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Beilage zu Nr. 185 der „Fuldaer Zeitung".

Sonntag, den 14. August 1892"

Nährwerth einzubüßen, ist also in hervorragendem

gerechtfertigte Preiserhöhung, ist bei diesem unentbehr» Maße transportabel.

Krodpreise.

N. Berlin, 12. August.

Für alle Brodesser bieten die Berichte von den Produktenbörsen jetzt eine angenehme Lektüre. Heute schlug der Rückgang der Getreidepreise in Berlin em ganz außerordentlich rasches Tempo an. Roggen fiel an dem einen Tage um etwa 7 Mk. (auf 1000 Kilo­gramm). Heute stand der Roggenpreis auf 147-149, der Weizenpreis auf 160 Mk. für 1000 Kilogramm. Gegen das Vorjahr sind also die Preise auf Zweidrittel gefunken. Also müßte das Brod jetzt um die Hälfte größer sein! — folgern schnell die Leute mit gutem Appetit. So eilig geht's aber nicht. Es werden in Blättern schon ernste Mahnungen an die Bäcker ge­richtet, etwas mehr Teig zu nehmen, und ich hoffe auch, bafc1 die „Brodfabrikanten" dieser Predigt gegenüber nicht taub bleiben. Nur müssen die Brodesser sich mit etwas Geduld rüsten. Wenn heute die Preise im Ge- treidegroßhandel fallen, so können nicht morgen schon dementsprechend die Brode in allen Backstuben wachsen. Der Bäcker will die Mehlvorräthe noch zu dem Preise an den Mann bringen, zu dem er sie gekauft hat. Steigt das Getreide im Preife, so folgen die Bäcker dieser Bewegung viel schneller,' weil es Niemanden Ueberwindung kostet, seine Vorräthe zu erhöhterem Preise abzusetzen. Aber die Statistik ergibt, daß auch bei der Preissteigerung an den Getreidemärkten die Brodpreife nicht sogleich folgen. Um so weniger darf man sich wundern, wenn bei der Abwärtsbewegung der Bäcker - Landsturm nicht so schnell mitkommen zu können glaubt.

Ferner ist zu bedenken, daß die Herstellungskosten des Brodes nicht bloß vom Getreide- oder Mehlpreise abhängen. Die Unkosten für Arbeitslohn, Heizung, Ladenmiethe, Verzinsung des Betriebskapitals rc. wer­den durch die Schwankungen am Getreidemarkt nicht beeinflußt. Es kann sogar vorkommen, daß sie steigen, während der Mehlpreis sinkt, so daß eine Ausgleichung eintritt, d. h. das Brod ebenso groß oder klein bleibt, wie es war. Man darf also nicht sagen: Wenn der Getreidepreis auf die Hälfte sinkt, so muß das Brod doppelt so groß werden. Eine vollständig gleichmäßige Preisbewegung kann man nicht einmal bei Mehl und Getreide verlangen, obschon die Mühlen - Unkosten längst nicht so schwer in's Gewicht fallen, als die Back-

lichsten Nahrungsmittel entschieden zu verwerfen und zu bekämpfen. Aber wie?

Jedesmal, wenn diese Frage angeschnitten wird, erhebt sich gleich hier oder da der Ruf nach Brod- t a xen. Die Sozialdemokraten müssen ihre Helle Freude daran haben. Denn die Brodtaxen sind eine verschämte Verstaatlichung des Bäckergewerbes. Man wird einwenden, es habe ja doch früher schon Brodtaxen gegeben. Gewiß, sie sind unter Verhältnisse erwachsen, wo noch ein starker Gemeindesozialismus be­ttieben wurde. Wir müssen uns aber fragen, ob sie unter den jetzigen Verhältnissen noch am Platze sind und wie sie gegenwärtig auf den Handel und Wandel einwirken würden. Wir haben alle andern Gebrauchsgegenstände (mit Ausnahme der Apotheker- waaren im engsten Sinne) der freien Konkurrenz über- lasfen. Ehe wir mit dem Brode eine Ausnahme machen, müssen wir die Sache doch nach allen Seiten mit be­sonderer Vorsicht prüfen. Wir wissen, wo wir an­fangen, aber nicht, wo wir aufhören. Wird der Brod- preis behördlich vorgeschrieben,fo werden sich baldStimmen erheben, die auch den Mehl- und Getreidepreis gesetz­lich geregelt haben wollen. Die Bäcker toerben beim Anbruche einer Preissteigerung sofort rufen: Liefert uns gefälligst das Mehl zu dem Preise, den ihr der Taxe zu Grunde gelegt habt. Das Publikum wird sich zu einem sehr großen Tbeil anschließen; denn er­fahrungsgemäß verbreitet sich bei jeder empfindlichen Theuerung die Ansicht, daß die Zwischenhändler mit ihren wucherischen Kunststücken die Schuld trügen. Im vorigen Jahr hat sich ja über diese Frage eine leb­hafte Erörterung eni spönnen, bei der freilich nichts herausqekommen ist. Jeder Eingriff in die Preisbildung eines Artikels wird zur Veranlassung weiterer Ein­griffe. Will die Gesetzgebung wirklich in dieses Wespennest fassen, so muß sie gleich einen festen und ganzen Griff thun. Also Verstaatlichung des ganzen Getreidehandels oder Fortbestand des'bisherigen freien Spieles der Kräfte.

Wie wir schon früher ausgeführt haben, lassen sich gegen die Brodtaxen auch praktische Bedenken geltend machen. Die Schwere des Brodes läßt sich toxi» troliren, wenn die Polizei und das Publikum sich fleißig an der Ueberwachungsarbeit halten. Aber die Qualität, die Güte des Brodes, ist nicht mit Para­graphen zu fassen. Die Bäcker, die wuchern wollen, werden das schlechteste Mehl nehmen, vielleicht sogar Verfälschungen nicht sckeuen. Und vor Allem werden sie versucht sein, das Brod nicht ordentlich auszubacken, damit recht viel schwerwiegendes Wasser darin bleibt. Das wäre eine sehr bedauerliche Folge. Es kommt keineswegs bloß auf die Masse der Nahrungsmittel an, die wir unserem Magen einverleiben, sondern vor Allem auf ihre Verdaulichkeit. Was hilft uns ein Brod, das wie ein Klumpen im Magen und zur Hälfte unverdaut wieder abgeht?

Ja, sagt man, der Bäcker wird sich nicht getrauen, das Brod schlechter zu machen; denn et weiß, daß er dann seine Kundschaft verliert. Also in diesem Punkte soll die Konkurrenz Wunder wirken, und in dem Punkte der Größe soll die Konkurrenz ohn­mächtig fein? Wenn die Bäcker überhaupt im Stande sind, einen Ring zu bilden, so können sie sich über die eine Art des Wuchers so gut verständigen, wie über die andere.

Die Brodtaxen waren nothwendig, so lange die Ver­sorgung eines Ortes mit Brod durchaus von der ein­heimischen Bäckerzunft abhing; diese im Besitze des Monopols befindliche Zunst hätte ja sonst den Preis in's Ungemessene hinauftreiben können. Jetzt ist das anders. In jeden Ort kann fremdes Brod eingeführt werden, und in allen größeren Orten geschieht es auch. Unser Volk ernährt sich größtentheils vom Roggen- brod. und das hat ja gerade die gute Eigenschaft, daß es Tage lang liegen kann, ohne an Geschmack und

Unkosten. . c r .

Wohl aber kann man verlangen, daß das Brod sich wieder zu der Größe von 1887 herauswäckst. nachdem die Getreidepreise auf den Stand von 1887 gesunken sind. Die Theuerungiperiode scheint an den Grtreidemärkten für überwunden zu gelten; also mögen auch die Bäcker die alten Gewichtsstücke wieder auf die Schale bringen. . .

In einer Klage über die fortdauernde Klernhett der Brode wird gesagt, daß „namentlich in Badeorten" die Bäcker sich in dieser Hinsicht arg konservativ zeigten. Ich muß gestehen, daß ich mit den „Badeorten" kein besonderes Mitleid habe; dort sind die ganzen Erwerbs- und Geldverdältnisse etwas anders, als in gewöhnlichen Orten, wo die Menschen mit regelmäßiger Arbeit im Schweiße ihres Angesichts ihr Frühstücksbrod verdienen müssen. Wenn die badenden Herrschaften ihre feinen Semmeln tdeurer bezahlen, so ist das noch kein National­unglück. Wäre ich Stadtvater in einem Badeort, so würde ich allerdings gegen die Vertheuerung zu Felde zichen, und zwar im Interesse der Stadt, die durch überttiebene Preise an Zugkraft einbüßt. Es sind aber keineswegs bloß die Bäcker, die dort Wucher treiben, man pflegt dort allgemein und überall so viel zu nehmen, als man gerade herauspressen kann.

Es kann sich für uns nur um das Brod als all­gemeines Bolksnahrungsmittel handeln, also um die Sorte, welche die gewöhnlichen Leute zur Stillung ihres Hungers gebrauchen: Jeder Wucher, d. h. un-

Daraus ergibt sich ein einfaches Mittel, um einem Wucher, zu dem sich etwa die örtlichen Bäcker ver­einigen sollten, entgegenzutteten. Will der Gemeinde­vorstand die Sache nicht selbst in die Hand nehmen, so braucht sich bloß eine Anzahl vernünftiger Bürger zufammenzuthun und einen auswärtigen Bäcker zur Lieferung größeren Brodes einzuladen.

Etwas umständlicher, aber doch auch nicht unmög­lich ist die Gründung einer Genossenschafts- bäckerei. Das Gelingen eines solchen Unternehmens hängt freilich wesentlich davon ab, ob man einen sach­verständigen, geschäftsgewandten und uneigennützigen Mann findet, der die Leitung übernimmt und dieselbe nicht bloS als Zeitvertreib, sondern mit gewissenhaftem Eifer betteibt. Die sozialdemokratische Genossenschafts­bäckerei in Berlin kommt freilich nicht auf den Damm; die anderen genossenschaftlichen Unternehmungen dieser Partei auch nicht. DaS liegt zum Theil an der Unge- berdigkeit der Arbeiter, die in dem Betrieb „ihrer" Unternehmungen Fleiß und Zucht hintansetzen, zum größten Theil aber daran, daß sich bedenkliche „Ge- schästSsozialisten" an die Leitung drängen und dar Unternehmen als eine Milchkuh für ihren Eigennutz bettachten. Also wer eine genossenschaftliche Bäckerei gründen will, fehe sich mit dreifacher Vorsicht erst nach der rechten Leitung um. Sonst beschränke man sich lieber auf den gemeinschaftlichen Bezug von Brod aus einer privaten Bäckerei.

Wenn wir uns andauernd von den Bäckern be­wuchern ließen, so wäre das ein schmähliches Zeugniß für unsere Klugheit und Thatttaft. Wir haben so vick Freiheit zur Abwehr mit vereinten Kräften, daß wir noch längst nicht nach dem Polizeistock der Brodtaxe zu rufen brauchen. Im Uebrigen muß man auch nicht gleich neidisch werden, wenn man sieht, daß eS dem Bäcker gut geht. Hat der Bäcker kein leidliches Aus­kommen, fo kauft er theuer und schlecht ein, wird zu schlechten Kunstgriffen verleitet und liefert also schlechtes Brod. Leben und leben lassen! Wo sich wirklicher Wucher zeigt, da greife man mit vernünftiger, gemein­schaftlicher Selbsthilfe ein!

Vermischtes.

* Am Nachmittag des 22. August 2 Uhr 40 Mm. tritt die Sonne in das Zeichen der Jungfrau ein, welches das letzte Zeichen des sommerlichen Theiles vom Thierkreis ist. Ihre Höhe über dem Horizont zur Mittagszeit hat bedeutend abgenommen und beträgt am 31. August nur noch 48°, mithin 30 scheinbare Sonnendurchmesser weniger, als bei ihrem höchsten Stand int Juni. Die Tageslänge ist dementsprechend recht bemerkbar reduzirt und beträgt am 31. August nur 13 Std. 37 Mm., indem die Sonne Früh ca. V46 Uhr auf und Abends gegen 3/<7 Uhr untergeht.

* Xanten, 10. Aug. Der hiesige .Bote für Stadt und Land schreibt: Durch den Mord-Prozeß in Cleve ist die Theilnahme für die Familie Hegemann im ganzen Lande wieder mächtig erweckt worden. Die Kunde von der Hilfsbedürftigkeit derselben hat die Hand der christlichen Mildthätigkeit weit geöffnet. Bon allen Seiten laufen Spenden, zum Theil nicht geringe, für die Familie H. ein. Um nur ein Beispiel anzuführen, sandte Herr Dr. Bachler von der ,Staatsbürgerzeitung' allein 1050 Mark. Dadurch ist die Familie in den Stand gesetzt, ihre großen Schul­den, die sich im Lause des letzten Jahres fo sehr vermehrt hatten, vollständig zu bezahlen.

(Der noble Forstgehilse.) Ein junger Mann aus guter Familie ist bei einem alten, griesgrämigen Förster in den Dienst getreten. Der Förster kann sich mit den feinen Manieren nicht befreunden — ihm ist dieser im Dienst zu nobel. Eines Tages trifft er mit dem Herrn Oberförster zusammen und macht bei dieser Gelegenheit seinem Unmuth über den neuen Gehilfen iu den derbsten Ausdrücken Luft. Der Oberförster erwidert kein Wort und nickt dem bei der Rede immer zorniger werdercken Alten freundlich und erheitert zu. Endlich reißt diesem der Faden seines lange verhaltenen Ingrimms, mit Emphase ruft er auS: „Und a Zahnbürstl hat er auch — die Sau!"

Der Postdampfer „Rhynland" der,Red Star Linie' in Antwerpen ist laut Telegramm am 10. August wohlbehalten in Newyork angekommen.

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Fulda, den 8. August 1892.

Hochachtungsvoll

Nicolaus Enders,

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