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V 190 Sonntag, den 21. August 1892. 19. Jahrgang

Fii ldaerMZeillliig

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Deutsches Keich.

Berlin, 19. August.

* Der Kaiser hat gestern nach der Parade eine Ansprache an die Generäle nnd anderen höheren Offi- .ziere gehalten, worin er erklärte, olle Gerüchte über die bevorstehende Einführung der zweijährigen Dienstzeit feien unbegründet; er wolle lieber eine kleinere Armee mit längerer, als eine größere mit kürzerer Dienstzeit.

* Als Kandidat für den Berliner Oberbürger­meiste rposten wird der freisinnige Reichstagsabge­ordnete Schrader, früher Eisenbahndirektor, genannt.

* Dem Herrn Domkapitular Dr. Perger in Münster ist auch im Namen der Centrumsfraktion des Abgeordnetenhauses ein Abschiedsschreiben zugegangen, welches demselben gestern durch den Vor­sitzenden Dr. Freiherrn v. Heereman und dem Bürger­meister Abg. Dr. Wuermeling zur Kenntniß gebracht wurde, und in welchem ebenfalls dem herzlichsten Be­dauern über das Ausscheiden des verehrten Kollegen aus der Fraktion und zugleich dem innigsten Dank für seine reichen und vielseitigen Verdienste, die sich Herr Perger im Laufe von beinahe 20 Jahren um die Fraktion erworben hat, Ausdruck verliehen wird.

Das Schreiben lautet:

Hochwürdiger Herr Domkapitular! Hochverehrtester Herr Kollege!

Euer Hochwürden geehrte Mittheilung, daß Sie mit Rück­sicht auf Ihre Gesundheit sich gezwungen gesehen, Ihr Mandat für das Haus der Abgeordneten niederzulegen, hat mich sehr überrascht und zugleich tief betrübt. Die ganze Fraktion des Centrums und des Hauses der Abgeordneten empfindet mit mir, wie ich versichern darf, die Größe und Schwere des Verlustes, den sie durch Ihr Ausscheiden erleidet.

Seit beinahe zwanzig Jahren waren Sie ein überaus eifriges, thätiges und hochverehrtes Mitglied der Fraktion, Sie haben alle Beschwerden und alle schmerzlichen und bitteren Er­eignisse des sogen. Kulturkampfes mit erlebt, mit uns empfunden und haben in hervorragender Weise im Kampfe für Wahrheit, Freiheit und Recht für die höchsten Güter gestanden. Wir haben gesehen, wie Ew. Hochwürden nach allen Richtungen stets eine -ebenso opferwillige als verdienstliche Thätigkeit entwickelten, und wie Sie in alleng schwierigen Lagen und in allen Beschwerden und Gefahren mit uns gearbeitet und äußerlich und innerlich uns durch Rath und That geholfen und geschützt haben. Allen waren Sie ein Muster und hohes Vorbild treuer Pflichterfüllung und ernsten, sachkundigen und selbstlosen Strebens; überall regten Sie zum Guten an in priesterlicher Wirksamkeit, Sie mahnten und sorgten durch Wort und Beispiel und vor Allem durch Ihr eifriges und wirksames Gebet, welches stets um so lebhafter den Zwecken und Zielen der Fraktion gewidmet war, je mehr Schwierigkeiten und Gefahren sich zeigten.

Diese Ihre reichen Verdienste sind den Herzen aller Mit­glieder tief eingegraben, die aufrichtigste Verehrung und Liebe ist Ihnen zugewendet, und die dankbarste Erinnerung bleibt Ihnen dauernd zugesichert.

Je mehr alle Fraktionsgenossen erkennen, was Sie gewirkt und was Sie uns waren, um so schmerzlicher wird daher von Allen empfunden der Verlust, den Ihr Ausscheiden uns bringt. Ich erkenne es als eine hohe Pflicht an, im Namen der Fraktion und aus den Herzen aller Mitglieder derselben, diese Gefühle der Anerkennung, Verehrung und Liebe Ihnen auszusprechen und zugleich den tiefempfundenen Dank für alle Verdienste um das Centrum, für Alles, was Sie für die Ge- sammtheit, wie für die einzelnen Mitglieder gethan und gewirkt haben, recht innig darzubringen.

Wir knüpfen daran den Wunsch, daß der liebe Gott Ihnen noch viele, viele Jahre eines friedlichen und glücklichen Alters schenken wolle, und daß Sie, wenn auch nicht mehr aktives Mit-

Das verhiingnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(66. Fortsetzung.)

Sie war bis an das Ende der Terrasse ge­gangen und blieb dort an die steinerne Ballustrade gelehnt stehen.

„Ich bin freilich keine Aristokratin, sondern gehöre nur dem Mittelstände an", dachte sie, aber wir sind doch eben so ehrenhaft als jene, und dennoch hat sie Ansichten, von denen ich keine Ahnung hatte — sie sieht eine Handlung als unehrenhaft an, die ich als heldenmüthig bezeichnen würde. Liegt die Verschieden­heit unserer Ansichten nun darin, dag sie einer adeligen Familie entsprossen ist, während ich nur die Tochter eines Mannes bin, der für das tägliche Brod arbeitete, oder liegt sie in unseren Charakteren? Sind meine Be­griffe von Recht und Unrecht dunkler und unklarer, weil ich mehr zum Volke als zur Aristokratie gehöre? Erzeugt das blaue Blut auch zartere Gefühle? Ver­bindet sich mit einer hohen Geburt auch ein feineres Ehrgefühl?"

So dachte sie hin und her. Was würde ihr Gatte sagen, wenn er heim kehrte und erfuhr, was sie gethan — daß sie sich in niederer Weise in seine Heimath eingeschlichen und durch List etwas erfahren hatte, das

glied, doch durch Ihr Interesse und Ihre Liebe mit der Fraktion verbunden bleiben und dieselbe durch Ihren Rath und, wie bis­her in so hervorragender Weise geschehen, durch Ihr Gebet auch ferner unterstützen wollen.

Der Vorsitzende

der Centrumsfraktion des preußischen Abgeordnetenhauses. Frhr. v. Heereman.

* Ue6er die von russischer Seite angeregte Neu­regelung der handelspolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland verlautet vorläufig nichts Zuverlässiges. Es wird wohl auch nicht möglich sein, positive Mittheilungen zu geben, da eben noch keine Entschließungen erfolgt sind. Inzwischen ist russischer­seits auch die Aufhebung der noch bestehenden Aus­fuhrverbote der Getreide in unmittelbare Aussicht ge­nommen. Es handelt sich dabei um das wichtigste Ausfuhrverbot, nämlich das betreffend den Roggen. Sehr aussichtsvoll sind übrigens auch die heurigen ruffischen Ernteergebnisse nicht. In einer großen An­zahl von Bezirken ist die Ernte geradezu schlecht aus­gefallen, während sie allerdings in den übrigen recht gut war. Ob dabei für den Export viel übrig bleiben wird, steht dahin.

* Die Wiederbesetzung derKilimandscharo-Station, welche im Verfolg der Bülow'schen Niederlage aufge- gegeben worden war, ist erfreulicherweife rasch und glatt von Statten gegangen. Der Kompagnieführer Johannes konnte die Besetzung durchführen, ohne daß es zum Blutvergießen kam.

* „Recht muß doch Recht bleiben". Von be­schlagnahmten Wein in Hannover erzählt ein Berliner Korrespondent der ,Franks. Ztg.' eine pikante Geschichte anläßlich der Nachricht: dem Frhrn. v. Hammerstein- Loxten, der ein wesentliches Verdienst an dem Zu­standekommen der Ausgleichsverhandlungen über den Welfenfonds hat, sei vom Kaiser sein Bild geschenkt mit der eigenhändigen Unterschrift: „Recht muß doch Recht bleiben." Da liest man: „lieber die große ge­wissermaßen prinzipielle Gesetzwidrigkeit der Verwend­ung deS WelfeufondS in der Bismarck'schen Aera sind die Akten geschlossen, seitdem der Fonds oder seine Revenuen dem Eigenthümer zurückgegeben sind. In die Verwaltung deS Fonds und das sonstige Eigmthum des Herzogs von Cumberland ist von diesem der Kammerherr Reden-Franzburg delegirt worden. Vor dessen Augen entrollen sich jetzt kleine, fast amüsant zu nennende Genrebilder, amüsant wenigstens im Verhält­nisse zu dem großen historischen Gemälde, das die Geschichte des Welfenfonds darbietet. Der König hatte unter anberm Eizenthum auch einen großen Weinkeller in Hannover hinterlassen, und die freie Auffassung der Bismarck'schen Aera über die Ver­wendung des Welfenvermögens scheint sich in unterge­ordneten Organen auch auf diesen Weinkeller erstreckt zu haben. Er hat sich merkwürdig verflüchtigt; viel­leicht waren es nicht recht haltbare Weine. Der Keller muß zu der Zeit, da inn fein Herr im Stich ließ, zwischen 30- und 40,000 Flaschen gezählt haben, und diese haben sich jetzt, wo der Keller, Manchem uner­wartet, an den rechtmäßigen Erben übergegangen ist, auf ungefähr 7000 Flaschen rebucirt. Besonbers schlecht bat sich ber Rothwein gehalten; er ist ganz er ihr verschwieg. Würbe er sie bann wie ber Helb euer Geschichte ohne Erbarmen von sich stoßen unb ihr seine Liebe entziehen? @» entrang sich ihren Lippen ein leidenschaftlicher Schrei — war er ihr doch so Iber Alles theuer. Sie verbarg daS Haupt in den luftigen hochrankigen Rosen und weinte bitterlich. Plötzlich erhob sie es aber in fieberhafter Erregung. Sie mußte nun wirklich ihr Möglichstes thun. Wenn te annehmen konnte, daß er ihr zürnte, so brauchte te erst recht eine freudige Nachricht, um feinen Zorn zu mildern — um so nöthiger war es, daß sie eine Mittheilung machen konnte, die feinen Groll ent­waffnete unb ihn toieber geneigt machte — um so iringenber mußte sie streben, baS Testament aufzu­finden, um zu sehen, ob sie mit ihrem niWichen Ver­stände nicht ein Mittel ersinnen konnte, um das ge­schehene Unrecht auszugleichen. Sie mußte das Ge- heimniß ergründen; gütiger Himmel, und wie ohn­mächtig fühlte sie sich ihrer Aufgabe gegenüber! Sie befand sich nun bereits feit Monaten auf Walton unb war ihrem Ziele auch nicht einen Schritt näher ge­kommen. Wenn sie auch nur bie leiseste Frage that. bie sich auf das Testament beziehen konnte, so schien Miß Cameron sich sofort mit einer Rückhaltung zu panzern, die undurchdringlich war. Sie batte eine Menge von Briefen unb Papieren durchgelesen, aber

verschwunden. Der Rheinwein erwies sich dauerhafter, und es müssen sehr gut abgelagerte Marken darunter sein. Genauere Nachforschungen nach dem Verbleiben des edeln Getränkes finden wohl nicht statt, würden auch nicht leicht sein, weil ber Verwalter bei Aufgabe bes Sequesters sich bekanntlich in den Ruhestand zu­rückgezogen hat. Auch bie Möbel des Schlosses Herrenhausen haben zum Theil in der Zwischenzeit sich an anbern Orten aufgehalten, finb aber eiligst zurück­geschafft worben. Es kommt dadurch int Kleinen auch ber Grundsatz zur Geltung, daß schließlich „Recht doch Recht bleiben muß."

* Pelplin, 18. August. Heute reift der Hoch­würdigste Herr Bischof ab, um an der in der nächsten Woche zu Fulda ftattfinbenben Bischofskonferenz theil- zunehmen.

* Bochum, 18. August. Die ,Westfäl. Bolksztg/ schreibt: Wir theilten mit, daß Seitens der Staats­anwaltschaft in Essen gegen das freisprechende Urtheil im Bochumer Stempel-Prozeß Berufung eingelegt worden sei. Das ,Rheinisch-Westf. Tagebl.' sowie die ,Rhein-Westf Ztg/ bezeichneten unsere Nachricht als unrichtig. Inzwischen ist uns die Richtigkeit der­selben von gut unterrichteter Seite in Essen bestätigt worden, unb auch bas,Rhein-Westf. Tagebl.' muß auf Grunb seiner Informationen bie Richtigkeit unserer Melbung zugeben. Die Melbung ber .Franks. Ztg/, baß bie Oberstaatsanwaltschaft in Hamm Revision eingelegt habe, ist in bieser Form unrichtig. Die Re­vision ist von ber Essener Staatsanwaltschaft in Hamm beantragt worben.

* Trier, 18. August. Der Geh. Regierungs- und Schul-Rath a. D. Dr. Lorenz Kellner ist, wie schon kurz gemelbet, in ber vergangenen Nacht hier- selbst gestorben. Derselbe erreichte ein Alter von 82 Jahren. Lorenz Kellner würbe am 21. Januar 1811 int Dörfchen Kalteneber bei Heiligenstädt (Eichs- selb) geboren, wo sein Vater unb Großvater schon als Lehrer gewirkt haben. Er besuchte bie Gymnasien in Heiligenstabt unb Hilbesheim, sowie baS Lehrerseminar in Magdeburg unb würbe bann Volksschullehrer in Erfurt. Schon 1836 berief ihn seine Behörde an das Lehrerseminar in Heiligenstadt, wo er unter seinem Vater, welcher ber Begründer unb erster Leiter dieses katholischen Lehrerseminars war, zwölf Jahre thäsig war. Hier begann auch seine schriftstellerische Thätig­keit. Im Jahre 1848 versetzte ihn das Ministerium als Regierungs- unb Schul-Rath nach Marienwerder, wo er sieben Jahre lang unter den schwierigsten Ver­hältnissen als erster katholischer Schulrath fungirte. Da er hier öfters den Wunsch äußerte, lieber in einer vor­wiegend katholischen unb deutschen Gegend zu wirten, wurde er 1855 in gleicher Eigenschaft nach Trier ver­setzt, wo er bis 1886 segensreich wirkte. Im Jahre 1862 ernannte ihn die Akademie zu Münster zum Ehrendoktor ber Philosophie wegen seiner Verdienste um die deutsche Sprache unb bie Pädagogik. Jrn Jahre 1872 erhielt er den Charakter als Geheimer Regierungs- rath, 1877 wurde ihm ber Rothe Adler-Orden 3. Kl. mit der Schleife, 1888 ber Kronen-Orben 2. Klasse

keines davon enthielt auch nur die geringste Andeutung von ber Sache, bie ihr so bringen!) am Herzen lag; )a8 Geheimniß bes Testaments schien unergrünblich. Sie hatte ihren Verstaub nach Kräften angestrengt, aber sie vermochte doch nichts zu ermitteln.

Der Juni war herangekommen, unb Adelaide be- anb sich in fieberhafter Aufregung. Sie wußte selbst nicht, woraus sie eine leise Hoffnung schöpfte, aber sie that es. Die Korresponbenz zwischen Lorb Rylestone unb ihr war so überaus angenehm gewesen — er war eit seiner Abreise so freundlich gegen sie, daß sie eine Sinnesänderung bei ihm für unmöglich hielt. Sie war sich jetzt nicht recht klar, ob sie im Grunde un­recht gethan hatte, ihn so lange ins Ausland zu chicken; denn sie glaubte, daß, wenn er auch noch IwaS länget in ihrer Nähe geblieben wäre, er sie viel­leicht lieben gelernt hätte — es sprachen so manche Zeichen dafür. In höchster Spannung unb mit Ver­zweiflung mH sie einen Tag des Rosenmonats nach >em andern vergehen, wußte sie doch, daß der letzte Tag ihr eine Botschaft bringen mußte, von welcher ihr ganzes LebenSglück abhmg.

Der Neununbzwanzigste kam heran, und Mr. Beale langte aus London, Sir William Morton aus Jutham an, auch Squire Segood fand sich ein. Margarita schöpfte neue Hoffnungen. Sie entnahm aus allerlei