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Sonntag, den 28. August 1892.

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AMU" Hierzu eine Beilage.

Die Katholischen Generalversammlunaen in Main; 1848, 1851, 1871, 1892.

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§. Zum vierten Male im Laufe fast eines halben Jahrhunderts hat Mainz die Ehre, die Generalver- fammlung der Katholiken Deutschlands in seinen Mauern tagen zu sehen. Bon Mainz aus erklang vor vier und vierzig Jahren in der sturmbewegten Zeit des JahreS 1848 der Rus zur Gründung „katholischer Vereine für kirchliche Freiheit" und fand weithin in katholischen Kreisen durch ganz Deutschland einen freudigen begeisterten Widerball. Hier in Mainz tagte vom 3. bis 6. Oktober 1848 in dem Akademie­saale des ehemaligen kurfürstlichen Schlosses und des Saales zum „Römischen König" unter Theilnahme von drei und zwanzig Mitgliedern des damaligen Frank­furter Parlamentes die erste Generalverfamm- lung der Katholiken DeutfchlandS. Voll Begeisterung über den harmonifchen, ergreifenden und erhebenden Verlauf jener Versammlung schreibt der damalige offizielle Bericht: „Es war diese Versamm­lung wie ein großes Sprachenfest, in welchem der Geist, die Kraft und die Liebe des Katholizismus sich offenbarte. Alle, die da sprachen, waren Männer der innigsten katholischen Ueberzeugung; die Sache, von der sie redeten, war der Gegenstand all ihres Denkens, ihres Wollens und Strebens, ihrer Sorgen und Hoff­nungen, die allerhöchste und heiligste Angelegenheit ihres Lebens . . . Und vor welcher Versammlung redeten fie? Aus allen Theilen des deutsche» Vater­landes hatten die Genossen dieser selben Einen theuren Ueberzeugung sich vereinigt; da mußte ja Geist an Geist sich entzünden, Herz an Herz erglühen. Sie waren umgeben von einem katholischen Volke, daS sie verstand, daS sie trug und stützte. Und wie lange hatten wir Katholiken nach einem solchen Tage unS gesehnt! ES war die erste große Vereinigung deutscher Katholiken — ja das ganze katholische Deutschland war im Geist und Wesen hier versammelt. Bisher waren wir vielfach zerstreut, vereinzelt, angefeindet, beengt — nun aber waren wir hier eins und einig; und frei und freudig, wie nicht seit Menschengedenken, tagten wir in unserer eigenen Sache — ein geistiges Parlament des katholischen Volkes."

Die erste katholische Generalversammlung hier in Mainz bildet in Verbindung mit der gleichfalls im Herbste 1848 abgehaltenen Versammlung der deutschen Bischöfe in Würzburg einen Mark­stein in der Geschichte der katholischm Kirche Deutsch­lands im 19. Jahrhundert. Wie mächtig jene Mainzer Generalversammlung im katholischen Deutschland ge­zündet, zeigt sich unter vielem Anderem namentlich auch darin, daß gleich im folgenden Jahre zwei große Generalversammlungen abgehalten wurden, die eine im Notdosten Deutschlands, in Breslau im Mai 1849, die andere in Süddeutschland, in Regensburg im Oktober 1849^ Die vierte Generalversammlung fand im Herbst 1850 unter großer Begeisterung in Linz statt und wirkte weithin mächtig anregend auf Klerus und Volk in Oesterreich von den untersten bis in die höchsten Kreise. Die fünfte Generalversammlung im Herbste 1851 hatte wiederum Mainz zu ihrem Ver­sammlungsorte erkoren und wurde verherrlicht durch die Anwesenheit der Kardinal-Erzbischofs von Köln, Johannes von Geissel, und des am 25. Juli 1850 auf den bischöflichen Stuhl von Mainz erhobe­nen neuen Bischofs von Mainz, Wilhelm Emmanuel Freiherrn von Ketteler. Diese fünfte Generalver- lung war besonders fruchtbar an praktischen Resultaten. Der edle Kolping machte hier mit großem Erfolge Propaganda für die Stiftung von Gesellenvereinen, die bis dahin nur eine geringe Verbreitung gefunden hatten; auch wurde auf jener Versammlung die Stiftung Marianifcher Sodalitäten, die Gründung literarifcher und geselliger Vereine für die katholische studirende Jugend, die Gründung und Verbreitung katholischer Blätter, die Unterstützung der deutschen katholischen Mission in Paris theils angeregt, theils bedeutend ge­fördert.

n.

Mächtig blühte unter dem frischen und wohlthuenden Wehen katholischer Freiheit in den fünfziger und sechziger Jahren daS katholische Leben in Deutschland auf.

Jede neue katholische Generalversammlung, die inner­halb jener zwei Jahrzehnte gehalten wurde, legte hie- für immer von Neuem wieder Zeugniß ab, und jede gab dem Aufschwünge katholischen Denkens und Lebens immer neue Impulse. Da zogen nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges im Jahre 1871 finstere und schwarze Gewitterwolken über der katholischen Kirche in Deutschland sich zusammen und drohten ihr Unheil und Verderben. Der „Kulturkampf" mit seinem ganzen Ueb ermaß von Feindseligkeit, Haß und Gewaltrhaten gegen die Kirche war im Anzuge. Unter den düsteren, unheilvollen Auspieien des nahenden „Kulturkampfes" tagte vom 11. bis 14 September 1871 hier in Mainz zum dritten Male die General­versammlung der Katholiken Deutschlands. Die Ver­sammlung stand ganz und gar unter dem Eindruck der kommenden unheilvollen Ereignisse und war sich der traurigen Lage, in welche man die kathol. Kirche in Deutschland bringen werde, voll und ganz bewußt. Mit großer Klarheit und Schärfe zeichnete damals der selige Regens und Reichstagsabgeordnete Dr. M o ns a n g gleich in der Eröffnungsrede der Versammlung die furchtbar ernsten Gefahren, welche der katholischen Kirche und den Katholiken in Deutschland drohten, und mit nicht minderer Klarheit und Bestimmtheit aber verkündete er auch voraus, daß in dem Kampfe, den man uns aufzwingen werde, alle Machinationen und Gewaltthaten der Feinde der Kirche zu Schanden würden an der Glaubens- und Gewissenstreue des katholischen Klerus und des katholischen Volkes. „Die 14 Millionen deutscher Katholiken", rief Moufang in seiner Eröffnungsrede am 14. September 1871 aus, „bilden allerdings nur ein Drittheil im neuen Deutschen Reiche, aber e§ ist wahrhaftig nicht das schlechteste Drittel, und wenn man mit dem anbindet, so wird man sehen, welche tiefe Ueberzeugung in uns ruht, und wie eher Alles bricht, als der katholische Glaube im deutschen Volk. . . . Das ganze katholische Volk, die Geistlichkeit, die Pfarrer und Seelsorger deS Volkes, alle unsere Bischöfe, die werden feststehen, nicht wie Revolutionäre, wenn sie Widerstand leisten, sondern wie gewissenhafte Männer, wie eine Mauer, sagt der Prophet, die gebaut ist zum Schutze des Hauses Gottes." Was die im Herbste 1871 hier tagende Generalver­sammlung durch den Mund MousangS den gewaltigen Feinden der Kirche ankündigte, das hat sich in zwölf Jahren des „Kulturkampfes" vollauf erfüllt. Wie Mauern haben die Bischöfe, der Klerus und das katho­lische Volk in den langen, unheilvollen Jahren deS Kampfes gegen die katholische Kirche gestanden, und durch Dulden und Leiden und durch die Macht der Wahrheit und des Wortes haben sie über die Gewalt der mächtigen Feinde der Kirche triumphirt und deren finstere Pläne zu Schanden gemacht. An dem gewaltigen und furchtbaren Manne ober, der die eigentliche Seele und der eigentliche Träger des deutschen wie des inter­nationalen „Kulturkampfes" war, an dem Fürsten Bismarck, hat eine große weltgeschichtliche Nemesis sich vollzogen! Der neben Napoleon I. berühmteste und gefeiertste Mann des Jahrhunderts, der gewaltige Reichskanzler des neuen Deutschen Reiches, der auch die katholische Kirche niederwerfen zu können wähnte, ist heute — zur tragikomischen Reichsfigur herabge­sunken! Der „Kulturkampf" ist der Sarg seines Ruhmes geworden, und mit Kaiser Julian mag er ausrufen: „Galilaee vicisti! Galiläer, Du hast gesiegt?" Qui mange du Pape, en meurt! Die Todten — reiten schnell!

III.

Der acute, plumpe und brutale „Kulturkampf" ist zu Ende. An seine Stelle ist der chronische, stille und schleichende Kulturkampf getreten, der auf mehr denn einem Gebiete, namentlich aber auf dem Gebiete der Schule und überhaupt des niederen und höheren Unterrichts, arge Verheerungen und Verwüstungen on- richtet und, einer geistigen Phylloxera gleich, allmählig den Leib der Kirche in Deutschland zu zerfressen droht. In den ersten Monaten dieses Jahres hatten wir ge­hofft, daß das von der preußischen Regierung einge­brachte neue Schulgesetz die Morgenröthe einer neuen christlichen Aera heraufführen werde, und wie Worte )er Erlösung von einem unheimlichen Banne klangen uns die herrlichen, von tiefer R-ligiosität, wie von echt staatsmännischer Weisheit zeugenden Reden )eS Reichskanzlers v. Caprivi und des Kultusmini- ters v. Zedlitz. Unsere Hoffnungen sind — getäuscht worden! Das projeHirte Schulgesetz ist —

dem Ansturm des Unglaubens und der Gottlosigkeit zum Opfer gefallen!

Wie vor einundzwanzig Jahren int Herbste 1871 die katholische Generalversammlung hier in Mainz tagte unter dem Zeichen des nahenden „Kulturkampfes", so tagt sie in diesem Jahre hier unter dem Zeichen des gefallenen preußischen Schulgesetzes. Und wie die entschiedene und mannhafte Stellung, welche die Generalversammlung im Jahre 1871 dem nahenden „Kulturkampf" gegenüber eingenommen, dem katholischen Deutschland zum Segen geworden ist, so wird auch — wir zweifeln nicht daran — die Stellung, welche die diesjährige Generalversammlung dem ge­fallenen preußischen Schulgesetzentwurfe gegenüber in der Schul- und Unterrichtsfrage einnehmen wird eine Quelle des Segens werden für das katholische und überhaupt für das christliche Deutschland. Möge das Wort des Reichskanzlers v. Caprivi: Christlich oder atheistisch — daS ist hier die Frage!" — auch das Losungswort der Generalversammlung werden auf dem Gebiete der Schul- und Unterrichtsfrage! Möge die Generalversammlung im Namen der 17 Millionen deutscher Katholiken mächtig ihre Stimme erheben für den christlichen, für den konfessionellen Cha­rakter der Schule, und möge sie in ihren Ver­handlungen und Berathungen nach allen Richtungen hin auf Mittel und Wege sinnen, um den Kindern unseres Volkes, den Jünglingen und Jungfrauen der höheren und niederen Stände, den Familien das für Zeit und Ewigkeit kostbarste Gut, das Gut des katho­lischen Glaubens zu erhalten.

Ohne Lösung der Schul- und Unterrichtsftage im Geiste des Christenthums gibt es auch keine Lösung der sozialen Frage, und so lange man nicht auf dem Gebiete der Schule und deS Unterrichtes wieder ganz und voll in die Bahnen des ChristenthumS ein­lenkt, ist Alles, was man zur Lösung der sozialen Frage thut und unternimmt, doch nur — das Oer» hängnißvolle und thörichte Wassergießen in ein Danaiden­faß! Die richtige Behandlung der sozialen Frage hat zu ihrer unumgänglich nothwendigen Voraussetzung die richtige Behandlung der Schulfrage, und ohne die richtige Lösung der letzteren gibt es nie und nimmer eine Lösung der ersteren!

Je größer und ernster die Tragweite der Fragen ist, die an die kommende Generalversammlung heran- treten werden, um so wichtiger und bedeutungsvoller erscheint uns diese Versammlung selbst. In gehobener Stimmung, voll freudiger Erwartung und zuversicht­lichen Vertrauens blicken wir ihr entgegen. Möge auf allen ihren Verhandlungen, Berathungen und Be- fchlüffen der Segen Gottes ruhen, und mögen die Tage vom 28. August bis 1. September Tage der Erneu­erung, der Belebung und Kräftigung des katholischm Denkens und Lebens werden für unsere Stadt, für unsere Diözese, für das ganze katholische Deutschland!

Deutsches Keich.

Berlin. 26. August.

* Wie verlautet, hat sich Geh. Rath Koch auf direkten Befehl des Kaisers nach Hamburg und Altona begeben. Koch, der wieder in Berlin eingetroffen ist, erklärt es für wahrscheinlich, daß die Cholera aus Rußland und nicht aus Frankreich, wie meist angenommen wurde, nach Hamburg eingeschleppt wor­den ist.

* Bei den bisher in Berlin vorgekommenen Fällen choleraartiger Erkrankungen hat eS sich nur um Brechdurchfall gehandelt. Es steht fest, daß die asiati­sche Cholera in Berlin noch nicht oufgetreten ist. Auch der am Mittwoch Abend hier von Hamburg ein­getroffene Kaufmann, der unter choleraähnlichm Symptomen erkrankt war, litt nur an Brechdurchfall den er sich unterwegs durch übermäßigen Genuß eis­kalten Bieres zugezogen. Heute sind hier sowohl tote in dem benachbarten Rtrdorf mehrere verdächttge Er­krankungen gemeldet worden, deren Natur noch nicht definitiv festgestellt ist Uebrigens hat sich in Berlin die Besorgniß vor der Cholera etwas vermindert, nach­dem endlich der langersehnte Regen eingetreten ist, der eine erhebliche Abkühlung mit sich gebracht hat.

* Der .Reichs rnzeiger' meldet: Nach dm Mitthei­lungen der aus Hamburg zurückgekehrten Geheimen Medizinalraths Dr. Koch ist nicht mehr daran zu zweifeln, daß in Hamburg und Altona die asia­tische Cholera in einem bedrohlichen Umfange herrscht.