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* Der Kochumer Stempelfälschungs-DroM.
Am Montag begannen, wie schon erwähnt, vor der Strafkammer des Bochumer Landgerichts die Verhandlungen gegen insgesammt 19 Angestellte und Arbeiter deS Bochumer Vereins für Bergbau und Gußstahl- Fabrikation (General-Direktor Geh. Kommerzienrath Baare) wegen wiederholten Betruges, schwerer Urkundenfälschung und Beihilfe hierzu. Unter dem „Betrüge" sind zu verstehen fortgesetzte Schieneriflickereien; unter der „Urkundenfälschung" die ebenfalls fortgesetzt betriebene Fälschung amtlicher Stempel.
Obwohl die Oeffentlichkeit sich mit dieser Angelegenheit schon seit mehr als 13 Monaten in ausgedehnter Weise beschäftigt, mag es angezeigt erscheinen, bei Verlauf des Prozesses besten Vorgeschichte in's Gedächtniß zurückzurufen.
Der Redakteur Fus angel der in Bochum erscheinenden .Westfälischen Volkszeitung' hatte im Winter 1890/91 seine bekannten Steuer-Artikel geschrieben und war auf Grund derselben auf den Antrag einer ganzen Anzahl Betroffener von der Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung, Aufreizung zum Klasfenhaß rc. angeklagt worden. Die Verhandlungen spielten vom 1. bis 6., am 8., 9., 11., 12. und 19. Juni vorigen Jahres vor derselben Strafkammer, der nunmehr auch die Stempelfälschungen und Schienenflickereien zur Aburtheilung überwiesen sind. Dem Leser wird noch in Erinnerung sein, daß FuSangel's Angaben sich im Allgemeinen bestätigten und daß seine Bestrafung mit 5 Monaten Gefängniß — die er gegenwärtig in Essen verbüßt — nur wegen der formalen Beleidigungen erfolgte, deren er sich in dem Zeitungskampfe schuldig gemacht haben soll.
In dieser Verhandlung war eS nun, und zwar am fünften Tage derselben, am 5. Juni 1891, daß einer der Brrthkidiger des Hauptangeklagten, der Rechtsanwalt Kohn-Dortmund, als Erwiderung auf eine Zeugen-Aussage Baare's sich erhob und folgende wörtliche Erklärung abgab: „Ich stelle hiermit unter Beweis, daß auf dem Bochumer Verein feit 16 Jahren Stempelfälschungen allerschlimmster Art zu Gunsten des Bochumer Vereins und zu Ungunsten in- und ausländischer Eisenbahn-Verwaltungen betrieben worden, und zwar in der Weise, daß systematisch die Staatsstempel des Reiches nach gemacht und nach der Schienen- Abnahme die untauglich befundenen Schienen des Bochumer Vereins mit dem inzwischen angefertigten falschen Stempel gestempelt wurden. Und dies ist, wie ich behaupte, mit Wissen Baare's geschehen." Baare erklärte darauf wörtlich unter Eid Folgendes: „Selbstverständlich ist so etwas niemals vorgekommen. Duß einmal geflickte Schienen bei einer Lieferung mit unterlaufen, kommt bei jedem Werke vor. Ich bekümmere mich im Uebrigen um den Betrieb sehr wenig; ich komme bisweilen 4 Wochen lang nicht in die Fabrik und kann in Folge dessen Nichtwissen, in welcher Weise die Schienenlieferungen vor sich gehen. Jedenfalls ist mir von einem derartigen Vorgang nichts bekannt." si.-A. Kohn machte dann zu seinen Eröffnungen noch
Das vrrhSngnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(47. Fortsetzung.)
Das Hotel Ranegond war eines der besten in Cowes. Es hatten schon fürstliche Personen dort gerastet und seinen Ansprüchen nach war eS nur den ttichsten Badegästen zugänglich. Margarita hatte daS Gebäude gleich bei ihrer Ankunst bemerkt, es war der erste Gegenstand in Cowes, der ein Interesse für sie hatte und den sie sich in Augenschein zu nehmen beeilte. Sie hatte mit nachdenklichen Blicken alle Fenster des Hauses gemustert. Welche derselben mochten zu dem Zimmer gehören, das Adelaide Cameron bewohnte? Margarita war bereits oftmals vor dem Hotel auf und ab gegangen und hatte heiß gewünscht, Einlaß darin zu finden und dem Mädchen gegenüber zu stehen, das sie so glühend haßte, das sie ihrer Ansicht nach so grausam betrogen hatte. Bald gewahrte sie ober, dag ihre hohe, anmuthige Gestalt und ihr schönes «ntlitz die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erregte und Lord Rylestones Gemahlin mußte sorgfältig dm Schein bewahren.
„Ich will bis zum Abend, an dem der Ball statt- sindet, warten", dachte sie. „Dann werde ich sie sicher sehen."
An diesem Abend nun befand sie sich, ganz einfach
den folgenden Zufatz: „Uebrigens gebe ich hiermit als Beweisstück zu den Akten ein Quittungsbuch, aus dem hervorgeht, daß nicht weniger als '57 falsche Stempel in 5 Jahren auf dem Bochumer Verein gemacht worden sind und ferner sind hier eine Anzahl Bleistücke vorhanden, auf benen der Stempel des Revisors abgedruckt wurde."
Selbstverständlich erregten diese gegen Baare und den Bochumer Verein geschlmderten Beschuldigungen allgemein das größte Aufsehen, auch weit über die deutschen Grenzen hinaus. Fusmgel überreichte der Staatsanwaltschaft alsbald sein ganzes Material; er forderte in seinem Blatte sofortige Werkdurchsuchung des Bochumer Vereins; aber erst geraume Zeit später wurde eine Durchsuchung Seitens ‘ der Staatsanwaltschaft vorgenommen, die jetzt natürlich erfolglos blieb. Die Voruntersuchung wurde inzwischen eingeleitet, daS Zeugen-Verhör begonnen. Ende Januar d. I. drang die Nachricht in's Publikum, daß die Voruntersuchung abgeschlossen sei. Dieselbe habe, wie es weiter hieß, ergeben, daß auf dem Bochumer Verein fortgesetzt in der That Schienenflickereien und Stempelfälschungen vorgenommen worden seien, ohne daß jedoch über die Mitwissenschaft eines der oberen Leiter der Fabrik oder gar Baare's selbst irgend etwas hätte ermittelt werden können. Ein Theil der ermittelten Fälle müsse überdies ausscheiden, weil inzwischen Verjährung eingetreten fei — für dieselben ist gesetzlich ein Zeitraum von 10 Jahren vorgesehen —. Der begangenen Strafthaten als hinreichend verdächtig seien anzusehen 17 Meister und Arbeiter des Bochumer Vereins, gegen die dahier unter dem 26. Januar 1892 die Eröffnung des Hauptverfahrens beantragt wurde.
Bevor noch der Gerichts-Beschluß über diesen Antrag der Staatsanwaltschaft vorlag, reichte Fusangel neues Belastungs-Material gegen Baare selbst und die Ingenieure Bering und Gremme ein, dessen Prüfung wieder Monate erforderte, bis der Antrag der Staatsanwaltschaft dahin erging, auch bezüglich der drei letztgenannten Personen das Hauptversahren zu eröffnen. Das Gericht — die Sache war von Anfang an nach Essen verwiesen und von dort aus geleitet worden — erkannte dem Sinne der Staatsanwaltschaft gemäß nur bezüglich der ersten gegen die 17 Meister und Arbeiter des Bochumer Vereins gerichteten Anklageschrift (Rosendahl und Genossen) und wies den zweiten gegen Bering, Gremme und Baare gerichteten Antrag wegen mangelnder Verdachtsgründe ab. Gegen diesen Beschluß legte Anfangs Juli die Staatsanwaltschaft Beschwerde beim Oberlandesgericht Hamm ein; die Entscheidung desselben ging dahin, daß die Ingenieure Bering und Gremme hinreichend belastet erschienen, um gegen sie das Hauptverfahren zu eröffnen, daß jedoch bezüglich Baare's es bei dem Beschluß des Landgerichtes, der ihn außer Verfolgung setzte, sein Bewenden haben sollte.
Zum besseren Berständniß der kommenden Verhandlungen dürfte noch Folgendes zu bemerken sein: Unter den Betrugsfällen im engeren Sinne versteht die Staats
gekleidet und ihr schönes Antlitz von einem dichten Schleier verhüllt, unter der schaulustigen Menge, die sich vor dem Hotel versammelt hatte, um die dort wohnenden Gäste zum Balle abfahren zu sehen. Dort mußte sie Miß Cameron unbedingt auch erblicken. ES war ja eine Kleinigkeit zu erfragen, wem die ver- fchiedenen Equipagen gehörten, - und die ihrige also genau zu ermitteln.
Die Frage blieb ihr aber erspart. Eine einfache, anspruchslose Equipage fuhr Plötzlich vor, und sie hörte, wie einer der Zuschauer vor dem Hotel zu seinem Nachbar sagte:
„Jetzt kommt Miß Cameron. Man sagt, daß sie die reichste Erbin in ganz England ist."
Margarita hatte ein Gefühl von Furcht — eine unbestimmte Besorgniß vor dem, was ihre Augen erblicken würden, obgleich sie sich bisher so brennend danach gesehnt hatte, sie nur einmal zu sehen. Sie schlug scheu die Augen auf, und der Anblick, der ihrer wartete, drang ihr wie ein Dolchstich bis tief ins Herz.
Sie sah „schimmernden Atlas" und „glitzernde Perlen." Ihre Augen erblickten eine hohe, anmuthige, majestätische Mädchengestalt in glänzender Toilette, mit strahlenden Juwelen geschmückt und einem goldigschimmernden Haupte, das kostbare Steine zierten; sie erblickte ein so reizendes, liebliches, vornehm aussehendes Wesen, daß ihre Seele sich unwillkürlich in Anerkennung der Schönheit
anwaltschaft augenscheinlich das sogenannte Flicken der Schienen. In zahlreichen Schienen kommen Riffe, Löcher oder zersprungene Blasen vor, welch' letztere auf das Walzen des Fabrikates zurückzuführm sind. Kommen diese Fehler nur in beschränktem Umfange vor und sind sie zugleich nur klein und unbedeutend, so Pflegen sie als „Schönheits-Fehler" nicht weiter beachtet zu werden. Unterscheidet das Vorkommen aber nach der einen ober ber anberen Richtung eine gewisse Grenze, so wirb ber mit ber Abnahme beauftragte Beamte des Käufers bie Zurückweisung bes Fabrikates anorbneu. Um nun bie Risse unb Löcher zu beseitigen, gibt es mehrere Mittel, bie nach- unb burcheinanber auf bem Bochumer Verein, unb zwar in befonberen Werkstätten, angewandt worben sein sollen. Dazu gehört bas Verhämmern ber fehlerhaften Stellen ober, wenn dies nicht ausreicht, bie Ausfüllung der- selben mit einem eigens präparirten Kitt ober schließlich bie Einsetzung bes fehlerhaften Stückes durch ein fehlerfreies, bas man in ber Werksprache „Schwalbenschwanz" nennt. Durch Poliren unb bie Anwendung von rostbefördernden Säuren werden nach geschehener Arbeit die äußeren Spuren der Flickthätigkeit zu verdecken gesucht.
Parallel mit diesen Manipulationen sollen die Fälschungen amtlicher Stempel gegangen sein. Es mag dazu bemerkt sein, daß jeder mit der Abnahme der Fabrikate beauftragte und an Ort und Stelle entsendete Beamte einen Stempel erhält, den er den von ihm obgenommenen, also für tauglich erklärten Stücken aufbrückt; mit diesem Stempel gehen sie dann an den Bestimmungsort ab und gelten für vorläufig abgenommen. Der Stempel besteht in einem oder zwei Buchstaben ober einem Zeichen, bas erhaben angebracht ist; derselbe barf niemals von bem Beamten aus berHand gegeben werben unb ist van ihm sofort nach seiner Rückkehr toieber abzuliefern. Auf bem Bochumer Verein sollen nun Mittel unb Wege gefunben sein — bie Einzelheiten wirb bie Gerichtsverhandlung ja feststellen — um biese Stempel burch einen eigens dazu angestellten Graveur nach einem von bem begleitenden Arbeiter in aller Eile hergestellten negativen Abdruck nachmachen zu lasten. Die Kopie soll dann in zahllosen Fällen dazu benutzt worden sein, um Fabrikate, die von dem Beamten als untauglich und mangelhaft zurückgewiesen worden waren, hinter seinem Rücken zu stempeln und mit diesem Zeichen versehen zur Verladung zu bringen.
Die Tragweite dieser Handlungen ist ohne Weiteres einleuchtend, wenn man bedenkt, welches ungeheure Unglück eine einzige mangelhafte Schiene, eine schlechte Walze, ein Radreifen rc. unter Umständen im Gefolge haben kann. Hoffentlich stellen daher die öffentlichen Verhandlungen mit einer Sicherheit, gegen die es kein Rütteln gibt, fest, ob und wann, in welchem Maße und in wessen Auftrage die betrügerischen Manipulationen und die Urkundenfälschungen, welche die Staatsanwaltschaft zur Erhebung der Anklage veranlaßt haben, auf den Werken des Bochumer Vereins vorgekommen sind.
ihrer Nebenbuhlerin beugte, und sie staunte über die Anmuth, die so deutlich den Stempel der HerzenSgüte trug, über die Hoheit, die zugleich Demuth zu sein schien. Die schöne Erscheinung in dem schweren Seidenkleide rauschte an ihr vorüber und bald darauf stand sie allein im Dunkel der milden Sommernacht.
Margarita war einige Augenblicke lang sprachlos, ja fast bewußtlos. Sie hatte im Leben manche „Schönheit", wie die Welt leicht jede hübsche, anmuthige Frau bezeichnet, gesehen, aber eine Erscheinung, wie Adelaide Cameron, war ihr noch nie begegnet.
Endlich also hatte Lord Rylestones Gemahlin die junge Erbin gesehen. Sie hatte einen Blick in das schöne Antlitz des verhaßten WeibeS gethan, und dieser eine Blick hatte eine Fluth von überwältigenden Gefühlen in ihrer ' Seele wachgerufen. Sie warf den Schleier zurück und schaute zu den goldenen Sternen empor: welch seliger Friede, welche unendliche Ruhe herrscht dort oben! Warum war sie über Miß Camerons Schönheit so niedergeschlagen? Der Mond war über der See aufgegangen, und sie ging langsam zum Strande zurück.
„Ich werde den goldigen Schimmer auf ihrem Haar — die zarte Röche ihrer Wangen — das Funkeln der Juwelen — den leuchtenden Glanz ihres Gewandes im Leben nie wieder vergessen. Wie konnte er mir den Vorzug vor diesem Weibe geben?" Die