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M Die europäische Lage.

Durch die erfolgreiche „Vergnügungsreise" des bulgarischen Ministerpräsidenten Stambulow nach Konstantinopel hat die europäische Lage sehr an Klar­heit gewonnen. Es hat sich gezeigt, daß der Sultan als Suzerän Bulgariens die Anerkennung des Fürsten Ferdinand wünscht und daß er seinerseits die Aner­kennung aussp rechen wird, sobald der günstige Augen­blick gekommen ist. Daraus ergibt sich werter, daß der Einfluß Rußlands und Frankreichs bei der Pforte auf Null gesunken ist. Diese Erkenntniß scheint eine der Ursachen, wenn nicht Hauptursache der in S e r b i e n ausgeorockenen Ministerkrisis zu sein. Wie näm­lich die Wienrr .Neue Freie Presse" aus Belgrad er­fährt, ist auch die überaus russenfceundliche auswärtige Politik des Kabinetchefs Paschitsch im letzten Minister - rathe von mehreren Ministern fehr heftig getadelt wor­den. Der Erfolg Bulgariens wird vorwiegend der österreichisch - ungarischen Unterstützung zugeschrieben, während man erkennt, daß die serbischen Be­ziehungen, zur Pforte trotz der Protektion Rußlands nicht besser geworden sind. Der Genugthuung über die russische Freundschaft ist j-tzt also ein gewaltiger Katzenjammer gefolgt. Es ist nicht unmöglich, daß man sich in Serbien jetzt wieder um die österreichische Freundschaft bemühen wird.

Der Effelq Stambulow's stellt sich also nach allen Richtungen hin als eine arge Niederlage der russisch-französischen Diplomatie dar, um so mehr, als sich der französische Botschafter Kambon vergeblich bemüht hat, die Audienz Stambulows beim Sultan zu vnhiirderu. Es ist kein Zweifel, daß die unzweideutige Stellungnahme des Sultans auf die bulgarischen Eithüllungm Mer die russischen Jmrigmn auf dem Balkan zurückzusahren ist. Es heißt dann auch daß Stambulow dem Sultan die Originale der russischen Aktenstücke, welche Rußlands Ränke ent­hüllen, vorgelegt hat. Die große Bedeutung dieser Enthüllungen für die Klärung der europäischen Lage ist hiermit aufs Neue bewiesen.

Das zweite Moment, welches in ebenso erfreulicher Weise Klarheit in die politische Lage gebracht hat, ist der Eintritt Loro Roiebery's in das neue englische Kabinet. Bevor Lord Rosebery das Mimsterium des Aeußeren übernahm, konnte man im Zweifel über die künftige Stellung Englands im europäischen Konzert sein. Zwar sollte man glauben, daß die Natur der Dinge, die Stellung Englands im Mittelmeer, seine Rivalität gegen Rußland in Asien, ein Hineeigen Eng­lands zu dem russisch - französischen „flirt" von selbst ausschließen müßte. Trotzdem gibt es unter der Ge­folgschaft Gladstones Schwärmer für ein freundschaft­liches Verhältniß zu Frankreich, dem zu liebe sie sogar die Räumung Aegyptens verlangen, es sind dies namentlich Sir Charles Dille und Labouchore, und auch Gladstone selbst wird viel Franzosenfreundlichkeit nach­gesagt. Lord Rosebery har eine viel nüchterne Auf­fassung; er wrrd niemals um der schönen Augen Frankreichs willen die englische Besatzung aus Aegypten

Das verhkingnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(72. Fortsetzung.)

So verging die Zeit bis zum September. Man erinnerte sich in England lange dieses Herbstes als eines der fruchtbarsten. Die Blumen blühten noch immer, als wäre es ihnen schwer, zu scheiden; die Obstgärten waren mit üppigen, strahlenden Früchten gefüllt, die reichen Kornernten standen goldschimmernd auf den Feldern. Aber an Margarita ging alle die schwelgerische Schönheit des Jahres spurlos vorüber — ihre Seele war zu sehr von Sorgen erfüllt.

Als die beiden Damen eines Morgens beim Früh­stück saßen — es war in der zweiten Woche des Sep­tember — kam ein Brief von Mr. Beate, worin er Miß Cameron mittheilt, daß er am nächsten Tage bei ihr einzutceffen gedächte und alle Rechnungen und Ab­schriften des Testaments mitbringen würde. Miß Cameron las den Brief laut vor und sagte dann zu Margarita:

„Hoffentlich ist dies nun das Ende der unerfreu- lichen Angelegenheit. Margarita, was ist Ihnen!" rief sie plötzlich aus, denn das Antlitz ihrer jungen Gesell­schafterin war todesbleich geworden und ihre Augen hatten einen eigenen angstvollen Ausdruck bekommen.

zurückziehen oder der Nebenbuhlerschaft Frankreichs gegen Italien an den Küsten des Mittelmeeres und in Abessynien Vorschub leisten. Er weiß vielmehr, daß England im eigenen Interesse nicht zugeben darf, daß die französische Macht am Mittelmeer verstärkt wird; er erkennt auch im Dreibund die festeste Bürgschaft des Friedens und wird deshalb der Politik des Drei­bundes keine Hindernisse entgegen zu stellen versuchen. Kurz, er wird die SaliSbury'sche Politik fortsetzen, mit welcher die Friedensmächte wohl zufrieden sein können.

Das Ergebniß dieser Betrachtung ist. daß die politische Lage Europas in der letzten Woche eine Klärung erfahren hat zu Gunsten der Friedens­politik der Dreibundmächte. Die Aussicht auf Erhaltung des Friedens hat dadurch abermals in er­freulicher Weise an Gewißheit gewonnen.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. August.

* In Berlin ist vergangene Nacht eine 48jährige Kaufmannsfrau unter den Symptomen drr asiatischen Cholera gestorben. Ob es sich wirklich um asiatische Cholera handelt, ist noch nicht endgiltig festgestelt. — Seit gestern Abend werden aus Hamburg bezw. Altona hier emtreffende Passagiere, für die gesäuberte Waggons in den Zügen reservirt sind, in einem Zimmer des Lehrter Bahnhofes ärztlich untersucht. Bis jetzt ist eine Person als verdächtig angehalten und in das Kranken­haus Moabit zur Beobachtung gebracht worden. Der Schlafwagenverkehr zwischen Berlin und Hamburg ist bis auf Weiteres eingestellt. Falls die Seuche in Ham­burg stärker auftritt, soll der Gcsammtbahnverkehr nach dort thunlrchst eingeschränkt werden., Aus Memel wird gemeldet, daß die Regierung für die aus Hamburg und Altona kommenden Schiffe eine Qaarantüne an­geordnet hat. Ferner wurden die dm auswanderndcn russischen Juden bisher bezüglich der Beförderung ge­währten Vergünstigungen aufgehoben. Schiffe mit Decks­last dürfen künftig keine Auswanderer mehr befördern.

* In der Umgebung des Kaisers verlautet, daß mit Rücksicht auf die Cholera eine erhebliche Ein­schränkung der Manöver geplant wird. Auch dürfte es von der ferneren Entwickelung der Epidemie ab­hängen, ob die für den kaiserlichen Besuch im Elsaß getroffenen Dispositionen doch nicht noch anderweitige Aenderuagen erfahren dürften. Ferner schwelen in kirchlichen Kreisen Erwägungen über die eventuelle An­ordnung eincs allgemeinen Bettages.

* Die ,Nationalzig.' meldet, der Inhalt der Militär- Vorlage stehe jetzt fest. Das Staatsministerium wird berathen, ob sie in dieser oder in der nächsten Session eingebracht wird. Die zweijährige Dienstzeit soll nicht durch Gesetz eingeführt werden, wohl aber soll die Dauer der Dienstzeit für die Fußrruppen beträchtlich herabgemindert werden, um eine Verstärkung der Re- kruten-Einstellung zu erzielen. Das soll in einem Um­fange geschehen, der zugleich eine Erhöhung der Friedens­präsenzstärke bedingt.

„Also morgen — so bald schon?" murmelte sie.

„So bald!" wiederholte Adelaide. „Mir scheint, als ob die Angelegenheit lange geschwebt hätte, ich bin ihrer überdrüssig. Aber Ihre Lippen sind ganz weiß ge­worden, Margarita! Sie können sich doch unmöglich vor M <• Beate fürchten!"

Margarita bemühte sich aus allen Kräften, sich zu ermannen.

„Nein, ich fürchte mich durchaus nickt vor ihm. Was hätte ich für eine Veranlassung dazu? Ich habe Mr. Beate nur ein einziges Mal gesehen, und da würdigte er mich kaum eines Blickes."

„Steht er in irgend welchen Beziehungen zu Lord Rylestone?"

Sie that die Frage ganz plötzlich und scharf, denn der Gedanke war ihr eben erst gekommen. Adelaide sah sie lachend an.

„Wie seltsam klingt aus Ihrem Munde eine Frage in Bezug auf Lord Rylestone!" sagte sie. „Ich glaube, es ist heute das erste Mal, daß ich Sie seinen Namen aussprechen höre. Ja, Mr. Beate hat allerdings sehr mannigfaltige Beziehungen zu Lord Rylestone, er ist sein Anwalt und ordnet alle seine Angelegenheiten. Er war der vertrauteste Rathgeber des seligen Lords, kennt alles auf die Herrschaft Walton Bezügliche ganz genau und zählt die ganze Geschichte der Rylestones

* Anläßlich des päpstlichen Bifchofsjubiläums werden in Rom große Pilgerzüge erwartet. Einer Meldung des Hirsch'schen Telegraphenbureaus zufolge, werden 15,090 italienische, 18,000 spanische, 14,000 französische, 3000 österreichische, 3000 deutsche und 4000 belgische Pilger nach Rom kommen. Die Zahl der englischen sei noch unbekannt.

• Kardinal Ledochowski sollte, wurde berichtet, den ihm aus den Sperrgeldern zufallenden Betrag von 180,000 Mark dem Herrn Erzbischof Dr. v. Stab­lewski überwiesen haben. Wie der .Germania' aus zuverlässigster Quelle mitgetheilt wird, beruht die Nach­richt auf einem Jrrthum. Richtig ist, daß der Herr Erzbischof von Gnesen-Posen vom Herrn Kardinal Vollmacht erhalten hat, die Summe für ihn zu erheben und dieselbe ihm nach Rom zu übermitteln.

* Innerhalb der Reichsverwaltung ist der Ent­wurf eines Gesetzes zum Schutz der Waaren- bezeichnungen ausigearbeitet worden, der an Stelle des jetzigen Markenschutzgesetzes treten soll. Der Ent­wurf entspricht dem vielfach aus Jnteressenkreisen ge­stellten Verlangen nach einer Centralistrung des Zeichen­wesens ; er führt an Stelle des geltenden reinen An­meldeverfahrens ein einfaches Prüfungsverfahren ein, welches Gewähr gegen die Eintragung unzulässiger die Rechte der Allgemeinheit oder bestimmter Indivi­duen schädigender Zeichen schaffen soll; er kommt der Forderung nach einer zuverlässigeren und ausgiebigeren Gestaltung des Rechtsschutzes gegen die Nachahmung von Waarenzeichen entgegen; endlich will der Entwurf, wie schon der Titel erkennen läßt, einzelnen auf dem Gebiet der Waarenbezeichnung liegenden, durch den Schutz der eigentlichen Waarenzeichen und der Namen und Firmen. jedoch wicht getroffenen Mißbräuchen rnt- gegengetreten, deren der unlautere Wettbewerk sich zu bedienen pflegt, um seinen Erzeugnissen ein ihrem Werth nicht entsprechendes Ansehen im Verkehr zu verschaffen. Unter diesem Gesichtspunkte soll zunächst die unredliche Nachahmung der als Merkmal der Waaren eines bestimmten Geschäftes im Verkehr aner­kannten Art der Verpackung, Verzierung oder Auf­machung unter zivil- und strafrechtliche Verantwortlich­keit gestellt werden. Sodann soll in gleicher Wis- dem Bestreben entgegen getreten werden, durch eine unrichtige Angabe des Herkunftsortes der Waaren zam Nachtheil des soliden Verkehrs das Publikum über die Br schaff nheit der Waaren zu täuschen. Hier bietet unsere Gesetzgebung eine Lücke. Andere europäische Kulturstaaten, so heißt es in einer dem Entwürfe bei­gegebenen Denkschrift, sind uns mit Verbotsbestimm­ungen dieser Art vorangegangen und Deutschland wird, wie viele gewerbliche Kreise anerkennen, nicht zuruck- bleiben dürfen, wenn nicht in dem steigenden Wettbe­werb der Nationen das Ansehen unserer Industrie und der Absatz ihrer Erzeugnisse Einbuße erleiden soll. Auch einzelne der in neuerer Zeit abgeschlossenen inter­nationalen Verträge über den gegenseitigen Patent-, Muster- und Markenschutz machen hier eine Ergänzung unserer Gesetzgebung uns zur Pflicht.

an den Fingern her. Ich möchte fast sagen, daß Nie­mand in engeren Beziehungen zu Lord Rylestone steht, als Mr. Beale, aber das wäre doch vielleicht zu viel gesagt."

Margarita erwiderte Nichts. Sie dachte bei sich, daß er, wenn er der vertrauteste Raihgeber deS ver­storbenen Lords war, unbedingt um das Geheimniß des Testaments wissen mußte, ja, seine Hand vielleicht sogar im Spiele gehabt hatte. Ihr Herz pochte mächtig und eine fieberhafte Gluth röthete ihre Wangen, sie hätte nicht leicht erregter sein können, wenn sie das Testament bereits in der Hand hielt.

„Ich weiß selbst nicht, wie ich auf die Frage kam," sagte Margarita mit ertüiiftelter Ruhe. Sie hatte das Gefühl, als ob sie jetzt an der Schwelle deS Geheim­nisses, dessen 'Erforschung sie schon so viel gekostet hatte, stand. Die Frage, die ihr vorgelegt worden war, schien Miß Cameron ungewöhnlich rniitheilsam zu machm. Während der langen Zeit, die sie mit einander ver­lebten, hatte Lord Rylestone noch nie den Gegenstand ihrer Unterhaliung gebildet. Sie hatten zusammen in dem behaglichen Speisezimmer, dessen Wand sein Bild schmückte, gesessen und beiderseits vermieden, dahin auf­zublicken — Margarita aus Angst, daß sie ihre große Siebe für ihn verrathen könnte, und Adelaide in der Furcht, daß ihr im Gespräche über ihn ihr Geheimniß