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_JV 176 Donnerstag, den 4. August 1892. 19. Jahrgang

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Deutsches Keich.

Berlin, 2. August.

* Der preußische Minister des Innern, Herrfurth, hat, wie verlautet, sein Entlassungs-Gesuch ein­gereicht, und zwar in Folge von Differenzen über die Fortführung der Reform der direkten Steuern. Die Grundzüge der Miquel'schen Steuerreform-Entwürfe sind vom Staatsministerium in dessen letzter Sitzung gegen den Widerspruch Herrfurth's angenommen wor­den. Es wird allgemein angenommen, daß Minister- Präsident Graf Eulenburg, der bereits früher Minister des Innern war — vor Herrn v. Puttkamer — das Portefeuille des Innern übernehmen wird.

* Die gegen Rektor Ahlwardt schwebende Unter­suchung wegen Beleidigung des Magistrats von Berlin in der Broschüre „Wie es der Jude treibt", ist Sei­tens des Staatsanwalts eingestellt worden.

* Bon unterrichteter Seite gehen der .Freis. Zig.' Mittheilungen zu, aus denen hervorgeht, daß Prof. Häckel den Fürsten Bismarck mit ausdrücklicher Be­willigung des Großherzogs von Weimar, von der allerdings dessen Staatsministerium nichts gewußt zu haben scheine, nach Jena eingeladen hat. Häckel habe nämlich erst bei deck Großherzog, der damals in Wil­helmsthal bei Eisenach sich aufhielt, angefragt, ob seiner Reise nach Kissingen zum Zwecke der Einladung Bismarcks nach Jena Bedenken entgegenständen und erst, als dies verneint wurde, habe Pros. Häckel sich nach Kissingen begeben und seine Einladung überbracht. Ueber den Erfolg seiner Reise habe Prof. Häckel an den Großherzog ausführlichen telegraphischen Bericht erstattet und dafür wieder von elfterem ein sehr aner­kennendes Dankestelegramm erhalten. Diese Depeschen seien in Universitätskreisen verlesen worden, man habe jedoch aus guten Gründen davon abgesehen, dieselben zu veröffentlichen, zumal inzwischen das Staats­ministerium in Weimar wohl von der Sache Wind bekommen und von einer Betheiligung der Behörden beim Empfange abgewinkt habe. Hiermit sei wohl auch die von dem Vorsitzenden des Gemeinderathes offiziell abgegebene Erklärung, daß eine politische Demonstration nicht beabsichtigt sei, in Verbindung zu bringen.

* Zu.n Rektor der Berliner Universität für das nächste Studienjahr ist vom Profefforenkollegium Rudolf Virchow, der bisher noch nie Rektor war, mit großer Mehrheit gewählt worden.

* Wie die .Post' aus sonst gut unterrichteter Quelle erfährt, ist man in Regierungskreisen mit der Aus­arbeitung eines Gesetzentwurfes beschäftigt, welcher die Pflichten des Kaufmanns für die Aufbewahrung fremder Werthpapiere betrifft. Ter genannte Gesetz- entwurf dürfte dem Bundesrath bei dem im Herbste stattfindevden Wiederzusammentritt desselben zur Be­schlußfassung vorgelegt werden.

* Der Bund der deutschen Friseur- und Per' rückenmacher-Jnnunge« hält vom 8. bis 10. d. M. seinen diesjährigen Verbandstag in Berlin ab, wobei ein nationales Schaufrisiren veranstaltet wird.

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(52. Fortsetzung.)

„Ich werde in diesem Falle entschieden schwerer zu befriedigen sein, als Du selbst, liebe Adelaide", sagte sie, „und möchte mir am liebsten selbst em Ur!heil über meine Nachfolgerin bilden."

„Es läßt sich wirklich schwer sagen, wie sie ist", versetzte Miß Cameron. „Worte genügen nicht, um sie zu beschreiben. Sie ist eine jener schönen südlichen Frauenerscheinungen, die Titian und Georgine mit Vorliebe malten. Ihr Amlitz erinnert an das sonnige Italien — es veremen sich Feuer, Leidenschaft, Hin­gebung und Geistesschärfe darin. Ihre Stimme ist voll und sanft und erinnert mich — ja womit soll ich sie vergleichen? — am meisten mit der Nachti­gall?"

„Die Schilderung ist äußerst poetisch, mein Herz, aber ich ziehe die einfache Prosa vor. Sonne, Leiden­schaft und Nachtigall sind herrlich, wo sie hingehören, aber Du, bie Du so erhaben in Deiner Auffassungs- Weise, so verschwenderisch freigebig bist, bereit Hand unb Herz stets offen sinb — gerade Du bedarfst einer Gesellschafterin, bei der ruhige Vernunft und Ueberlegung vorwiegend sind."

* Die Fortführung der Steuerreform hofft die ,Nat.-Lib. Korr.' in der bevorstehenden Herbstsession des Landtags zu Ende geführt zu fehen. „Ander Regierung, fügt sie hinzu, wird es jedenfalls nicht liegen, wenn dieses Ziel nicht erreicht werden sollte. Sie wird sicher rechtzeitig mit ihren Vorlagen hervor­treten und dann alles daran setzen, um mit dem Land­tag zu einer Verständigung zu gelangen, wozu in der parlamentarischen Situation die Grundlagen wohl vor­handen sind. Eine Hinausziehung der Angelegenheit bis in die nächste Legislaturperiode könnte bedauerliche Folgen haben. Die Steuerreform würde naturgemäß hauptsächlich zum Mittelpunkt der Wahlbewegung ge­macht werden, und es kann nicht nützlich sein, wenn eine die ruhigste sachliche Ueberlegung erfordernde An­gelegenheit in agitatorischer Weise zur Aufstachelung gegensätzlicher Interessen ausgenutzt wird. Es ist auch nicht ersprießlich, wenn zwei vielleicht recht verschieden­artig zusammengesetzte Abgeordnetenhäuser über eine in großem einheitlichen Plan entworfene Reform ent­scheiden; die Gefahr liegt sonst nahe, daß daraus nur ein halbes Werk entsteht. Man darf hoffen, daß diese Gesichtspunkte auch im Abgeordnetenhause als berech­tigt anerkannt werden und daß auch hier, wie bei der Regierung, die Neigung besteht, die Sache jetzt mit einem einzigen nochmaligen Anlauf zu Ende zu sichren. Der Wunsch, daß die Steuerreform zum Abschluß ge­bracht werde, wird zweifelsohne auf allen Seiten ge­hegt; ob derselbe aber in Erfüllung gehen wird, hängt in erster Linie von dem Inhalt der weiteren Steuer­reform-Vorlagen ab. Was darüber bis jetzt bekannt geworden, ist ein so lückenhaftes und unzuverlässiges Material, daß ein Urtheil darüber noch nicht möglich ist, ob die Fo tführnng der Steuerreform gelingen oder auf große Schwierigkeiten stoßen und möglicher­weise scheitern wird.

* Breslau, 2. Aug. Dir »Breslauer Zeitung' dementirt die Meldung von Choleratodesfällen in Sosno- toice.

* Este», 1. Aug. (Bochumer Stempelfälschungs­prozeß; Fortsetzung.) Die Sitzung wird um fünf Uhr eröffnet. Zeuge Kettner, der telegraphisch geladen würbe, ist nicht erschienen. Er wird am Mittwoch ver­nommen. Die Zeugen Vorarbeiter Hahn und Meister Henne bestreiten Unterschiebungen in der Achsen­dreherei ganz entschieden, und geben nur zu, daß Müller von Revisorenstempeln Bleiabdrücke genommen habe, nicht um falsche, sondern um ähnliche Stempel anzufertigen, die für die Unterscheidung der vielen Proben gedient hätten. Zwischen Hahn, Henne, Stratenverth, der ebenso entschieden seine Aussagen aufrecht hält, entwickelt sich eine lange Erörterung, an der mehrere Sachverständige und bie Vertheibiger sich lebhaft be­theiligen. Ein weiteres Ergebniß förbert sie nicht zu Tage. Der Vorsitzende befragt bie Sachverständigen nach der Möglichkeit von Abfeilungen und wiederholtes Vorlegen von abgefeilten Schienen. Es wird zugegeben, die Möglichkeit einer Steinpelfälschung ebenfalls zuge­geben ; die Möglichkeit von Betrügereien bei den Probe­stäben auf der Achsendreherei aber einstimmig bestritten.

„Das hat sie Beides", fügte Adelaide eilig hinzu.

„Sie war zwei Jahre lang Erzieherin bei Lady Dayenant."

„Das ist allerdings etwas Anderes", räumte Madame ein. „Wenn sie außer den von Dir gepriesenen Eigen­schaften noch andere Tugenden hat, so will ich mich eher zufrieden geben. Lady Dayenant ist eine höchst einsichtsvolle Dame, wer ihr zusagt, hat in diesem Falle auch meinen Beifall. Aber, meine liebe Adelaide", fuhr Madame nach kurzem Nachdenken fort, „etwas begreife ich immer noch nicht recht."

„Ich begreife Vieles nicht recht," versetzte Miß Cameron lächelnd, „und werde es nie begreif eit."

„Ich spreche aber im vollem Ernste, mein Kind. Warum hast Du Dir gerade ein so hervorragend schönes Mädchen gewählt? Es läßt sich gar nicht Voraussagen, ob sie nichl bei irgend einer Gelegenheit Deine gefähr­liche Nebenbuhlerin werden kann. Schönheit ist für eine Erzieherin ober Gesellschafterin etwas durchaus Ungehöriges, darum war ich immer stets recht froh, daß sie mir nicht zu Theil geworden war."

„Sie besitzen etwas Höheres als Schönheit, Ma­dame, in Ihrem Verstände, in Ihrer Herzensgüte und Milde."

Sie kamen schließlich dahin überein, daß Madame's Wunsch erfüllt werde und sie Miß Ayenel kennen lernen

Es seien keine Motive für Betrügereim erkennbar, sie böten keine Vortheile für die Arbeiter und keine für das Werk; letzterem würden höchstens einige Verdrieß­lichkeiten erspart, der wirkliche Grund bestände in Träg­heit und leidiger Gewohnheit. Damit schließt enbgiltig die Beweisaufnahme. Morgen tritt eine Pause zur Sichtung des Materials ein. Mittwoch früh um 9 Uhr erfolgt noch die Vernehmung Kettners, woran sich die Plaidoyers anschließen. Für letztere verbleiben von Sachverständigen die Herren Hellwig, Frenden­berg und Bloch, die übrigen werden entlassen. Schluß: 7 Uhr.

* München, 2. Aug. Ein Ministerialerlaß macht die nach den Gutachten des Obermedizinalausschuffes revidirten allgemeinen Grundsätze über Schutzmaßregeln bei etwaigem Auftreten der Cholera bekannt.

* Aus der Pfalz wird der,Germania' geschrieben: In der „aufgeklärten" Pfalz hat sich der hochliberale Stadtrath der „toleranten" Stadt Landau ein prächtiges Denkmal gefetzt. Die englischen Fräu­lein zu Nymphenburg sind gesonnen, das bislang von einer Fräulein Hecht trefflich geleitete Mädchen- Institut zu übernehmen. Die Generaloberin der englischen Fräulein hatte sich zu diesem Zweck um die Ertheilung der Konzession an die Kgl. KreiS- regierung der Pfalz gewandt, wie eine Verordnung vom 18. April 1873 dies vorschreibt. Nach § 6 dieser famosen Verordnung hat „der Beschlußfassung über die Genehmigungs-Ertheilung ... die Einvernahme der einschlägigen Verwaltungs-, Schul- und Gemeinde­behörden voranzugehen." Der Stadtrath hat nun am 28. Juli mit allen protestantischen gegen zwei katholische Stimmen „im Interesse des konfessionellen Friedens", wie der Kgl. Hofrath und frühere Advokat Mahla, Ritter des bayerischen MichaelordenS dritter Klasse, sich ausdrückte, sich gegen die Zulassung der englischen Fräulein ausgesprochen. Wir haben nichts Anderes erwartet, zumal wir wissen, daß in Landau die Toleranz Seitens der protestantischen Majorität stets im Munde geführt wirb. Allein nun kann die Sache interessant werden zur Klärung der Situation in Bayern. Bezüglich der Gemeindebehörden statnirt die oben angezogene Verordnung nur die „Einver­nahme", die „Genehmigung" steht der „einschlägigen Kreisregierung" zu. Wir sind sehr gespannt, ob dieselbe resp. das derselben überstehende Ministerium der Intoleranz der verbohrten protestantischen Stadt- räthe nachgibt oder aber „neuen Kurs" hält.

Ausland.

* Man erinnert sich wohl noch, mit welchem Pomp in Frankreich s. ßt, als bie Patriotenliga und der BoulangismnS in höchster Blüthe standen, dieSchüler - bataillone gebildet wurden, von denen man sich für die Zukunft „viel versprach". Am 1. August, sind dieselben definitiv aufgelöst worden und Paris damit um ein Theater ärmer geworden.

* Die französischen Generalraths-Wahle« wer­den zu Gunsten der Republikaner ausfallen; dieselben haben bereits 127 Sitze gewonnen. Nach den bis jetzt

sollte. Adelaide, die stets voller Rücksicht für Andere war, schrieb an Margarita und fragte, an welchem Tage unb zu welcher Stunde ihr Besuch ihr angenehm sein würde. Als sie ihren Bescheid hatte, begab sie sich mit Madame zu ihr.

Der Besuch war lang und nicht besonders ange­nehm. Madame hatte so Vielerlei zu sagen und Mar­garita so Verschiedenes an's Herz zu legen, und Margarita, welcher ihre schiefe Stellung immer mehr fühlbar wurde, nahm bie Rathschläge nicht sonderlich freunblich auf.

„Ich bin nicht zur Schauspielerin geboren", buchte sie. „Ich zweifle, baß ich meine Rolle geschickt durch­führen werbe."

„Eines muß ich noch besonders erwähnen", fuhr Madame fort, zda Ihnen die Pflichten einer Gesell­schafterin ganz unbekannt sind. Miß Cameron ist nämlich, wenn sie es mir nicht Übel nimmt, ver­schwenderisch, ja fast thöricht in ihrer Freigebigkeit. Sie bedarf stets Jemanden, der sich zwischen sie und die Zudringlichkeit der Menschen stellt und sie vor den Folgen ihrer Leichtgläubigkeit schützt."

Margarita machte eine Verbeugung; diese geschäftige listig aussehende Frau, die sie mit so scharfen, be­rechnenden Blicken maß, war ihr entschieden unsym­pathisch.