JW 162
Dienstag, den 19. Juli 192.
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Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Slerne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
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Pp. Praktisch-sozialer Kursus.
Zur Hebung und Förderung der sozialen Studien und praktisch-sozialen Bestrebungen beabsichtigt der Volksverein für das katholische Deutschland in der zweiten Hälfte des Monates September ds. Js. in M. - Gladbach eine Reihe wifsenschaftlicher und praktischer Vorlesungen zu veranstalten. Dieselben sind aus den Zeitraum von zwei Wochen berechnet, in der Weise jedoch, daß der Montag der ersten und der Samstag der zweiten Woche ausfällt. Täglich finden Morgens drei Vorträge von je einer Stunde statt; Nachmittags sollen bewährte Wohlfahrtseinrichtungen, Hospize, Fabrikeinrichtungen, Vereinshäuser, Arb-iter- wohnungen, Haushaltungsschulen u. A. m. besucht werden. Der Abend wird bei geselliger Zusammenkunft Gelegenheit bieten zu freier E-örterung interessanter einschlägiger Fragen.
Die Vorträge sind so gewählt worden, daß alle wesentlichen Fragen des weiten sozialen Gebietes in ihrer grundsätzlichen Bedeutung, jedoch stets im innigsten Anschlüsse an die Praxis behandelt werden. Es ist gelungen in den einzelnen Fragen bewährte Fachmänner, Geistliche und Laien, für die Vorträge zu gewinnen, und darf deshalb die vollste Beherrschung des Stoffes als gesichert angesehen werden. Zugleich wird der Verkehr zwischen Vortragenden und Theil- nehmern die Anknüpfung dauernder persönlicher B ziehungen zum Zwecke gegenseitiger Anregung uno Fühlung ermöglichen und so auf die Einigung und Organisirung der auf sozialem Gebiete thätigen Kräfte hinwirken.
Gedruckte Skizzen, welche den Inhalt der Vorlesungen in gedrängter Kürze enthalten, sollen den Theil- nehmern in die Hand gegeben wechen und dieselben der Mühe des Riederschreidens entheben. Eine Bibliothek sozialer Werke, welche vom Volksvereine eingerichtet wird, steht den Theilnehmern zur freien Verfügung.
Als Teilnehmer sind in erster Linie jüngere Geistliche, speziell Präsides von Arbeitervereinen, Seminaristen und Theologen in Aussicht genommen. Weiterhin sind aber auch Juristen, Publizisten, Verwaltungsbeamte, Söhne von Arbeitgebern, Direktoren, Ingenieuren u. s. w., kurz alle, welche sich sür die Fragen inter- essiren und nach ihrer Vorbildung im Stande sind, solchen Vorträgen zu folgen, sehr willkommen.
Für ein gutes Unterkommen der Theilnehmer wird in jeder Weise Sorge getragen werden. Alle Anfragen wolle man an die Centralstelle des Volksvereins in M.-Gladbach richten, welche bereitwilligst jede gewünschte Auskunft ertheilt.
Deutsches Keich.
Berlin, 16. Juli.
* Eine amtliche Bekanntmachung betreffend Maßregeln zur Abwehr der Choleragefahr steht dieser Tage bevor. Wie im Jahre 1866, so sollen auch diesmal Verkehrshemmungen möglichst vermieden werden, da
Das verhiingnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(39. Fortsetzung.)
Das Durchlesen dieser Briefe gab nun vollends den Ausschlag — sie beschloß zu reifen. Plötzlich stieß sie auf einen Satz, der sie befremdete: „Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie dankbar ich es empfinde, daß Niemand um das Geheimniß des Testamentes weiß."
Wäre LordRylestone klug gewesen, so hätte erden Bries, der diese Worte enthielt, gleich nach dem Empfange zerstört. War doch der Inhalt der Testamentsklausel gerade das, was er seiner Gattin vor Allem zu verbergen wünschte. Sie war schon so leicht erregbar bei dem Gedanken, daß sie ihm ein Hinderniß aus seinem Lebenswege sei, daß er allerdings sehr streng vermied, sie je die Wahrheit durchschauen zu lassen. Er wußte sehr wohl, daß, wenn sie ihr jemals enthüllt würde, ihr Lebensglück vollständig untergraben sei. Es war eine Unvorsichtigkeit von ihm, jenen Brief überhaupt aufzubewahren, die er sich später nie verzechen konnte.
„Das Geheimniß des Testaments?" sie wiederholte sich die Worte wieder und wieder. Was konnte das für ein Geheimniß fein? Es handelte sich dabei doch
Landquarantänen nicht zu dem erstrebten Ziele fiihren und das Uebel eher verschlimmern.
* Der preußische Handelsminister hat unter'm 9. d. M. an eine Anzahl industrieller Vereine einen die Frage einer in Berlin etwa zu veranstaltenden Weltausstellung betreffenden Erlaß gerichtet. Es wird darin auf das Vorgehen des Handelstages und einer Anzahl Berliner Vereine Bezug genommen; alsdann heißt es: „Ein klares Urtheil aber darüber, ob die vaterländischen Großindustriellen, ohne deren energische und opferbereite Mitwirkung eine große Ausstellung überhaupt unmöglich ist, nicht bloß die Veranstaltung einer deutschen Weltausstellung wünschen, sondern sie auch selbst beschicken wollen, gewähren diese Vorgänge nicht. Eine unzweideutige Aeußerung der preußischen Großindu- striellen über die gestellten Fragen liegt aber bisher nicht vor." Die Vereine werden ersucht, schleunigst festzustellen, ob die ihnen angehörigen preußischen Großindustriellen eine Weltausstellung in Berlin wünschen und sich an derselben betheiligen wollen. Zu dem Zwecke werden den Vereinen Fragebogen zur Verfügung gestellt, welche kurz und bündig wie folgt lauten: „Eure rc. werden auf Anregung des Herrn Ministers für Handel und Gewerbe gebeten, sich hierunter darüber kurz zu erklären, ob S'.e die Veranstaltung einer Weltausstellung in Berlin als int Interesse Ihres Betriebes liegend erachten und ob Sie geneigt sind, sich an einer solchen zu betheiligen. Sie wollen diesen Bogen mit Ihrer Antwort versehen gefälligst umgehend an uns zurücksenden."
* Die vom 5. bis 15. August zwischen Wilhelmshaven und Cuxhaven stattfindenden Flottenmanöver, denen der Kaiser beiwohnt, werden sich u. A. auf Landungsversuche erstrecken, die in größerem Umfange, als vor 2 Jahren vorgenommen werden sollen. Die Jnfänterieregimenter *75 und 76, sowie das Pionierbataillon Nr. 9 nehmen daran Theil.
* Offiziös wird mitgetheilt, daß die Vorstadien des Entwurfs einer neuen Mililärstrafprozeßorduung noch nicht abgeschlossen sind. Damit erledigen sich die durch die Blätter gemachten Angaben über den Inhalt des Entwurfs.
* Das Gesetz betreffend den Schutz elekuffcher Anlagen, welches der Reichstag in wesentlich veränderter Fassung angenommen hatte, ist vom Bundesrathe bis auf Weiteres zurückgestellt worden.
* Bei der Ausführungskommission der deutschen Antisklaverei-Lotterie ist ein Telegramm aus Ostafrika eingegangen, nach welchem Baron Fischer am 4. Mai in Ukumbi am Biktoriesee angekommen ist. Dasselbe meldet ferner, daß am 5. Juni die verbündeten Truppen der Station Tabora und der Expeditionen des Grafen Schweinitz und des Kapitäns Spring auf die befestigte Stadt Quikoro des bekannten deutschen feindlichen Häuptlings Sikki einen Angriff gemacht und dieselbe nach hartem Kampfe mit einem Verluste von 3 Tobten und 8 Verwundeten genommen haben, daß Graf Schweinitz in diesem Kampfe schwer verwundet worden sei, daß die letzten Nachrichten über sein Befinden jedoch leidlich feien. Graf Schweinitz, Kapitän Spring und
unbedingt um irgend etwas, das ihren Gatten mit der jungen Erbin in Verbindung brachte und wovon sie beiderseits Kenntniß hatten, ohne daß irgend ein Dritter darum wußte. Ein sengender Strahl der Eifersucht schoß durch ihr Herz. Warum hatte Allan ihr dieses Geheimniß nicht anvertraut? Sie zweifelte nicht an ihm — dazu war ihre Liebe zu groß — aber sie war im hö i sttn Grade erstaunt. Warum hatte er ihr nie gesagt, daß das Testament besonderen Inhalts war. Um was in aller Welt konnte es sich nur handeln? All n hatte nie auch nur die leiseste Andeutung davon gemacht.
Dann erinnerte sie sich des eigenthümlichen Zufalls, daß sie immer in Betreff des Geldes einen Verdacht gegen Miß Cameron gehabt hatte. Lord Rylestone hatte den Gegenstand stets vermieden; wenn sie daS Gespräch darauf brachte, war er auSgewichen, und doch hatte sie deutlich herausgefühlt, daß irgend etwas Ungehöriges dabei war, ohne zu wissen, in wiefern und waS.
„Das Geheimniß deS Testaments!" Daß Lord Ryleston sein Vermögen auf Grund des Testaments entzogen und daß es an Miß Cameron gefallen war, unterlag keinem Zweifel, darauf konnte sich das Geheimniß also nicht beziehen. Was Anderes konnte es aber sein? Sie las die Briefe noch einmal sorgfältig
Lieutenant Meyer würden voraussichtlich einige Zeit in Tabora bleiben müssen.
* lieber die Aussichten der Philologen in Preußen wird geschrieben: Nach den amtlichen Angaben haben in den letzten zehn Jahren 5170 Kandidaten das Examen für das höhere Lehramt in Preußen bestanden, während in demselben Zeiträume nur rund 2000 zur definitiven Anstellung als ordentliche Lehrer gelangten. Darnach würde ein Ueberschuß von mehr als 3000 Kandidaten vorhanden sein, wenn nicht sehr viele, durch Noth gedrängt, es vorgezogen hätten, in anderen Stellungen, sei es an Mittelschulen, Seminarien, höheren Töchterschulen oder Privatiustituten, ein ihrer Vorbildung und ihren Wünschen gewiß nicht entsprechendes Unterkommen zu suchen. Thaffächlich sind nach den Angaben des Kultusminffteriums augenblicklich noch über 1900 Kandidaten vorhanden, die auf Anstellung im Staatsdienste warten, eine Summe, die für mehr als neun Jahre, wenn gar kein Zuwachs hinzukäme, den Bedarf vollständig decken würde. Danach kann der jetzige Abiturient sich ungefähr ausrechnen, daß er in diesem Jahrhundert nicht mehr zur Anstellung gelangen wird.
• Aus der Rheinpfalz, 16. Juli. Der pfälzische Centrumsverein veranstaltet am 4. September, also unmittelbar nach dem Mainzer Katholikentag, eine Katholikenversammlung m Speyer. Herr Reichstagsabgeordneter Dr. Lieber hat bereits sein Erscheinen zugesagt.
Ausland.
* Zum französischen Nationalfest ist noch nachzutragen, daß dasselbe diesmal der „Verbrüderung" Frankreichs mit Rußland Ausdruck verlieh. Die Gebäude waren zumeist mit französischen und russischen Fahnen geschmückt, ja die Albernheit ging so weit, daß die Cocarden, welche in den Straßen verkauft wurden, zur Hälfte die französischen, zur anderen Hälfte die russischen Farben trugen. Ebenso waren nicht nur die Fuhrwerke, sondern auch die Pferde mit kleinen russischen Fähnchen geschmückt. Allerdings betheiligen sich die öffentlichen Gebäude, Ministerien, Museen, Kasernen u. s. w. nicht an dem Unsinn; — ob das offizielle Frankreich aber wohl deshalb nicht rufsophil ist!
* Gens, 15. Juli. Die Beerdigung der bei der Katastrophe von St. Gervais Verunglückten fand gestern in verschiedenen Gemeinden statt. Die Ceremonie war in ClnseS und in Sallanches sehr ergreifend. In St. Gervais hatte man große Mühe, zur rechten Zeit die Gruft herzustellen und die Särge zu beschaffen. Um 6 Uhr wurden 21 aus Tannenholz verfertigte, nur unvollkommen mit seichtem weißem Zeug überzogene Särge in die Kirche gebracht und um den bescheidenen Katafalk gestellt. In den Särgen lagen 22 Opfer der Katastrophe; in einem befanden sich Mutter und Kind, welche man nicht getrennt hatte: Letzteres lag in den Armen der Mutter. Eine Menge Landleute hatte sich eingefunden und nachdem die Todtengebete gesprochen waren, setzte sich der Trauerzug unter strömendem Regen in Bewegung. Die Särge wurden neben einander
einen nach dem andern durch, fand nicht die geringste Andeutung, nicht ein Wort, das den geheimnißvollen Satz erklärte, nicht einen leisen Wink weiter über seine Bedeutung. Es war überhaupt an keiner anderen Stelle von Geldangelegenheiten die Rede.
„Das Geheimniß des Testaments! Ich verliere entschieden den Verstand, wenn ich weiter darüber nachgrüble", sagte sie sich. „Was soll das heißen? War das Testament etwa gefälscht oder ungiftig? Wenn ich keinen anderen Lebenszweck und keine andere Beschäftigung mehr haben sollte, fortan muß es meine Aufgabe sein, die Lösung dieses Geheimnisses ausfindig zu machen. Sollte Lord Rylestone ungerecht behandelt worden sein? Min, das ist unmöglich, dann würde Miß Cameron unbedingt nicht so harmlos der Sache in ihrem Briefe Erwähnung thun."
„Das Geheimniß des Testaments!" Wohin sie auch sah, woran sie auch dachte, was sie unternahm: diese Worte verfolgten sie überall hin, sie schienen ihr wie ein Brandmal ausgeprägt. Welchen Inhalts konnte das Geheimniß sein, das ein anderes Weib mit ihrem Gatten theilte und von dem sie absichtlich ausgeschlossen war? Sie wünschte in ihrer krankhaften, entsetzlichen Eifersucht glühend, ihr daS Geheimniß zu entreißen. Welches Recht hatte eine Sterbliche, die Vertraute