Beilage zu Nr. 179 der „Fuldaer Zeitung".
-s- Wue zeitgemäße Ertnuerung.
Die traurigen Vorgänge, welche sich nach den Mittheilungen der Tagesblätter am Pforzheimer Gymnasium im Namen der „freien Wissenschaft" vor einiger Zeit abgespielt haben und in einer Verhöhnung des Katholizismus und der katholischen Geistlichkeit gipfelten, zeigen, daß die Schule auch heute noch vielfach die ernsten Zeichen der Zeit nicht versteht und ihre erziehliche Aufgabe noch nicht erfaßt hat. Diese Schilderungen riefen in mir die Erinnerung wach an gewisse Vorkommnisse aus meiner Gymnasialzeit, welche in die Hochfluth des „Kulturkampfes" fiel. Die Erwähnung derselben scheint mir gegenwärtig sehr zeitgemäß gegenüber den krampfhaften Anstrengungen, des „Liberalismus", sich der Schule ganz zu bemächtigen, indem diese Vorkommnisse zugleich ein grelles Streiflicht auf die Beantwortung der Frage werfen möchten, ob der „liberale" Geist der Schule in den siebziger Jahren und das Anwachsen der Sozialdemokratie in der neueren Zeit wohl nicht nur in einem zeitlichen, sondern auch in einem ursächlichen Zusammenhänge stehen.
Unser französischer Lehrer auf Prima, auch beiden Schülern in seiner Eigenschaft als Vorredner der Loge bekannt, unterließ es bei keiner Gelegenheit, wenn eine solche Bemerkung im Anschlüsse an die Lektüre irgendwie sich machen ließ, den entsittlichenden Einfluß der Klöster, welche die Verarmung beförderten und die Faulheit pflegten, zu schildern. Von unserem Geschichtslehrer ging daS Gerede unter den Schülern, daß erden Ausspruch gethan, wenn der ReligionSlehrer „für die Religion arbeite", so halte er es für Pflicht, dagegen zu wirken. Wie beschaffen der Geschichtsunterricht eines Mannes fein mußte, dem die Schüler ein solches Diktum in den Mund legten, bedarf wohl keiner weiteren Ausführung; auf Einzelheiten einzugehen, hieße aber eine umfangreiche Abhandlung schreiben. Der lateinische Aufsatz müsse — so sagten sich die Schüler — einen patriotischen Schluß haben, wenn er eine gute Note erhalten sollte. Unter die Rubrik „patriotisch" fiel aber auch das „Kulturkämpfen". So erinnere ich mich noch des Aufsatzes eines Schülers, der in einem Panegyrikus auf Bismarck ausklang und des Fürsten Unbeugsamkeit gegenüber Roms Anmaßung: „Canossam non ibimus“ als besondere Tugend pries. (Allerdings hat letztere auch nicht vorgehalten!) Indessen konnte man dem Schüler das Haschen nach dem Beifalle des Lehrers in dieser Form nicht sonderlich verargen, hatte der betreffende Lehrer doch selbst ebenso geschmackvoll wie hochpoetisch in einem lateinischen Gedichte Bismarcks Ruhm verkündet mit den Worten:
„Marino Bismarckio Dicimus sahitem Qni Germanos uniit Fortiter qni rejecit Romae servitutem —
Ein Mitschüler auf Prima hatte sämmtliche Bücher der materialistischen Popularschriststeller wie Büchner, Moleschott u. s. w., sowie die Stranß'schen und Renan- scheu Schriften in seiner Bibliothek und dieser Schüler war der Liebling des genannten Bismarckpoeten und wurde von letzterem — pädagogisch auch sehr klug — in seiner Gegenwart immer philologua kat’ exochen genannt.
Der erwähnte Schüler hatte sich auch brieflich an Büchner gewandt und letzterem seine ans Grund genannter Schriften gebildete Weltanschauung entwickelt, worauf ihm Büchner ein Aufmunterungsschreiben zugehen ließ, auf dem betretenen Wege auszuharren und weiter zu schreiten. Auf welch' fruchtbaren Boden diese Mahnung fiel, zeigte sich im deutschen Unterrichte, denn besagter Schüler entwickelte bei den Uebungen im freien deutschen Vortrage so entsetzliche Anschauungen über die menschliche Freiheit, daß der Lehrer, welcher zugleich protestantischer Theologe war, ihn am Weiterreden hindern mußte. Man darf vermuthen, daß nicht außer Zusammenhang mit der famosen Büchner- scheu Ermahnung auch die weitere Entwickelung des jungen Mannes stand, der als Oberprimaner ein 93er» hältniß mit einer Schauspielerin vom städtischen Theater unterhielt, mit den Schauspielern Nachts in den Kneipen umherzog. seiner Angebeteten aus der Schauspielerloge Kränze zuwarf und endlich, als die Sache eine zu tolle Wendung nahm, nach dem schriftlichen Abi» turieutenexamen von der Anstalt entlassen wurde. Lebhaft klingt mir noch heute die Erzählung eines Mitschülers in ben Ohren, der mit dem vorerwähnten zusammen in einem Hause wohnte. Er erwachte eines Nachts und fand sein Zimmer hell erleuchtet. An seinem Tische saß besagter Schüler und las eben mit halblauter Stimme eine gerade vollendete Ansprache an feine Schauspielerin. Folgende grausige Stelle ist wohl daraus bemerkenswert^: „Dir möchte ich ganz mich ergeben — mit Leib und Seele. — Auch mit der Seele? Schade, jammerschade, daß du sie (die Seele) so früh verloren hast." (Anspielung auf feine materialistische Lebensanschauung!) — Das alles
Sonntag, den 7. August 1892.
hat sich zugetragen auf einem stiftungsmäßig katholischen Gymnasium am Sitze eines Provinzialschulkollegiums in der Aera Falk im Namen der „freien Wissenschaft."
Wer trägt wohl die Verantwortung für die Verwahrlosung des jungen Menschen? Jeder mag sich diese Frage selbst beantworten. Unwillkürlich drängt sich aber die andere Frage auf: sind die „liberalen" Schulmeister daran schuldlos? Was aus dem erwähnten Schüler später geworden, weiß ich nicht; er ist verschollen. Solche glaubenslose verkrachte Existenzen — mittellos war der geschilderte auch noch dazu — sind aber wie geschaffen zu Agitatoren der Sozialdemokratte. Hat da Bebel Unrecht, wenn er behauptet, auf dem Boden der „liberalen" Wissenschaft zu stehen? Mir scheint dieser Boden für Bebelianer fehr fruchtbar zu sein.__
Wtheulese aus dem Fremdenbuche auf der Milseburg.
Fulda, im August 1892.
Dem Touristen, gleichviel ob er allein die Berge besteigt oder sich in munterer Gesellschaft befindet, bieten die Fremdenbücher, die auf den besuchtesten Orten aufliegen, eine willkommene Gelegenheit, seiner Laune in mehr oder weniger guten Ausdrücken die Zügel schießen zu lassen und sich an den Leistungen seiner Vorgänger zu ergötzen. Auf dem beliebtesten Punkte der Rhön, der Milseburg, ist nun seit Kurzem das erste voluminöse Fremdenbuch als verbraucht bei Seite gelegt. Da sich in demselben aber manches Interessante und Unterhaltende findet, was der Vergessenheit entrissen zu werden verdient, so haben wir uns die Mühe genommen, Einiges davon aufzuzeichnen, und wollen es hiermit den geneigten Lesern mittheilen.
Beginnen wir pietätvoll mit einem Gedichte des rühmlichst bekannten Rhöntroubadours Herrn Pfarrers L. Höhl in Ebern (Bayern). Es ist wie die meisten Sachen dieses Autors in der Dreizehnlindenstrophe abgefaßt und lautet:
Rauhe Lüfte auf den Höhen In den Wäldern — Sturmesbrausen — Doch wer auf die Rhön will gehen Den befällt nicht Furcht und Grausen. Auch im Sturme, Wind und Regen Fühlst Du nah'n die Bergesgeister Die da loben allerwegen Ihren Schöpfer, ihren Meister.
Wenn auch Menschenwerk erzittert Bon der Stürme wildem Toben Ob das steinern' Kreuz zersplittert*) Das da krönt den Gipfel oben. Milseburg! Du wirst nicht wanken Unerschüttert bleibst Du stehen — Gottes Werke und Gedanken Werden ewig nicht vergehen.
Ein Welt- und menschenverachtender Wanderer, der seinen Namen leider der Nachwelt nicht mitgetheilt hat, schreibt:
Gott grüß' Dich schönes Rhöngebirg Ihr Berge blau und duftig Bei Euch möcht' ich zu Hause sein Die Stadt ist mir zu schuftig.
Hoffentlich meint der Weltschmerzbefangene nicht Fulda mit mit der so wenig schmeichelhaft benannten Stadt, sonst möchten wir uns dieses doch höflichst verbitten.
In gemüthlicherer Weise gibt eine kleine sächsische Gesellschaft ihrer Stimmung Ausdruck, indem sie schreibt:
Kleene Steene Große Steene Müde Beene Aussicht keene.
Ein in elegischem Tone beginnendes aber recht tröstlich endendes Gedicht hat ein Dr. K. aus Thüringen eingeschrieben. Dasselbe lautet:
Abseits vom Rhein führt mich die Straßes
Den heimathlichen Bergen zu
O Rheingauthal, ich muß dich lassen
Der Trennungsschmerz schnürt mir das Herz schier zu.
Der Taunus auch hat seine Reize
Und Ems liegt wie 'ne Schnecke im Salat
Doch straft die Lahn den Schwärmern felber Lügen
Wenn's gar fo herrlich wär so blieb sie selber stat.
Und nun die Rhön erst dacht ich — Hundekälte Was gäb ich drum, wär' ich erst raus.?
Doch — was ich lang entbehrt, hier ward's mir heimisch Wo's Bier so billig ist, bin ich zu Haus.
Möge diesem sonderbaren Naturschwärmer das billige Bier recht gemundet haben.
Ein Sekundaner des Fuldaer Realprogymnasiums besteigt auch den Pegasus, um in endlosen Versen den Milseburgtunnel zu besingen. Wir glauben genug zu thun, wenn wir den geschmackvollen Anfang des Gedichtes mittheilen, das Uebrige werden uns unsere Leser gerne erlassen:
Der Riese Mils Der arge Filz Der hat ein Loch im Magen usw.
Für gewisse Leser sind die Erläuterungen, daß unter dem Riesen Mils die Milseburg und unter dem Loch im Magen der Tunnel zu verstehen sei, vorsorglich beigefügt.
Besser gefällt uns das folgende Gedichtchen zweier Gymnasiasten, deren gereiste Lebenserfahrung bei fo jungen Jahren uns nicht wenig imponirt:
Arg tobte der Sturm in Berg und Haus,
Wir drangen muthig zum Gipfel, Weit blickten wir in das Land hinaus. Es bebten und schwankten die Wipfel, Und trotzt der Sturm auf steinigen Höhen Ist das Thal beglänzt von der Sonne Ein Bild unseres Lebens. Auf Sturmeswehen Folget bald Freude und Wonne.
Zwei vom Sturm der Rhön, nicht des Lebens zerzauste stöh- liche Menschenkinder.
*) Am 6. März traf der Blitz das Kreuz, so daß große Stücke abgeschlagen wurden.
Ein Verirrter klagt frei nach Heinrich Heine: Anfangs wollt' ich fast verzagen Und ich glaubt' ich sänd sie nie Und ich hab' sie doch gefunden Aber fragt mich nur nicht wie.
Eine noch schmerzlichere Nachricht wird uns von einem ge- wiffen Herrn Zimmermann zu Theil, nämlich:
Herr Zimmermann war übel dran Er konnte nicht den Berg hinan.
Im Weiteren erfahren wir dann, daß sich besagter Herr in Kleinsassen bei einem Schoppen getröstet hat. Wir stellen uns den staglichen Herrn als einen dicken gemüthlichen Mann vor und bedauern recht sehr sein Mißgeschick, doch die erwähnte Mittheilung von dem tröstenden Schoppen läßt uns annehmen, daß er Philosoph genug war, um es mit Gleichmuth zu ertragen.
Ein bayerischer Amtsrichter singt in Hexametern das Lob der Wirthsleute wie folgt:
„Freundlichen Gruß bot uns das Distichon über der Thüre, Rauhen Ton's in der Sprache, doch sanften, stohen Gemüthes Sind die Bewohner der einsamen friedlichen Hütte, Doch es birgt einen Hellen Sinn die bescheidene Hülle, Weitet die Bergeshöh' doch auch den geistigen Blick."
Einen Beleg für diese Behauptung finden wir am Schluffe unserer Aufzeichnung.
Jedenfalls kein Philosemit hat folgendes kurze Gedichtchen eingeschrieben:
„Die Judensteunde, Krämerseelen, Zeitungsschreiber, Weltverbess'rer, Ochsentreiber Und noch viel Gesindel hält Zu den Juden, nur für's Geld."
Die meisten übrigen Gedichte zeigen eine merkwürdige Ueber- einstimmung in Betreff des Endreims; nämlich sie reimen fast sämmtlich auf Rhön und schön. Auffallenderweise findet man eine Menge ausländischer Namen und Wohnorts-Bezeichnungen in dem Fremdenbuche. Paris, Newyork, Baltimore u. s. w. sind zahlreich vertreten. Da wir von diesem internationalen Verkehr in Fulda, welches doch die Pforte der Rhön bildet, gar nichts gewahr werden, so blieb uns die Sache so lange ein Räthsel, bis wir eines Tages einige uns wohlbekannte Fuldaer Jünglinge sich als weit hergekommene Ausländer eintragen sahen. Ein recht kindliches Vergnügen. Recht originell sind auch zuweilen die kritischen Bemerkungen, die von Späterkommenden den einzelnen Eintragungen hinzugefügt wurden. So lesen wir bei den Namen eines Damen-Pensionats die von ftemder Hand hinzugefügte artige Bezeichnung: „Feenzwinger." Ungezogene Bemerkungen, die sich auch genug vorfinden, richten sich von selbst und kann man aus diesen leicht auf den boshaften Charakter der Urheber schließen, welche selbst auf lustiger Bergeshöhe inmitten der herrlichen Äottesnatur ihre Gehässigkeiten nicht laffen können. Mit den Produkten solcher Leute wollen wir uns in unserer harmlosen Plauderei nicht befassen. — Daß es auch Leute gibt, die ihre Namen von Anderen in das Fremdenbuch schreiben laffen, ohne selbst auf dem Gipfel des Berges gewesen zu sein, könnte man eigentlich für einen Scherz halten, wenn wir nicht durch eine zwei Seiten umfassende Eintragung des Mittelrheinischen Rennvereins eines Besseren belehrt würden. Wir ersehen daraus, daß den Mitgliedern dieses Vereins der Berg zu hoch gewesen ist und dieselben bei der „letzten Steigung" vorgezogen haben, sich den Berg von unten zu betrachten. Nur der Vorsitzende hat in richtiger Auffassung seiner Pflichten den Gipfel bestiegen und die Namen seiner Genossen nebst der Chargen, die sie im Verein inne haben, eingetragen. Selbst die nüchterne Registrirung dieser Namen hat einen kritisch veranlagten Touristen veranlaßt, seine schlechten Witze zu machen. Er hat nämlich beim zweiten oder dritten Vorsitzenden in Klammern hinzugeschrieben „Rücksitzender", in der berechtigten Annahme, daß so viele Vorsitzende auf dem Vordersitze nicht Platz genug haben. Aus dem Rennverein war von derselben Handschrift ein Renn- und Sterz-Verein gemacht worden.
Es würde uns zu weit führen und unsere Leser ermüden, wenn wir alle die munteren Bemerkungen wiederholen würden, die sich im Buche vorfinden und von der frohen Gemüthsstim- mung der Touristen, die „ledig aller Pflicht" die Berge durchstreifen, Zeugniß ablegen. Nicht unerwähnt dürfen wir eine Bleistift-Skizze lassen, die von einem Würzburger Studenten herrührt und eine Gesellschaft vorstellt, welche mitten im Winter die Milseburg bestiegen. Die Theilnehmer der Partie, fast sämmtlich Fuldaer, sind so gut getroffen, daß man die Meisten auf den ersten Blick erkennt.
Zum Schluß sei uns noch vergönnt die Worte, die der Wirth des Schutzhauses allen Touristen zu Nutz und Frommen in das Fremdenbuch geschrieben hat, wiederzugeben. Dieselben lauten: Das Fremdenbuch anständig unterzeichnen — nicht andere Namen beschmutzen — elendes Gedicht den anderen beibringen verbietet der Wirth. SB ... .
Ein Kommentar ist überflüssig. —u.
Vermischtes.
• Der Gesarnrnt-Verkehr auf den vorn Reiche fuböentionirten Dampfer-Linien nach Ostafie» und Australien auf der Ausreise und Heimreise 1891 belief sich auf 71,242 T. (zu 1OOO kg) im Werthe von 89,706,000 Mk. gegen 70,503 T. im Werthe von 87.268,000 Mk. im Jahre 1890. Hiervon entfielen auf die Ausreise 30,023 T. im Werthe von 39,473,000 Mk. (gegen 34,092 T. im Werthe von 39,057,000 Mk. im Jahre 1890), auf die Heimreise 41,219 T. im Werthe von 50,233,000 Mk. (gegen 36,411 T. im Werthe von 48,211,000 Mk. im Jahre 1890). Deutscher Herkunft ttfaren von den auf der Ausreise beförderten Gütern 20,546 T. im Werthe von 22,323,000 Mk., d. h. 68,4 °/0 des Gesammt-Gewichts und 56,6 % des Gesammtwerthes der ausgehenden Waaren. Bon den auf der Heimreise beförderten Gütern waren 19,665 T. im Werthe von 18,314,000 Mk., d. h. 47,7 % des Gesammt-Gewichtes und 36,15 °/0 des Gesammtwerthes für Deutschland bestimmt. Die Perfonen-Be- sörderung betrug auf der ostasiatischen Linie 6405, auf der australischen Linie 5877 Personen.