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Erhaltung und möglichste Förderung unseres Kleiubauernstaudes.

Diese Frage bildet unseres Erachtens unter den sozialen und sozial-politischen Fragen der Gegenwart die brennendste. Die Zahl der in Betracht kommenden Volksklasse allein redet schon eine deutliche Sprache. Gegen die Zahl der Kleinbauern bildet der Großgrund­besitz nur eine verschwindende Minderheit; selbst der mittlere Grundbesitz kann mit der Menge der Klein- grundbesttzer sich gar nicht messen. Unter den ver­schiedenen Klaffen unserer zahlreichen, wichtigen Acker­baubevölkerung verfügen die Kleinbauern relativ über eine erdrückend große Mehrheit und wahrscheinlich so- ;ar über die absolute unter ihren Standesgenosien. Will man wissen, was solche Thatsache in der Gegen­wart bedeutet? Mindestens sind jetzt noch 16 Mil« lic en unserer deutschen Bevölkerung dem Ackerbau zugehörig: von dieser gewaltigen Menge zählt die größere Zahl zu den Kleinbauern. Ist nur bloß dieser Theil der ländlichm Bevölkerung verloren oder gründlich erschüttert, dann ist das lang ersehnte, so heiß erstrittene Kampferziel der Sozial-Demokraten erreicht, die Hauptschlacht zu Gunsten der „Proletarier" entschieden. Sie besitzen alsdann in den zwei volk­reichsten Klassen des Landes, in der Industrie- und der Ackerbau-Bevölkerung, das erdrückende Uebergewicht. Und damit haben die „Proletarier" die gewaltige Mehr­heit unter den Bürgern und — unter den Wählern und Soldaten. Eine derartige Zahl läßt sich aber auf die Dauer von keiner äußern Macht niederhalten; und das ist am wenigsten möglich, wenn eine solche Bolksmasse trefflich organisirt, jahrelang im Kampf geübt ist, wenn sie ferner den verzweifelten Besitzlosen angehört, jeder Bande der Religion und des Pflicht« gefügte entfremdet und systematisch auf'S Aergste gegen „reiche Protzen und Unterdrücker" aufgehetzt wurde.

Aber nicht bloß der Zahl, sondern auch ihrer Lage nach erfordern die Angehörigen des Kleinackerstandes die sorgsamste Beachtung im gegenwärtigen Augenblicke. Durch ihren kleinen, bescheidenen Besitz sind sie schon an sich die nächsten Nachbarn deS schollen- und besitz­losen Proletariats. Unter einem so unbestreitbaren Gesichtspunkt ist die sorgsamste Erhaltung, Schonung und Kräftigung keiner einzigen Volksklasse so dringend nothwendig, wie die der Kleinbauern. Und nichts wäre unverständiger und kurzsichtiger in unserer gefahr­vollen Zeit, als diese Bolksllasse massenhaft dem Pro­letariat in die Arme zu treiben.

Leider hat man von Seiten der maßgebenden Fak­toren in der wichtigsten Zeit vielfach die Industrie mit allem Nachdruck einseitig gefördert; dagegen wurde dasjenige Erwerbsleben, auf dessen Schultern die ganze bisherige Geschichte unseres deutschen Vaterlandes sicher gestanden hatte, oft nur mit guten Worten vertröstet. Eine nie gesehene gewaltige Landflucht, die noch andauert trotz Sinkens der Industrie, trotz stärffter Abmahnung städtischer Zeitungen, ist die Folge davon. Diese unerhörte Landflucht bildet das unwiderleglichste Zeugniß von der starken Vernachlässigung des Acker-

Das verhiingnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

t ™ (40. Fortsetzung.)

21. Kapitel.

Waltoncourt war eine stattliche englische Besitzung, wo Kunst und Natur ihre besten Kräfte vereinigt zu haben schienen — wo Bäume und Blumen in der höchsten Vollkommenheit zu finden warm. Margarita staunte über den großm Park mit den hohm, ehrwür­digen Bäumen, die zum Theil auf Jahrhunderte zurück­sehen tonnten, über die grün bewachsenen Hügel und waldigen Thäler, über die sonnigen Rasen und über den Reichthum an Blumen und Farren. Unter den Bäumen erblickte sie malerische Gruppen von weidmden Hirschm. Sie betrachteten sie bei ihrem Heraunahen schüchtern und flohen in das Dickicht. Die Scmerie mtzückte sie sehr. Endlich erblickte sie auch zwischen den schlanken Baumstämmen des Parkes hindurch die grauen Thürme des Schlosses. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ihre Augen füllten sich mit Thränen.

„Das ist die Heimath meines Gatten," flüsterte sie leise. „Dies Alles gehört ihm!"

Sie erreichte bald ein zweites Wächterhaus, das sich am Eingang der Gärten befand. Von dort er­blickte sie eine Terrasse nach der andern, , deren jede in

bauers. „Lieber jedes Andere sein" als Bauer, der an sich schon einen so mühseligen Stand hat und dazu unausgesetzt noch immer mehr belastet und mit Scherereien bedacht wird: das ist die Stimmung zahlloser Bauers­leute von der rheinischen Ebene bis tief in die Berge hinein.

Daß diese gefährliche Stimmung unter den kleinen Ackersleuten am meisten herrscht, ist nicht auffallend. Ist überhaupt gegenwärtig der Bauernstand der am wenigsten verlockende, dann sind unter dessen Ange­hörigen die Kleinbauern doch die meist Geplagten und meist zu Bedauernden. Man bedenke, wie es möglich sein soll, daß unter den jetzigen ungewöhnlich erhöhten Lasten und Leistungen diese zahlreiche Volksklasse mit ihrer geringen Geldeinnahme, mit ihrer unsichern kleinen Ernte, mit ihren häufigen gefährlichen Wechselfällen im Biehstall die stets sichern hohen Lasten dauernd aushalte.

DaS Unnatürliche in dieser Lage der wichtigsten all' unserer Bolksklassen liegt auf der Hand. Man kann von Dorf zu Dorf Nachftage halten über die Verhältnisse der Kleinbauern. Ueberall hört man das­selbe: die Kleinbauern sind jahrelang unvergleichlich schlimmer daran gewesen, wie die so oft bedauerten Fabrikarbeiter. Sie hatten nie auch nur einen kleinen Theil des baaren Geldes, wie die Fabrikarbeiter, sie hatten niemals ein so reichliches und gutes Essen wie diese; Fleisch ist ihnen trotz ihrer mühseligen Arbeit eine Seltenheit. Sie können auch nicht in geschützten, warmen Räumen arbeiten, wie die Fabrikarbeiter. Sie müssen ferner, trotz ihrer knappen Geldeinnahme, wegen der unnatürlich langen und drückenden Schulpflicht ihrer eigenen Kinder schwere Löhne zahlen für Dienst­boten. Und für solche Löhne bekommen sie nur jüngere, also auch unerfahrene Dienstboten, da sie erfahrenere Dienstleute zu bezahlen nicht im Stande sind. Und bei ihrem mühseligen Leben und dem kleinen Grundbesitz tragen sie seit langen Jahren noch sehr bedeutende Ge­meindelasten, während flott verdienende Fabrikarbeiter, die das Vier-, Fünffache der Geldeinnahme hatten, die im Wirthshanse und bei zahlreichen Festen darauf los zehrten, meist an dm Lasten ungeschoren vorbeikamm. Kann eS da auSbleiben bei solch einem grellen, täg­lichen Gegensätze in demselbm Dorfe, daß die jüngere Generation mit Nothwendigkeit von dem armseligen, schlecht gelohnten und dab»r <0 schwer belasteten Bauern­leben zu dem verlockendm, freiem Fabrikleben hinge­drängt wird?

Da müßte man doch jegliche menschliche Erfahrung verkennen, wenn man den schließlichm AuSgang eines solchen Gegensatzes nicht voraus sähe. An keiner Stelle ist unter diesen Umständen die baldigste möglichste Er- leichtemng und Verbesserung so gebotm, wie bei diesem eben so gefährdetm wie uns ^ehrlichen Kleinbauern­stande. Und diese Erleichtemng wäre längst in manchen wichtigen Punkten leicht möglich gewesen, wenn nur gegenüber dem gedrückten Bauernstand die nöthige Rück­sicht und Kenntniß der Lage gewaltet hätte. Wir er­innern hier nur an die Unbegreiflichkeit, daß eine der zahlreichsten Volksklassen des Staates bei ihrer knappsten Lage, ihren hohen Steuerlasten, bei der drückendsten

der Farbenpracht der verschiedenartigsten Blumen prangte, sie sah das Glitzern der Fontaineu, die ihre Strahlen hoch empor in die sonnenbeleuchtete Luft sendeten; sie bewunderte die grünen Rasenplätze mit den Gruppen von schlankm Gebern und graziösen Birken. Sie blickte gedankenvoll durch das eiserne Gitter und überlegte, wie schön das Alles fei und wie schwer ihm von hier das Scheiden geworden sein mußte. Als sie dort stand, kam eine Frau aus dem Wächterhause und vemeigte sich tief, als sie die Fremde erblickte. Sie erkannte sie trotz des einfachen Anzuges und des dichten Schleiers doch sofort als eine vornehme Dame.

„Wünschen Sie die Gärten in Augenschein zu neh­men?" fragte sie ehrerbietig, und Lady Rylestone er­widerte bejahend.

„Der Eintritt wird Fremden zuweilen gestattet, sie dürfen sogar das Schloß besichtigen, wenn die Herr­schaft abwesend ist."

„Ist die Herrschaft augenblicklich abwesend?" fragte Lady Rylestone.

„Ja, und gestern hat die Haushälterin eine fremde Gesellschaft im Schlosse umhergeführt. Man hält es für eines der schönsten in England."

Margarita gab der Frau ein so reichliches Trink­geld, daß ihre Augen vor Freude funkelten.

„Ich würde auch gern das Schloß sehen," sagte sie

Roth an ländlichen Arbeitern der Hilfe der Kinder so ungemessm lange durch die Schulpflicht beraubt wird.

Aber nicht nur Erleichterung, sondern auch kräftige, durchgreifende Aufbesserung des Kleinbauernstandes thut jetzt durchaus noch. Allseitig ist in jüngster Zeit die Nothwendigkeit betont worden, daß unbedingt der zu große Zufluß zu der städtischen Arbeitermasse wieder zurück auf's Land und wieder an den Schollenbau umgesiedelt werden müsse. Wer glaubt nun wohl, daß eine Arbeiterbevölkerung, die an zahllose Annehmlich­keiten und Vergnügungen des städtischen Lebens ganz und gar gewöhnt ist, sich durch bloße Worte aus das weit abstechende ärmere Land und gar in das ge­plagteste ärmlichste Leben des Kleinbauern hinauslocken ließe? Man wird noch eine Unmasse Druckerschwärze unnütz zu solchen Verlockungen vergeuden und noch viele Jahre in Städten zur Winterszeit arbeitslose Volks­massen mit hohen Summen ernähren müssen, d man das Leben des kleinen Schollenbauers ni mit allem Ernste besser und lohnender gestaltet. Und diese Aufgabe ist Gott sei Dank in der Gegen­wart auch weit eher wie früher erreichbar. Und ,iLei würde Staat und Stadt und Industrie, ferner ie Leistung des d W-* Bodens, die bedeutend erhöhte Erzeugung von ,^. .sch und den andern wichtigen Nährmitteln, der National-Reichthum, ein regeres Ge­schäftsleben, eine erhöhte Festhaltung unserer über- schüssigen Bevölkerung, kurz: die wichtigsten Gebiete des nationalen Lebens gar nicht übel fahren. Der Klein- schollenbauer, namentlich derjenige der zahlreichen Par­zellenbesitzer, kann sein Stückchen Land durch sorgfältiges Umgraben u. s. w. unvergleichlich besser bearbeiten und also durch gartenmäßige Kultur viel bessere Erttäge erzielen, wie die Besitzer größerer Ackerflächen. Würde nun dieser Klasse von Leuten in verständigster Weise in etwa nachgeholfen, dann wird von selbst sowohl der unnatürliche Zufluß zur Stadt gehemmt, wie auch der Rückfluß in natürlichster Weise angebahnt. Ist ober ein Mal das richtige Geleise geebnet, bann wird der natürliche Verlauf der Dinge schon selbst die weitere Regelung besorgen, und dies wird um so kräftiger und dauernder erreicht, je mehr zu dieser wichtigen Wieder­herstellung des Gleichgewichts im Bolkskörper in kluger Weise Nachhilfe gewährt wurde. Wo aber wären mit geringem Geldmitteln größere, für jetzt unersetzlichere Ziele für unfern Staat und die ganze Gefellfchaft zu erreichen, als hier, wo der gefährliche Zuzug zur Stadt dauernd gehemmt und auch zahllose Elemente aus dem gefährlichsten Proletarierleben als seßhafte Mitglieder dem Schollenbau wieder gewonnen und der geordneten bürgerlichen Gesellschaft zurückerobert würden? (K. Bztg.)

Deutsches Keich.

Berlin, 18. Juli.

* Bezüglich der Sperrgeldverwendungs-Kom- misfion wird der ,Schl. Bztg.'' von wohlinformirter Seite Folgendes mitgetheilt: Die Notiz einer Reihe von Blättern, daß alle Sperrgeldverwendungs-Kommissionen ihre Arbeiten beendet haben, ist nicht richtig. Es ist

freundlich. „Wird man sich wundern, wenn eine Dame allein es zu sehen wünscht, oder wird man mich darin umherführ en ?"

„Unbedingt. Es kommen oft Herren und auch Damen allein, wenn sie im Allgemeinen auch in größerer Gesellschaft umhergeführt werden."

„Ich war in Lutdale und hörte dort so viel von der seltenen Schönheit des Schlosses, daß ich herüber­kam, um es zu sehen," sagte Lady Rylestone.

„Das' thnn sehr Viele," bemerkte die Fran, als sie mit dem Schlüssel aus dem Hause trat und das riesige Gitter ausschloß, und dann trat Margarita ungehindert in den engeren Kreis ihrer Heimath ein.

Die Lust schien ganz von dem Duste seltener Blumen erfüllt. Sie sah unter den Blumen ausländische Vögel hin und her flattern, sie vernahm das Rauschen der Fontaineu und daS Girren der weißen Ringeltauben. Wie heiter und schön erschien ihr das Alles! Wie theuer mußte ihm diese Heimath gewesen sein!

Das Schloß selbst war ein prachtvolles, ans grauem Stein errichtetes Gebäude, dessen großartiger Eindruck noch durch die zahlreichen Thürme und Thürmchen, die es schmückten, erhöht wurde. Vor den hohen Glas- thüren waren graziöse eiserne Ballone angebracht, auf denen scharlachrothe Blumen prangten. Auf der Terrasse gerade vor ihr sah Margarita, wie stolze Pfauhähne