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200 Freitag, den 2. September 1892.

ZuldaerMZeilllng

ich an die Geistlichen das offene Wort, daß sie ohne Engherzigkeit und mit weitem Blick der katholischen Interessen in Berlin gedenken. Man hat daran ge­dacht, einen besonderen Verein zur Linderung der Ber­liner Kirchennoth zu gründen, die Hochw. Bischöfe um ein gemeinsames Hirtenschreiben in diesem Sinne zu bitten und man hat auch vorgeschlagen, daß die Katho­liken einer jeden Provinz für ihre Angehörigen tn Ber- lin eine Kirche erbauen sollen. Ich will darauf nicht weiter eingehen, sondern nur darauf Hinweisen, daß wir im Bonifatius - Verein bereits eine Organisation «sitzen, die dazu mitwirken kann, den Schäden in Ber­lin abzuhelfen, wenn wir ihn durch Beiträge unter- tützen. Es muß etwas Großes geschehen, so geht es nicht weiter. Das poetische Interesse mag bei Berliner Kirchenbauten nicht so groß sein, aber besser reimt es für die ewigen Interessen, Kirchen in Berlin, als den Dom in Köln zu erbauen. (Zustimmung.) Die Ent­scheidungsschlacht wird auf märkischem Savde geschlagen werden, und zu diesem Geisterkampfe rufe ich Sie auf, wenn ich Ihnen zurufe: Auf! An's Werk! (Leb­hafter Beifall.)

Präsident D r. Porsch erbittet sich die Erlaubmß, dem gleichzeitig tagenden ersten slovenischen Katholiken­tage in Laibach (Kram) telegraphisch den Gruß der Versammlung zu übermitteln. (Beifall.) — Be­grüßungs-Telegramme werden verlesen von tau­send katholischen in Mxdorf versammelten Handwerkern und Arbeitern Berlins, den Männer-Vereinen zu Olpe, Passau, Konstanz, den Kasino's zu Leipzig und Kassel, von 300 im Strand - Klub zu Borkum versammelten Katholiken u. A.

Das Wort erhält Dr. Frhr. v. Schor lewer - A lst (lebhaft begrüßt). Er nimmt diese Begrüßung an als ein Zeichen der Zustimmung zu der Fahne, der er treu bleiben werde, der Fahne für Wahrheit, Freiheit und Recht! (Bravo!) Wenn er über den Sozialismus sprechen wolle, so möge man sich des Wortes Windthorst's erinnern: Es braucht nicht immer etwas Neues gesagt zu werden, sondern das Wahre recht oft. Wir gedenken des Bischofs v. Ketteler von Mainz, der bahnbrechend vorangegangen ist, so weit- blickend und tieferfasiend, daß er noch heute unser Leitstern ist. (Bravo!) Und dann erinnere ich an Papst Leo XIII., der im vorigen Jahre die soziale Frage in einem Rundschreiben behandelt Hat, das nicht nur seinem reichen Wissen, sondern auch seinem edlen Herzen zur Ehre gereicht. (Bravo!) Dankbar gedenken wir auch des Kaisers, der allen Widerstand brechend — und dieser war sehr mächtig — durch seine Erlasse freie Bahn gemacht hat. Diese sind für uns um so wichtiger, als sie die Politik des Centrums gerecht­fertigt haben. Die soziale Frage beginnt mit dem Gebote: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dem Brod essen. Sie hat zu allen Zeiten bestanden und wird nicht verschwinden. Wenn die Sozialdemokraten erklären, sie wollten nur eine friedliche Umgestaltung durch das Parlament, so widerspricht dies der Wydener Erklärung und auch dem kürzlichen Ausspruche Lieb­knechts von der „revolutionären Sozialdemokratie". Aber wenn sie es auch wollten, so könnten sie es doch nicht. Hinter den Alten stehen bereits die Jungen, hinter den Jungen die Anarchisten, die einen werden die anderen zur That exekutiren. (Zustimmung und Heiterkeit.) Der Liberalismus erkennt seinen unge- rathenen aber doch natürlichen Sohn, den Sozialismus. Tritt einmal eine Beruhigung ein, so sagen die Libe­ralen: Da hätten wir keine Konzessionen nöthig ge­habt. Ein großer Theil arbeitet gegen die kaiserlichen Erlasse. Sie verlassen sich auch auf die Armee. Traurige Verblendung! Auch in die Armee wird die Sozial­demokratie eindringen. Niemand schätzt unsere herrliche Armee höher als ich, aber mit dieser ultima ratio regis kann man die soziale Frage nicht lösen. (Zu­stimmung.) Manche trösten sich auch mit dem Ge­danken: der Zukunftsstaat ist doch gar nicht ausführ- bar. Gewiß — aber hält denn das die Katastrophe fern? Auf, den Zukunftsstaat selbst kommt eS den Sozialdemokraten nicht an, weder den Führern noch den Angeführten. (Heiterkeit.) Sehe ich nach den Ursachen des Sozialismus, so muß ich stets an die biblische Erzählung vom Tanz um das goldene Kalb denken. Herrscht nicht das goldene Kalb auch in unserer Zeit? Mächtiger als einst bei den Juden. Es gebietet vielen Fürsten und Völkern, beherrscht die Wissenschaft, Presse und Kunst — die Komponisten machen sogar die Musik zu dem Tanze ums goldene

39. General-Dersammlung der Katholiken Deutschlands ;u Main;.

* Mainz, 29. August.

Die erste öffentliche Generalversammlung hat den Rtesensaal der Stadthalle schon large vor der angesetzten Zeit bis auf den letzten Platz gefüllt. Richt nur das gewaltige Parterre des Saales wies eine Kopf an Kopf gedrängte Menge auf, sondern auch die Gal­lerten waren eng besetzt. Auf dem Podium hatten die Ehrengäste Platz genommen. Auch der Hochwürdigste Herr Bischof Dr. Paulus Leopold Haffner erschien.

Präsident Dr. Porsch eröffnete die Versammlung mit einer längeren Ansprache, in der er die Entwicke­lung und Bedeutung der Generalversammlungen schil­derte und auf den gegenwärtigen Kampf zwischen Christenthum und Atheismus hinwies, der den Anfang einer neuen Aera ankündige. Der Geist der Abwen­dung von Gott geht durch die Welt, offen und noch mehr versteckt, bewußt und unbewußt. Es sei eine öffentliche Meinung geschaffen worden, die Maßregeln gegen die Kirche zeitige die wirklich oder vermeint­lich zu Gunsten der Kirche lauten, sie aber zu verhindern und zu diSkreditiren suche. Die sog. öffentliche Meinung habe den Kulturkampf verschuldet und das Schulgesetz zu Fall gebracht. Sie suche eine Regierung, selbst wenn sie nur ein sorgfältig abgewogenes und sparsam bemessenes Maß von Rechten, aber objektiver und ge­rechter als früher ertheile, als in der Sklaverei des Centrums liegend, herabzusetzen. Bewußte Unwahrheiten seien nur ein unentbehrliches Werkzeug zur Bildung und Bethätigung dieser öffentlichen Meinung, selbst auf einem öffentlichen Marktplatze. (Sehr gut!) Inzwischen aber rüttele der Umsturz an den Fundamenten der Gesellschaft. In unserm gährenden Parteileben brachten weite Theile zur Lösung der schweren Fragen der Gegenwart kein anderes politisches Programm mit, als ein weißes Stück Papier, mit einem durchgestrichenen großen Namen. (Beifall.) Gleichwohl gehen wir ge­trosten Schrittes in die Zukunft. Mögen die kommen­den Tage dazu beitragen, uns in der Treue zum Kreuze und der Bethätigung des ChristenihumS auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu festigen. Das ist ja der Zweck unserer Versammlungen. (Lebhafter Beifall.)

Mit lebhaftem Händeklatschen empfangen, richtete hierauf der Hochwürdigste Herr Bischof Dr. Haff­ner von Mainz feine kräftige Ansprache an die Ver­sammlung, in der er zunächst an seine frühere Theil- nahme an den Katholiken-Versammlungen erinnerte, jetzt werde er weder so rosig noch so düster sprechen wie früher. Wenn man sieben Jahre das Bischofs­kreuz getragen habe, habe man sich gewöhnt, seine Gefühle zu mischen und zu mäßigen. So war es zu allen Zeilen und so wird es sein in allen Zeiten: stets werde die Kirche Gottes unter den Verfolgungen der Welt und unter den gleichzeitigen Tröstungen Gottes ihren Lauf vollenden. Zur näheren Erläuterung dieses Aus­spruchs des hl. Augustinus warf der Hochw. Herr Redner einen Rückblick auf die letzten fünf Jahrzehnte, in welchen die Katholiken-Versammlungen stattgefunden, angefangen vom Jahre 1848, wo er selbst unter die Freischaaren gegangen sei, um das Vaterland gegen die angeblich einfallenden Franzosen zu schützen und wo der Stern Pius IX. aufging (Bravo!) und über alle Länder leuchtete. Pius wird ewig groß sein in der Geschichte der hl. Kirche. (Lebhafter Beifall.) Er hat die geheimnißvollen Mächte der katholischen Kirche ent­faltet, die eine verrottete Bureaukratie und eine mise­rable Diplomatie zu binden versucht hatte. Er hat das Papstthum populär gemacht. Man darf diesen großen Wohlthäter der deutschen Kirche nie vergessen. Der mächtige Aufschwung, der sich in Deutschland unter dem Stern Pius IX. vollzog, hat uns gestärkt für den Kulturkampf. Hätte dieser uns 1848 getroffen, ich weiß nicht, wie es gegangen wäre. Wahrhaft schmach­volle Verletzungen des katholischen Gefühls erfolgten in jenen Zeiten von den verschiedensten Seiten. Ver­zeihen, aber nicht vergessen. Es hat noch nie eine Be­völkerung gegeben in einem Lande Europas, welche in einer so schmachvollen Weise mißhandelt worden wäre, wie die Katholiken in der Gesetzgebung des Kultur­kampfes. Die Verfolgung der Welt hat aber auch der Tröstung Gottes nicht entbehrt. AuS den Generalver-

sammlungen ist eine Fülle von Kraft und Stärkung ausgegangen. Wir sind dann in die Aera Leo XIII. eingetreten. War Pius ein crux de cruce, so ist Leo ein lumen de coelo, das mit den Fürsten und Slaats- männern in wunderbarer Weise verkehrt, und die Ach­tung aller Mächte von Europa errungen hat. ES habe )en Anschein, als ob wir in eine neue Periode über- singen, in der die Verfolgungen der Welt und hoffent- ich auch die Tröstungen Gottes in neuer Weise sich mischen würden. Ein Abgrund der Religions- und >amit der Sittenlosigkeit thue sich vor nnS auf und drohe die christliche Gesittung und Civilisation zu 6er» chlingen: der Atheismus. Bei der Berathung deS neußischen Schulgesetzes habe ein ritterlicher und edler Nanu, der an der ersten Stelle des Reiches stehe, das chöne Wort gesprochen: christlich oder atheistisch! (Leb- jafter Beifall.) Das Wort solle nicht mehr verhallen in der Geschichte des deutschen Volkes. Gepriesen sei >ie Stunde, wo dieses Wort einmal in Berlin aus­gesprochen worden ist. (Lebhaftes Bravo.) Bis jetzt habe man den Atheismus auf hohen und niederen Schulen gepredigt und ein hochbesoldeter Staatsbeamter und Lehrer habe die Theorie von der dogmenlosen Morallehre ohne Gott aufgestellt. (Zustimmung.) Die katholische Kirche pflege das Christenthum und stütze die Moral und die soziale Ordnung. Leider mache aber bei Vielen die Einsicht von der Nothwendigkeit des Christenthums Halt vor den Stufen von St. Peter. Nun, mögen die anderen es halten, wie sie wollen, wir drängen sie nicht, wir werden aber auch nicht aufhören, unseren Glauben zu bekennen. Möge Gott das Wort der Redner dieser Versammlung segnen, damit sie Eindruck machen auf die Herzen unserer armen Mitbrüder, die nicht unseres Standpunktes sind, damit sie erkennen, daß man die Religion nicht anders findet als in der Kirche und die Ordnung der Welt nicht anders als in der Religion. (Beifall.) Hierauf ertheilte der Hochw. Herr Bischof zugleich im Namen und Auftrage der in Fulda versammelten Bischöfe der Versammlung seinen Segen, worauf der Präsident als Zeichen des Dankes ein Hoch auf den Hochw. Herrn Bischof ausbrachte, in das die Versammlung be­geistert einstimmte.

Das Wort erhält hierauf Reichs- und Landtags- Abgeordneter Dr. Bachem, welcher an das Wort des Grafen Ballestrem erinnert, daß wir jetzt erst einen Präliminar - Frieden mit Demarkations - Linie hätten. Was sei während des Waffenstillstandes wichtiger, als die Wiederherstellung der Schäden, welche der Kampf hinterlassen. Wir können nicht nachlassen, dahin zu wirken, daß wir auch der letzten Fesseln, insbesondere bezüglich der Orden, ledig werden. (Bravo!) Bis dahin aber müssen wir Alles thun, um die Schäden zu mildern und so das „ultramontane Retablissement" vorzubereiten. (Bravo!) Diese Aufgabe habe sich der Bonifatius-Verein gestellt. Immer mehr siedeln sich in ganz protestantischen Gegenden katholische Fa­milien an, und es müsse Vorsorge getroffen werden, daß das Pflänzlein des Glaubens, hinweggeweht, nicht verdorre. Und namentlich müssen wir immer und immer wieder Hinweisen auf den größten Schaden, die Kirchen­noth in Berlin, die recht eigentlich eine Folge des Kulturkampfes sei. Während des Kulturkampfes habe sich eine Noth in Berlin herausgebildet, wie an keinem andern deutschen Orte, ja keinem Orte der Welt. Die Katholiken vermehren sich in Berlin stärker als an irgend einem andern Orte. Sie haben von 1885 bis 1890 um 34 Prozent, in den Vororten sogar um 76 Prozent zugenornwen. Mit dieser unerhörten Vermeh­rung haben die kirchlichen Verhältnisse nicht Schritt halten können. Die Berliner Katholiken sind aber zum größten Theile keine geborenen Berliner, sondern ein- gewandert aus allen Theilen Deutschlands. Deshalb haben die Glaubensgenossen in ihrer Heimath die Pflicht, mitzuwirken zur Linderung ihrer Kirchennoth. Die Katholiken Berlins kämen ihrer Zahl nach sofort nach Köln und München und seien zahlreicher als die Katho­liken der Diözesen Hildesheim und Fulda. Und diese große Zahl von Katholiken müssen sich mit wenigen Kirchen begnügen, die größtentheils ehemalige Tanzsäle seien. Nur eine katholische Kirche sei im Bau begriffen. In den neu gegründeten Pfarreien kommen auf 20,000 Seelen nur je 2 Geistliche. (Bewegung.) Dem ent­sprechen auch die gewaltigen Verluste der katholischen Kirche in Berlin. Geben wir unfern Ueberfluß hin zur Linderung der Berliner Kirchennoth, er kann nicht besser angelegt werden. (Bravo!) Namentlich richte