192 Mittwoch, den 24. August 1892. 19.Iahrg
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© Eine Volksuniversität
nennt die »Darmstädter Zeitung' die praktisch-sozialen Kurse, welche demnächst, wie bekannt, in M.-Gladbach abgehalten werden sollen. Daß nicht bloß das genannte Blatt, sondern Organe aller Richtungen und Parteien vvn der Errichtung dieser Volksuniversttät ihren Lesern Kenntniß geben und denselben den in« leressanten Lektions-Katalog mittheilen, verdient besonders hervorgehoben zu werden, noch mehr aber der Umstand, daß dies ohne gehässige oder verächtliche Bemerkungen geschieht; solche sind uns wenigstens nirgends begegnet. Das bedeutet einen großen Fortschritt. Als vor Jahrzehnten von hochangesehenen, weit ausschauenden kathol. Männern auf die drohenden sozialen Gefahren hingewiesen und die dazu Berufenen an ihre Pflichten erinnert wurden, fanden die wohlbegründeten Warnungen und Mahnungen fast nirgends volles Verständniß; bei den Gegnern aller Schattirungen regnete es nur so von Vorwürfen jeder Art gegen die Bannerträger christlich-sozialer Ideen. Wer sich davon überzeugen will, möge nur einmal die Preßstimmen über dar hochbedeutungsvolle Buch des unvergeßlichen Bischofs Wilhelm Emmanuel v. Ketteler „Arbeiterfrage und Christenthum" nachlesen. Welchen Widerspruch fand jene Schrift bei den Gegnern; in welch' gemeiner Weise wurden selbst die edelsten Absichten des Verfassers angegriffen und verdächtigt, seine Warnungen verhöhnt! Nun vergleiche man damit die wohlwollende Aufnahme, welche heute die christlich-sozialen Bestrebungen in weiten Kreisen der Gegner sich erfreuen. Freudig erregt wird Jeder ausrufen: Welch' eine Wendung! Wo ist bei den gegnerischen Parteien eine Einrichtung zu finden, welche dieser Volksuniversität an die Seite gestellt werden könnte! Welche stattliche Zahl von „Professoren" zählt diese neue, freie Hoch- fchule für praktische Sozialpolitik in christlichem Geiste! Wie entstand aber der Gedanke an eine solche Einrichtung! Wo wurden die Professoren ausgebildet! Gewiß wirkten Umstände aller Art zusammen, bis der eminent praktische Plan klar ausgedacht vor dem geistigen Auge der um das Wohl der Gesellschaft besorgten Männer stand. Einen guten Theil an dieser Volksuniversität dürfen aber die kath. Generalversammlungen für sich in Anspruch nehmen. Seit mehr als 30 Jahren wird der sozialen Frage in ihrer so weiten Verzweigung auf den kath. Generalversammlungen die größte Aufmerksamkeit gewidmet. Wer den Lektions- Katalog studirt, und dann die Verhandlungen der genannten Versammlungen vergleicht, wird sofort finden, daß alle die Themate, welche in M.-Gladbach systematisch behandelt werden, auf den Generalversammlungen alljährlich mehr oder weniger eingehend besprochen wurden. Hier saßen auch gar manche der Herren Jahre lang als Hörer, welche jetzt als Lehrer die Jugend für die christlich-sozialen Ideen begeistern und an der praktischen Ausführung derselben mit allen Kräften arbeiten.
Auch in diesim Jahre wird, wie es der Tradition und der allgemeinen Lage der Zeit entspricht, auf der
Das verhkingnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(69. Fortsetzung.)
„Sie ist durchaus nicht erfreut darüber," sagte der Squire wichtig. „Entschieden hätte sie es lieber gesehen, wenn Lord Rylestone das Geld genommen hätte."
„Das weiß ich nicht," sagte Mr. Beale; „es ist doch immerhin ein schönes Vermögen. Aber da die Sache sich nun so gestaltet, meine Herren, bin ich doppelt froh, daß wir das Geheimniß deS Testaments so gewissenhaft bewahrt haben. Um Miß Camerons willen müssen wir unbedingt auch ferner darüber schweigen.
Sie kamen Alle darüber überein und die Zusammenkunft war geschlossen. Die einzigen wichtigen Worte, die noch gesprochen wurden, äußerte Mr. Beale. Er sagte nämlich, als er sich in Margarita's Gegenwart von Adelaide verabschiedete: „Im September werde ich also wiederum Herkommen, Miß Cameron und die Rechnungen und eine Abschrift des Testamentes mit- bringen."
Adelaide verbeugte sich nur, Margarita's Herz stand aber bei diesen Worten in Hellen Flammen. Eine Abschrift des Testaments, das war es ja gerade, was sie so dringend zu besitzen wünschte. Im September
Generalversammlung der Katholiken in Mainz der sozialen Frage eine ganz besondere Beachtung geschenkt werden. Zahlreiche Anttäge liegen bereits vor. An deren Besprechung werden die hervorragendsten katholischen Männer sich betheiligen. Die Tage von Mainz werden, wie immer, anregend wirken und den christlichsozialen Ideen in weitesten Kreisen Beachtung verschaffen. Wir dürfen sogar hoffen, daß die vorzügliche Stellung, welche der Behandlung der sozialen Frage bei der heurigen Generalversammlung zugedacht ist, noch manchen jungen Mann, Priester wie Laien, bestimmen wird, die Vorlesung in M.-Gladbach zu hören. Deßhalb ergeht unser Ruf an alle Sozialpolitiker von Fach, an alle Männer, welche um daS Wohl der Gesellschaft besorgt sind und an deren Rettung mitarbeiten wollen, der Ruf: Auf nach Mainz zum Katholikentag!
Deutsches Keich.
Berlin, 22. August.
* Die Ansprache des Kaisers an die höheren Offiziere nach der letzten Parade wird jetzt authentisch bekannt und es ergibt sich, daß diese hochwichttgen Aeußerungen doch einen wesentlich andern Sinn und daher auch eine ganz andere Bedeutung und Tragweite für die politische Situation haben, als man nach den bisherigen unvollkommenen Berichten annehmen konnte. Der Kaiser hat zunächst im Anschluß an dieKritik über die Parade in sehr lebhaften, nicht mißzuverstehenden Worten sein Erstaunen ausgedrückt, daß in letzter Zeit in steigendem Maße militärische Interna in die Tagespresse gelangten, darunter solche, die rein theoretischer Natur find, wie über die Schießversuche mit Gewehren neuen Kalibers. Besonders mißbilligte er die Preßerzeugnisse, die nur rein militärischen Federn entsprungen fein könnten und welche die geplante Heeres-Ber- mehrung sehr verschiedenfach beurtheilten, insvesondere aber weitgehende organisatorische Einschränkungen aus Ersparnis - Rücksichten bei einer etwaigen Einführung der zweijährigen Dienstzeit als möglich erörtern. Derartige Erörterungen über eine Militär-Vorlage, der er noch gar nicht zugestimmt habe, gehörten in's Gebiet der Phantasie. Die zweijährige Dienstzeit erscheine weiten Kreisen als eine zeitgemäße Einrichtung; sie sei aber ohne Gewährung ganz besonderer Gegenleistungen nicht denkbar. Sollte etwa die Mehrheit deS Reichstages nicht patriotisch genug fein, mit einer Vorlage, die auf der zweijährigen Dienstzeit beruht, gleichzeitig die erwähnten nothwendigen Ergänzungen derselben zu bewilligen, dann erkläre er, daß ihm immer noch eine kleine, gut disziplinirte Armee lieber sei als ein großer Haufe.
* Vom Oberhofmarschallamt ist nunmehr nach Straßburg die Weisung gelangt, den Kaiserpalast zur Aufnahme des Kaisers Wilhelm bereit zu halten. Der Kaiser wird, von Metz kommend und auf der Reise nach Karlsruhe und Stuttgart begriffen, sich nur kurze Zeit in Straßburg aufhalten können und wahrscheinlich einen Ausflug in das neue kaiserliche Jagdgebiet und nach dem Schlößchen Gensburg unternehmen.
wollte er sie also mitbringen, und dann mußte es ihr unbedingt gelingen, ihrer habhaft zu werden. Wer sie in diesem Augenblicke beobachtete, mußte sich unbedingt über die dunkle Röthe, die Plötzlich ihr Antlitz übergoß, und über die Hellen Flammen verwundern, die Plötzlich die ganze Tiefe ihrer dunklen Augen enthüllten.
Also im September! Das war nicht mehr lange hin und hatte sie sich dann erst über den Inhalt des Testaments unterrichtet, so war ihr Zweck erreicht und sie konnte sofort heimkehren und ruhig die Rückkehr ihres Gatten erwarten.
So viel war ihr jetzt klar, daß sie jetzt Nichts auSrichten konnte, da sich noch gar keine Abschrift des Testamentes in Walton befand."
„Wenn ich mich als Schreiber verkleidet in Mr. Beales Bureau eingeschlichen hätte, sagte sie sich, so hätte ich meine Absicht längst erreicht."
Dennoch war ihr die Hoffnung, nun endlich zum Ziele zu gelangen, unendlich wohlthuend. Sie hatte sich in der letzten Zeit vielfach mit Zweifeln über das Urtheil ihres Gatten in Bezug auf ihre Handlungsweise gequält. Allmählich hatte sie die Furcht beschlichen, daß sie sich am Ende geirrt hätte — und daß das Geheimniß in gar keiner Beziehung zu ihrem Gatten stände. Aber es mußte sich doch auf ihn bezogen haben, wie konnte er sonst des Vermögens ver-
* In der,Freis.Ztg.' liest man: „Die Münchener „Allgemeine Zeitung" soll dem Vernehmen nach nun doch nach Berlin verlegt werden, um Hierselbst die Oppofitionspolitik des Fürste» Bismarck zu vertreten. Der Auffichtsrath der Aktiengesellschaft, zu deren Verlag die Münchener ,Allg. Ztg.' gehört, hat in diesen Tagen Berathungen in Berlin abgehalten." Wir können, schreibt die ,Frs. Ztg.' dieser Mittheilung Folgendes beifügen: Den Berathungen lag zuerst das Projekt zu Grunde, vom 15. Sept, ab die ,Allg. Ztg.' als großes Blatt zur Vertretung der Bismarck'schen Interessen gleichzeitig in Berlin, Frankfurt a. M. und München erscheinen zu lassen. Die zur Verfügung gestellten Geldmittel foöen bedeutend gewesen fein; man nennt eine Summe von mehreren Millionen, aber der Zusatz, daß Fürst Bismarck sich auch finanziell, nicht bloß journalistisch habe betheiligen wollen, macht diese Angabe verdächtig, benn in Geldsachen ist der ehemalige Reichskanzler ein kluger Hausvater. Das große Projekt, durch dessen Ausführung insbesondere Süddeutschland erobert werden sollte, ist jetzt aufgegeben worden, die Berathungen haben zu dem Beschluß geführt, die .Allgemeine Zeitung' vom Herbst ab in Berlin erscheinen zu lassen.
* In ben nächstjährigen preußischen Etat soll eine größere Summe zur Aufbesserung ber Lage der Lehrer an Volksschulen eingestellt werben.
* Dem Bunbesrathe wirb, der Post' zufolge, wenn er Ende nächsten Monats seine Thätigkeit wieder aufnimmt, alsbald ein Entwurf für Aüsnahmebestimmungen, betreffend die Sonntagsruhe der Arbeiter i» gewerbliche» Anlage» zugehen.
* Die deutsche überseeische A»swa«der«ng über deutsche Häfen, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam betrug im Juli d. I. 9119 Personen (gegen 8013 im Juli v.J). Davon gingen 7240 über deutsche Häfen. AuS deutschen Häfen wurden im Juli außerdem noch 13,316 Angehörige fremder Staaten befördert.
* In dem Jahre August 1891 bis mit Juli 1892 betrug die in dem deutschen Reiche versteuerte Zucker- rübenmenge 94,880,022 D.-Centr., gegen 106,233,194 in 1890/91. Die Ausfuhr von Niederlagen bettuz: Raffimrter Zucker 366,767 (gegen 197,227 in 1890/91) und Rohzucker 189,942 Doppel-Centner (gegen 9031), die Ausfuhr aus dem freien Verkehr stellte sich dagegen: Zucker der Vergütungsklasse a. 4,366,717 Doppel- Centner (gegen 4,882,404), Zucker der Vergütungsklasse b. 2,241,861 (gegen 2,305,483) und Zucker der Vergütungsklasse c. 64,112 (gegen 52,106).
* Hamburg, 21. Aug. Die ,Hamb. Nachrichten' schreiben: „Der .Reichsanzeiger' versucht im nichtamtlichen Theile unsereMittheilung über die auf Weimar geübte Pression zu dementiren. Auf Grund der unS vorliegenden schriftlichen, Ende Juli batirten Aeußerungen babei beteiligter Personen halten wir unsere Mittheilung aufrecht unb die Redaktion des .Reichsanzeigers' für mangelhaft unterrichtet."
* München, 18. Aug. In verschiedenen Blättern wird der Gedanke erörtert, die nächstjährige Deutsche Katholiken-Versammlung in München abzu
lustig gehen. Sie verlor sich ganz in einem Chaos von Gedanken, Zweifeln und Befürchtungen. Nur Eines wurde ihr von Tag zu Tag klarer, nämlich wie groß der Verlust, welchen er erlitten hatte, im Grunde war. Sie sah, wie nothwendig das Geld zur Aufrechterhaltung des äußeren Scheines war — sie lernte es als die Achse des geselligen Lebens ertennen und begriff klarer denn je, wie schmerzlich seine Enttäuschung gewesen sein mußte. Auch sagte sie sich immer wieder, daß er trotz feiner unendlichen Liebe zu ihr doch ein großes Opfer gebracht hatte, indem er sie zu feinem Weibe machte. „Doch über Eines kann ich ganz ruhig fein," sagte sie sich immer wieder, „jedenfalls hat er das Geld nicht darum eingebüßt, weil er mich hei- rathete."
Wäre sie zu der entgegengesetzten Ueberzeugung gekommen, so wäre sie nie im Leben wieder froh geworden. So schlimm ihre Sage auch immerhin fein mochte, dieses Kummers glaubte sie wenigstens überhoben zu sein. Sie schauderte, wenn sie nur daran dachte. Durch die Verbindung mit ihr hatte er sich allerdings die Gelegenheit abgeschnitten, ein Vermögen zu erheiraihen, aber die Erbschaft deS verstorbenen Lords war ihm doch wenigstens nicht deshalb entgangen.
„Den Gedanken hätte ich nicht ertragen," dachte