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Freitag, den 12. August 1892. 19. Jahrgang

iiliiaerWZcitlliig

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Deutsches Keich.

Berlin, 10. August.

* Die Thorheit der hartnäckigen Behauptung der Bismarck-Presse, daß Windthorst an dem Sturze -es Reichskanzlers gearbeitet habe und daß Caprivi der Kandidat des Centrums für die Nachfolge Bis- marck's gewesen sei, ist bereits nachgewiesen worden. Jetzt bringt die.Tremonia' als weiteren Beleg zu diesem Nachweis den Wortlaut eines Zwiegesprächs, das im Sommer 1890 ein Pfarrer mit Windthorst in Ems hatte. Wir geben diesen Wortlaut, für den sich daS Blatt verbürgt, nachstehend wieder:

Pfarrer: Excellenz, es wird jetzt in den Zeitungen be­hauptet, daß Sie die Veranlassung zu der Entlassung Bismarck's gegeben haben sollen. Ihr Besuch bei Bismarck soll den Bruch mit dem Kaiser herbeigeführt haben. Windthorst (erregt): Sagen Sie allen Leuten, die es wissen wollen, daß das eine grobe Unwahrheit ist. Als ich Bismarck besuchte, war seine Ent­lassung schon so gut wie sicher. Bismarck theilte mir selbst seine Entlastung mit. Pfarrer: Welchen Eindruck empfingen Ex­cellenz bei diesem Besuche? Windthorst: Zwei Thatsachen vergesse ich nie in meinem Leben: Als ich dem König Georg von Hannover mittheilen mußte, daß es aus sei mit seiner Herr­schaft, da stand ich an dem moralischen Sterbebette eines ent­thronten Königs; und dann, als mir Bismarck mit Thränen in den Augen sagte: Man will mich nicht mehr, ich muß gehen; da stand ich an dem moralischen Sterbelager einer gefallenen Größe. Ich redete Bismarck zu, daß er bleiben solle. Pfarrer (verwundert): Aber weshalb waren Excellenz denn dafür, daß Bismarck bleiben solle? Windthorst: Das will ich Ihnen sagen. Kein Anderer wie er wird uns rasch den Rest der Mai- gesetze vom Halse schaffen, wie auch kein Anderer Autorität ge­nug gehabt hätte, den größten Ballast so energisch zu beseitigen. Deshalb ist Bismarck's Abgang in diesem Augenblicke für uns nicht günstig. Uebrigens stutzte Bismarck nicht wenig, als ich ihm als seinen wahrscheinlichen Nachfolger Caprivi bezeichnete. Pfarrer: Wie kamen Sie auf Caprivi? Windthorst: Das will ich Ihnen sagen. Bor etwa 5 Jahren wurde in einer Ge­sellschaft, in der auch Profeffor Dr. Geffcken war, über die Frage diskutirt, wer wohl mal der Nachfolger Bismarck's würde. Ich meinte, nur ein schneidiger General könne vorläufig das Erbe antreten und nannte u. A. den Stamm Caprivi, den ich von seiner Thätigkeit als Marineminister her kenne, der im Parla­ment allseitig beliebt und als tüchtiger General bekannt war. Geffcken hat über diese Unterredung einst Kaiser Friedrich berichtet. Kaiser Friedrich hat damals geantwortet: „Daß Caprivi ein tüchtiger Soldat ist, weiß ich, ob er auch ein tüch- tiger Diplomat ist, ist mir nicht bekannt, jedenfalls werden wir ihn auf's Korn nehmen. Seitdem ist wiederholt von hoher Stelle Caprivi gelobt. Das ist der ganze Hergang über die Ernennung Caprivi's zum Reichskanzler.

* Der Gouverneur von Deutsch-OstcHäka, Frhr. v. Soden, hat fein EntlaffungSgesuch einge­reicht. Als sein Nachfolger komme der bisherige Stellvertreter des Gouverneurs, Kapitän - Lieutenant Rüdiger, in erster Linie in Betracht, während von W iß mann überhaupt nicht in Frage kommt.

* Der ,Staalsanzeiger' veröffentlicht amtlich das Gesetz, betr. die Aufhebung der Befreiung der vormals Reichsunmittelbaren von ordentlichen Personalsteuern gegen Entschädigung. Das Gesetz ist bohrt: Tromsö, den 18. Juli 1892.

* Vizeadmiral Dcinhard ist zum Chef der Nordsee­station ernannt worden.

* Der neue deutsch - serbische Handelsvertrag ist ebenso wie der österreichisch-serbische, gestern unter­zeichnet worden.

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(59. Fortsetzung.)

Margarita war ganz verzweifelt, denn das Gefühl des Unwiderruflichen überkam sie plötzlich mit aller Macht. Was konnte, was sollte sie thun?

Schnell wie der Blitz ergriff sie Feder und Papier, schrieb einige Zeilen nieder, adressirte sie ins Blaue hinein — sie wußte selbst nicht an wen — und sah dann zu Miß Cameron hinüber und sagte ruhig:

„Wollen Sie mir Ihren Schlüssel erlauben, damit ich diesen Brief noch in die Posttasche stecken kann? Ich habe es gänzlich vergessen."

Miß Cameron reichte ihr den Schlüssel, ohne zu beachten, wie ihre Hand zitterte und wie geisterbleich ihr Gesicht geworden war, und Margarita eilte mit Brief und Schlüffe! auf den Flur, von wo sie den Diener eben aus der Thür gehen fah.

„Wo ist Gregson?" fragte sie athemlos.

„Er ist eben mit der Posttasche fortgeritten," er­widerte der Diener.

Mit einem leisen Angstschrei öffnete sie die Thür und eilte in die kalte, dunkle, schneeige Nacht hinaus und lief, als ob es ihr Leben gelte. Sie vernahm den Huffchlag eines Pferdes am Ende der Allee.

* Die in Eydtkuhnen, Memel, Tilsit, Insterburg, Prostken und Königsberg bestehenden Komitees für die ausgewieseuen russischen Jude» haben, wie aus Königsberg gemeldet wird, wegen der Cholera­gefahr vorläufig ihre Thätigkeit eingestellt.

* Die deutschen Perückenmacher und Friseure traten gestern in Berlin zu ihrem 16. Verbandstage zusammen. Der Verband umfaßt z. Zt. 27 Verbands­innungen mit 536 Mitgliedern und außerdem 160 Ehrenmitglieder. Gestern wurden JnnungSangelegen- heiten und Fragen der Gewerbegesetzgebung verhandelt. Heute findet ein großes Schaufrisiren statt.

Mk.

3,984,108

Rhemprovinz.

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Hannover .

Westfalen .

* Die Ueberweisunge» aus der lex Huene an die Kommunal - Verbände belaufen sich nach einer

Schleswig-Holstein . 3,168,590

4,799,160

Hessen-Nassau . 3,330,750

8,362,268

heute im .Reichsanzeiger' veröffentlichten Bekanntmachung des Ministers des Innern und des Finanzministers auf

58,035,130 Mk. Davon fallen auf:

1) die Provinz Ostpreußen .... 3,077,251 „ Westpreußen . . . 2,299,962 Stadt Berlin....... 4,802,590

Provinz Brandenburg . . . 4,637.299

„ Pommern .... 2,977,630

„ Posen...... 2,750,672

„ Schlesien . . . .7,110,036

„ Sachsen.....5,616,882

xi) „ Hohenzollern'schen Lande. . 117,932 „ Wegen Auszahlung der überwiesenen Beträge an die Kom- munal-Berbände ist bereits das Erforderliche verfügt worden.

♦ Das bayerische Kriegsministerium hat ebenso, wie s. Z. das preußische, die dienstlicheErlaubniß, daß Militärkapelle« für die Weltausstellung in Chicago engaqirt werden, verweigert.

* Köln, 8. August. Im hiesigen katholischen Gesell en verein ist eine Einrichtung getroffen worden, welche angesichts der zahlreichen sozialdemo­kratischen Fachvereine unserer Stadt mit ihren kirchen­feindlichen und antistaaatlichen Bestrebungen freudig zu begrüßen ist und allenthalben Nachahmung ver­dient. In dem genannten Vereine sind für die ein­zelnen Handwerkerberufe Fachabtheilungen ge­bildet worden, so für Schreiner und verwandte Be­rufsgenossen, für Schneider, Schuhmacher und Bäcker. Man will auf diese Weise mehr wie bisher auf die Hebung des StandesbewußtseinS hinwirken, für die Vertretung der Fachinteressen, sowie die gewerbliche Fortbildung durch wöchentliche Zusammenkünfte, Vor­träge und llnterrichtskurse sorgen. Auch sollen den Mitgliedern Zeichnungen und Fachschriften unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. Außer den Mitgliedern des Gesellenvereins können auch Mitglieder der katho­lischen jugendlichen Arbeitervereine den Fachabtheilungen beitreten.

* In Straßburg ist heute der 31. deutsche Geologentag zusammengetreten. Derselbe wurde vom Unterstaatssekretär v. Schraut NamenS der reichs­ländischen Regierung begrüßt. Der Geologentag dauert bis zum 21. d. MtS.

* Der König von Sachsen hat heute in Dresden

„Halt!" rief sie mit einer verzweifelten Stimme, daß sie selber davor erschrack. „Halt!" und in der nächsten Minute stand sie keuchend und athemloS neben dem Pferde.

„Geben Sie mir die Posttasche," sagte sie, „es ist ein wichtiger Brief hineinzulegen vergessen worden."

Der Diener reichte ihr die Tasche. Sie öffnete sie, steckte ihren Brief hinein und nahm den nach Canada gerichteten heraus.

„Gott sei Dank," sagte sie sich. „Wäre er ab- gegangen? so hätte ich mir das Leben genommen?" Und noch an demselben Abend verbrannte sie den Brief im Kaminfeuer ihres Zimmers.

31. Kapitel.

Wie verächtlich kam Lady Rylestone sich felbst in dem Augenblicke vor, wo sie Miß Camerons Brief vernichtete. Sie hatte ihren ganzen Plan nur in der Idee, ihrem Gatten behilflich zu sein, ein Geheimniß zu ergründen, daS sie in gewisser Weise nachtheilig für ihn hielt; zu versuchen, ob sie mit ihrem weib­lichen Verstände nicht einen AuSweg für ihn aus den Verlegenheiten, in denen er sich befand, ermitteln konnte, fei es, was es wolle; was ihm selbst nicht eingefallen war, ausfindig zu machen, aber sie hatte nie daran gedacht, daß sie sich so tief in Lug und Trug ver­wickeln und solche Jntriguen darum würde spielen

öffnet.

Ausland.

and

man, so

die 3. internationale Ausstellung von Aquarellen, Pastellblldern, Handzeichnungen und Radirungen er-

* Der italienische Minister des Auswärtigen, Brin, theilt dem Sindaco von Genua mit, daß sich das Königspaar am 7. oder 8. September nach Genua zu begeben gedächte, sowie daß fast sämmtliche Mächte die Einladung Italiens angenommen hätten, anläßlich der ColumbuSfeier Kriegsschiffe nach Genua zu entsenden. — Die s p a n i s ch e Regierung hat beschlossen, Anfang September 3 Panzerschiffe, 1 Kreuzer und 1 Kanonenboot zur ColumbuSfeier nach Genua zu senden.

* Rom, 8. Aug. In der Zeit vom 12. bis 16. September hält in Genua der 10. italienische K ath o- likenkongreß seine Berathungen ab. An diesen Kongreß schließt sich dann unmittelbar der ebendaselbst stattfindende, vom 16. bis zum 19. des gleichen Monats währende Kongreß der katholischen Soziologen an. Beim zehnten Katholikenkongreß wird der Erz­bischof von Genua, Msgr. Thomas, Marchese Reggio, den Vorsitz führen. Unter wessm Leitung der Sozio­logenkongreß tagen foll, ist noch nicht bekannt gegeben. Eine gottesdienstliche Feier wird beide Kongresse ein­

einem Volk, Lu» ,v ——।—i—D —, — dem Excesse und Prügeleien an der Tagesordnung sind, Selbstverwaltung, Home Rule geben?! Nachdem die Ausschreitungen während der Wahlagitation sich in bedenklichem Maße gehäuft hatten, hofften Manche, die Anhänger ParnellS würden von der Bildfläche verschwinden und fortan als eine einige, geschlossene irische Fraktion auftreten. Diese Hoffnung ist eben so wenig in Erfüllung gegangen, wie die Erwartung, daß mit dem Abschluß der Wahlen auch die Excesse unter den Iren ein Ende haben würden. Wenn sowohl in England wie auf dem Kontinent die Sympathien für

leiten. „

* Richt nur gegen Bulgarien soll Rußb seiner Zeit mit den von der ,Svoboda' festgenagelten unerlaubten Mitteln konspirirt haben, sondern auch gegen Serbien. Wieder ist es die bulgarische »Svo­boda', welche vier 1884 gewechselte Geheimakten ver­öffentlichte, welche nachweisen, daß Rußland bett in Rustschuck in der Verbannung lebenben Metropoliten Michael, welcher damals an der Spitze der radikalen serbischen Partei stand, die gegen Milan zu Gunsten Karagiorgiewitsch sich verschworen hatte, materiell und moralisch untersetzt habe.

* Ein höchst unerfreuliches Schauspiel bieten bte Iren seit ihrer Trennung in Parnelliteu und Anti- parnelliten. Wie ost haben nicht schon heftige Zu­sammenstöße und Prügeleien zwischen beiden Frakttonen stattgefunden, den Freunden der berechtigten Bestre­bungen des irischen Volkes zum Aerger und Verdruß, den Gegnern zum Vergnügen. Wird doch gerade dieses skandalöse Benehmen der Iren von ihren Feinden als Hauptargument gegen die Einführung der Selbst­verwaltung in Irland ins Feld geführt! Wie kann agen Sie mit einigem Schein von Recht, !. das so wenig Selbstbeherrschung übt, bei

müssen. Vielleicht war sie überhaupt nicht vom edelsten Thon gebildet. Wie sie von sich selbst gesagt hatte, besaß sie eine große Neigung zur Unbesonnenheit und verlor die Mittel über dem Wunsch, daS Ziel zu er- reichen, aus den Augen. Sie verachtete sich jetzt selbst im Hinblick auf die Doppelzüngigkeit, deren sie sich in Bezug auf den Brief hatte fchuldig machen müssen, aber konnte sie ihr ausweichen? Während sie so da stand und das Papier verkohlen sah, dachte sie an Scott's Worte:

„Ein undurchdringlich Netz wir weben, Wenn wir zu täuschen uns bestreben."

Sie sehnte sich unaussprechlich nach der Zukunft, wenn das Alles überstanden sein und sie wieder in Ruhe leben würde. Aber wann würde diese Z«t kommen? Sie befand sich nun schon lange auf Walton, aber sie wat? der ersehnten Entdeckung noch nicht um einen einzigen Schritt näher gekommen, eS war ihr nur gelungen, ihren Verdacht zu bestätigen ihre Zweifel wären allmählich zu Gewißheiten geworden.

Was sollte sie weiter thun ? Wie sollte sie daS wohlbewahrte Geheimniß aussindig machen? Miß Cameron war gegen sie die Güte selbst, aber sie zeigte nie die geringste Neigung, sie in ihr Vertrauen zu ziehen; sie sprach ihr nie von Geheimnissen, ja sie ließ nicht einmal, nach junger Mädchen Art, durchblicken.