Beilage zu Nr. 196 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 28. August 1892.
Das verhängnisvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(73. Fortsetzung)
38. Kapitel.
Margarita Rylestone stand mit Miß Cameron auf der großen Terrasse, als Mr. Beale's Ankunft gemeldet wurde. ES war ein klarer, schöner Septembertag; der Himmel war tiefblau, die goldenen Sonnenstrahlen spielten auf Blumen und Bäumen, die rothbraunen Blätter fielen zur Erde, das herbstliche Laub stand in seiner schönsten Farbenpracht. Sie beobachteten den herannahenden Wagen, und Adelaide dachte darüber nach, wie bald sie Walton verlassen würde und wie selten sie dann Mr. Beale und Lord Rylestone sehen würde; Margarita malte sich tausenderlei Bilder aus — Mr. Beale's Erstaunen, wenn er Lady Rylestone in ihr begrüßen würde — die Heimkehr, an die sie bald denken mußte, an den Empfang, der ihr zu Theil werden würde, wenn sie einst als Lord Ryleftone's hochgeehrte Gemahlin hier einzog.
Plötzlich erblickte sie die kleine, schmächtige Gestalt des Advokaten, sie betrachtete sein listiges Gesicht, die scharfen Augen, das eisengraue Haar. Er hielt einen blauen Beutel in der Hand, bei dessen Anblick ihr Herz mächtig pochte. Vielleicht steckte das Testament in diesem Beutel und er enthielt also das Gehcimniß, um dessenwillen sie sich so vielen Gefahren ausgesetzt hatte.
Sie sah, wie er im Hause verschwand, und blickte zu dem sonnenbeglänzten Himmel empor. Die Zeit war nun gekommen, wo sie ausführen mußte, was sie so lange geplant hatte.
„Der Himmel stehe mir bei!“ sprach sie zu sich selbst. „Möge er mir die Kraft, den Muth, den Verstand und die Geschicklichkeit verleihen, Diejenigen zu vernichten, die meinem Gatten sein Eigenthum geraubt haben! Und dabei fielen ihre Blicke auf Adelaide Camerons schönes Antlitz und ihr Muth verließ sie. Sie, die junge Erbin, die ihr Leben an eine Schattenliebe vergeudete, war unbedingt nicht Lord Rylestones Feindin. Margarita hatte es einst geglaubt — jetzt war sie davon besser unterrichtet. Sie wußte, daß Adelaide Cameron kein größeres Glück begehrte, als Lord Rylestone ihr Vermögen abtreten zu können, und keinen höheren Schatz als seine Liebe kannte. Man konnte sie unmöglich zu seinen Feinden zählen. Gegen wen sollte sie — also eigentlich zu Felde ziehen? Doch sicher nicht gegen den Verstorbenen! Sie preßte die Hände gegen die pochenden Schläfen.
„Ich werde wahnsinnig, wenn dos noch lange so weitergeht," sagte sie sich. „Ich fühle schon jetzt so etwas."
Sie folgte Miß Cameron langsam und mechanisch in's Haus zurück. Später konnte sie sich gar nicht erinnern, wie die Morgenstunden jenes Tages vergangen waren, sie verbrachte sie wie im Traume. Endlich raffte sie sich auf, weil sie es sich zur Aufgabe machte, zu wachen und zu lauschen, um zu erfahren, wo das Testament aufbewahrt werde. Ein kleiner Umstand hatte sie vergewissert, daß sie sich wenigstens endlich auf der richtigen Fährte befand. Adelaide, die ihre Gäste nie allein empfangen oder unterhalten wollte, bat Margarita, Mr. Beale gleichzeitig mit ihr zu begrüßen. Er stellte einen verschlossenen Kasten auf den Tisch, um seine Hand frei zu machen, und dann blickte er lächelnd danach hin.
„In diesem Kasten liegt die Abschrift des wichtigen Testaments," verkündete er.
„Des grausamsten Testaments, das je abgefaßt wurde!" rief Adelaide aus.
„Das würden wenige Menschen behaupten, Miß Cameron, denen durch ein Testament ein so großes Vermögen zugefallen ist," bemerkte der Advokat.
Da Adelaide auf Margarita's Antlitz einen Ausdruck des Erstaunens wahrnahm, sagte sie:
„Durch dieses Testament kam ich in den Besitz eines großen Vermögens, Margarita, aber ich gebe gern mein Leben hin, wenn ich es dadurch ungeschehen machen könnte."
„Sie sprechen in Räthseln," versetzte Margarita; darauf warf Mr. Beale einige Fragen über Sir Williams Ankunft ein, und die Unterredung war beendet.
Aber Margarita hatte sie wohl in sich ausgenommen und sie war dadurch verwirrter als je zuvor. Warum feindete Miß Cameron ein Testament an, durch welches sie in den Besitz eines solchen Vermögens gelangt war? Es war doch unmöglich deshalb, weil ihr Lord Rylestone so theuer war, daß es sie schmerzte, ihn beraubt zu haben. Wäre eS der Fall, so würde sie nicht so aufrichtig darüber sprechen, wie sie eS that.
Es wurde Zeit, zu Mittag Toilette zu machen. Mr. Beale und Sir William erschienen Beide bei
Tische und Beide waren aufrichtige Bewunderer der schönen Erbin, der, ihrer Ansicht rach, kein Weib auf Erden an Schönheit gleichkam. Dennoch blickten sie erstaunt auf, als Margarita Rylestones herrliche Gestalt vor ihnen erschien. Sie wußte selbst nicht, weßhalb sie so sorgfältig Toilette gemacht hatte, denn sie hatte nicht die geringste Absicht, einen Eindruck auf sie zu machen — oder sich von ihnen bewundern zu lassen. Sie hatte ein prächtig rothes Kleid, dessen Stoff nicht kostbar, aber glänzend und duftig war, gewählt und trug einen Goldschmuck. Als die beiden Herren, indem sie das Zimmer betrat, aufsahen, erblickten sie eine wunderbar schöne Gestalt mit rothen Blumen in den dichten Wellen ihres dunklen Haares und einem Antlitz, das wie das Traumbild eines Künstlers erschien. Sie erhoben sich unwillkürlich. Mr. Beales Geist erzeugte bei ihrem Anblick den Gedanken, daß doch nichts über eine brünette Schönheit gehe, während Sir William sich im Stillen wunderte, wie Miß Cameron darauf gekommen sei, sich ein so schönes Geschöpf als Gesellschafterin zu wählen. „Sie fürchtet unbedingt ihre Nebenbuhlerschaft nicht", sagte sich der Baron.
Die kleine Mittagsgesellschaft ging glücklich vorüber. Adelaide war, wie gewöhnlich, guter Laune, und Margarita bemühte sich zu sprechen, obgleich sie eigentlich nichts als hören wollte, um zu erlauschen, ob etwas oder was über das Testament geäußert würde. Es kam aber gar nicht die Rede darauf und sie fühlte sich dadurch so bitter enttäuscht, daß ihr der Appetit gänzlich verging. Sir William, der sie sehr aufmerksam beobachtete, sah, daß sie, obgleich sie die angebotenen Gerichte nicht vorübergehen ließ, doch in der That nichts davon aß. Sir William erfreute sich eines gesunden, kräftigen, englischen Appetits und betrachtete alle Diejenigen, die nicht damit gesegnet waren, von vorn herein mit Mißtrauen. Der erste verdächtige Umstand in der langen Reihe von Anklagen, die gegen Margarita erhoben wurden, war, daß sie einmal an einem wohlservirten Tische gesessen hatte, ohne zu essen.
Als die Herren beide allein waren, tauschten sie ihre Ansichten über die dunkeläugige Gesellschafterin der jungen Erbin aus. Sir William äußerte die seine sehr rückhaltlos.
„Ich begreife die junge Dame nicht recht," sagte er zu dem Advokaten. „Sie ist durchaus keine Persönlichkeit, wie man sie im Allgemeinen zur Gesellschafterin geeignet findet. Mir macht sie mehr den Eindruck eines jugendlichen Mitgliedes einer vornehmen Familie und ich glaube in der That, daß ich nie in meinem Leben ein schöneres Weib gesehen habe."
„Ich auch nicht," stimmte Mr. Beale bei, „aber sie erscheint mir, wie Ihnen, etwas verdächtig. Mir ist nicht recht klar, wie ein so schönes Weib zu dieser Stellung kommt."
„Vielleicht ist sie arm und muß sich ihren Lebensunterhalt erwerben," sagte Sir William.
„Das wäre möglich — ich kann dem nicht widersprechen, aber ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß sie hier nur eine Rolle durchführt. Sie macht mir entsch'eden einen derartigen Eindruck. Sie spricht und scheint an der Unterhaltung theilzunehmen, ich bemerkte ober dabei sehr wohl, daß sie dabei eifrig lauschte. Man konnte das sehr leicht an dem gespannten Ausdruck ihrer Augen wahrnehmen. Aber wonach in aller Welt späht sie umher?"
„Hoffentlich ist Miß Cameron ihr gegenüber vorsichtig in Bezug auf Mittheilungen und Auskünfte gewesen," sagte Sir William.
„Daran zweifle ich nicht, wenn ich aber eine wirkliche Veranlassung zum Verdacht fände, würde ich dennoch sofort auf Miß Ayenels Entfernung'von hier dringen.
„Die Dame hat also von Ihnen auf wenig Nachsicht zu rechnen," versetzte Sir William.
„Ich habe vor Allem die Gerechtigkeit im Auge und meine erste Sorge gilt Miß Cameron," sagte Mr. Beale und darauf begaben sich die Herren in den Salon.
Obgleich ihre bessere Ueberzeugung gegen sie sprach, mußten sie doch zugestehen, daß sie ganz entzückt von Miß Cameron's Gesellschafterin waren. Sir William kam bereits auf den Gedanken, daß er sie unrichtig beurtheilt hätte, aber der schlaue, scharfsichtige Mr. Beale entdeckte hinter ihrer glänzenden Außenseite eine nagende innere Unruhe.
„Was beunruhigt sie?" dachte er. „Warum belauscht sie meine Worte so aufmerksam, und warum beobachtet sie mich so genau und hängt mit ihren Augen an meinen Lippen, wenn ich mit Miß Cameron spreche? Dahinter steckt unbedingt ein Geheimniß und das muß ich ergründen."
Margarita's Geduld und Beharrlichkeit fanden endlich ihren Lohn. Mr. Beale ging an Miß Cameron heran und sagte, da er sich unbelauscht glaubte:
„Es ist am besten, wenn ich die Abschrift des
Testamentes mit den anderen Dokumenten in den eisernen Geldschrank einschließe."
„Ja," stimmte sie bei, „das ist der Hauptbewahrungsort für alle meine Schätze. Ich verschließe meinen Schmuck und mein Geld stets darin."
„Still, still, mein liebes Fräulein," sagte er mit der ganzen Vorsicht eines Advokaten.
Sie sah ihn lachend an.
„Wie vorsichtig die Herren Advokaten sind! Wer soll mich hier hören?"
Er hatte aber einen leuchtenden Blick aus den dunklen Augen aufgefangen und obgleich er ihn nicht genau zu deuten wußte, war er doch sicher, daß Margarita Miß Cameron's Aeußerung vernommen hatte und daß das Vernommene ihr entschieden zur Genug- thuung gereichte.
„Nicht wahr, Sie haben den Schlüssel zu dem Geldschranke?" fragte Mr. Beale.
„Jawohl," und Miß Cameron zog ein kleines Schlüsselbund hervor. Der zu dem Geldschrank gehörige Schlüssel war ganz klein und von besonderer Form.
„Dieser hier ist es, Mr. Beale," sagte sie, und der Advokat flüsterte ihr darauf leise zu:
„Hoffentlich sind Sie mit Ihren Schlüsseln recht vorsichtig, Miß Cameron. Es sind in neuerer Zeit einige höchst seltsame Juwelen-Diebstähle vorgekommen."
„Wir gehen mit unseren Schlüsseln recht sorgfältig zu Werke," ewiderte sie lächelnd — wir haben eine feierliche Ceremonie auf Walton, die täglich vollzogen wird. Mrs. Grame bringt nämlich regelmäßig jeden Abend sämmtliche Schlüssel in mein Zimmer und ich glaube, sie würde nicht eher ruhig schlafen, bis sie sie mir selbst in die Hand gegeben."
„Mrs. Grame ist eine sehr verdienstvolle Person," versicherte er. „Ich glaube, daß Ihnen schwer ein Unrecht zugefügt werden wird, so lange sie im Hause ist."
„Mir ein Unrecht?" wiederholte Adelaide. „Aber wer denkt überhaupt daran?"
„Sie können nicht vorsichtig genug sein," bemertte der Advokat. „Ich habe neuerdings so viele seltsame Geschichten gehört, daß mich nichts mehr Wunder nehmen würde."
Miß Cameron lachte.
„Ich denke, hier in Walton sind wir ziemlich sicher," sagte sie. „Ich habe nicht die geringste Sorge darum. Dennoch nehme ich guten Rath immer gern an und ich verspreche Ihnen, mit meinen Schlüsseln sehr vorsichtig zu sein."
An diesem Abende begegnete MrS. Grame, als sie mit dem Schlüsselkorbe in der Hand den Korridor entlang ging, der nach Miß Camerons Zimmer führte, Margarita, die sie mit einer seltsamen hektischen Röthe auf den Wangen und einem eigenthümlichen Glanze in den dunklen Augen halb lachend anredete:
„Ich gehe eben zu Miß Cameron, foll ich ihr den Schlüffelkorb mitnehmen, MrS. Grame? Sie ersparen sich dadurch den Weg."
Die Haushälterin sah sie erstaunt an.
„Nein, ich danke bestens, Miß Ayenel," sagte sie. „Ich will ihn lieber, der alten Sitte getreu, meiner Herrin selbst in die Hand geben."
„Wie Sie wollen," erwiderte Margarita stolz. „Ich wollte Ihnen nur die Mühe ersparen," und damit ging sie weiter.
Mrs. Grame blickte der verschwindenden Gestalt mißtrauisch nach.
„Mag meine Herrin ihr so viel Vertrauen schenken, als sie will," sagte sie, „das meine wird sie nie besitzen."
Als Margarita zehn Minuten später nach Miß Camerons Zimmer zurückkam, fand sie die Thür verschlossen und mußte also für diesen Abend die Hoffnung, die Schlüssel zu erlangen, aufgeben. Es erschien ihr jetzt Alles so leicht und einfach. Sie brauchte sich nur durch irgend eine List die Schlüssel zu verschaffen, den Geldschrank zu öffnen, das Testament zu lesen und es wiederum einzuschließen. Aber was dann? Ein schmerzliches Gefühl der Muthlosigkeit beschlich sie, als sie sich die Frage vorlegte: „Was dann?"
Aber ihr Entschluß war gefaßt. Sie mußte dann, ihrer Ansicht nach, sofort zu irgend einem bedeutenden, zuverlässigen Advokaten gehen, seinen Rath einholen und sehen, ob eS ihr gelang, das Testament auf irgend eine Weise umzustoßen und ihrem Gatten so zu dem verlorenen Vermögen zu verhelfen.
Jetzt schienen alle Schwierigkeiten beseitigt und die Aufgabe, di« sie sich gestellt hatte, lag ziemlich klar vor ihr. Die einzige schwierige Frage war noch, wie sie den Schlüssel zu dem Geldschrank erlangen sollte. Aus den Zügen der Haushälterin hatten Mißtrauen und Widerwillen deutlich genug gesprochen, und sie wußte wohl, daß sie in Mrs. Grame eine Feindin besaß, die sie gern vernichten würde.
(Fortsetzung folgt.)