Einzelbild herunterladen
 

J\£ 171

Freitag, den 29. Juli 1892.

19. Mrgauy

uldaerWZkituiiß

Erscheint täglich. Sonn« und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher Abonnement-preiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark oO Pfennig.

Für die Monate August und September werden Abonnements ans die _ MW- Fuldaer Zeitung 7ME nebst der illnstrirte« Sonntagsbeilage,Sterne und Blumen" von Men Postanstalte«, sowie Landbriesträgern, Zeitungsträgern und von der Expedition (Katholisches Bereinshans .Harmonie") zum Preise von 1 M. (nebst Be­stellgeld) jederzeit entgegengenomme«.

Deutsches Deich.

Berlin, 27. Juli.

* Die Ausbreitung der Cholera in Rußland wird, wie halbamtlich mitgetheilt wird, von der preußischen Regierung mit aller Aufmerksamkeit ver­folgt und hat seit der zweiten Woche des Juli schritt­weise zu verschiedenen wichtigen Maßnahmen und Vor­bereitungen geführt. Dabei ist stets Fühlung mit dem Reichsamt des Innern gehalten und sind den Anordnungen eingehende Konferenzen der Referenten der betheiligten Resforts mit Mitgliedern des kaiser­lichen Gesundheitsamts, Geh. Medizinalrath Dr. Koch tu A., voraufgegangen. Die Richtung, in der sich die Anordnungen bewegen, ist dieselbe, welche in dem Er­lasse über Maßnahmen gegen die Cholera vom 14. Juli 1984 inne gehalten ist. Für die aus dem Schwarzen Meere und den russischen Ostseehäfen kommenden See­schiffe, sowie die aus Rußland anlangmden Eisenbahn­reisenden ist eine strenge ärztliche Ueberwachung in den Seehäfen bezw. in den Grenzeisenbahnstationen ange­ordnet. In Trupps reisende Auswanderer werden außerdem noch einer gleichen Kontrolle in Schneide­mühl, Breslau, Ruhleben bei Spandau und Stettin unterworfen und dabei von dem übrigem Publikum möglichst abgesondert gehalten. Eine sanitätspolizeiliche Beaufsichtigung der Reffenden an den wichtigsten Eisen­bahnknotenpunkten, des Flußschifffahrts- und Flößerei- veckhrs wird in den Grenzprovmzen in allen Einzel­heiten vorbereitet, so daß dieselbe gegebenen Falls so­fort in Vollzug gesetzt werden kann. Auch an der westlichen Landesgrenze sind Vorbereitungen zu ähn­lichen Maßnahmen, wie an der russischen Grenze ge­troffen. Ferner sind die Regierungspräsidenten ange­wiesen, ein Verbot der Ein- und Durchfuhr gebrauchter Leib- und Bettwäsche, gebrauchter Kleider — mit Ausschluß der Wäsche und Kleider von Reisenden — von Hadern und Lumpen aller Art, von Obst, frischem Gemüse, Butter und sogn. Weichkäse zu erlassen, auch eine warnende Belehrung über das Verhalten gegen­über solchen aus Rußland eintreffenden Gegenständen S veröffentlichen, bei welchen die Gefahr der Ein- leppung der Krankheit gleichfalls vorliegt, ohne daß sie doch in das Einfuhrverbot haben eingeschlosfen werden können. DeS Weiteren steht eine den neuesten Ergebnifsen der Wissenschaft Rechnung tragende An­leitung zur Desinfektion bei Cholera, bei welcher ein Schwerpunkt auf leichte Beschaffung und Anwendung

Das verhiingnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(48. Fortsetzung.)

Und dennoch mußte sie immer daran denken und wurde durch daS Denken immer ungeduldiger, das Ge- heimniß des Testamentes zu erfahren. Sie hatte keine Ruhe, bis sie ihrem Ziele auf irgend eine Weise näher gekommen war und beschloß deshalb, am nächsten Mor­gen wiederum einen Besuch bei Lady Dayenant zu machen. Mylady hatte sich immer gern mit ihr über die durchlebten Bälle und Gesellschaften unterhalten, und einer der hauptsächlichsten Gründe, weshalb Miß Cameron ihr so sympathisch zu sein schien, war auch der, daß sie in ihr eine sehr geduldige Zuhörerin zu finden glaubte.

Margarita wußte, daß Lady Dayenant die junge Erbin auf dem Balle kennen würde und war fest über­zeugt, daß sie ihr jedes wichtigere Gespräch, das zwischen ihnen stattgefunden hatte, mittheilen würde. Sie hatte also keine Ruhe, bis endlich die Stunde herangekommen war, wo sie anvehmen konnte, daß Mylady sich von ihren Anstrengungen genugsam aus­geruht habe, um sie zu empfangen.

Lady Dayenant lächelte Miß Ayenel, als sie ihr Boudoir betrat, freundlich entgegen. Sie war in diesem Augenblick das Bild vornehmen Behagens, wie

der Mittel gelegt wird, unmittelbar vor der Vollendung und wird alsbald nebst einer populären Belehrung über das Wesen der Cholera und das Verhalten während ihres Herrschens veröffentlicht werden. Gleichzeitig werden den Aerztm Rathschläge zur zweckmäßigen frei­willigen Mitwirkung an der eventuellen Bekämpfung der Seuche ertheilt und wird die Anzeigepflicht auch für alle der Cholera verdächtigen Krankheitsfälle ein­geführt werden. Außerdem besteht die Absicht, den Kreisphysikern die Befugniß zu größerer selbständiger Initiative zur sofortigen Feststellung derartiger Fälle und Jnstituirung der sanitätspolizeilichen Maßregeln zu ertheilen, um der Verschleppung der Krankheit bei ihrem ersten Auftreten uuverzüglich mit allen Mitteln entgegenzutreten. Hinsichtlich der Betheiligung der Sanitätskommissionen an den Aufgaben der öffentlichen Gesundheitspflege, deren Erfüllung gerade bei der Be­kämpfung der Cholera von höchster Wichtigkeit ist, hat sich der oben bezeichnete Erlaß bereits so erschöpfend und zutteffend ausgesprochen, daß in dieser Beziehung seine Befolgung nur nochmals eingeschärft werden kann.

* Zum italienischen Botschafter in Berlin ist General-Lieutenant Graf Carl Lanza ernannt wor­den, einer der populärsten Offiziere der italienischen Armee.

* Fürst Bismarck wird voraussichtlich Berlin nur flüchtig berühren und sofort nach Schönhausen weiterfahren, von wo später die Weiterreise nach Barzin erfolgt.

* Zu der Legendenbildung über die Frage, wer dem Kaiser den Grafen v. Caprivi als Nachfolger Bismarck's empfohlen habe, schreibt die .Freis. Ztg.':

„Gegenüber dem von den ,Hamb. Nachr/ resp. dem großen Unbekannten beharrlich verbreiteten Märchen von der durch das Cent rum aufgestellten Kandidatur Caprivi's für den Reichs­kanzlerposten muß endlich einmal auf die Entstehung dieser Le­gende hingewiesen werden. Was Windthorst bei seiner letzten Unterredung mit Bismarck geredet hat, entzieht sich unserer Kenntniß, indessen ist doch wohl anzunehmen, daß über die zu­künftige innere Politik Bismarck's und nicht über einen etwaigen Nachfolger gesprochen wurde. Caprivi's Name ist bei einer ganz andern Gelegenheit genannt worden. Im Jahre 1888 ist bei dem zweimaligen Thronwechsel in vielen Kreisen von der Mög­lichkeit gesprochen worden, Bismarck könne abgehen; so auch im Frühjahr 1888 int Foyer des Reichstages. Dabei wurde erklär­licherweise die weitere Frage erörtert, wer wohl den Kanzler­posten übernehmen könne. Windthorst, der sich an dieser Unter­haltung betheiligte, sagte, es müsse ein General sein, und nach einigem Ueberlegen nannte er Caprivi, der auch um deswillen sich eigne, weil er in parlamentarischen Formen gewandt und beim Reichstage von der Zeit, da er Staatssekretär der Marine war, wohl gelitten sei. — Das ist der Ursprung der vielen Rede­reien über die Centrums-Kandidatur Caprivi's. Der vorerwähn­ten Unterredung im Foyer erinnerten sich einige Betheiligte, als Caprivi wirklich Kanzler wurde, dadurch kam der Name Windt- horst's mit dem Caprivi's in Verbindung, und nur daraus ent­wickelte sich die nun kolportirte Legende."

* Auf die Umfrage wegen Abhaltung einer Welt­ausstellung in Berlin haben verschiedene Bundes­regierungen ablehnend geantwortet. Auch aus den Kreisen der Industriellen liegen vielfache Ablehnungen vor, während andere die eventuelle Bereitwilligkeit zur Beschickung aus nationalen Rücksichten erklären.

* Fanten, 26. Juli. Wenn je eine Familie schwer geprüft ist, dann ist es die Familie Hege mann. Im sie, neben sich auf dem kleinen Tischchen eine Tasse Chocolade, halb sitzend, halb liegend, auf einer weich­gepolsterten Couchette ruhte. Sie reichte Margarita die Hand, was ein Zeichen von ungewöhnlicher Herab­lassung und hervorragend guter Laune war.

„Nehmen Sie Platz, Miß Ayenel," sagte sie. „Ich bin heute sehr angegriffen, denn ich habe mich gestern Abend etwas ermüdet. Der Ball war höchst interessant."

Margarita setzte sich schweigend, da sie sich von früher her noch sehr wohl erinnerte, daß eS gefährlich war, Mylady in ihrem Redefluß zu unterbrechen. Diese beschrieb ihr denn auch die Räume, die Toiletten, die Gesellschaft und Alles ganz genau.

„Miß Cameron war meiner Meinung nach, und ich glaube, die meisten Herren theilten dieselbe, unbe­dingt die hübscheste Erscheinung", sagte sie. „Lord JlderScombe war ganz entzückt von ihr."

„Sie muß in der That reizend sein", bemerkte Margarita ruhig.

„Sie ist mehr als das. Ich bin nicht leicht für neue Erscheinungen eingenommen, aber ich versichere Sie, daß ich selbst ganz verliebt in sie bin. Sie hat mir versprochen, mich zu besuchen. Sagten Sie nicht neulich, daß Sie eine Stellung als Gesellschafterin suchten, liebe Miß Ayenel?"

„Jawohl", erwiderte Margarita athemlos.

Winter 1890/91 war der Vater des ermordeten Kinder mehrere Monate wegen Nervenleidens arbeitsunfähig. Nach der schauerlichen That wiederholte sich öfters dieses Leiden und zwar in der Weise, daß Hegemann bis zum heutigen Tage das Schreinerhandwerk nicht in der rechten Weise versehen kann. Daß eine Hand­werkerfamilie mit 8 Kindern nach solchen Schicksals- schlägen zurückgehen und darben muß, wird Jedermann einsehen. Jetzt ist die durch ruchlose Mörderhand schwer geprüfte Familie der ,Essener BolkSztg.' zufolge von einem neuen Unglück betroffen worden. Die Mutter des ermordeten Kindes hat in den letzten Tagen wiederholte Anfälle von Geistesstörung gehabt. Nach den Qualen der letzten Wochen ist eS gewiß nicht zum Erstaunen, wenn solche Erscheinungen bei der armen Mutter zu Tage treten.

* Essen, 27. Juli. (Bochumer Stempelfälschungs- Prozeß ; Fortsetzung). Die Aussagen des verstorbenen Zeugen GierSberg werden verlesen. Er hat daS Zeugniß verweigert, weil er fürchtete, sich strafbar zu machen. Nur eine Verkittung hat er bekundet. Die Vernehmung des nächsten Zeugen Quantius bean­spruchte den ganzen Vormittag. Zum ersten Male machte sich Spannung und Bewegung im Saale bemerkbar. Quantius bekundete, daß Bettügereien in großartigem Maßstabe Jahre lang vorgekommen seien. In jeder Woche wurden wohl 3 Nächte hindurch Schienen abgefeilt und dem Revisor am andern Tage wieder vorgelegt. An ihrer Stelle seien ebenso viele vorher von den Arbeitern als untauglich bei Seite gelegte Schienen falsch gestempelt und verladen worden. DaS Flicken wurde kalt und warm betrieben, letzteres in der Räder-Werkstätte, wo er einmal selbst gearbeitet habe und 3 Feuer gewesen seien. Ein für die württembergi- schen Bahnen bestimmter Wagen wurde in der Nacht von der Bahn zurückgeholt und wurden 200 gme Schienen abgeladen, abgefeilt und den nächsten Tag wieder vorgelegt. Dafür wurden ebenso viele schlechte aufgeladen und der Wagen wieder an Ort und Stelle gefahren. Der Hauptakteur dabei sei Wilhelm Rosen­dahl gewesen, der Bruder des Angeklagten, der in Sa­vona seit 6Jahren ist. R.-A. Lenzmann beanttagte dessen telegraphische Ladung; der Antrag wurde als er- folglos abgelehnt, weil Rosendahl, der dann angeklazt würde, nicht käme. Quantius sagte aus, daß Bering um Alles gewußt und ihn einmal direkt beauftragt habe, den Abnehmer Neugebauer beim Vorwiegen der Schwel­len zu betrügen. Bering bestreitet dies entschieden. Quantius: Vom Hauptportal aus seien Glocken­zeichen gegeben worden, wenn ein Revisor gekommen sei. Dann hätten die Arbeiter Kitt und Flickwerkzeuge schnell weggepackt. Bering bestreitet dies- Aber der Allarm-Apparat für die Feuerwehr sei eine Zeit lang dort gewesen. Die Bertheidigung bemüht sich, die Un­glaubwürdigkeit des Zeugen nachzuweisen. Die Staats­anwaltschaft konstatirt, gegen Quantius schwebe eine Anklage wegen Unterschlagung und ein Ermittelungs- Verfahren wegen Wechselfälschung. Fusangel'S Ladung ist dem Präsidenten unerwünscht; er hätte mit

„Es war mir doch so. Madame de Valmy, eine sehr fein gebildete Französin, hat bisher diese Stellung bei Miß Cameron eingenommen; sie hat aber kürzlich eine Besitzung in Frankreich geerbt und ist nun ge­zwungen, dort zu leben. Allerdings habe ich mit Miß Cameron selbst noch nicht darüber gesprochen, aber eine ihrer Bekannten erzählte es mir."

Margarita vermochte kein Wort hervorzubringen, aber ihr Herz pochte hörbar laut. Lady Dayenant fuhr fort: „Unbedingt braucht sie meiner Ansicht nach doch einen Ersatz für Madame de Valmy".

„Der Himmel will es!" sagte Margarita sich. „Alle meine Bedenken sind geschwunden, der Himmel will es so!"

Sie konnte Lady Dayenants Aeußerung nicht be­antworten. Obgleich sie die Lippen zum Sprechen öffnete, erstarb ihr doch der Ton auf denselben.

„Ich dachte", setzte Lady Dayenant hinzu, „daß, wenn Sie auf Ihrem Vorhaben beharren, und Miß Cameron zu mir etwas über die Sache äußert, ich Sie vielleicht bei ihr in Vorschlag bringen könnte."

„Das würde mich zu großem Dank verpflichten" sagte Margarita leise; „Mylady könnten mir nicht leicht einen größeren Gefallen erweisen."

„Seien Sie überzeugt, meine liebe Miß Ayenel, daß ich Ihnen mit Freuden behiflich sein werde. Un­bedingt ist eS eine große Empfehlung für Sie, daß