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V 179 Sonntag, den 7. August 1892. 19. IahrglMß

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3C Hierzu eine Beilage. TB®

-G. Zum Kapitel der Lohnzahlung.

Der .Vorwärts' macht auf ein großes Wort des Kaisers aufmerksam, natürlich in einer keineswegs freundlichen Tendenz. Aber deshalb bleibt's doch wahr und dem .Vorwärts' steht es frei, sich darauf zu be­rufen. Bei Beginn der Sozialgesetzgebung erklärte der Kaiser: die „Staatswerkstätten sollenMuster- werkstätten der Fürsorge für die Arbeiter sein." Wenn nun die Thatsache«, welche der Vor­wärts' daran knüpft, sich in Wirklichkeit so ver­halten, wie er sagt, dann würden die Staatswerk­stätten von diesem Wunsche des Kaisers noch sehr weit entfernt sein.

Auf einige kleinere Vorwürfe gehen wir nicht ein. Dagegen können wir eine Mittheilung, welche der ,Vorwärts' der,Franks. Ztg.' entnommen hat, un­möglich unbesprochen lassen. In den Eisenbahn- Direktionsbezirken Berlin, Frankfurt a. M. und Erfurt ist demnach der Gebrauch durchgeführt, daß die Eisenbahnarbeiter monatlich einmal ihren Lohn erhalten. Es heißt jetzt aus dem Direktionsbezirke Elberfeld, daß dies auch dort eingeführt würde, und in Arbeiterkreifen hege man die Be­fürchtung, daß diese Art und Weise der Auszahlung in allen Eisenbahnwerkstätten des Staates üblich werde. Die Frage, ob der Arbeiter alle vierzehn Tage oder einmal im Monat ausgelohnt wird, ist um Vieles wichtiger, als die Herren, die am grünen Tische da« dekretirt haben, zu glauben scheinen. Man scheint dort keinen rechten Be­griff zu haben von der Führung eines Arbeiterhaus­haltes; denn wenn man den rechten Begriff davon hätte, würde man viel eher die Frage aufwerfen, ob nicht statt vierzehntägiger Auszahlung jeden Samstag die Lohnabfertigung ftatthaben solle.

In Arbeiterkreisen soll man die Verlängerung der Lohnauszahlungsperioden Sparsamkeitsrücksichten zu­schreiben. Wir glauben nicht, daß diese Konjunktur stichhaltig ist. Was wird gespart? Der.Vorwärts' hebt drastisch hervor: einige Bogen Papier, ein paar Stahlfedern und eine Quantität Tinte. Um diese Er- sparniß zu erzielen, wird eS wohl schwerlich einer staatlichen Eisenbahndirektion einfallen, die Feder in'S Tintenfaß zu tauchen. DaS würde übrigenS nicht ein­mal eine Erfparniß fein; denn auf Antrag soll der Arbeiter im halben Monate eine ä conto Zahlung be­kommen können. Im Anfänge werden die Anträge so massenhaft gestellt werden, daß die Scheererei für den erledigenden Beamten größer ist, als toenit er einfach ausgezahlt hätte. Aber auch der Arbeiter wird mit dem Anträge seine Scheerereien haben, außerdem ist das Gefühl, sich seinen halben Verbimst als Vorschuß zu erbitten, keineswegs angenehm und wirkt verbitternd. Dazu kommt dann noch weiter, daß die Arbeiter, welche beständig Vorschuß haben wollen, durchaus nicht gerne

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(55. Fortsetzung.)

„Kommen oft Fremde her, umdasSchloß zu sehen?" fragte Miß Cameron, als sie sah, daß Margarita nichts weiter erwiderte.

„In Abwesenheit der Herrschaft kommen sehr viele, aber Keiner fiel mir so besonders auf, wie diese Dame. Ich zeigte ihr die Bildergallerie, und dort verfiel sie ab und zu in einen Zustand, den ich mit offenen Augen träumen nenne. Sie stand Minuten lang schweigend und mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt da, und wenn ich sie dann anredete, schreckte sie auf, als ob ich sie aus einem tiefen Schlafe erweckt hätte. Sie haben ganz dieselbe Art, Miß Ayenel," schloß sie mit einer ehrerbietigen Verneigung.

Margarita bemühte sich, gleichgilttg zu erscheinen, sagte sich aber im Herzensgründe, daß sie sehr thöricht gewesen sei, sich hierher zu begeben, da sie sich dadurch nur dem Argwohn und der schließlichen Entdeckung aus­gesetzt habe.

„Ich muß mich ernstlich bemühen, mir das abzu­gewöhnen, Mrs. Grame," sagte sie, denn es ist eine üble Angewohnheit."

„Nein, Miß, es war durchaus nicht meine Absicht, Ihnen das anzudeuten. Ich wollte nur sagen, daß Sie

gesehen werden. Man hält sie nicht für solid und wenn sich Gelegenheit bietet, wird man sie durch andere ersetzen. Wenn man das aber auch nicht thut, so drückt das Bewußtsein, man würde eS thun, auf den Arbeiter. Er geht beständig in der Sorge umher, wenn Entlassungen vorgenommen würden, dann gehöre er, der sich immer Vorschuß nimmt, zu denen, die zu­erst entlassen werden.

Es ist durchaus nicht empfehlenswerth, den Ar­beiter auf Vorschüsse gleichsam als ein ihm zustehendes Recht anzuweifen. Das ist doch weiter nichts, als ihn förmlich angewöhnen zum Borgen. Wenn es ge­stattet wäre, in das Innere eines Arbeiterhaushaltes einzugreifen, so sollte man im Gegentheile darauf be­dacht sein, ihn an's Baarzahlen zu gewöhnen; da­mit fährt er wirthschaftlich und sittlich in jedem Falle besser.

Dazu ist aber nothwendig, daß der Staat nicht beim Arbeiter dessen Arbeit borgt, damit dieser immer Geld hat, um zu bezahlen. Es ist nothwendig, daß der Staat nicht in die Form eines Borges kleidet, was eigentlich nur eine Abschlagszahlung auf den Be­trag ist, welchen er dem Arbeiter schuldet. Von Vor­schüssen könnte der Staat sprechen, wenn er den Lohn nicht am Ende, sondern am Anfänge des Monats vorausbezahlte; aber das ist kein Vorschuß, wenn mir einer zwanzig Mark schuldig ist und er gibt mir zehn. Man darf nicht verwechseln die Thatsache der Schuld mit dem Fälligkeitstermine. Schuldig wird der Staat, sobald er die Leistung des Arbeiters übernommen, fällig wird die Schuld am Lohntage.

Aus dem Obengesagten geht hervor, daß wohl im Anfänge die Anträge auf sogenannte Vorschüsse die Arbeit und die Bureaukosten eher vermehren als ver­mindern. Allmählich wird daS allerdings aufhören; ein geringer Prozentsatz, der in der Lage ist, noch durch Einschränkungen etwas zu erzielen, wird sich auf's Aeußerste einschränken, um das halbe Monats­gehalt zu erübrigen; daS Gros der Arbeiter wird die zweite Hälfte des Monats auf Borg leben. Man borgt lieber beim Metzger, beim Bäcker, beim Krämer, als daß man stets in der Hälfte des Monats mit der Mütze in der Hand kommt und um Vorschuß bettelt.

Was sind die Folgen dieses Borgens?

Erstens: eine unsolide Wirthschaft. Der Arbeiter, welcher borgt, gibt, so weit der Kredit reicht, mehr aus als der Arbeiter, welcher baar zahlt. Er dreht nicht so ängstlich den Pfennig auf der Hand herum. Es geht in einem Borg hin. Er berechnet nicht so sehr, was er sich seinen Mitteln gemäß gestatten kann. Das führt schließlich zur Verlumpung der Haushal­tung.

Zweitens: er lebt theurer, das heißt, er muß schlechtere Waare für sein Geld hinnehmen, er ist in seiner Auswahl beschränkt, er ist abhängig von dem, der ihm Kredit gibt.

Geheime Kommerzienräthe sind vielleicht nicht in der Lage, zu ermessen, welche Folgen das für die tausende Arbeiterhaushalte hat, die alle mit sehr kleinen Summen

dieselbe Art und Weise haben, die mich damals bei meinem Gaste so in Erstaunen setzte."

„Vielleicht war sie eine Künstlerin," sagte Miß Cameron.

„Das ist möglich. Ich zeigte ihr das Bild seiner Lordschaft und glaubte, daß sie sich nimmermehr satt sehen würde."

„Das Gesicht ist so schön," bemerkte Miß Cameron, „daß man ihr das nicht verdenken kann."

Mrs. Grame? Züge verfinsterten sich.

„Sie haben Recht," sagte sie, „es gibt nur ein solches Antlitz auf der ganzen Welt."

Darauf bemerkte Miß Cameron, in der sich sogleich die Bitterkeit eines stolzes Weibes, das ein geheimes Wohlgefallen verrathen zu haben glaubt, regte, kalt: „Ich finde nichts besonders Auffallendes darin, daß jene Fremde Lord Rylestones Bild so bewundernd be­trachtete; thut doch das jeder, der eS sieht. Ein solches Gesicht rst stets des Beifalls gewiß."

Sie versuchte kalt und gleichgilttg zu erscheinen, aber die dunklen eifersüchtigen Augen, die ihre Züge durchforschten, lasen darin manches, was die junge Erbin lieber verborgen hätte.

„Hoffentlich," dachte Margarita, „hat sie nicht ver­sucht, außer meines Galten Geld auch seine Zuneigung zu gewinnen!" Dann hörte sie wieder zu, denn Mrs. Grame fuhr fort: „Ich glaubte damals bestimmt, daß

rechnen müssen und von der Hand zum Munde leben Geordnete Haushalte werden dadurch in ungeordnete verwandelt und wenn das einmal bei dem Arbeiter eingetreten ist, dann befindet er sich auf einer ab­schüssigen Bahn, auf welcher er ohne einen glücklichen Zufall, ohne eine Hülfe von Außen, auf die er sich nicht verlassen kann, keinen Halt mehr findet. Das sind dann lauter Adepten der Sozialdemokratie.

Wir haben bei allem Obigen solide und ernste Ar­beiter im Auge gehabt, Männer, die im Kampfe de- Lebens gestählt sind. Man muß aber von dem Meu- schen nicht mehr verlangen, als er durchschnittlich leisten kann. Man muß in Betracht ziehen, daß nicht Jeder die moralische Kraft besitzt, das Geld zu halten. Diese» sollte die Gesellschaft entgegenkommen, dadurch, daß sie ihnen den Lohn nicht in wenigen großen, sondern in vielen kleinen Portionen bezahlt. Allerdings müßte der Mann sich vorstehen können. Wir sind aber nicht lauter Mustermänner, sondern die große Mehrzahl, selbst der Gebildeten muß sich, wenn sie ehrlich sein will, gestehen, daß sie auch schon der Versuchung er­legen ist, dann und wann über ihre Mittel hinauS- zugehen. Das Gleiche passirt fauch einer großen Zahl Arbeiter. Man braucht nur zu beobachten, was der Arbeiter am Sonntag nach dem Zahltage zu seiner Erholung auszugeben pflegt. Wir sind weit entfernt, ihm diese Erholung zu mißgönnen; wir bedauern nur, daß ihm meistens das Raffinement abgeht, das darauf verwendete Geld bis zur Hefe auszunutzen. Der Ar­beiter z. B., der sich betrinkt, erholt sich nicht, son­dern gibt über seine Mittel hinaus Geld aus mit der Wirkung, daß dadurch sein Körper weiter hetabgekommeu ist, als dies durch die Arbeit geschah.

Doch das nur nebenbei: wir halten uns an die Thatsache. Es geht am Sonntag nach dem Zahltage nicht selten der dritte Theil des verdienten Lohnes drauf und nun erwägen wir, was bei dem so gearteten Arbeiter die Folge sein wird, wenn er eine Lohnsumme in die Tasche streichen kann, die mehr als das Doppelte der seitherigen Summe beträgt. Der kleine Beamte, der das nicht anders gewöhnt ist, theils seinen Gehalt in dreißig Theile und hält sich genau innerhalb deS sehr bescheidenen Budgets. Ganz in derselben Weise machen eS seine Kollegen und an ihn tritt die Ver­führung lange nicht so heran, wie an den Arbeiter, der um Vieles freier ist. Da wird in den ersten Tagen des Monats darauf losgelebt, dann wird seine Tasche leer und dann geht die Borgerei an.

Es ist ein Unglück für den Arbeiter und sein Familienleben, wenn man die Lohnzahlung statt wie seither alle 14 Tage nunmehr mit Schluß eines jeden Monates vornehmen will. Es entspricht durchaus nicht dem Worte des Kaisers, der an Fürsorge für den Ar­beiter die Staatswerkstätten als Muster gehalten habm will. Das ist eine Maßregel, welche den Arbeiter­haushalt, der nur mit kleinen Summen rechnen kann und in welchem darum jede Störung von weittragen­den Folgen begleitet ist, finanziell und auf die Dauer auch moralisch zerrüttet. Dem Halt zu gebieten und

es mit der Dame seine eigene Bewandtniß hätte, und ich bin auch davon überzeugt. Sie blieb während ihres langen Aufenthaltes hier tief verschleiert, so daß ich mcht einen Blick in ihr Gesicht thun konnte und sprach fortwährend mit gedämpfter Stimme."

„Aber, Mrs. Grame, sie umgeben ihren Gast ja mit einem ganz romantischen Glorienschein!" lachte Adelaide.

„Ich fürchte, Miß, daß er sie bereits umgab, als sie hierher kam," war die orakelgleiche Antwort. „Es verdroß mich nachher, daß ich ihr auf ihre höchst selt­samen Fragen so rückhaltlos geantwortet hatte."

Margarita wurde ganz muthloS. Am liebsten hätte sie der alten Frau den Finger auf die Lippen gelegt und ihr Schweigen geboten, aber sie wagte nicht, die leiseste Reguntz zu äußern. Sie trat an das Fenster des Zimmers, als ob sie die Sache gar nicht intet- esstrte und betrachtete die Blumen, während Miß Cameron der Geschichte der Haushälterin nach und nach einiges Interesse abgewann.

„Welche seltsame Fragen legte sie Ihnen denn vor? Das Geheimniß verdichtet sich," sagte sie lachend.

„Sie fragte allerlei in Bezug auf Sie, Miß; ich kann mich aber nicht mehr erinnern, was es war! ihre Hauptftage indeß war, ob ich nicht wüßte, ob das Testament des seligen Lords irgend etwas Außer­gewöhnliches enthalten habe. Damals fiel mir das nicht