Einzelbild herunterladen
 
  

ihm als dem unfehlbaren Lehrer, wohl aber ihm als dem Verwalter der Kirche, auch seitens Derer, welche auch jetzt noch nicht von der Zweckmäßigkeit der Ver- waltungsmaßregel überzeugt sind. Es hatte also der Erzbischof von Bordeaux sachlich ganz recht, indem er im kirchlichen Amtsblatt alle Jene als „Aufrührer gegen die vom hl. Vater gegebene Weisung" bezeichnet, welche auch ferner in den getadelten Bestrebungen fortfahren würden, dadurch „Aergerniß erregenden Ungehorsam begehend und eine ernste Schuld auf sich ladend", -n.

Deutsches Keichs

Berlin, 9. August.

* Der,Staatsanzeiger' veröffentlicht die Entlassung Herrfurth's mit Pension unter Belassung des Titels und Ranges als Staatsminister und unter Verleihung des Großkreuzes des Rothen Adlerordens mit Eichen­laub und Krone; ferner die Ernennung Eulenburg' s zum Minister des Innern.

* Die ,Nordd. Allg. Ztg.' versichert auf das Be­stimmteste, daß der Ursprung des Berliner Briefes der Wiener ,Polit. Corresp.', in welcher das Berliner Weltausstellungs - Projekt behandelt wird, weder direkt noch indirekt auf den Reichskanzler, Grafen v. Caprivi, zurückzuführen ist. „Wenn dort", heißt es weiter, „insbesondere einer Unterredung erwähnt wird, welche der Reichskanzler am 13. Juni mit Dr. Werner von Siemens in der Ausstellungsangelegenheit gewährt hat, und davon die Rede ist, Graf Caprivi möge bei dieser Gelegenheit den Gedanken hingeworfen haben, die ganze technische und künstlerische Entwickelung des Jahrhunderts in einer Ausstellung vorzuführen, welchen Gedanken Herr Werner von Siemens dann in einem Berliner Blatte zu dem Plan einer Weltver­brüderung verarbeitet hätte — fo sind allerdings in jenem Gespräche derartige Ideen berührt worden, in­dessen nicht vom Herrn Reichskanzler, sondern von Herrn Dr. Werner von Siemens. Der Letztere hatte dann auch jenen Artikel, auf welchen die .Politische Corresp.' anspielt, einen Tag, bevor er vom Reichs­kanzler empfangen wurde, nämlich bereits am 12. Juui, in der .Nationalzeitung' veröffentlicht."

* Der diesjährige sozialdemokratische Parteitag findet bekanntlich in Berlin statt, und zwar in dm Tagen vom 16. Oktober ab. Sonntag, den 16. Okto­ber, Abends 7 Uhr, treten die Delegirten zur konsti- tuirenden Versammlung zusammen. Als Tagesordnung des Parteitages sind dem .Vorwärts' zufolge folgende Punkte ausersehen: Geschäfts-Bericht des Partei-Vor­standes; Bericht der Kontrolleure; Bericht über die parlamentarische Thätigkeit der Reichstags-Fraktion; die Mai-Feier 1893; der internationale Kongreß in Zürich; das Genossenschaftswesen; die wirthschafkliche Krise und ihre Folge, der allgemeine Nothstand; der Antisemitis­mus und die Sozialdemokratte; Berathung derjenigen Anträge der Parteigenossen, welche bei den vorauf­gehenden Punkten der Tagesordnung nicht bereits ihre Erledigung gefunden haben; Wahl der Parteileitung und Bestimmung des Ortes, wo sie ihren Sitz zu neh­men hat.

* Der Rücktritt des österreichisch-ungarischen Bot­schafters in Berlin, Grafen Szechenyi, von seinem hiesigen Posten steht in Kurzem bevor.

* Der Kaiser hat die Wahl des Geschichtsmalers Professor Karl Becker zum Präsidenten der Königl. Akademie der Künste in Berlin für die Zeit vom 1. Oktober 1892 bis 30. September 1893 bestätigt.

* Unsere Landeskirche — so schreibt das .Deutsche Adelsblatt' in einem Artikel: „Die Krankheit des Protestantismus" — hat offenbar in weiten Kreisen noch kein Verständniß für das Grundübel, an dem sie krankt, für den ganzen Ernst der Zeit, für die schwere Krisis des Protestantismus. Ihre Augen sind gehalten, daß sie das an die Wände unserer Zeit ge­schriebene mene tekel nicht erkennt. Daß es sich

schreiben. Sie hatte nie versucht, ihre Handschrift zu verstellen, natürlich müßte Lord Rylestone sie also so­fort erkennen, und dann mußte eine entsetzliche Ent­hüllung folgen. Sie rang in ihrer namenlosen Ver­zweiflung die Hände, worüber Miß Cameron wiederum herzlich lachte.

„Ich habe Kopfweh — und bin sehr müde," sagte Margarita, — „ich bin wirklich nicht in der rechten Stimmung zum Briefschreiben."

„Das macht nur, weil der Brief an einen jungen, unverheirarheten Mann ist," erläuterte Adelaide. „SBmit Sie an unseren guten, alten Rektor schreiben sollten, so würden Sie sich unbedingt nicht weigern. . Aber seien Sie verständig, Margarita. Lord Rylestone hätte mich unbedingt nicht so dringend um diese Aus­kunft gebeten, wenn er ihrer nicht dringend bedürfte. Ich bin außer Stande, zu schreiben. Wenn ich Mrs. Grame dazu heranrufen ließe, würde sie Stunden lang darüber sitzen. Nicht wahr, unter diesen Um­ständen werden sie nicht auf Ihrer recht unfreundlichen Weigerung beharren? Sie steht Ihnen gar nicht ähn­lich, Liebste."

Es blieb also kein Ausweg.

„Ich muß den Brief schreiben, um nicht Verdacht zu erregen," sagte sich Margarita, „aber er darf unter keinen Umständen abgehen."

geradezu um Sein oder Nichtsein der protestantischen Kirche handelt, glaubt sie nicht, den ttaurigen Zustand unserer Kirche sieht sie nicht. Und welche Kurzsichtig­keit! Anstatt mit vereinten Kräften sich die Freiheit von den Fesfeln des Staates zu erkämpfen und damit durch innere Erstarkung sowohl dem Unglauben, als auch Rom eine größere Macht entgegensetzen zu können, kämpft ein Theil unferer Geistlichen vor allem gegen die katholische Kirche. Der Kulturkampf des Staates ist beendet, will jetzt die Kirche ihn wieder aufnehmen? Der einzig wahre Feind jedes gläubigen Christen, welchem Bekenntnisse er auch an- gehören möge, ist und bleibt der Unglaube, den es gilt, mit vereinten Kräften zu bekämpfen. Die Kulturkämpfer des Evangelischen Bundes verschießen statt dessen zur großen Freude aller antichristlichen Parteien ihr ganzes Pulver gegen Rom und lenken dadurch den Blick ab von unserer Hauptaufgabe: Be­kämpfung der dem Christenthum überhaupt gerade in unseren Tagen von den verbündeten Mächten des Un­glaubens so schwer drohenden Gefahren, sowie Ver­tiefung und Verstärkung unserer eigenen Kirche. So lange der Evangelische Bund noch der Meinung ist, daß die „schwarze Internationale" mehr zu fürchten sei, als die „rothe", so lange noch Protestanten lieber einen Ketzer verbrennen, der nicht auf die Fahne des Kulturkampfes schwört, als sich zur gemeinschaftlichen Bekämpfung der Umsturzpartei mit den gläubigen Christen aller Konfessionen zur gemeinsamen Abwehr verbinden, so lange können wir in diesem schweren Kampfe zweier Weltanschauungen unmöglich siegen.

* Professor Haeckel in Jena der bekannte „Posaunenbläser", greift wieder einmal zu seinem In­strument. Diesmal aber bläst er statt der Kriegs- poiaune gegen Kirche und Christenthum die Theater­posaune, um seinen und Bismarcks Ruhm aller Welt zu verkünden. Wie ein Fürst erläßt er eine öffentliche Danksagung für die freundlichen Zuschriften und Gedichte, Telegramme und Photogramme, welche ihm aus Anlaß der von ihm arrangirten Bismarck­feier von allen Seiten zu Theil geworden seien. Zu­gleich ergreift er die Gelegenheit, um sich als politischer Parteiführer in empfehlende Erinnerung zu bringen. Kurz, Herr Haeckel fordert zur Gründung einer neuen „großer. Nationalpartei" auf, die weder „liberal" noch „konfervativ,, ist, sondern „feststehend im Sinne unseres größten Staatsmannes zu Kaiser und Reich" lediglich den „Ultramontanen, Polen und Welfen, den Ultra-Konservativen, Radikal-Freisinnigen und Sozialdemokraten enrgegentreten soll. Em großer Ge­danke, würdig des „großen Gelehrten" von Jena! Schade, daß Herr Haeckel mit seinem Vorschlag fast um zwei Jahrzehnte zu spät kommt. Denn was er jetzt w'll, sagt die ,Germania' hat der selige Landrath von Knobloch schon Mitte der 70er Jahre ersehnt und erstrebt, aber — vergebens. Und doch war der als Haupt der Partei in Aussicht genommene Mann damals noch allmächtiger Minister. Armer Knobloch redivivus!

* Magdeburg, 7. Aug. Unter dem Vorsitze des Regierungsraths Dr. Osius hat sich hier ein Komitee gebildet, das zum Besten des Gustav-Adolph-Vereins und des hiesigen Hausfrauen-Vereins Ende September Aufführungen des Devrient'schen Gustav-Adolph- Fest spiel es vorbereitet. Pastor Storch hielt in der letzten, vom Ausschuß anberaumten öffentlichen Versammlung über das Stück einen Vortrag. Es handele sich nicht um die Freude am Mummenschanz, die Lust am Stolzieren in schönen, bunten Gewändern, es sei ein deutsches und evangelisches Werk. Vorüber siud die Zeiten, in denen man sich zurief: Friede, Friede und war kein Friede. Das Stück schildere einen Königshelden, der ein reiches, tiefes, liebevolles Ge- müth trage, stolz auf seines schwedischen Volkes Kraft, Zucht und Treue, mitleidsvolle Liebe zu dem unglück­lichen Deutschland gehabt habe und bei aller notbge-

Während sie die Schreibutensilien zurechtsetzte, dachte sie fortwährend darüber nach, wie sie am sichersten das Abgehen des Briefes verhindern könnte.

„Nun werde ich Ihnen diktiren," sagte Miß Cameron. „Mein lieber Lord Rylestone!" Und wie im Traume schrieb Margarita mechanisch die Worte „mein lieber Lord Rylestone" nieder. Jeder Buchstabe feines theueren Namens fchicn sie lächelnd anzublicken. Plötzlich erfaßte sie brennender Zorn und tiefer Un­wille bei dem Gedanken, daß sie das Diktat eines fremden Weibes an ihren eigenen Gatten niederschreiben

„Leider muß ich ihnen mittheilen, daß ich mir die Hand verrenkt habe," fuhr Miß Cameron fort, „aber eine Freundin von mir ist so gütig, diese Zeilen in meinem Namen niederzuschreiben." Margarita ver­zeichnete pünktlich jedes Wort.

„Nun," bemerkte Miß Cameron, „sind alle Schick­lichkeitsrücksichten zur Genüge gewahrt." Darauf ging sie zu den Gefchäftsangelegenheiten in Bezug auf die Home-Farm und Lucks Pachtung über und ließ dann allerlei Mittheilungen über das Schloß, den Park, das Wild und derartige Dinge folgen, bis Margarita auf­blickte und freundlich sagte: „Mir thut die Hand schon weh, Miß Cameron."

„Der Brief ist allerdings etwas lang," sagte die

drungenen Schäl fe und Strenge leutselig, duldsam und und hochherzig gewesen sei. Auch der alte Ladenhüter von der Zerstörung Magdeburgs mußte wieder her­halten. Wo mag der Mann seine Gefchichtskenntnisse her haben! (Köl. Vztz.)

* Tanten, 7. Aug. Der ,Staatsb-Ztg.' ist von hier das nachstehende Schreiben zugegangen: „Herz­innigen Dank für die neue reiche Gabe von 750 M. Wir waren so tief in Schulden gerathen, daß wir nunmehr dieselben bald abbezahlen können. Wir haben sofort unsere Gläubiger nach und nach zu befriedigen gesucht. Vergelte Gott Ihnen die großen Wohlthaten, welche Sie uns erwiesen haben. Tiefgerührt zeichnen Hegemann und Frau."

* Mannheim, 8. Aug. Der hiesige sozialdemo­kratische Führer Heinsler, Kasstrer des hiesigen Medizinalverbandes, ist nach Unterschlagung von 15,000 M. flüchtig geworden.

Ausland.

* Linz a. D., 9. Aug. In der heutigen Festver­sammlung des Katholikentages erklärte Dr. Orte- rer aus München, die Ziele der Katholiken Deutsch­lands seien vollkommen identisch denen der Katholiken Oesterreichs. Es gelte den gemeinsamen Kampf gegen die Feinde der Kirche und des Staates. Die Soztal- politck und die Schule feien die wichtigsten Fragen, welche in beiden verbündeten Staaten zur Lösung ge­langen müssen.

* Paris, 8. Aug. Nach einem Bericht, den Dr. Proust Nachmittags in der Academie medecine ver­las, ist die hiesige Cholera-Epidemie im Abnehmen begriffen. In der letzten Woche sind in den Pariser Vororten 11, in Paris 7 Todesfälle vorgekommen.

* Wie die französische chauvinistische Presse keine Gelegenheit vorübergehen läßt, ihren „Freunden" an der Newa zu gefallen, so hat sie auch die letzten Hin­richtungen in Sofia dazu benutzt, indem sie gegen dieselben „protestirte." Hiermit aber nicht genug, hat noch am Sonnabend Abend int Cirque Fernando in Paris ein Protestmeeting gegen die Hinrichtungen in Sofia staitgefunden, dem etwa 2000 Personen bei­wohnten, und in welchem eine gegen das Vorgehen der bulgarischen Regierung gerichtete Tagesordnung ange­nommen wurde. — Bulgarien, welches unentwegt und energisch vorgeht und sogar seinen Todfeind, beit russischen Koloß nicht fürchtet, wird dieses Gebühren der französischen Chauvinisten wahrlich nicht aus der Fassung dringen; im Uebrigen läßt sich das Geschehene auch ja nicht mehr ungeschehen machen, also wozu die Aufregung. Eine andere Frage ist, ob Rußland, welches die ganze Geschichte doch wohl am liebsten der be­kannten compromittirenden Schriftstücke wegen, so bald rote möglich todtgeschwiegen sehen möchte, sich durch daS Vorgehen feiner französischen Freunde besonders erfreut zeigen wird. Wir bezweifeln's. — In bul­garischen Kreisen verlautet übrigens, daß die Regierung im Besitze unzweifelhafter Beweise für die Echtheit der in der ,Svoboda' veröffentlichten Dokumente fei, bereit Publikation allen Diskussionen über bett Ursprung bieser Schriftstücke ein Enbe setzen werbe.

* Rom, 8. Aug. Eine empörenbe Beschimpfung ber Katholiken Seitens bet kirchenfeindlichen jung­italienischen „Patrioten" hat sich am gestrigen Sonntage zugetragen. Nachmittags 5 Uhr versammelte sich eine katholische Gesellschaft im Theatersaale R-cotii, um einen Kranz vor bem Brustbild Columbus im Pincio nieberzulegen. Vier Fahnen würben im Zuge ge­tragen, bereu eine bie Inschrift trug: Das katholische Rom dem Columbus! Antiklerikale riefen: Nieder mit dem Vatikan! bie italienische Nationalfahne entwickelnb und begleiteten ben Zug bie Hymne Garibaldi singend. Auf dem Pincio wurde eine wahre Schlacht geliefert, die Banner mit obiger Inschrift zerrissen; die Katho­liken wurden verhindert, den Kranz niederzulegen. Ein späterer Zug mit Tausenden von Liberalen, welche

junge Erbin verbindlich, „aber ich weiß, wie Lord Rylestone an Walton hängt. Ec wird nie müde, davon zu hören. Fügen Sie nur noch meine freundlichen Grüße hinzu. So, ich danke Ihnen. Ich will den Brief nur noch durchlesen, um mich zu vergewissern, daß auch nichts Wichtiges ausgelassen ist."

Margarita dankte dem Himmel im Stillen, daß sie wirklich wörtlich niedergeschrieben hatte, was ihr diktirt worden war. Miß Cameron laS den Brief aufmerksam durch.

„So ist es gut," sagte sie. „Bitte, klingeln Sie einmal, liebes Herz. Nun, lassen Sie mich zusehen, wie Sie ihn siegeln, stempeln und adressiren, und dann bin ich zufriedengestellt."

Margarita schrieb die Adresse, wie ihr geheißen war und siegelte den Brief, dann trat ein Diener ein.

„Bitte, bringen Sie mir die Posttasche," sagte Miß Cameron, und nach einigen Minuten kehrte er mit der Posttasche in der Hand zurück.

Miß Cameron zog einen kleinen Schlüssel hervor, schloß die Tasche auf, steckte den Brief hinein, verschloß sie wieder und gab sie ihm zurück, ehe Margarita Zeit zum Nachdenken fand.

„Gregson muß sie sogleich fortbringen," sagte sie, „er hat noch Zeit, Lutdale vor Abgang der Post zu erreichen." (Forts, folgt.)