, die sie auf sozialem Gebiete errungen haben gegen den Wollen mächtiger Gegner. (Bravo!) Ich beglückwünsche Sie, Hochwürdigster Herr Bischof, daß Sie einen so tugend­haften Klerus und so opferwillige treue Diözesanen besitzen. (Bravo!) Da die ihrer Kirche treuen Katho­liken allzeit treue Staatsbürger sind, so können auch der deutsche Kaiser und der Großherzog von Hessen, die beide Blutsverwandte unserer hochherzigen Königin Viktoria sind, sich glücklich schätzen, über solche Männer zu regieren. Ich sage also in meinem Namen und im Namen der Katholiken Englands: Heiliger Bonifatius, bitte für die Ka'.holiken Deutschlands! (Lebhafter Beifall.)

Auf Erfuchen des Präsidenten erhebt sich die Ver­sammlung, um dem Hochw. Herrn Bischof ihre Erkennt­lichkeit zu beweisen, von den Plätzen.

Der Hochw. Herr Bischof Dr. H affner, erstattet dem Hochw. Bischof Patterson seinen Dank dafür, daß er durch sein Erscheinen die heiligen Beziehungen, die zwischen Mainz und England seit Alters her durch den hl. Bonifatius geknüpft sind, wieder erneuert hat. Ich bitte den Hochw. Herrn Bischof, in England zu sagen, daß wir hier immer noch treue Kinder und Schüler des heil. Bonifatius, des Windfried aus Eng­land sind. (Lebhafter Beifall), daß wir auch allzeit von tiefster Dankbarkeit gegen das hochherzige fromme englische Bolt erfüllt sind. Wir Deutsche,» und Angel­sachsen haben ja von Gott die Gnade bekommen, ein tiefes Gemüth zu erhalten, welches für die Religion empfänglich ist. Gebe Gott, daß wir beide, Deutsche und Engländer, einst wieder vereinigt seien, Alle, in dem heiligen katholischen Glauben. (Lebb. Beifall.)

Dr. Siben (Deidesheim) sprach über die kon­fessionelle Schule. Ausgehend von dem Schicksale des preußischen Schulgesetzes, betonte er die Noth- wendigkeit, unsere Anschauungen in Schulsachen ge­setzlich festzulegen, damit wir geschützt seien gegen die Willkür der unteren Verwaltungsbeamten. (Zustim­mung.) Immer wieder müßten wir diese Forderung betonen und nicht nachlassen in der Erkämpfung der konfessionellen Schulen. Auch müßten wir sorgen, unsere Anschauung unter den Protestanten zu verbreiten, damit sie dieselbe kennen lernten. Ein konfessionsloser Religionsunterricht sei unmöglich; da würde die Schule nichts anderes sein, als eine Anstalt zur Pflege der Religionslosigkeit und des Atheismus. Auch der Reli­gionsunterricht außerhalb der Volksschule, auf den einige Leute verwiesen, genüge nicht, man sehe nur Frankreich an. Ebensowenig gewährleiste die Simultan- fchule eine ausgiebige religiöse Erziehung. Nur die konfessionelle Schule sei im Stande den Bestrebungen des Unglaubens und des Umsturzes wirksam entgegen zu treten. Wie kein konfessionsloses Christenthum, so gebe es auch keine konfessionslose Moral. Der kon­fessionelle Religionsunterricht müsse der Mittelpunkt des ganzen Unterrichts sein. (Lebhafter Beifall.)

Pfarrer Wacker ans Zähringen (mit lebhaftem Händeklatschen empfangen) erhält hierauf daS Wort zu einem Vortrage über die Ansprüche der Katho­liken aufAntheil an derLeitung der öffent­lichen Angelegenheiten:

„Wir müssen es dahin bringen, daß auch gute Katholiken Oberpräsidenten und Minister werden", so ungefähr lautete ein Satz, der in der Eröffnungssitzung gesprochen wurde. Wollen wir die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten ganz oder zum Theil an uns reißen? Haben wir ein Rächt darauf, und hätten wir Männer, die im Stande wären, das Staatsschiff ersprießlich zu lenken? Aus mehr als einem Grunde erscheint es an der Zeit, diesen Fragen nicht länger aus dem Wege zu gehen, son­dern sie öffentlich zu beantworten, so klar, daß es überall ver­standen werden muß, unten wie oben. (Lebhafte Zustimmung.) Sind gläubige Katholiken regierungsfähig auch im deutschen Baterlande? Diese Frage ist nur ein Theil der andern: Ist es möglich, die Leitung der Staatsgeschäfte in christlichem Geiste zu besorgen? Neber diese Frage ernstlich nachzudenken, gehört zu den wichttgsten Pflichten derjenigen, die an die Spitze der Völker gestellt sind. Die große Mehrheit des Volkes hängt treu am Christenthum; dann muß die Minderheft, auch wenn das Schurzfell ihr Bundeszeichen ist, sich zufrieden geben, da ihre Freiheit auch dann nicht gefährdet ist, wenn der Staat auf christ­lichen Grundsätzen aufgebaut ist. Daß kirchentteue Katholiken

eminent regierungsfähig sind, muß öffentlich ausgesprochen wer­den, mögen die Gelehrten der ,Käln. Ztg/ darüber auch denken und sagen, was sie wollen. Wenn der erste Rath des mächtig­sten Reiches die Signatur der Zeit dahin charakterisirt: christ­lich oder atheistisch! dann ist es angezeigt, in die Welt zu rufen: Ja, auch kirchentreue Katholiken sind fähig, die Regierungs- geschäfte zu besorgen, dann dürfte es angemessen fein, daß auch diejenigen sich darauf besinnen, denen es zusteht, die Besorgung staatlicher Regierungsgeschäfte zu übertragen. (Lebhafter Beifall.) Schon die lange Reihe hervorragender Centrumsmänner in Ver­gangenheit und Gegenwart enthebt uns der Beantwortung der Frage, ob auch Männer vorhanden sind, die als Räthe der Krone fungiren können. Bezeugt doch die parlamentarische Ge­schichte, daß keine Partei so reich an tüchtigen Männern und Talenten ist als gerade das Centrum. (Sehr richtig!) Und wie steht es mit dem Rechte der Katholiken an dem Antheil und an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten? Dieses Recht steht dem Katholiken genau in demselben Umfang und aus den­selben Gründen zu wie jedem Anderen Gleiche Pflichten, gleiche Rechte. Es ist eine Verletzung der Gerechiigkeit, wenn dem kirchentreuen Katholiken Thüren verschlossen sind, die Anderen offen stehen, blos deshalb, weil er ein solcher Katholik tft. Es ist eine Bersolgung des Katholizismus und eine Bedrückung im Stillen, wenn der einzelne Katholik sich vor die Gefahr gestellt sieht, entweder von der Treue für Religion und Kirche etwas abzugeben oder auf eine sichere Laufbahn im Staatsdienst zu verzichten. (Lebhafter Beifall.) Sollte es aber irgendwo wahr sein, daß der Staatsdienst unverträglich ist mit der Treue gegen die Kirche, dann wäre das ein deutlicher Beweis dasür, daß in solchem Staat die rechte Ordnung nicht herrscht. (Lebhafte Zu­stimmung.) Wenn es ein Recht der Parteien gibt auf Einfluß auf die Regierungsgeschäfte, dann existirt es für das Centrum genau so wie für jede andere Partei. (Sehr richtig!) Es könnte verhängnißvoll werden, wenn es gelänge, den Träger der Krone dahin zu bringen, das Centrum nicht als ebenbürtig, gleich­berechtigt und gleich beachtenswerth zu behandeln wie jede andere Partei, die auf dem Boden der verfassungsmäßig geregelten Staatsordnung steht. tLebh. Beifall) Und es wäre gar nicht so merkwürdig, wenn wir es noch erlebten, daß die Träger der Kronen es sehr gerne sähen, daß das katholische Volk in festen Organisationen geeinigt ist. Dasselbe katholische Volk, welches der Hüter der kirchlichen Rechte ist, ist auch die treueste Stütze für die staatliche und gesellfchaftliche Ordnung. (Zustimmung.) Dasselbe katholische Volk, welches um die Fahne des Centrums geschaart, die Rechte des Volkes wahrt, ist auch der zuverlässigste Rückhalt für b:e Lechte der Sn>ne. .likiraH.).

Wenn dem aber so ist, dann liegt nicht nur vor unser Recht auf Antheil an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten, sondern auch ein staatliches Interesse. Der Kulturkampf hat ge­zeigt, daß eine unerschöpfliche Quelle bürgerlicher Tugend, eine unzerstörbare monarchische Treue im kath. Volke geborgen ist. Es gibt keine Konfession, der so viele Vorurtheile gegenüber­stehen als gerade uns Katholiken. Mit unserem guten Recht allein bringen wir nirgends durch, wir müssen ihm die Wege ebnen und dafür Sorge tragen, daß eine entsprechende Macht ihm zur Seite steht. Das Fundament unserer Macht ist aber wesentlich unsere Einheit und Eintracht. Daher der immer wiederkehrende Versuch, in diese Eintracht Bresche zu legen. Jedoch wir streben nicht. Wir können warten, bis man uns rüst; und wenn man uns nicht ruft, so können wir es ertragen. Neidlos sehen wir es und werden wir es sehen, wenn Andere es sind, die regieren, und wir werden ihnen niemals Schwierig­keiten machen, wenn sie nur gerecht regieren. (Lebh. Beifall.) Wir sind nicht, wir wollen, und ich hoffe zu Gott, wir werden auch niemals werden eine Partei der Regierung. Aber wir sind und werden sein Freunde einer jeden Regierung, die ehrlich bestrebt ist, in Gerechtigkeit ihres Amtes zu walten, mit gleicher Gerechtigkeit auch für die katholische Kirche, ihre Rechte und ihre Interessen, aber nicht nach den Begriffen der „Maurer" und evangelischen Bundesbrüder. (Stürmischer Beifall.)

Hierauf wurden Begrüßungstelegtamme des Bischofs von Linz, sowie aus Schwertberg zur Verlesung ge­bracht.

Reichstagsabgeordneter Prof. Dr. Schädler spricht über die Mittelschulen und Gymnasien:

Nicht jedes Kind kann einen gelehrten Berus ergreifen, bei einem fehlt es an den Talenten, bei dem andern an den Mitteln, bei dem dritten an allen beiden. Auch wollen viele Eltern keine ftubirte Söhne haben, aber alle wollen sie erzogene Kinber haben, alle wollen sie, daß ihre Kinder nicht nur unterrichtet, sondern auch erzogen werden. Es ist wohl keine Beleidigung der Herren Gymnasiasten, zu sagen, daß auch sie der Erzieh­ung bedürfen. Dann muß das Gymnasium diese Pflicht aber auch mit dem Elternhause zusammen erfüllen. Heute jedoch ist es eine allgemeine Klage: unser Gymnasium erzieht nicht mehr. Jawohl, vor lauter Heidenthum hat man das Christenthum ver­gessen und über der Verstandesbildung geht die Herzens­bildung zu Grunde. Man mißverstehe mich nicht. Ich erhebe keinen Borwurf gegen einzelne Lehrer. Gott sei Dank, sind noch Hunderte von Lehrern auf unseren Schulen besser als das System. Ich spreche auch nicht gegen die alten Klassiker als Bildungs­mittel, aber gegen eins müssen wir uns verwahren, gegen die Ueberschätzung des klassischen Heidenthums vor dem Christenthum (Lebh. Zustimmung), gegen das Ueberwuchern des Heidenthums, sei es das klassische oder das materialistische. Ich scheue nicht davor zurück, die Forderung des k o n f e s s i o n e l l e n Gymnasiums als Regel zu erheben. (Lebh. Beifall.) Ich verlange damit kein besonderes Recht für uns, sondern auch für die Protestanten und, wenn sie es wollen, auch für die Juden. Es genügt nicht, daß das Wort Religion im Schulplan vorkommt, der ganze Jesus Christus mit seiner ganzen Lehre und der Glaube mit seinem ganzen Inhalt muß die Grundlage des Unterrichts wer­den; die katholische Kirche muß ihr Lehramt ausüben auch auf den Gymnasien. (Lebh. Beifall.) Nur auf diesem Boden kann die Schule Hand in Hand gehen mit dem Elternhause. Ich gehe noch einen Schritt weiter und fordere auch für die höheren Schulen die Freiheü der Orden. Wir schrecken sogar nicht zurück