Einzelbild herunterladen
 

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Weltfriede.

Weltfriede 1 Einen zauberischen Klang hat dies Wort, und es gibt gewiß keinen wahrhaft Edeldenken­den, der nicht wünschen sollte, daß aller Welt ein ewiger Gottesfriede geboten würde. Kein Gedanke kann auch dem Christenthum, der weltumspannenden katholischen Kirche näher liegen als der: Friede auf Erden! Aber so lange es Menschen giebt, oder sagen wir: seit Kain den Abel erschlagen, war der Mensch des Menschen größter Feind, und so lange es Nationen gibt, haben sie in blutigen Kriegen um die Herrschaft oder um wahre oder vermeintliche Lebensinteressen gekämpft. Die kriegerische Rüstung war allezeit eine Hauptsorge der Staaten.

In unseren Tagen sehen wir auf der einen Seite diese kriegerischen Rüstungen in einer Weise gesteigert und noch weiter sich steigern, wie sie die Weltgeschichte bis dahin nicht gekannt hat. Wir sehen auf der andern Seite, wie die Völker in immer innigere Berühmng treten, wie der friedliche Verkehr immer mehr an Aus­dehnung gewinnt, und wie die Völker sich immer mehr verstehen und achten lernen. Die Segnungen der Werke des Friedens, die fast unerträglich gewordene Last der militärischen Rüstungen: dieser Gegensatz hat die Sehnsucht nach einem ewigen Frieden lebendiger gemacht als je; er hat eine internationale Friedens­liga, internationale und interparlamentarische Friedens­kongresse gezeitigt, und es ist nicht zu verkennen, daß der Gedanke, die Streitigkeiten der Völker auf fried­lichem Wege auszugleichen, allerorten immer mehr Anhänger findet. Wenn wir Diese als Schwärmer bezeichnen, die einem fernen und heute wenigstens aussichtslosen Ziele nachjagen, so unterschätzen wir doch keineswegs den idealen Punkt dieser Bestrebungen.

Es wäre verkehrt, zu behaupten, daß der Ruf nach Friede ganz vergeblich immer lauter erfchalle. Er wird vielmehr mit der Zeit — und er ist es vielleicht schon heute geworden — zu einer werthvollen morali­schen Unterstützung derjenigen Völker und Regierungen, deren Bestreben auf die Erhaltung des Friedens ge­richtet ist. Abhängig ist die Erhaltung des Friedens, wenigstens heute noch, freilich nicht von den Friedens­kongressen , sondern in erster Linie von einer starken Kriegsrüstung und einer weisen Politik der friedlieben­den Mächte. Und wahrlich, auch der allmächtige Welten­lenker hat die Friedliebenden nicht verlassen. Die Plagen, die Rußland Heimsuchen, Plagen, die an jene erinnern, welche Gott durch Moses über die Aegypter verhängte, die Mißernte, die Hungersnoth, die Cholera, sie sollten, meinen wir, auch manche modernen Heiden auf den Gedanken bringen, daß nicht nur der Drei­bund, sondern auch ein Höherer, der König der Könige selbst für die Erhaltung des Friedens sorgt!

Was Menschen vermögen, um den Krieg fernzu­halten, wird gewiß von den Staatsmännern des Drei­bundes gethan, nicht in letzter Linie aber auch von dem Leiter des kleinen Bulgariens, sowie von dem Sultan, dessen staatsmännische Begabung noch lange nicht die Anerkennung gefunden hat, die sie verdient.

Jas verhkingnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(64. Fortsetzung.)

Sie sah Margarita während dieser Rede fest an, so daß diese erst tief erröthete und dann unter dem Prüfenden Blicke todesbleich wurde.

Als Mrs. Grame das Zimmer verließ, begab sie sich sofort zu Gregson.

„Erzählten Sie mir nicht neulich eine Geschichte, daß Miß Ayenel Ihnen in einer dunklen Nacht nach- gelaufen sei, um einen Brief in die Posttasche zu stecken?" fragte sie.

„Ja;" er erinnerte sich des Vorfalles und wieder­holte ihr die Geschichte.

„So, so!" sagte sie, „Ich wunderte mich damals darüber und jetzt wundere ich mich noch viel mehr. Ich habe so meine eigenen Gedanken darüber."

„Und worin bestehen dieselben, Mrs. Grame?" fragte Gregson höflich.

„Sie sind nicht für Sie, sondern für Höherstehende," war die scharfe Antwort; als der Mann sie aber ver­ließ, sprach sie zu sich selbst: „Ich werde Sie doch noch ausspüren, mein Fräulein! Ausspüren und ver­nichten! Wenn Sie nicht eine Spionin sind, so ist mein Name nicht Martha Grame!"

Die Hoffnung ist durchaus nicht unberechtigt, daß der Friede auf sehr lange Zeit gesichert ist. Aber eine Bürgschaft für seine Dauer kann freilich kein Mensch übernehmen. Und gar der „ewige Weltfriede" bleibt ein Ideal, das noch ebenso fern, aber auch nicht ferner ist als das tausendjährige Reich. Der Friedensgedanke ist wesentlich eine Frucht der christlichen Gesittung. Und wenn christlicher Glaube und christliche Sitte erst in Wahrheit herrschen werden auf der ganzen Erde, dann werden auch die Völker aufhören, wegen diesen oder jenen, so oft mißverstandenen „nationalen Inter­essen" sich gegenseitig zu zerfleischen. Wir aber und unsere Enkel erleben dies nicht mehr.

Der preußische Fehlbetrag und die lex Huene.

Das abgelaufene Finanzjahr soll für Preußen einen Fehlbetrag von etwa 44 Millionen Mark ergeben. Eine unangenehme Nachricht, die freilich für Herrn Miquel auch eine angenehme Seite hat. Denn je größer der Fehlbetrag, desto eher wird er au§ ber Steuerreform Mehreinnahmen für den Staat herausschlagen und namentlich seine vielversprechende Vermögenssteuer durchdrücken.

Während die Staatskasse den Mangel von 44 Millionen Mark beklagt, muß sie auf Grund der lex Huene 57 Millionen Mark an die Kreise herauszahlen. Die Ueberweisungssumme ist dieses Jahr besonders hoch, weil die mangelhafte Ernte des Vorjahres eine stärkere Getreideeinfuhr veranlaßt hat. Um so besser können liberale Zeitungen ihre Leser verblüffen mit dem „schrei­enden Gegensätze" zwischen der Noth der Staatskasse und dem Ueberfluß, in dem die Kostgänger der lex Huene schwelgen sollen. Die freisinnige Ztg.' ver­steigt sich bis zu dem Ausrufe: "„Wenn die lex Huene nicht bestände, so würde der preußische Staatshaushalt keinen Fehlbetrag, sondern im Gegentheil einen Ueber- schuß von etwa 10 Millionen Mark nachweisen."

Bei dieser Rechnung ist eine kleine Kleinigkeit ver­gessen. Wenn die lex Huene nicht bestanden hätte, so würde man die voraussichtlichen Erträge aus den land- wirthschaftlichen Zöllen unverkürzt als Einnahmen in den Entwurf des preußischen Staatshaushaltes einge­setzt haben. In Folge dessen hätten wir bei der Etats- berathung „heidenmäßig viel Geld" gehabt, und dem­gemäß wären die Ausgaben erhöht worden. Herr Eugen Richter weiß es ja gewiß noch besser, wie wir, daß noch eine ganze Menge von angeblich höchst dring­lichen Bedürfnissen auf Befriedigung warten, und daß alles Geld, was der Staat zur freien Verfügung hat, auch schonungslos verbraucht wird. Also ohne die lex Huene hätten wir auch einen Fehlbetrag gehabt, höchstens um so viel kleiner, als der wirkliche Ertrag aus den landwirthschaftlichen Zöllen im letzten Jahre über den normalen Voranschlag hinausgegangen wäre. Demgegenüber hätten aber die Steuerzahler in Kreis und Kommunen das Vergnügen gehabt, für die meisten von den Bedürfnisfen, die jetzt aus den Huene'schen

Zu Margarita's großer Beruhigung wurde weiter Nichts mehr über den verlorenen Brief geäußert und hielt sie die Sache für vergessen. Das geschah im Mai, und sie dachte oft daran, daß Miß Cameron gesagt hatte, ihr Schicksal würde sich im Juni entscheiden.

„Vielleicht erwartet sie dann den Mann ihrer Liebe," sagte sie sich und war sehr begierig, ihn zu sehen.

Sie hatte nun so lange mit Adelaide zusammen­gelebt, daß sie unwillkürlich eine große Zuneigung für das junge Mädchen, das sie einst zu hassen glaubte, empfand, und fo wünschte sie aus Herzensgründe, daß diese seltsame Liebesgeschichte glücklich enden möchte. Sie erinnerte sich auch, wie Miß Cameron einmal zu Lady Langsom geäußert hatte — daß sie vielleicht nach Ablauf von zwei Jahren ihr ganzes Vermögen ver­lieren würde — so daß sie, sich selber unbewußt, den Monat Juni als einen entscheidenden Zeitpunkt heran- nahen sah.

Sie bemerkte wohl, wie sein Herannahen Miß Cameron erregte. Ihre Stimmungen wechselten fort­während — bald war sie froh und heiter und dann zuweilen wieder traurig und mißgestimmt. Sie ver­suchte sich zu beherrschen, aber alle ihre Bemühungen waren vergebens. Margarita sah, daß sie sehr unter der gespannten Erwartung litt, und sie fand sie oft mit Thränenspuren auf dem schönen Antlitz.

Ueberweisungen befriedigt werden, mit ihrem Geldbeutel aufzukommen.

Es war gerade der Zweck der lex Huene, im Interesse der Steuerzahler den Staat zur Sparsam­keit zu bringen, indem ihm die Mehrerträge aus den erhöhten landschaftlichen Zöllen entzogen wurden. Dieser Zweck wird durch den Fehlbetrag des letzten EtatsjahreS erst recht als gut und heilsam gekennzeichnet. Der letzte Staatshaushalt war noch zu leichtfertig aufgebaut; insbesondere waren die Einnahmen aus den Eisenbahnen zu hoch angesetzt, die Folge der drohenden wirthschaftlichen Flaue nicht genug berücksichtigt. Der Fehlbetrag von 44 Millionen ist Lehrgeld, das uns hoffentlich bei der nächsten Etatsaufstellung zu erhöhter Vorsicht und Sparsamkeit veranlassen wird.

Die lex Huene ist fein vollkommenes Werk; dafür hat sie auch ihr Vater selbst nie ausgegeben. Aber unter den damaligen Verhältnissen war sie das best­mögliche Mittel, um der Verpulverung der Mehrer- träge aus den Zöllen durch den unersättlichen Staat vorzubeugen. Es ist richtig, daß einige Kreise mehr Geld bekommen haben, als sie richtig zu verdauen wußten. Aber es war doch nicht die Schuld des Freiherrn von Huene, daß damals noch keine ver­nünftige Landgemeinde-Ordnung für den Osten bestand, und in Folge dessen das Geld den Kreisen überant­wortet werden mußte. Was kann es nun nützen, wenn man nachträglich auf den vorläufigen Behelf schimpft? Jetzt handelt es sich darum, etwas Besseres au die Stelle der lex Huene zu setzen im Rahmen der or­ganischen Steuerreform. Sorge man nur allseitig, daß das Defiuitivum wirklich besser wird, als das Provi­sorium. Wenn man z. B. jetzt sagt, daß die lex Huene den reichen Kreisen zu viel, den ärmeren zu wenig gegeben habe, so sollte man doch erst erwägen, ob die geplante U-berw?ffung der Ertragssteuern dieses Mißverhältniß zwischen Soll und Haben nicht noch schärfer hervorkehren wird. In dieser Beziehung wurden schon längst Besorgnisse geäußert, und die ,Post' hat neuerdings in demselben Sinne Erörterungen und Vorschläge angestellt. Die freisinnige Presse sollte sich im Interesse der Gerechtigkeit daran betheiligen, statt sich die Zeit mit allgemeinen Deklamationen über die angeblichen Mängel des bisherigen Provisoriums zu vertreiben. Aber seit feststeht, daß auch die Ge­werbesteuer mit überwiesen werden soll, ist diese Presse voll blinder Zärtlichkeit für die weitgehenden Pläne Miquel's, weil sie die Sicherheit hat, daß ihre geliebten Städte bei der Reform brillant wegkommen werden. Zwischen den Städten und Jndustrie- Centren mit ertragsreichen Gebäuden und großem Gewerbebetrieb einerseits und den Gutsbezirken, deren Herren die Grundsteuer gern ihrer eigenen Tasche über­wiesen sehen möchten, andererseits stehen noch viele Tausende von Gemeinden und Kreisen, die noch erst sorgfältig ausrechnen müsfen, ob sie bei der viel ge­priesenen „Reform" sich wirklich besser stehen werden, als bei dem vielgeschmähten jetzigen Stande der Dinge.

„Ich wünschte, Sie vertrauten mir mehr, als Sie es thun," sagte sie eines Tages zu Miß Cameron. „Ich sehe, daß Sie leiden, und doch wollen Sie mir die Ursache nicht nennen."

„Ich kann es nicht, Margarita. Das räume ich Ihnen ein, daß mein Gemüch schwer bedrückt ist, und sage Ihnen offen, daß ich am Ende des Juni entweder so glücklich sein werde, wie ich es kaum je in meinen kühnsten Träumen zu hoffen gewagt habe, oder so namenlos unglücklich, wie ich es kaum auszudenken vermag. Haben Sie Geduld mit mir, Liebste, ich kann es nicht ändern. Wenn die letzten Junirosen blühen, wird Alles überstanden sein, aber wie ich das Leben bis dahin noch ertragen soll, weiß ich selber nicht."

„Aber Sie könnten mir doch unbedingt noch mehr als das anvertrauen," sagte Margarita.

„Nein, das kann ich nicht, liebes Herz. Wäre das Geheimniß nur das meine, so thäte ich es unbedingt. Unser ruhiges Beisammensein wird nun bald ein Ende haben, ich erwarte Mr. Beale und Sir William Mor­ton, und wir müssen uns alle Mühe geben, sie ange­nehm zu unterhalten."

„Wollen Sie mir wirklich nichts Näheres über Ihre wunderbare Herzensgeschichte sagen?" fragte Mar­garita. „Mir ist fast zu Muthe, als ob ich mich in