JW 194
Freitag, den 26. August 1892
seiner unbefangenen Freundlichkeit genährt. Margarita
die vornehme Anmuth in den Zügen andern Weibe geliebt wurde, r Nebenbuhlerin hpfrnrhtph» tmtrS» itxr mt...
ihrer Nebenbuhlerin betrachtete, wurde ihr jede Elnzel- heit ihres täglichen Lebens zur Qual. Die weiche süße Stimme, die Grazie ihrer Bewegungen, die vornehme Ruhe — kurz, alle Reize waren für Margarita eben so viele Folterqualen. Sie vergegenwärtigte sich immer wieder, was Adelaide ihr über ihre Liebe gesagt hatte. Die Worte waren ihr immer im Gedächt- niß und dennoch machte sie sich klar, daß sie keine Ursache zur Eifersucht hatte. Wußte sie doch, daß ihr Gatte so treu gewesen war, wie er eS überhaupt sein konnte. Das Mädchen, das ihn liebte, gestand selbst ein, daß er ihr nie durch Worte oder Blicke eine Hoffnung auf seine Liebe gemacht habe. Die schwache Hoffnung, die Plötzlich erloschen war, hatte sie nur von
ffr allein sie sich, ob das si»,,».«. ullvt!uuynicu yicuuuuu^eu qrnayn. zvcarqartta
Gehermnlß, nach dem sie so eifrig forschte, wohl all sagte sich wieder, daß ihre Eifersucht thöricht sei und der Unruhe, Spannung, Sorge und Gewissensqualen 1 c- —- m ' " - ' ™ " -• 1 -
werth sei, die sie sich darum bereitete.
Von allen Qualen der Eifersucht, die Lady Ryle- stone je erduldet hatte, kam doch keine der Unruhe gleich, die sie nach ihrer unseligen Entdeckung auf Waltoncourt empfand. Sie wiederholte sich Tag und Nacht, „Adelaide Cameron liebt meinen Gatten. Sie weiß nicht, daß er mir gehört, sie hat ihn zu ihrem Helden erhoben und liebt ihn als solchen."
. Das Bewußtsein war wie ein jäher Schlag über sie gekommen. Sie bemühte sich, selbst ihre Vernunft zu Rathe zu ziehen und ruhig und gelassen zu bleiben — das leidenschast- liche Herz stand aber in Hellen Flammen, der Funken spanischen Feuers war zur vollsten Gluth angefacht. Zuweilen beobachtete sie Adelaide Camerons ruhiges Antlitz mit dm mild leuchtenden Augen und dem schwer- müthigen Lächeln, daß um ihre Lippen spielte, und sagte sich, daß das junge Mädchen soeben ihrer Liebe — jener Schattenliebe, die jedes Grundes und jeder Wirklichkeit entbehrte, gedachte, und dann erfaßte sie ein brennendes Verlangen, ihr die Wahrheit zu gestehen — ihr zu sagen, daß sie Lord Rylestones Gattin sei und daß kein anderes Weib seiner in Liebe
Lord Rylestone war vollkommen unschuldig daran, daß Adelaide ibn zu ihrem Helden erhoben hatte, und dennoch konnte Margarita den Gedanken nicht ertragen, daß er, der ihr die ganze Welt war, von einem
daß sie gar keine Veranlassung dazu habe. Sie wußte, daß Lord Rylestone ihr fo treu wie die Nadel dem Pole war, und dennoch fürchtete sie die bestrickende Anmuth und die süße, melodische Stimme ihrer Neben- buhlerin.
* In Rußland wüthet die Cholera immer noch ungeschwächt fort; auch unter der Petersburger Garnison mehren sich die Cholerafälle. Bei zwei Infanterie- Regimentern sind bereits 23 Mann an der Cholera gestorben und fast bei sämmtlichen Truppenkörpern kommen Erkrankungen vor.
* Der Handels- und Zollvertrag zwischen Deutsch- land und Serbien nebst dem Muster- und Markenschutz-Abkommen sind gestern in Wien von dem deutschen Botschafter und dem serbischen Gesandten unterzeichnet worden. Es sollen die Verträge bereits am 1. Januar 1893 in Kraft treten.
... . . , ~ _ u , * Ueber die zunehmende Unsicherheit in Griecheu-
— nun gut, dann mögen die Herren land und die an vielen Orten dortselbst verübten
itnh orc Gewaltthaten werden recht bedenkliche Nachrichten ver
breitet. Im vergangenen Monat sollen nicht weniger als 64 Morde und Todtschläge und 192 Mordver- suche, ganz abgesehen von allerlei anderen Verbrechen, vorgekommen sein, zählt man doch in Thessalien zur Zeit allein 24 Räuberbanden, die nicht nur durch Raub und Mord, sondern auch durch Brandstiftungen die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen. Die
Die österreichischen Schlußmanöver in Galizien sind bekanntlich abgesagt worden. Es hebt nun das Lemberger amtliche Blatt ,Gazeta Lwowska' hervor, daß dies hauptsächlich aus dem Grunde geschehen sei, um nicht den geringsten Anlaß zu dem Vorwurfe zu geben, daß in Folge Konzentrirung bedeutender Truppenkörper der günstige Gesundheitszustand des Landes gefährdet würde. Zugleich wird konstatirt, daß der Gesundheitszustand in Galizien viel günstiger als in den — o „ - ---- . letzten Jahren und bis 100 Meilen außerhalb der
inth4 "LEerbuben werden die Ant- Grenzen kein einziger auch nur sporadischer Cholera- rtinlhtfl hlPtnPlt itnn I <-TY ____... r •
I standen. Das Blatt findet, daß es nichts weiter als eine „elende, erbärmliche Komödie" sei, wenn die Sozial-Demokratie gegen das Vorgehen des Hamburger Staatsanwalts protestire. Die Komödie werde nur aufgeführt, damit die „moralischen Wickel- kinder und Tugendlämmer" innerhalb der sozial-demokratischen Partei sich nicht entsetzten. Seine Stellung zum Meineid formulirt der Sozialist also:
„Thatsache ist nämlich, und zwar selbstverständliche That- sache, daß für den kämpfenden Sozialisten kein Grund besteht ftmen Gegnern Geheimnisse zu verrathen, deren Enthüllung seiner Sache schädlich sein kann. Und ebenso, daß Derjenige, der dazu moralisch frei genug ist, ohne weiteres bereit sein wird in höheren Interesse feierlichst die Unwahrheit zu sagen. Es sind das selbstverständliche Dinge für jeden aufgeklärten Menschen, selbstverständlich auch für unsere Gegner die nie etwas anderes vermuthet haben und nie vermuthen werden trotz allem Geschrei von der Moral, dem Anstand und der Heiligkeit des Eides, das jetzt auf ein Mal losbricht. Einem Sozial- Demokraten ist keine Einrichtung der bürgerlichen Gesellschaft heilig und die politischen Prozeßkomödien noch am allerwenigsten Wir kämpfen mit allen Mitteln, die dauernden Erfolg versprechen auch wenn uns Pharisäer darob für Jesuiten halten wollen."
Der Soziallst dürfte bei solchen Auslassungen auch die Mehrheit seiner anarchistischen Anhänger hinter sich haben, zumal erst vor einigen Tagen in einer hiesigen sozialdemokratischen Versammlung von Anarchisten und Unabhängigen gleiche Ansichten vertreten worden sind. Daß aber die „Fraktionellen" oder Alten dieses unverblümte Bekenntniß des Sozialist zum Meineid im Partei-Interesse gegen die „Unabhängigen" ausnutzen werden, läßt heute der .Vorwärts' bereits durchblicken. Der Vorwärts richtet nämlich an jene Sozial- Demokraten, welche sich zu den Anhängern des Sozialist zählen, denen aber der Sinn für Wahrheit, Ehre und Sitte noch nicht abhanden gekommen, wie dies bei der Redaktion des Sozialist und der von ihm gepredigten Schinderhannes-Moral der Fall sei, die Frage, ob sie noch länger das Treiben solcher Lotterbuben unterstützen wollen. " ' ' “ ' • -
Wort kaum schuldig bleiben und voraussichtlich darauf fall vorgekommen sei. verweisen, daß unter dem Sozialistengesetz der Züricher " " ™ ' Sozial - Demokrat denn doch auch recht bedenkliche Doktrinen über den Eid entwickelt hat, welche die heutige sozial-demokratische Parteileitung kaum zu unterschreiben geneigt sein dürfte. Jedenfalls ist anzunehmen, daß die ungeheuere Mehrheit der deutschen Sozial- Demokraten, namentlich das Heer der sogen. Mitläufer, die Auffassung des Sozialist nicht theilt. Die Angelegenheit dürfte aber innerhalb der Sozial-Demokratie noch zu mancherlei Erörterungen führen, weil der Sozialist das Vorgehen des Hamburger Staatsanwalts zugleich zu Rathschlägen für die „Arbeiter" auszunützen sucht. „Ist der Arbeiter unglaubwürdig und meineidsfähig • —- - *1,.....~v^v”
von seiner Vernehmung und Vereidigung überhaupt Abstand nehmen. Pflicht des Arbeiters ist es, die Richter vor seiner Vernehmung hierauf hinzuweisen oder zu fragen, wie sie über seine Glaubwürdigkeit im Allgemeinen denken. Hält der Richter den Arbeiter für unglaubwürdig und fähig, einen Meineid zu leisten, dann darf er ihn gar nicht vereidigen; sonst würde er ja den Meineid geradezu züchten, und das ist doch
wohl nicht Aufgabe der Gerichtsbehördm!" Für die „Arbeiter" (der Sozialist liebt es, statt Sozial-Demo- krat immer Arbeiter zu sagen) öffne sich jetzt vielleicht ein Ausweg, um von dem Eideszwang sich zu befreien. Nach Ansicht des Sozialist würde es aber in jedem Fall eine wirksame „Demonstration" sein, wenn die Arbeiter obige Taktik vor Gericht befolgten. Zu dieser Taktik haben die nicht-sozialdemokratischm Arbeiter jedenfalls gar keine Veranlassung.
* Bochum, 24. Ang. Die Redakteure Fusangel und Lünemann erhielten Vorladung auf den 3. Oktober vor die Essener Strafkammer wegen Beleidigung des Kommerzienrathes Baare in Sachen der Stempelfälschungen.
* Hamburg, 24. Aug. Heute Mittag wird von etwa 240 Erkrankungen in allen Stadttheilen berichtet. Offizielle Mittheilungen der Medizinalbehörde werden für morgen versprochen. Der Prozentsatz der Todesfälle ist noch unverändert. Die Behörde engagirt Hilfsärzte für die Hospitäler und erprobte Kranken- träger. Die Krankenwagen sind fortwährend beschäftigt, die Todtenhallen voll besetzt. Hilfsbaracken für die Spitäler sollen errichtet werden, die Behörde ist überaus thätig und wachsam.
Ausland.
Deutsches Keich.
Berlin, 24. August.
* Infolge des Auftretens der Cholera in Hamburg hat das kaiserliche Gesundheitsamt angeordnet, daß von heute ab sämmtliche von Hamburg, bezw. Altona hier mit der Bahn eintreffenbe Gepäckstücke einer sorgfältigen Desinfektion an Ort und Stelle unterzogen werden.
* 3n Berlin ist ein Fall asiatischer Cholera bisher nicht festgestellt worden, obgleich eine Anzahl choleraähnlicher Erkrankungen, zum Theil mit tödtlichem Ausgange, vorgekommen sind. Gestern Abend verstarb ein 25jähriger Arbeiter bald nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus unter choleraverdächtigen Erscheinungen.
* Die ,Nordd. Allg. Ztg.' meldet aus Gumbinnen: Der Reglerungspräsident untersagte den Einlaß rnffi- scher Auswanderer, außer wenn dieselben durch Schiffskarten nachwiesen, daß sie von Königsberg aus den Seeweg einschlagen wollen.
* Gestern ist, wie schon erwähnt, der kaiserliche Ukas, betreffend die Aufhebung des Roggenausfuhr-Verbotes, m Petersburg veröffentlicht worden. Allzu viele Vortheile dürfte Deutschland von dieser Maßregel wohl nicht haben, da das ausgehungerte Rußland zum Export nicht viel übrig haben wird. Frankreich frei- ! lich h^ in diesem Jahre nicht große Einfuhr nöthig, es wird bie bortige Getreibe-Ernte auf 110 Millionen Hektoliter angegeben, so baß circa 13 Millionen Hektoliter genügen würben, ben Bedarf vollauf zu decken.
* Der Nachricht, daß der Kaiser gelegentlich seiner Anwesenhett bei den Manöveru in Lothringen auch der
. Stadt Straßburg einen Besuch abstatten werde, wird offiziös widersprochen.
...... * 3n der Zeit vom 1. April bis mit Ende Juli I d- vS. gelangten im deutschen Reiche an Zöllen und I Gebrauchssteuern 187,633,310 Mark zur Anschreibvag- b. l. 7,250,334 Mk. mehr als im gleichen Zeit-
Vorjahres. Die Zölle allein brachten über I 10 Millionen mehr, die Branntweinkonsum-Steuer dagegen 6 Millionen weniger. Die Stempel - Abgaben sind mltAusnahme des Lotterie-Stempels etwas schwächer geflossen, als im Vorjahre.
* Gegen den Staatsanwalt Dr. Romen in Hamburg haben die dortigen Sozial-Demokraten bekanntlich sechs große Protest-Versammlungen abgehalten, weil Hr. Dr. Romen in amtlicher Eigenschaft in öffentlicher Gerichtsverhandlung wiederholt Sozial-Demokraten
bes vJietnctbs fähig und darum unglaubwürdig erklärt habe. In diesen Versammlungen wurde die Entrüstung der Versammelten und die bestimmte Erwartung ausgesprochen, daß der Hamburger Senat sofort die geeigneten Schritte thun werde, den sozialdemokratisch gesinnten Theil der Bewohner Hambmg's m Zukunft vor der Wiederholung solcher unbegründeten beleidigenden Anschuldigungen zu schützen. In der neuesten Nummer des .Sozialist,' des Organs der „Unabhängigen", ist nun aber dem Staatsanwalt Romen ganz unvermnthet ein neuer Eid belfer ent-
Das oerhängrützvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(71. Fortsetzung.)
. Miß Cameron blickte lächelnd auf, als Margarita m das Zimmer trat.
„Wo ist das Papier, meine liebe Margarita?" fragte sie.
Lady Rylestone hatte in ihrem Schmerz und Erregung über ihre Entdeckung dasselbe ganz vergessen. Sie hatte nicht mit einer Silbe an den Zweck ihrer Sendung gedacht. Adelaide betrachte das bleiche Antlitz voller Erstaunen.
„Haben Sie einen Geist gesehen?" fragte sie Melnb. „Sie sehen ja ganz verstört aus. Haben Sie irgend einen Schreck gehabt?"
„Nein", erwiderte Margarita, „aber es thut mir md daß ich das Papier vergaß. Ich werde gleich zuruckgehen, um es zu holen."
„Nein, das sollen Sie nicht", sagte Adelaide freundlich. „Ich bin fest überzeugt, daß irgend Etwas, was Sre mir nicht eingestehen wollen, Sie aus der Fassung gebracht hat. Sehen Sie nur, wie Ihre «anbe zittern! Setzen Sie sich, ich werde selbst nach dem Papiere gehen."
Und Margarita gehorchte ihr, an allen Gliedern
__19. Jahrgang
uli>»krWZkitiig