Mittwoch, den 3. August 1892.
19. Jahrgang
uldaeiWZeitiliig
Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Lirrteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Deutsches Keich.
Berlin, 1. August.
* Der Kaiser hat am Sonnabend auf seiner Reise nach Cowes die Insel Helgoland besucht, welche ihm zu Ehren an allen Punkten festlich beflaggt war. Der Monarch besichtigte besonders eingehend die neuen Befestigungsanlagen. Se. Majestät ist heute Mittag in Cowes eingetroffen und stattete bald darauf der Königin in Osborne einen Besuch ab. Der Prinz von Wales, der Herzog von Con- naught und Prinz Christian von Schleswig-Holstein waren dem Kaiser entgegengefahren.
* Wie verlautet, sollen auf Wunsch des Kaisers über die letzte Nordlandsfahrt mit ihren sehr interessanten Vorkommnissen größere Schilderungen mit malerischen Darstellungen zusammengestellt und veröffentlicht werden.
* Fürst Bismarck, seine Frau, der eben verhei- rathete Sohn mit Frau, der Leibdoktor und der Leib- sekretarius haben sich am Samstag von Kiss in gen nach Jena begeben. Es spielten sich die von Dresden, Wien, München, Augsburg her bekannten Scenen ab, nur mit dem Unterschiede, das die Thüringer Bismarckschwärmer noch um verschiedene Grade „begeisterter" sich aufführten, als ihre Genossen in Sachsen, Bay-rn, Schwaben, Baden rc. Auf der Durchreise geruhte der „Herzog von Lauenburg", nachdem er schon auf einer Anzahl Zwischenstationen sich hatte huldigen lassen, auf dem Bahnhof in Weimar länger zu verweilen, um hier die „unaufhörlichen Hochrufe" anzuhören und neben den Begrüßungsreden des Bürgermeisters (!) und Gemeinderathes auch die „zierlichen Rosenspenden aus den Gärten unserer Dichterheroen anzunehmen, die ihm und seiner Frau von weißen Jungfrauen überreicht wurden. Er dankte, pries, wie er dasselbe gegenüber Dresden, Wien, München, Augsburg, Nürnberg, Kisstngen rc. gethan, Weimar als ihm besonders theuere Stadt und schloß mit einem Hoch auf den Großherzog. Unter den schon erwähnten „unaufhörlichen Hochrufen" dampfte er dann, wie die nationalliberalen Blätter melden, weiter gen Jena, von wo eine Deputation ihm bis Weimar entgegengereist war. In Jena war natürlich Alles auf den Beinen: die Macher und Drahtzieher mit dem bekannten Affenabstammungs-Vertreter, Professor Häckel an der Spitze, hatten für den nölhigen Bismarckdunst gesorgt. Als er „dem Zug entstieg, umringten ihn Hunderte und hielten ihn minutenlang fest", um ihm ihre Verehrung zu bekunden. Nur langsam vermochte er mit seinen Angehörigen in das Fürstenzimmer zu gelangen, wo die Ansprachen fast übertönt wurden durch die gewaltigen Hochrufe der harrenden Masse." Dann wurde der Stammherr der Dynastie Bismarck mit den übrigen Mitgliedern des Hauses in das Gasthaus zum „Schwarzen Bären" geleitet, wo seiner Zeit auch Luther wohnte. Alsbald empfing er die Deputation d-r Universität, deren Sprecher, der Prorektor, eine Rede an ihn hielt, aus welcher wir folg-nden „klassischen" Satz herausgreifen wollen:
gas verhiingnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(51- Fortsetzung.)
In einigen Minuten war denn auch die pekuniäre Frage, die für Margarita gerade die unwichtigste bei der ganzen Unterredung war, befriedigend gelöst.
„Meine neue Gesellschaft rin ist auffallend gleich- giltig in Bezug auf den Geldpunkt," dachte Aoelaide lächelnd, „das ist immer das Zeichen eines edlen Charakters."
Sie hatten sich mittlerweile Beide erhoben und betrachteten sich nun gegenseitig mit forschenden Blick n, indem Jede einigermaßen über die Schönheit der Andern erstaunt war. Schlteßlich fragte Margarita: „Beabsichtigen Sie, sich noch lange in Cowes onfzu- halten, Miß Cameron?" Ihre L ppen bebten und erbleichten, wäh end sie diese Frage, von deren Beantwortung für sie so viel abhing, that.
„Nein," erwiderte sie. „Es wird nun endlich Zeit, daß ich nach Waltoncourt komme, und doch werde ich leider gezwungen sein, noch einen kurzen Aufenthalt in London zu nehmen, ehe ich dahin übersiedeln kann."
„Nach Waltoncourt?" wiederholte Margarita. Ihr Herz zitterte bei dem Klange des wohlbekannten Namens.
„Ja, das ist meine Heimath, wenigstens meine
„In dem Hause, in welchem einst der reformator ecclesiae gewohnt, dürfen wir heute den reformator Germaniae begrüßen, die Jahrhunderte reichen sich die Hände und die leuchtende Fackel der Vaterlandsliebe, die vor drei Jahrhunderten ein Deutscher entzündete, ist unverlöscht in die Hand des Deutschen übergegangen, dem wir heute die Versicherung unserer treuen Verehrung darbringen."
Der Fürst antwortete in langer Rede. Auch „Jagdstückchen" gab er zum Besten. Am Sonntag Vormittag wurde der „Herzog von Lauenburg" zum Feste auf den Markt geführt, wo 7000 Bismärcker seiner harrten. Der Bürgermeister begrüßte den Fürsten, der mit seinen Angehörigen in dem Festzelt Platz genommen hatte. Dann begrüßten ihn die Studentenvertreter und auswärtige Deputationen. Bismarck erwiderte in längerer Ansprache. Ohne Jena hätten wir wohl auch nicht Sedan gehabt. Die geführten Kriege seien nothwendig gewesen. Fernere Kriege dürften nur Defensivkriege sein. Ein starkes Parlament muffe der Brennpunkt des öffentlichen Lebens sein. (Dieser Schäker!) Im Centrum seien der ehrlichen Mitglieder viele, aber die Tendenz der Leitung sei nicht reichsfreundlich. „Ich war eingeschworen auf Leitung eines evangelischen Kaiser- thums." (Ein interessanter Satz!) Was den Vorwurf antimonarchischer Gesinnung betreffe, verweise er auf die Verfassung, nach der nicht der Kaiser, sondern der Kanzler verantwortlich sei. Er sei ein treuer Anhänger der Dynastie des Königs und Kaisers, ohne, wie es in Goethes Götz heiße, die Weisheit der Kom- missarien des Kaisers als unfehlbar anzuerkennen. — Nachdem er so debünrt und einige neue „Register gezogen" hatte, wurde er, so melden seine Leiborgane, in einer Weise gefeiert, die gar nicht zu beschreiben ist. Wir glaubens gerne. Nach Berlin aber kommt er nicht — er weiß, warum.
* Die Berliner Akademische Kunstausstellung ist gestern geschlossen worden. Von den mit “2*7» Millionen Mark versicherten mehr als 2000 Kunstwerken wurden nur 140, meist Oelgemälde, sür zusammen 160000 Mark verkauft.
* Der Fall des Grafen Gersdorff giebt der ,Post' zu folgender Betrachtung Anlaß: „Zwar sind die Vorgänge, welche zu seiner Verhaftung in Jglau geführt haben, noch nicht klar gestellt. 'Allein auch wenn in dieser Hinsicht seine Angaben sich als begründet Herausstellen sollten, liegt die Angelegenheit noch immer mißlich genug. Der genannte Abgeordnete hat seit seiner Wahl an den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses sich nicht betheiligt, die Raume desselben in der Regel nur behufs Erhebung der Diäten betreten und hat seit einiger Zeit seinen Wohnsitz ganz in Oesterreich genommen. Sein Name ist inzwischen mit Prozessen und mit anderen Geldangelegenheiten recht unerqu ckiicher Natur in der Presse mehrfach genannt worden. Abweichend von der Hebung, in solchen Fällen das Mandat niederzulegen, hat Graf Gersdorff dies nicht gethan, sondern vielmehr nach Zeitungsnachrichten noch während der letzten Session vom Auslande die Diäten, wenn auch erfolglos, reclamirt. Der Fraklionsvorstand, welchem er sich allerdings nur dem Namen nach angeschlossen harte, hat ihn längst aus
augenblickliche Hermath. Waltoucourt ist eine herrliche Besitzung — ich liebe es unendlich. Wenn Sie Sinn für das Schöne in Natur und Kunst haben, so werden Sie sich sicher dort sehr glücklich fühlen."
„Es ist mein Eigenthum, denn es gehört meinem Gatten," dachte Margarita. Sie sagte kein Wort, richtete aber unwillkürlich ihre schwanke Gestalt zu ihrer vollen Hohe empor. „Es ist mein Eigenthum; da Du aber meines Gatten Geld hast, so können Allan und ich nicht dort leben," grübelte sie weiter und dieser Gedanke ließ ihre Stimme und ihr Wesen so kalt erscheinen, daß Mch Cameron sie ganz erstaunt ansah.
Und dann sagten sie sich bald darauf Lebewohl. Tag und Stunde für Margarita's Ueberfitbelung wurden festgesetzt und sie trennten sich mit herzlichen Wünschen und Worten.
26. Kapitel.
Margarita verließ das Hotel mit einem Gemisch von fiohen und bitteren Gefühlen. Der vielfach gewundene Pfad, den sie freiwillig betreten wollte, lag nun klar vor ihr. Jede Schwierigkeit war überwunden, jedes Hinderniß weggeräumt. Äver sie fühlte plötzlich einen gewissen Widerwillen dagegen, ein Verlangen, zu entfliehen und ihren Vorsatz unausgeführt zu lassen, und dann zürnte sie sich wiederum um dieser Regung willen.
seiner Gemeinschaft ausgeschloffen. Die Landesvertretung selbst aber ist nicht in der Lage, Gleiches zu thun. Nur der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte in Folge gerichtlichen Erkenntnisses hat auch den Verlust des Mandats zur Folge. Der Gedanke liegt nahe, diese Bestimmungen durch Vorschriften materieller und formeller Art so zu ergänzen, daß in der Folge einem solchen Mißbrauch mit dem Mandate, wie er in diesem Falle vorliegt, wirksam gesteuert werden kann. Trotzdem möchten wir eine Anregung nach dieser Richtung widerrathen. Der Fall ist, Gott sei Dank, ein so durchaus ausnahmsweiser, daß die Annahme gerechtfertigt ist, er werde ein Unikum bleiben. Um eines wie immer gearteten Einzelfalles wegen in Sachen des Verfassungsrechts Gelegenheitsgesetzgebung zu machen, widerräth sich aus grundsätzlichen und praktischen Gesichtspunkten. Man wird daher schlimmsten Falls bis zum Ende der Legislaturperiode den Mißstand fortdauern lassen müssen."
* Bei den Garderegimentern sollen alle Metall- bestandtheile in der Montirung künftig aus Aluminium hergestellt werden, wenn sich die z. Z. angestellten Versuche bewähren.
* Der Staatssekretair des Reichsjustizamts,Hanauer ist am 27. d. Mts. von einem Berge am Mahlknechtjoch beim Edelweißpflücken abgestürzt und hat einen Bruch des linken Armgelenkes und mehrere leichtere Verletzungen erlitten.
* Seit Ueberweisung der preußischen Staatschausseen an die Provinzial- und Kreisverbände, also seit Anfang 1876, sind bis zum Abschlüsse des Etatsjahres 1890/91 nach einer amtlichen Zusammenstellung der Bauverwaltung in Preußen für Wegebanzwecke 445 Millionen Mark verausgabt worden, atso im Durchschnitt nahezu 30 Millionen jährlich.
* Vom 1. April bis 30. Juni d. I. gelangten iw Reiche zur Anschreibung an Zöllen und Verbrauchssteuern 121,736,986 Mark (1,163,234 Mk. mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres). Mehreinnahmen hatten u. A. die Zölle um 3,2, die Zuckermaterial- fteuer um 2,8, die Maischbottich- und Branntwein- materialfteuer um 0,6 Millionen Mark. Dagegen ergab die Branntweinkonsumsteuer 5,2 Millionen Mk. weniger. Die Stempelsteuern hatten mit Ausnahme des Privat- lotteriestempels durchweg Mindereinnahmen, die Reichspost- und Telegraphenverwaltung eine solche von 0,7 Millionen Mark aufzuweisen.
* Bremen, 31. Juli. Die Choleragefahr ist vielleicht nirgends größer als in den Hafenstädten Hamburg und Bremen, wo fast täglich große Trupps russischer Auswanderer ankommen, die Betten, Gepäck u. s. w. mitführen. In Hamburg hat man bekanntlich die Einrichtung getroffen, daß die Auswanderer überhaupt nicht den Bahnhof Oertaffen und gleich weiter befördert werden. Das läßt sich hier nur schwer durchführen und so hat denn das Medizinalamt besondere Vorschriften für die gesundheitspolizeiliche Überwachung der russischen Auswanderer getroffen. Keiner verläßt den Bahnhof, ohne einer ärztlichen Revision unterzogen zu fein. Bestimmte Aerzte haben
„Wie!" rief sie aus, „darf ich den Muty sinken lassen, weil dieses Weib ein schönes Antlitz, goldglänzendes Haar hat? Sie bewahrt gemeinschaftlich mit meinem Gatten das Geheirnniß des Testamentes, das sie mir unbedingt hätten anvertramn müssen."
Sie bemühte sich absichtlich, ihr Herz gegen das junge Mädchen, das sie thörichterweise als ihre Nebenbuhlerin betrachtete, zu verhärten; sie sagte sich wiederholt, daß sie allein die Veranlassung zu ihrer schmerzlichen Trennung von Lord Rylestone sei, und dennoch war es ihr nicht möglich, sie zu Haffen. Der Zauber des holden Antlitzes uno der süßen @:imme hielt sie gefangen und sie konnte sich seiner nicht erwehren.
Die Zwischenzeit, bis sie zu M>ß Cameron übersiedelte, verging für Margarita in wahrer Grabesruhe, sie hätte nachher kaum R chenschaft geben können, wie sie sie eigentlich zugebracht. Sie hatte nur eine dunkle Erinnerung von ganz einförmigen Tagen Und Nächten — sie hatte gegessen, wenn Andere aßen, war spazieren gegangen, hatte am Strande gesessen und beoaachtet, wie die Wellen sich am Ufer brachen, hatte menschliche Stimmen vernommen, die wie aus weiter Ferne an ihr Ohr schlugen, hatte Musik gehört, die für sie keine Melodie hatte, weil eine schwere Last ihr Gehirn zu bedrücken schien und das Denken ihr zur Qual geworden war.