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Beilage zu Nr. 200 der „Fuldaer Zeitung".

F" : " Freitag, den 2. September 1892.

ihre Juwelen und ihr Gesellschaftskleid abgelegt und ein schwarzes Kleid angezogen, weil sie das für sicherer als ein weißes hielt. Wenn ihr durch irgend einen unglücklichen Zufall Jemand im Dunkel der Nacht begegnete, fo konnte sie sich in einem dunklen Gewände leichter als in einem Hellen verbergen. Sie beschloß, ein Licht und Schwefelhölzer mit hinabzunehmen, da­mit sie sich, wenn sie das Bibliolhekzimmer erreicht und die Thüre verschlossen hatte, Licht anzünden könnte.

Es war bereits zwei Uhr vorüber, sie öffnete m der tiefen Stille, die rings umher herrschte, leise ihre Zimmerthüre und blickte hinaus. Kein Laut — keine Bewegung war zu vernehmen, die Dunkelheit konnte nicht günstiger für sie fein — es konnte keine laut­losere Stille im ganzen Hause herrschen. Nur ihr Herz schlug laut, ihre Hände brannten, ihre Glieder zitterten und ihre Lippen waren trocken und spröde, es schien ihr, FqIS vernehme sie in dem tiefen Schweigen die Schläge ihres eigenen Herzens — und dieser Ton flößte ihr Entsetzen ein.

„Ich bin ja kein mitternächtiger Dieb", sagte sie sich, „meine Sache ist eine durchaus gerechte. Warum sollte ich zagen. Thue ich es doch um meines Gatten willen."

Sie trat auf den Korridor hinaus und schloß hinter sich ihre Thüre. Dann faltete sie hastig die Hände, als wollte sie den Beistand des Himmels erflehen, und tastete geräuschlos und bedächtig in der tiefen Dunkelheit die Treppe hinab. So vorsichtig sie auch war — so leicht sie auftrat, die Treppenstufen krachten dennoch, und dieser Ton versetzte sie in eine wahre Todesangst.

Einmal blieb sie einige Minuten lang regungslos stehen, weil sie kein Glied zu regen vermochte; denn sie glaubte in weiter Ferne einen Laut, wie das Oeffnen einer Thür, vernommen zu haben. Sie lauschte gespannt, aber es war Alles grabesstill.

Sie glaubte im Grunde Recht zu thun und dennoch gestand sie sich, als sie den Flur erreicht hatte und einige Augenblicke lang stille stand, um ihre fast ver­sagenden Kräfte zu sammeln, ein, daß sie nicht um die Welt ein solches Wagniß zum zweiten Male unter­nehmen würde. Als sie still und regungslos dastand, vernahm sie wiederum ein Geräusch, als ob Jemand oben auf der Gallerie entlang ginge. Sie lauschte gespannt und sprach dann zu sich selbst: „Nein, nein, es muß der Wind sein, der draußen in den Bäumen rauscht." , .

Eiuge Minuten darauf schlich sie an die Thür des Bibliothrkzimmers und öffnete sie. Das Zimmer war in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt, nicht der schwächste Mondstrahl vermochte hineinzudringen. In dec tiefsten Dunkelheit beging sie das Versehen, das so verhängnißvoll für sie wurde. Sie machte die Thür leise zu und verschloß sie, wie sie glaubte; in Wirklichkeit hatte sie aber den Schlüssel im Schlosse umgedreht, ohne daß die Thür fest eingeklinkt war. Leise tastend begab sie sich bis an das andere Ende des langen Zimmers, wo der eiserne Geldschrank sich befand und dort zündete sie ein Licht an. Sie dachte nicht daran, zurückzugehen und sich zu überzeugen, ob die'Thür auch wirklich geschlossen war. Das Licht der Wachskerze, das für den großen Raum zu matt und zu schwach war, diente eigentlich nur dazu, die Dunkel­heit rings umher noch stärker hervorzuheben und er­zeugte in den Winkeln grausige Schatten; gleichzeitig fiel es auf ihr eigenes Antlitz, das vor Angst und Furcht fast gefpensterhaft erschien.

„O Allan, wie liebe ich Dich!" rief sie aus, „daß ich dieses Wagniß um Deinetwillen unternehme."

Dann stellte sie die Kerze auf den Boden und ging an das Geschäft. Der eiserne Geldschrank war unbe­weglich, er war gleich mit in die Wand eingemauert worden und seine Außenseite war ihr so vollkommen ähnlich gemacht, daß nur wenige einen Unterschied entdecken konnten. In ihm wurden alle werthvollen Dokumente, der Familienschmuck und oft auch große Geldsummen aufbewahrt. Das wußte Margarita, sie war oft dabei gewesen, wenn Adelaide ihn geöffnet und Geld herausgenommen hatte, und sie hatten manches Mal über die darin befindlichen Schmucksachen ge­sprochen. Deshalb kannte sie das Verfahren ganz genau; sie schob die Außenwand zurück und entblößte die eiserne Thür des Schrankes. Dann zog sie den Schlüssel hervor und im nächsten Augenblick sprang die Thür auf. Sie that einen langen, tiefen Athemzug unsagbarer Erleichterung — das Geheimniß des Testamentes sollte ihr nun nicht lange mehr ein Geheimniß bleiben.

Sie nahm die großen Papierrollen und die zahl­reichen Schmuckkästen heraus und legte Alles sorgfältig auf den Fußboden; dann kam sie an die Stöße von Banknoten und die Beutel voll Geld. Auch diese legte sie auf den Boden nieder. Endlich erfaßten ihre zittern- I den Hände das Testament, und ein zweiter tiefer

Seufzer entrang sich ihrer Brust. „Der letzte Wille und das Testament Bernard Lord Rylestones." Sie nahm es aus dem Schrank und kauerte sich auf die Erde, um es beim matten Scheine der Kerze zu lesm.

Sie las und las, und plötzlich drückten ihre Augen )as Aufsteigen eines entsetzlichen Gedankens aus, ihr Antlitz wurde vor Schrecken geisterbleich. Endlich kannte sie das Geheimniß des Testaments. Sie laS, daß das ungeheure Vermögen — als dessen Eigenthümer Allan auf Waltoncourt zu leben und es allen Großen des Reiches gleich zu thun vermochte — ihm zugefallen wäre, wenn er Adelaide Cameron zu feinem Weibe gemacht hätte. Margarita war so erstaunt, so betäubt, so verstört, daß sie zuerst gar nicht nachzudenken ver­mochte. Sie konnte die verhängnißvollen Worte nm wieder und wieder lesen und dann warf sie in einem Ausbruch wilder Verzweiflung das Testament in den eisernen Geldschrank zurück und kauerte sich, das Ge­sicht in den Händen verbergend, davor nieder.

Wie lange sie dort gelegen, das wußte sie nicht, waren doch Leben, Hoffnung und Liebe für immer für sie verloren, und die Bitterkeit des Todes erfüllte ihre Seele. Sie kannte nun endlich das Geheimniß und es verzehrte ihr das Herz, es verwirrte ihren Geist und folterte sie mit Qualen, von denen sie bisher keine Ahnung gehabt hatte.

Jetzt wußte sie, was Allan für seine Liebe ge­opfert hatte, jetzt begriff sie, warum er so selten zu ihr von Miß Cameron gesprochen hatte, und was ihre gegenseitigen Aeußerungen über das Testament bedeu­teten. Sie sah nun klar, daß sie das unübersteigliche Hinderniß zwischen ihm und jenem Vermögen war — daß er aus Liebe zu ihr Armuth und Verbannung erduldete. In ihrer Angst und Verzweiflung sah sie Alles von der schwärzesten Seite an. Sie vergaß, wie innig er sie liebte und daß diese Liebe sein Leben ver­klärte und verschönte, und dachte nur daran, daß er, wenn er sie nie gesehen hätte, jenes Vermögen nie verloren hätte. Es war von jeher ihre größte Sorge gewesen, daß sie ihm im Wege sein könnte, und nun war sie es wirklich ge­wesen. Sie erinnerte sich, wie heiß Adelaide ihn liebte und glaubte nun, daß sie sein böser Geist gewesen war, daß sie ihn von der Höhe herabgezogen hatte, auf der eigentlich fein Platz war, und daß sie ihm eine Last war, von der ihn nur der Tod befreien konnte.

Sie war vor Eifersucht und Verzweiflung halb wahnsinnig und vergaß darüber, daß er so brünstig um ihre Liebe gefleht hatte, wie er nie um etwas Anderes flehen würde; vor ihrer Seele stand jetzt nur die Erinnerung an den Tag, an dem er so tiefgebeugt zu ihr kam, um ihr die Geschichte feines Mißgeschicks mitzutheilen. Sie glaubte, daß sie jetzt in Allem ganz klar sah. Er hatte ihr versprochen, sie zu seinem Werbe zu machen und wollte als Ehrenmann sein Wort nicht zurücknehmen; aber sie zweifelte jetzt keinen Augenblick daran, daß er, wenn er sich auf eine Weise von seinem Versprechen hätte losmachen können, mit Freuden Lord Rylestones Erbin geheirathet haben würde. Allerdings hatte sie kein Recht zu dieser Annahme, da ihr jeder Beweis dafür fehlte; Allan hätte nicht um zwanzig solcher Vermögen willen — nicht um die Schätze der ganzen Welt — auf ihre Hand verzichtet, aber in der Bitterkeit ihres Schmerzes hielt sie ihre Schlüsse für durchaus richtig.

Sie hatte sich tausenderlei Vorstellungen von dem Geheimnisse des Testaments gemacht, aber es war ihr auch nicht der leiseste Gedanke an den wahren Sach­verhalt je in die Seele gekommen, Als sie dort ver­zweifelt und bald wahnsinnig mit ihrem namenlosen Weh rang, fühlte sie nichts als den Wunsch, zu sterben.

„O, daß ich sterben könnte!" flehte sie.

Für ein fühlendes Weib war diefe Hoffnung schwer zu ertragen. Sie hatte gehofft, daß ihre Liebe, die Krone seines Lebens, fein Glück und sein Reichthum sein sollte, sie hatte ihm ihre stolze Jugendschöne, ihre zarte Weiblichkeit, ihre leidenschaftliche Liebe geopfert, und alle diese Gaben, die ihn ihrer Ansicht nach auf dem Gipfel des Glückes erheben sollten, hatten chn nun gerade in die Tiefe geschleudert.

„Er muß mich hassen", sagte sie sich. „Wenn er auch zu edel und großmüthig ist, um es mir zu zeigen, so muß er mich dennoch hassen, denn ich habe sein Leben durch Armuth verdüstert und bin ihm ein Hm- derniß zu feinem Glücke gewesen. Mein einziger Wunsch ist, zu sterben,, damit er frei wird. Wenn ich tobt wäre, könnte er sie heirathen, und dann wäre ÄlleS ausgeglichen. O mein Geliebter, ich habe Dich zu Grunde gerichtet!" wiederholte sie und dann schienen ihr die Worte zu versagen — das überreizte Gehirn verwirrte sich und die zu hoch gespannten Nerven er­schlafften.

S e verlor für einige Augenblicke die Besinnung, dann plötzlich beschien sie ein seltsames Licht und sie vernahm eigenthümliche Laute. „Sie listige Diebin!"

Abzahlungsgeschäfte.

Zu den Errungenschaften der Neuzeit von zweifel- baftem Werthe gehören auch die Abzahlungsgeschäfte. Wir wollen nicht bestreiten, daß es Fälle gibt, in denen das Abzahlungsgeschäft gerechtfertigt und nützlich ist, aber in gar manchen Fällen verleitet es gering oder flar nicht bemittelte Leute zu Anschaffungen, welche durchaus nicht so dringend nöthig sind, welche diese aber Dauben sich leisten zu können, weil es ja „so bequem mit der Bezahlung derselben gemacht ist. Das Ge­schäftsprinzip: „Auf Abzahlung" klingt doch gar zu ver'ockend! Und was kann man Nicht alles m den Abzahlungsgeschäften haben! Sie versorgen ihre Kun­den mit allem, was sie nur wünschen und verlangen wögen. Vom glänzenden Cylinder bis zum eleganten Lackstiefel, vom Stiefelknecht bis zum Schreibsekretär, Möbel und Bettwäsche, Küchengeschirr und Goldsachen, alles ist dort aufgespeichert, alles ist dort zu haben, freilich für den Zinsverlust bei den langen ZahlungS- risten'und für das große Risiko bei diesen langen Tristen will, und muß sich auch das Abzahlungsge­schäft durch höhere Waarenpreise schadlos halten, und so muß der Käufer in solchen Abzahlungsgeschäften m der Regel alles bedeutend theurer, oft genug trotz ge­ringerer Qualität, bezahlen, als in den Geschäften mit BaarzShlung. , Ä , .. ™„

Dazu kommt, daß das lange Kreditgeben, die Mög­lichkeit des Kaufens auf lange Zahltermine in winh- schaftlicher Beziehung für manche Leute geradezu der Ruin ist. Nur die Wenigsten können der Lockung wideistehen, ohne augenblicklichen Kostenaufwand sich in den Besitz irgend eines Gegenstandes, von dem sie oftmals nur glauben, daß er wirklich nothwendig ist, zu setzen. Einer jener verhängnißvollen Leihkontrakte ist sehr schnell unterschrieben und dann kommt der hinkende Bote nach. Wie ein Alb drücken die scheinbar so leicht zu erfüllenden Bedingungen; mit unabwers- licher Pünktlichkeit stellt sich dann der Agent ein, der den fälligen Betrag einzieht und diese Raten werden natürlich auch dann noch erhoben, wenn der betreffende Gegenstand vielleicht längst verbraucht ober unbrauch­bar geworden ist. Es muß Jedermann ernleuchten, daß man, wie bereits bemerkt, in einem Abzahlungs­geschäfte niemals billig kaufen kann. Es ist ja f^>n lange kein Geheimniß mehr, doß manche dieser Ge­schäfte mit <Okem Nutzen von achtzig, ja über hundert Prozent arbeiten; sie müssen das thun, wenn sie über­haupt ihre Existenz sichern wollen. Es ist sehr klar, wer diesen Uederpreis bezahlt; es ist eben derjemge, der seine Maaren auf Abzahlung entnimmt, der dem Reize, sich momentan mühelos „Sachen anzuschaffen , nicht den gehörigen Widerstand entgegenzusetzen ver­mag. Noch kürzlich hatten wir Gelegenheit, einen Vertrag aus einem Uhren-Abzahlungsgeschäste emzu- sehen. Für nur 50 Pfennige pro Woche kann nach diesem Schriftstücke Jeder sich in den Besitz eines Regulators im Werthe von 30 Mark setzen. Der Käufer erhält den Regulator jedoch erst, wenn er ab­zahlungsweise, pro Woche 50 Pf., die Hälfte des Preises, 15 Mark, bezahlt hat. Wie dann der so „gekaufte" Regulator in den Besitz des „Käufers" über- geht, das erhellt am deutlichsten aus dem § 4 dieses wohlverklausulirten Vertrages. Derselbe lautet also: „Die Nichtbezahlung der in § 2 vereinbarten wöchent­lichen Ratenzahlungen hebt diesen Vertrag vollständig auf; die bis dahin gezahlten Raten fallen, ohne sede sonstige Vergütung an den Käufer, dem Verkäufer zu und follte der Regulator bereits geliefert sein, so räumt der Käufer dem Verkäufer bas Recht ein, den Regulator zu jeder Tageszeit aus der Wohnung des Käufers durch seine Leute abholen lassen zu können, ohne in diesem Verfahren des Verkäufers eine Ver­letzung feines Hausrechtes ober irgenb eine andere strafbare Handlung zu erkennen. Außerdem muß Käufer, falls der Regulator schon geliefert ist, die etwa rück­ständige Miethe bis zu dem Tage der Zurücknahme des Regulators sofort bezahlen." Wir denken, dieser Kontrakt spricht so deutlich und beredt für sich selbst, daß wir uns jedes Kommentars enthalten können. Der­selbe beweist aber auch, daß eine gesetzliche Reform des Abzahlungswesens dringend erforderlich rst.

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(76. Fortsetzung )

Sie hatte den Schlüsstlkorb an seinen gewöhnlichen Platz gestellt und hielt es für höchst unwahrsch inlich, daß Adelaide seinen Inhalt untersuchen würde. Da­rauf hatte sie sich auf ihr Zimmer begeben und wartete dort, bis Alles im Hause zur Ruhe war und ste kem Geräusch im Hause mehr vernahm. Es schlug die Mitternachtsstunde, dann ein, dann zwei Uhr. Nun glaubte sie (sich ganz sicher; sie hatte ihre Blumen,