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Dienstag, den 23. August 1892.
Die Sozialdemokratie und der Meineid.
nisses.
Deutsches Keich
strecker des Testaments des seligen LordS Bernard
t
Rylestone, daß sie sofort alle erforderlichen Schritte thun, um Miß Cameron in den Vollbesitz ihres Vermögens zu setzen. Ich lehne es hiermit in aller Form ab, die Testamentsklausel meines seligen Oheims zu erfüllen, und wünsche Miß Cameron für Ihre Zukunft Glück und Wohlergehen.
* Die offiziöse ,Nordd. Allgem. Ztg.' widerspricht der Angabe, daß der Reichskanzler Graf Caprivi em unbedingter Parteigänger der zweijährige» Dienstzeit sei. Das Blatt citirt eine Rede deS Grafen Caprivi, die derselbe am 16. Mai 1890 im Reichstage gehalten und an deren Schluß er die Meinung ausspricht, daß von einer prinzipiellen Verkürzung der Dienstzeit nicht die Rede sein könne. — Nach den Jnformattonen der ,Nationalzeitung' ist es wahrscheinlich, daß in der be-
Miß Cameron nahmen ihre Plätze ein. Squire Segood hatte in seiner Sorgsamkeit vorqeschlagen, daß Miß Ayenel der jungen Erbin zur Seite bleiben möchte, aber da Mr. Beale die Demüthigung, die ihrer wartete, voraussah, sagte er: „Nein, da wir das Geheimniß des Testaments bisher so sorgfältig bewahrt haben, wollen wir es auch ferner thun uud keinen Fremden hinzuziehen."
Verzweiflung und Erwartung laut aufschreien mögen, doch stand ihr Leben, ihr Glück, ihre Liebe, Alles, Alles auf dem Spiel — aber das bleiche, schöne Antlitz verharrte in seiner stolzen Ruhe.
„Ich werde nun also Lord Rylestones Brief vorlesen," wiederholte Mr. Beale — und aus dem schnellen, scharfen Blick, den er dabei auf Miß Cameron warf, konnte man schließen, daß er ihr absichtlich Zeit gönnen ' dann begann er:
„Da mit dem heutigen Tage die zwei Jahre abgelaufen, die mir als Bedenkzeit festgesetzt wurden, so bevollmächtige ich nun die Herren Testamentsvoll-
Was hat i hall wecken. Der deutsche Kaiser habe ausgesprochen, — , I was jeder Oesterreicher dankbar empfinde. Die Worte
... _ ..r—„--------- — Das
offiziöse .Wiener Fremdenblatt' bemerkt dazu: „Der Toast des Kaisers Wilhelm auf den Kaiser Franz Joseph bei dem Paradediner in Potsdam am 18. d. M. werde in Oesterreich-Ungarn den lebhaftesten Wider-
Wünschen Sie Miß Ayenels Gegenwart?" fragte wollte sich zu sammeln — er Adelaide, und ste erwiderte: „Nein." ~ • - -
Sie sagte sich, was sie auch zu tragen haben würde, fei es Glück oder Schmerz, so würde fie es am leichtesten allein tragen. Ueberdies wünschte sie nicht, daß Margarita erfuhr, wer der Mann ihres Herzens sei.
Einige Augenblicke lang herrschte tief' Stille; der Wind trug den Duft der Rosen ins Zimmer, und Adelaide, deren schönes Antlitz ganz bleich war, neigte sich über die Blumen, die sie in der Hand hielt.
„Ich habe hier Lord Rylestones Brief," sagte Mr.
Beale, „und ich werde ihn gleich zuerst vorlesen."
Die weißen Hände, welche die Blumen hielten, bebten leise — Miß Camerons Lippen zuckten merklich. Mr. Beale machte noch einige vorbereitende Bemerkungen; und es sprach sehr für Miß Camerons Selbstbeherrschung, daß sie sie ohne einen Laut und ohne ein Zeichen der Ungeduld anhörte. Sie hätte in ihrer
Berlin, 20. August.
* Der Trinkspruch des Kaisers bei dem Parade- bitter am Donnerstag soll nach einer Meldung des „Wolff'schen Bureau" etwa den Sinn gehabt haben: Es gereiche dem Kaiser zur größten Freude, daß der Ehrentag des Gardekorps mit dem Geburtstag des Kaisers Franz Joseph zusammenfalle, der als ein
Verzweifle nicht!"
So, da haben wir's schwarz auf weiß, was die Sozialdemokratie im innersten Herzen über die Meineide denkt!
Allan Rylestone."
„Ein entschlossener männlicher Brief," sagte Squire Segood, während Sir William leise einige weniger vortheilhafte Bemerkungen machte.
Das schöne über die Blumen geneigte Antlitz war marmorbleich geworden; aber es war kein Laut über die zuckenden Lippen gedrungen. Eine Todesmattigkei
d-u.,ch- Äaifer M.
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-9t’ e!nen freund klingen als erneute Bekräftigung des ins Volk-bewußt-
daß Eigennutz oder sonst ein niederer Beweggrund ihn zur Unwahrheit gettieben hätte, nur Aufopferung, nur Freundschaft, nur Partei-Jnteresse warm die Mottve. Es ist wahr, daß die Unwahrheit immer verwerflich ift, aber erklärlich, ja entschuldbar ist sie in diesem Falle."
Das verhiingnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(68. Fortsetzung.)
35. Kapitel.
mAeJaff ben Eindruck, als sollte der Akt der Testamentseröffnung sich wiederholen. Die Strahlen der ^unisonne glitten wiederum über den Fußboden und beleuchteten die schönen eichenen Möbel und vergoldeten d.e umfangreichen Bände. Nur der eine Unterschied W 6m.a TS baß nütnlich kein Schatten des Todes
8 Musterte; die Vorhänge waren weit zurückgeschlagen, die Fenster waren geöffnet — frische Luft, Sonnenschein und Blumenduft drangen ins Zimmer Qditr Pnrh ^orragenbfte Gestalt fehlte dieses Mal kleine ®n,L^r2tt,netWar zugegen, und als die ans .Gruppe sich versammelte, waren Aller Gedanken aus ihn gerichtet.
^Qtte den Brief, der an diesem Tage Eno^ind"n^s^" ^oüte' "och vor seiner Abreise aus Cngland verfaßt, er war in Mr. BealeS Bureau mit mna u depontrt worden, ihn am 29. Juni zur PJt z"«. ^ben, und das wußte Mr. Beale natürlich, ,aber au8 Rücksicht für Miß Cameron darüber geschwiegen.
Der Anwalt, die beiden Testamentsvollstrecker und
Das ist ein für unsere Herrn Sozialdemokraten höchst unerquickliches Thema. Kein Wunder, wenn alle sozialdemokratischen Blätter die kräftigsten Schimpfregister gegen den Urheber dieser neuesten Debatte aufziehen. In gewisser Beziehung allerdings ist ja die Frage nicht neu; schon vor der Sozialdemokratie haben Gottesleugner den Gerichten ab und zu Schwierigkeiten mit der Ableistung des Eides gemacht. Nur ist die Sache setzt viel interessanter, weil es sich darum handelt, ob die Sozialdemokratie den Meineid im Partei- Interesse grundsätzlich für erlaubt hält, oder nicht. Gegen die erstere Unterstellung wehren sich nun die Sozialdemokraten mit Händen und Füßen. Außer mehreren wuthschnaubenden Artikeln im .Vorwärts' finden wir auch in dem Hamburger Organ der Sozial- demokratm eine längere Ausführung, worin es als eine Unwahrheit bezeichnet wird, daß die Sozialdemokratie im Parteiinteresie den Meineid billige.
Den Anlaß zu der ganzen Preßerörterung hat diesmal eine Rede des Staatsanwalts Dr. Romen in Hamburg gegeben; derselbe hatte in der Schwurqerichts- Sttzung vom 12. Juli erklärt, bei den Sozialdemokraten sei der Glaube an die Heiligkeit des Eides langst geschwunden. Es fragt sich nun, ob Herr Romen $U-gemalt hat und ob die Sozialdemokraten mi‘ Recht sich gegen feine Behauptung auflehnen.
Wir haben hier eigentlich dasselbe Schauspiel, wie bei der Erörterung der Frage, ob bei den Sozialdemo- »aten die Religion wirklich Privatsache sei. Kem Mensch glaubt das noch; trotzdem sieht man die Gruber von ber rothen Fahne immer wieder mit dieser Leimruthe auf dem Gimpelfang. Nun ist die Sozialdemokratie eigentlich ganz auf dem Atheismus aufge- baut. Es kommt hier gar nicht einmal darauf an, ob eine Moral ohne Religion möglich ist oder nicht: die Hauptsache ist und bleibt, daß die Sozialdemokratie der christlichen Moral sich nicht unterwirft, woraus sich logisch folgern läßt, daß sie die Heiligkeit des Eides grundsätzlich nicht anerkennt.
Das haben denn auch trotz aller späteren Ableugnungen unbedachte Parteigenossen oft genug ausgesprochen; mindestens im Parteiinteresse, wenn auch nicht immer im Allgemeinen, wird der Meineid entschuldigt.
hat ber sozialdemokratische Abg. Singer noch am 10. Januar 1889 feierlich erklärt, das Parteiorgan ,Der Sozialdemokrat' habe niemals den Meineid als etwas nicht Ehrenrühriges anerkannt; was darüber gesagt werde, sei perfide Verleumdung der sozialdemo- kratischen Partei; an keiner Stelle und zu keiner ZeN sei der Meineid den Parteigenossen empfohlen
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»erunfi Smn ä ?°nuar 1882 wird die niß zwischen dem Kaiser Franz Joseph und ihm sei
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einen Meineid geleistet und war deshalb vom Schwurgericht mit Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte bestraft worden. In dem angezogenen
— 2__L__ 9 ^nngerwyn unO Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage 'Sterne und Blumes in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfemrtz
• Der Kaiser hat das nunmehr vollendete gräfliche Diplom für den Reichskanzler, Grafen Caprivi diefern perfönlich am Donnerstag nach dem Parade- diner überreicht. Das Diplom, welches in künstlerischer Weise ausgeführt ist, enthält sieben Seiten Text. Auf der ersten Seite steht der Titel des Kaisers; die zweite bis vierte Seite bringen die Motivirnng der Erhebung in den Grafenstand (Abschluß der Handelsverträge mit Oesterreich-Ungarn, Italien und Belgien), den Akt ber Erhebung, bie Bestimmungen über bie Erblichkeit ber Würbe, die Beschreibung bes Wappens I und die fünfte Seite bas Wappen selbst; die sechste und siebente Seite bringen die Fortsetzung der Beschreib bnng des Wappens. Die Unterschrift des Diploms lautet: „So geschehen und gegeben auf Unserem Neuen Palais bei Potsdam den achtzehnten Tag des Monats Dezember nach Christi Unseres Herren Geburt im Eintausend Achthundert und ein und neunzigsten und Unserer Königlichen Regierung im vierten Jahre. W. R.“ — Die Unterschrift ist gegengezeichnet vorn Minister des König!. Hauses, von Wedell und dem Minister des Innern, Herrfurth.
* Betreffs der Einleitung von handelspolitischm Abmachungen zwischen Rußland und Deutschland soll Rußland außer ber Aufhebung ber Differentialzölle auf Betreibe auf bie Ermäßigung bes Zolls auf russisches Naphtha, bie Aufhebung ber Differentialzölle auf russische Forstprobutte und fernere Zollfreiheit von Flachs und Hanf verlangen. — Es ist ja schlechter- dmgs noch gar nicht zu beurteilen, ob bie russischen Forberungen ins Gebiet bes Unverschämten unb Unbilligen reichen, solange eben bie russischen Gegenleistungen noch nicht bekannt siub. Da bie Verhandlungen vor ber Hand geheim gehalten werden, sind alle darüber auftauchende Meldungen lediglich Kombinationen.
* Der Kaiser ließ dem Berliner Magistrat durch den dienstthuenben Flügelabjutanten mittheilen, er habe den Oberpräsibenteu v. Achenbach angewiesen, bei ber jetzigen Temperatur ben Nachmittags-Unterricht in den Schulen bis auf Weiteres auszusetzen. Er bitte ben Magistrat, ein Gleiches für bie öffentlichen Schulen Berlin's anzuordnen. Der Magistrat beschloß, unver- züglich die vöthigen Anordnungen zu treffen.
Und weiter heißt es in dem Artikel: „Läßt sich da, wenn ein Genosse lieber bie Unwahrheit sagt, als burch semeAussagen biePartei schäbigt unb feine , .« « wuunmenuiaL oan in oer ve-
greunbe und Genossen unseren Feinden an's Messer vorstehenden ReichstagS-Session überhaupt keine Milt- ttefert - nicht zu seiner Entschuldigung so tär-Borlage erfolgt. Bielessagen, so mancher Milderungsgrund - — - anführen, ja sein Vergehen aus einem übermäßigen moralischen Zwange als eine Art Nothwehr erklären?" „Nun, vor dem Gesetz, vor dem Spießbürger mögen die Verurtheilten jetzt ehrlos sein, vor uns, vor der Partei des arbeitenden Volkes, sind sie es ebenso wenig, als unser Genosse I., der noch immer wegen eines gleichen „Meineides' im Zuchthause schmachtet." (.Sozialdemokrat' 1882 Nr. 3.)
Auf die pomphaften Erklärungen des Herrn Singer reimen sich diese Orakelsprüche bestimmt nicht. Damit aber die Sozialdemokraten nicht die Ausrede haben, der .Sozialdemokrat' sei kein offizielles Partei-Organ, so mögen hier noch einige schöne Berslein aus dem.Vor- wärts' von 1892 ihre Stelle finden. Dort werden die Genossen, welche wegen Meineids veruttheilt wurden, folgender Weise getröstet:
„Verzweifle nicht, wenn Deine Seele reine ist. Wenn Du bisher ein wahrer Mensch gewesen bist, Wenn eingetreten Du für Wahrheit, Freiheit Recht Wenn ernst und emsig Du dem hohen Ideal Hast nachgestrebt, der wahren menschlichen Moral.
__ 19. Jahrgang
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