Beilage zu Nr. 187 der „Fuldaer Zeitung".
" Sonntag, den 24. Juli 1892.
Das verhiingnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(44. Fortsetzung.)
Sie zog es also vor, auf dem Bahnhof zu warten, aber sie fühlte das dringende Verlangen, sich mit irgend etwas die Zeit zu vertreiben, um sich von ihren Grübeleien freizumachen.
Sie ging an den Bücherständer, nahm eine Novelle zur Hand und blätterte ein Weilchen darin. Sie schien sehr interessant, also kaufte sie sie. Vielleicht wurde schließlich das Leben dieser Novelle zum Wendepuntt in ihrem Leben. Sie war bald ganz entzückt davon. Die Heldin der Geschichte schien ihr eines der reizvollsten Geschöpfe, von denen sie gelesen hatte.
Sie las noch zu Anfang ihrer Fahrt im ersten Kapitel des Buches, dann wurde es aber im Eisenbahnwagen zu dunkel, sie konnte erst wieder zum Lesen sehen, als sie in Faverley ankam, von wo sie später nach Maryeth weiter fahren mußte. Es war ganz finster geworden, und Lady Rylestone ging in den Wartesalon, um dort bis zur Ankunft des Zuges, mit dem sie weiter fahren mußte, zu lesen. Sie war bald wieder ganz in ihre reizende Novelle vertieft. Plötzlich aber legte sie mit einem leisen Aufschrei, der aber sogleich auf ihren bebenden Lippen erstarb, das Buch aus der Hand.
Margarita war Plötzlich ein großer, entsetzlicher Gedanke gekommen. Die Heldin der Novelle, die um jeden Preis ein wichtiges Testament zu erlangen wünschte, fand durch List Eingang in das Haus, wo es aufbewahrt wurde. Der Gedanke, der Margarita Rylestone erfaßte, war, ein Gleiches zu thun. Wenn sie das Testament nur sehen konnte, so mußte ihr das Geheimniß ja klar werden, und mochte es für sie Glück oder Schmerz bergen, sie kannte es dann wenigstens. Alles fchien ihr bester als Unwissenheit oder Ungewißheit. Was eine Romanheldin konnte, muß einem Weibe von Fleisch und Blut doch auch möglich sein. Sie konnte sich unter irgend einem Vorwande in Waltoncourt einschleichen und dort auf irgend eine Weise das Testament zu erlangen suchen. Entweder wurde es dort selbst aufbewahrt oder es war doch unter allen Umständen eine Abschrift davon vorhanden. Sie erinnerte sich, im Bibliothekzimmer einen eigenthümlichen eichenen Schrank gesehen zu haben; er war merkwürdig geschnitzt, und sie bezweifelte keinen Augenblick, daß die Familienpapiere darin aufbewahrt wurden. Wenn es ihr gelang, sich einige Zeit im Schlosse aufzuhalten und den Schlüffe! dazu zu erlangen, so war Alles erreicht.
Wie aber sollte sie dort Aufnahme finden? Sie mußte einen Weg dazu ersinnen; der Plan erforderte reifliche Ueberlegung, aber sie war fest entschlossen ihn auf irgend eine Weise auszuführen. Sie öffnete wiederum ihr Buch, um weiter zu lesen, aber es war ihr unmöglich; sie fand keine Ruhe. Sie schloß das Buch und trat auf den Perron hinaus — im Freien war es erträglicher als zwischen den engen vier Wänden.
Dort konnte sie raschen Schrittes auf und abgehen, ohne daß irgend Jemand etwas Befremdendes darin fand.
Sie sagte sich immer wieder, bis die Worte sie durch ihre leidenschaftliche Wiederholung fast erschöpften: „Ich muß nach Walton gehen und mir das Testament dort verschaffen," und dieser Gedanke verfolgte sie beim Stöhnen der Lokomotive, während des Rauschens des Zuges immer wieder. Was auch um sie her gesprochen wurde, wie die Kondukteure auch schrieen, sie vernahm Nichts als die Worte: „Ich muß nach Walton gehen und mir dort das Testament verschaffen."
Als die erste fieberhafte Gluth dieses Gedankens etwas erloschen war, entwarf sie einen Plan zur Ausführung ihres Vorsatzes.
Sie hatte von Mrs. Grame ersahren, daß Madame de Valmy nach Frankreich zurückzukehren beabsichtigte, und Margarita wußte aus Lord Rylestones Aeuße- rnngen ganz gut, daß Madame de Valmy Miß Camerons Gesellschafterin war. Was hinderte sie, sich nun um die Stelle als Gesellschafterin bei Miß Cameron zu bewerben?
Zuerst staunte sie über die Ungeheuerlichkeit ihres eigenen Einfalls, allmählich aber gewöhnte sie sich daran. Alle Leute sahen sie erstaunt an. Sie lief mit schnellen Schritten auf dem Perron auf und ab, ihr Antlitz war so voll Spannung und Erregung, daß sie nichts von Allem, was um sie her vorging, zu sehen und zu hören schien, und sie fuhr ganz erschrocken zurück, als ein Beamter an sie herantrat und sagte:
„Sie erwarten den Zug nach Maryeth, Madame, er geht gleich ab."
Sie sah ihn so verwirrt an, daß der Mann sich fast vor ihr fürchtete.
„Mit der ist es unbedingt nicht richttg," dachte er bei sich, als er sich entfernte.
Sie nahm wie eine Träumende mechanisch im Zuge
Platz und erst, als er eilig durch die milde, thaufeuchte Nacht dahin eilte, klärten sich ihre Gedanken allmählich. Sie wollte die Stelle als Gesellschafterin bei Miß Cameron in Walton zu erlangen suchen, ohne das Geringste über ihre Verhältnisse zu verrathen. Man hatte ihr ein Geheimniß vorenthalten, folglich hatte sie ein Recht, auch das ihre zu bewahren. Es sollte Niemand etwas von ihrem Vorhaben erfahren, selbst nicht einmal Lord Rylestone.
„Hätte er mir sein Geheimniß anvertraut," dachte sie bei sich, „so hätte ich nicht nöthig, es auf diese Weise zu erforschen."
An weitere Folgen ihrer Handlungsweise dachte sie nie; daß ihr Plan niedrig und unehrlich war, kam ihr keinen Augenblick in den Sinn. Adelaide Cameron hingegen würde das sofort herausgefühlt haben. Sie hätte nie etwas Derartiges ersonnen und hätte es die Rettung ihres Lebens gegolten, und darin eben lag der Unterschied zwischen diesen beiden Frauen. Adelaide hatte einen scharf ausgeprägten, hohen Begriff von Ehre, Margarita besaß nur die Fähigkeit, heiß und leidenschaftlich zu lieben. Margarita hätte um ihrer Liebe willen Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, die steilsten Höhen erklommen und die tiefsten Abgründe nicht gescheut, während Adelaide Cameron selbst um ihrer Liebe willen nie den reinen Sonnenschein verlassen hätte.
Es stieg in Margarita kein Gedanke an Verrath oder Niedrigkeit auf. Ihr über Alles geliebter Gatte theilte mit einer Andern ein Geheimniß, das sie nicht kannte, das mußte sie um ihrer Liebe willen ergründen. Der hohe, umfassende, großmüthige Glaube, das felsenfeste Berttauen — die edle Liebe, die über Verstehen glaubt, fehlten ihr. Sie hätte nicht die Folter, selbst nicht den Tod gescheut, um das Geheimniß zu erfahren, aber es kam ihr nicht in den Sinn, geduldig damit zu warten, bis ihr Gatte es ihr änvertraute, und dennoch war nicht die Neugierde, sondern nur die Liebe zu ihm die Triebfeder ihrer Handlungen.
Daß ihr das peinliche Ehrgefühl, durch welches sie verhindert worden wäre, ein Geheimniß zu erschleichen, das ihr nicht freiwillig anvertraut war, mangelte, war ein großer Fehler in ihrem Charakter. Die Tiefe ihrer Liebe war'bei ihr das Vorwiegendste.
An einem schönen Sommermorgen machte sie sich daran, die Ausführung ihres Planes reiflich durchzudenken. Zufällig hatte sie sich an das Fenster gesetzt, vor welchem Blumen und Laub sich zu einer natürlichen Laube wölbten. Sein Anblick rief ihr die Aeußerung ihres Gatten, daß er ihr liebliches Antlitz bei seiner Rückkehr dort wiederzusehen hoffte, lebhaft in's Ge- dächtniß zurück. Das sollte auch geschehen, sie wollte hierher zurückkehren, ehe er ankam — sie wollte Walton sogar an dem Tage, wo sie das Geheimniß entdeckt Hatte, gleich verlassen. Ach. und welche Wonne, wenn sie ihn dann mit frohen Nachrichten erwarten, wenn sie ihm entgegenrufen konnte: „Ich habe nicht geruht, während Du fern warst, ich bin nicht müßig gewesen, sondern habe angestrengt gearbeitet, und habe mit großer Mühe und unablässigem Grübeln Dein Geheimniß erforscht und ausgekundschaftet, wie Du Dein Vermögen wiedererlangen kannst!" O, wenn sie ihm mit diesen Worten entgegentreten könnte! Sie stieß einen leidenschaftlichen Schrei aus und streckte die Arme aus, als wäre er so nahe, daß sie ihn umsangen könnte. Das Bewußtsein wurde ihr immer klarier, daß sie für Ilie Erreichung diefes Zieles kein Opfer scheuen durfte.
Aber wie sollte sie es erreichen? Sie hatte sich eine schwere Aufgabe gestellt, doch sie mußte gelöst werden. Wie konnte sie als Fremde den Weg in Miß Cameron's Haus finden? Wie sollte sie die Stellung als Gesellschafterin erlangen, da sie weder Bekannte noch Empfehlungen irgend welcher Art besaß?
„Ich will mich nicht abweisen lassen," sagte sie sich. „Ich muß dort eine Stellung erlangen und wäre es auch nur als Hausmädchen."
Endlich fiel ihr auch ein, daß Lady Dayenant bereitwilligst Auskunft über sie ertheilen würde, denn sie war immer gut und freundlich gegen sie gewesen und hatte sie ungern gehen lassen, also konnte sie überzeugt sein, daß die Herrin der Laston-Abtei nur Vortheilhaftes über sie berichten würde.
Da diese eine große Schwierigkeit beseitigt war, erschien ihr alles Andere verhältnißmäßig leicht ausführbar. Sie wußte, daß Miß Cameron sich mit Madame de Valmy in London befand, es war also das Beste, wenn sie sich dorthin begab und sie aufsuchte.
Später war sie sehr froh, daß sie diesen Entschluß nicht zu eilig ausgeführt hatte, denn sie ersah bald darauf aus einem Bericht über die vornehme Welt, daß Miß Cameron sich im Hotel Ranegond in Cowes auf der Jnfel Wight befand. Sie fragte sich, ob sie es wirklich als eine direkte Schicksalsfügung ansehen wollte, daß sie durch die folgenden Zeilen die Nachricht von Sir Charles und Lady Dayenants Anwesenheit
in demselben Orte erfuhr, ihre erregte Phantasie war sehr geneigt, es dafür zu halten.
„Nun ich des göttlichen Segens bei meinem Vorhaben gewiß sein kann," sagte sie „brauche ich Nichts weiter zu fürchten."
Sie wollte also nach Cowes reisen und dort ihre Beziehungen zu Lady Dayenant erneuern. Die Kinder hatten immer sehr an ihr gehangen und sie zweifelte nicht, daß diese sie recht herzlich empfangen würden und Lady Dayenant konnte schon um ihrer Kinder willen sie nicht anders als freundlich aufnehmen. Wenn es dort dann bekannt wurde, daß Miß Cameron eine Gesellschafterin suche, so konnte sie sich gleich an Ort und Stelle um die Stellung bewerben. Lady Dayenant würde ihr sicher ihre Fürsprache nicht versagen, und so war Alles leicht ins Werk gesetzt.
Es war indeß noch manches Andere in Bettacht zu ziehen. Was sollte sie inzwischen mit ihrem Häuschen ansangen und wie sollte es mit der Korrespondenz mit ihrem Gemahl werden? Sie entschloß sich kurz, da sie in Handlungen ebenso rasch als in Ueberlegungen war. Ihr Hausstand sollte ganz unverändert weitergeführt werden, da sie die Kosten reichlich decken konnte und die Briefe sollten an das Generatt Postamt St. Martin-le-Grand geschickt werden. Von dort konnte sie sie selbst abholen oder abholen lassen — sie waren dort ganz sicher, und da sie nur alle zwei Monate höchstens einmal Nachricht bekam, konnte sie keinen verfehlen. Lord Rylestone hatte ihr gesagt, daß sie mit jeder Post einen Brief erwarten konnte, da der Graf von Barton viel im Lande umher zu reisen beabsichtige, und da sie sich vor allen Dingen nie über das Ausbleiben von Nachrichten beunruhigen möchte. Vielleicht brauchte ihre Abwesenheit vom Hause gar nicht lange zu währen. Es kam nun Alles darauf an, wie bald sie die Stellung erlangte, und wenn sie sie erlangt, wie lange sie sich dann in Walton aushalten mußte, ehe sie das Geheimniß entdeckte. Möglicherweise war sie nur einen Monat lang abwesend, es konnte aber eben so gut auch ein Jahr darüber hingehen. (Forts, folgt.)
Vermischtes.
(Die Durchschlagskraft der neuen Gewehre.) Ein interessantes Versuchsschießen hat kürzlich bei der Biebrich er Unteroffizier-Schule stattgefunden. Bekanntlich bestanden von jeher (und noch jetzt) Zweifel darüber, ob der Küraß den Kürassier vor feindlichen Geschossen zu schützen im Stande ist. Es wurde nun mit vier Arten Gewehren auf französische wie deutsche alte Kürasse auf 200 Meter (etwa 250 Schritt) geschossen, wobei sich folgendes Resultat ergab: Die Geschosse des alten Zündnadel- Gewehres, mit welchem die Kriege von 1866 und 70 ausgekämpft wurden, hinterließen auf den Kürassen kaum merkliche Eindrücke. Mit den beiden nächsten Gewehren M. 71 und M. 71/84 (sogenannte Mauser-Gewehre ohne, bezw. mit Magazin) wurden etwas tiefere Treffer auf den Kürassen wahrnehmbar, aber kein Schuß durchschlug dieselben. Dagegen wurden mit dem jetzigen Gewehr, dessen Geschoß mit einem Nickelmantel umhüllt ist, die Kürasse nicht allein durchbohrt, sondern eine Fläche von der Größe eines Markstückes aus dem Küraß mit fortgerissen. Hieraus ergibt sich, daß die Kürasse früher in den meisten Fällen geschützt haben und ein Durchschießen derselben vielleicht nur auf ganz kurze Entfernung stattgefunden hat. Gegenüber dem jetzigen Geschosse gewährt der Küraß nicht nur keinen Schutz mehr, sondern ist insofern sogar von Nachtheil, als nicht allein das Geschoß, sondern auch die von demselben mit fortgerissenen Theile des Kürasses in den menschlichen Körper eindringen werden. (Die Kürasse werden in Deutschland nur noch bei Paraden getragen.)
* (Etwas vom Biere). Der Direktor einer Münchener Brauerei sagt: Es ist nicht genug, gutes Bier in die Welt zu chicken, man sollte auch jeden Wirth und Trinker die Behandlung lehren! Wie wird verfahren? Viele Wirthe verstehen nicht einzuschänken und neun Zehntel der Trinker verstehen nicht zu trinken! Dem Bier muß seine Kohlensäure erhalten bleiben bis zum Munde des Trinkers. Durch die Kohlensäure nur allein bekommt das Bier gut. Wird sie durch verkehrtes Verfahren dem Biere entzogen, so hat es einen widrigen, faden Geschmack und liegt wie Blei im Magen, macht Kopfschmerzen und allerlei Uebelbefinden. Durch mehrmaliges Umgießen verflüchtet sich ebenfalls die Kohlensäure, desgleichen durch Erwärmung. Erste Bedingung ist: Berührung des Bieres mit der Luft oder Erwärmung zu vermeiden, so viel als möglich; das Bierglas muß dicht unter den Hahn gehalten werden. Verkehrt ist: das Einschänken tief unter dem Hahne und Auf- und Niederfahren des Glases oder gar Lust einzuspritzen, wodurch die Kohlensäure geradezu gemordet wird. Etwas Thörichteres oder Schlimmeres l ann dem Biere nicht angethan werden. Die meisten Trinker, die kein Berständniß haben, wollen aber viel Schaum sehen. Wirth und Trinker sagen bei viel Schaum: „Das ist ein Bier!" Das ist aber verkehrt. Das ist kein Bier.
* Der schönste Ton. Der berühmte Erbauer des Londoner Themsetunnels, Marc Jsambard Brunet, hatte eines Tages ein Geldstück verschluckt, als er seinem Söhnchen das Kunststück zeigen wollte, auf dem Teppich liegend einen hoch emporgeworfenen halben Sovereign mit dem Munde aufzufangen. Die Münze saß in der Luftröhre, Brunet mit Erstickung bedrohend, und alle Bemühungen der Aerzte zu ihrer Entfernung blieben vergebens. Da entschloß sich der große Chirurg, Sir Astley Cooper, angesichts der immer bedenklicher werdenden Symptome, den Lust- röhrenschnitt zu wagen, der damals noch äußerst selten ausgeführt wurde und als eine Operation auf Tod und Leben galt. Sie gelang jedoch vortrefflich, und der Arzt konnte durch den Einschnitt dem mit herabhängenden Kopfe liegenden Patienten das Goldstück in den Mund zurückstvßen. „Weber," sagte Brnnet nachher zu seinem Schüler M. M. v. Weber, dem Sohne des Freischütz-Komponisten, „junger Freund, was ist mir alle Musik Ihres Vaters gegen den Ton, als ich den halben Sovereign gegen meine Oberzähne klingen hörte!"