Donnerstag, den 14. Juli 1892
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Bismarck. Der Kaiser und Caprivi werden kräftig ins Unrecht gesetzt. Vergessen ist nur die Erwähnung der Sticheleien und Nörgeleien, welche der Exkanzler vom Tage seiner Entlassung an selbst gegen die höchste Person des Reiches in Zeitungsartikeln und Reden gerichtet hat; Aeußerungen, welche unabhängige Blätter veranlaßten, an seine monarchischen und patriottschen Gesühle zu appelliren; welche auch Caprivi zu der Depesche vom Juni 1892 veranlaßten. Vergessen ist auch die Erwähnung des Umstandes, daß einzig und allein Bismarck selbst durch seine fortwährenden Herausforderungen die Veröffentlichung derAkten- stücke im .Reichsanzeiger' herbeigeführt hat. Es wird dem von Selbstsucht verblendeten Manne nicht gelingen, das Urtheil der Geschichte zu seinen Gunsten zu trüben. Wem er mit dem von ihm in frivolster Weise herbei- geführtm Skandal nützt, das sind nicht nur unsere Feinde im Auslande, sondern auch die Feinde der Ordnung im Jnlande.
Gebrauch wurde dem verabschiedeten Kanzler nicht die einstweilige Fortführung der Aemter bis zur Ernennung eines Nachfolgers aufgetragen, fondern der Nachfolger erschien alsbald im Hause, nahm Besitz von den Geschäftsräumen und nöthigte so seinen Vorgänger, damit der Empfang der Botschaften nicht gewifser- maßen auf den Treppenstufen nöthig wurde, Hals über Kopf die Räume zu verlafsen. Fürst Bismarck war buchstäblich nicht im Stande, ordentlich einzupacken, hat beim überstürzten Umzug eine Menge Eigenthum verloren und kam sich und den Seinen vor, etwa wie eine deutsche Familie, die im Jahre 1870 aus Paris ausgewiesen worden." Die ,Westd. Allg. Zig,' fährt dann fort: „Herr v. Caprivi war Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. Fürst Bismarck existirte nur noch als Herzog von Lauenburg. Zwei Monate, nachdem der Kaiser Wilhelm II. die Hoffnupg ausgesprochen hatte, den bewährten Rath des Fürsten Bismarck sich und dem Reiche zu erhalten, schreibt Herr von Caprivi an die deutschen Botschaften rc. sie möchten die Regierungs-Auffassung vertreten und verbreiten, daß den Anschauungen des Fürsten Bismarck ein aktueller Werth nicht beizumessen sei. Wir wissen, daß Fürst. Bismarck von diesem Rundschreiben des Herrn von Caprivi sofort nach Erlaß Kenntniß erhielt. Weiter wird dann aufgeführt, daß die Gerüchte von der Ausföhnnng Bismarck's mit dem Kaiser von der Regierung ausgegangen seien, wobei die Sache so dargestellt wäre, als ob Bismarck etwas abzubitten habe. „Diese ganze Mache war nur auf eine Abschwächung der Volkskundgebungen zu Ehren Bismarck's berechnet und schlug gründlich fehl. Fürst Bismarck ließ die Welt wissen, daß er sich keiner Verfehlung gegen den König, keines Versehens gegen das Reich bewußt sei. Und nun erfolgt, was niemals hätte erfolgen, am allerwenigsten aber jemals hätte bekannt gegeben werben .bürgen: die Depesche des Grafen v. Caprivi an den Prinzen Reuß vom 8. Juni 1892, worin Letzterem aufgegeben wird, der Meinung entgegenzutreten, als habe Fürst Bismarck auf die Leitung der Geschäfte wieder irgend welchen Einfluß gewonnen, und ihm befohlen wird, sich dem Fürsten gegenüber auch in Bezug auf die persönlichen Beziehungen der Gesellschaftssitte zu entschlagen. . . . Nachdem Graf Caprivi zu diesen Veröffentlichungen, über welche das deutsche Volk und die Geschichte richten werden, sich entschlossen hat, wird er wohl auch keinen Anstand nehmen, den Wortlaut des „Entlassungsgesuchs" des Fürsten vom 18. März 1890 bekannt zu geben, damit ein Urtheil darüber möglich werde, eine wie zutreffende Antwort auf dasselbe die Kabinets-Ordre gewesen ist, durch welche Fürst Bismarck seiner Aemter entsetzt wurde, die er, gut oder schlecht, so lange Jahre geführt hatte."
Es ist klar, daß Bismarck den Streit auf die Spitze treiben will. Auf Caprivi — über den er selbst wiederholt sich höchst lobenswerth ausgedrückt hat, schlägt er, und den Kaiser meint er. Wenn man den Artikel seines Kölner Organs gelesen Hat, sollte man sagen, daß kein Engel so rein wäre, wie das Kind hat," erwiderte er unbekümmert und fuhr dann fort: „Margarita, Du sagtest mir früher einmal, daß Du nicht gerne Briefe schriebest."
„Ich thue es auch an keinen Andern als an Dich gern," bekannte sie.
Er lachte über diese Aeußerung.
„Wenn Du später einmal Zeit hast, würde es mir lieb sein, wenn Du Miß Camerons Briefe durchfähest, sie sind so prächtig, so fließend und spannend geschrieben. Sie scheint eine besondere Fertigkeit darin zu besitzen, aus dem kleinsten Vorfall ein interessantes Er- eigniß zu machen. Du mußt sie durchaus lesen.
„Ich werde sie durchlesen," versprach sie.
„Du wirst daraus Ausführlicheres über Walton erfahren, als ich Dir erzählen kann," fuhr er fort. „Ich glaube, es befindet sich kein schattiger Winkel, fein ehrwürdiger Baum, kein rieselnder Bach da, dessen Miß Cameron in ihren Briefen nicht erwähnt. Du wirst den ganzen Ort aus ihren Briefen genau kennen lernen. Ich habe sie zwar nicht besonders gesammelt, Du wirst die meisten aber noch in meinem Briefständer finden."
„Ich werde sie zusammensuchen und nach Deiner Abreise lesen," erwiderte sie gelassen.
Wenn je ein Funke der Eifersucht in ihr Herz gefallen war, so mußte er durch sein Verlangen, daß sie
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Berlin, 12. Juli.
* Die englische .Allgemeine Korrespondenz' meldet: Der deutsche Kaiser wird in den Cowes Roads am 1. August erwartet. Se. Majestät kommt nicht als Gast der Königin sondern will nur den Regatten deS Könizl. Jacht-Geschwaders beiwohnen. Bei der Wettfahrt um den Pokal der Königin wird er selbst den „Meteor" befehligen. Im vorigen Jahre wurde der Kaiser bekanntlich zum vollzähligen Mitglied deS Königl. Yacht-Geschwaders erwählt. Er beabsichtigt jetzt, das Festmahl des Klubs, welches am 2. August im Schloß in West-Cowes stattfindet, durch seine Gegenwart zu beehren. Am Tage der Ankunft wird er bei der Königin speisen. Der Herzog von York wird seinen kaiserlichen Vetter am 3. August an Bord des Melampus" bewirthen. Wahrscheinlich wird Se. Majestät am 5. August dem Herzog von Connanght in Portsmouth einen Besuch abstatten. Der Kaiser dürfte am Sonnabend, den 6. August, die Rückreise von Cowes nach Wilhelmshaven antreten.
* Eine Entschließung über das Berliner Wcttaus- stellungsprojett ist erst nach der Rückkehr des Kaisers von seiner Nordlandreise zu erwarten.
* Die sozialdemokratische Agitatorin Agnes Wabnitz wurde gestern vom Berliner Landgericht wegen wiederholter Majestätsbeleidigung und Beschimpfung von Einrichtungen der christlichen Kirche zu 10 Monaten Gefängniß verurtheilt. Sie verlangte eine Frist von 14 Tagen, um ihre Angelegenheiten zu ordnen, da sie sich gelobt habe, im Gefängniß weder zu effen noch zu trinken. Der Vorsitzende erklärte indeß, daß ihre fo- fortige Verhaftung bereits beschlossene Sache fei; sie könne sich Weiteres ja noch im Gefängniß überlegen.
* Die Meldung von der Abberufung des ftanzöfi- schrn Generalkonsuls i« Leipzig, Jacquot, wegen der von ihm inscenirten Wirthshausschlägerei ist verfrüht. Jacquot ist behufs seiner Verantwortung vom französischen Botschafter nach Berlin beschieden worden, jene Briefe lese, unbedingt erstickt werden. Sie mußte jetzt über sich selbst lächeln, und dennoch wich die unbestimmte Furcht vor Adelaide Cameron nicht von ihr.
Ehe Lord Rylestone seine beabsichtigte Reife nach London machte, mußte er zuerst dem Grafen von Barton die Aufwartung und dann einige Gefchäftsachen erledigen. Unter Änderm sprach er auch bei Mr. Beale vor.
„Ich habe unsere schöne Erbin noch vor einigen Tagen gesehen," erzählte ihm der Advokat. „Sie wird allgemein bewundert. Unter uns gesagt, heißt es, daß der Marquis von Hedington in sie verliebt ist. DaS wäre eine brillante Parte für sie, denn er ist ein sehr bedeutender Mann." .
Meiner Ansicht nach könnte sie keine glücklichere Wahl treffen," versetzte Lord Rylestone; „Miß Cameron ist so schön, daß fte des Reichthums nicht werter bedarf; da sich aber Beides bei ihr vereinigt, muß sie unwiderstehlich sein." . „ .
„Ich wollte, daß sie Sie in dieser Werse beetn» flußt hätte, Mylord," sagte der alte Mann mit einer Verbeugung.
Lord Rylestone lachte.
„Den Wunsch wird der Marquis von Hedington sicherlich nicht theilen," bemerkte er. „Ich freue mich ihres Erfolges von Herzen, denn sie verdient ihn in der That."
* Wie er entlassen wurde
-läßt Fürst Bismarck jetzt in der zu Köln erscheinenden ,Westd. Allg. Zig.' erzählen. Bereits in den letzten Tagen hatte dies Blatt wiederholt bestritten, daß Bismarck ein Abschiedsgesuch eingereicht habe. Ersichtlich als Antwort auf die Veröffentlichung der beiden Aktenstücke im ,Reichsanzeiger' erzählt jetzt das Kölner Bismarckblatt Folgendes: „Am 17. März 1890 schickte Kaiser Wilhelm Morgens früh den General von Hahnke zu Bismarck mit dem Auftrag, der Kaiser erwarte das Entlassungsgesuch des Fürsten. Letzterer erklärte dem General, er würde aus rein politischen Erwägungen es für eine Gewissenlosigkeit gegenüber dem Kaiser wie dem Vaterlande halten, unter den gegebenen Verhältnissen fahnenflüchtig zu werden. Wolle der Kaiser ihn absetzen, so bedürfe er nicht eines Abschiedsgesuchs; der Kaiser habe dazu das uneingeschränkte Recht. Aber er, Bismarck, könne nicht seine politische Laufbahn mit einem Akte beschließen, dessen Folgen er für das größte Unglück halten müßte, von welchem zur Zeit unser Volk betroffen werden könne. Am selben Tage noch erschien im Reichskanzleramte der Chef des Civil- Kabinets von Lucanns mit dem direkten Befehl des Kaisers an Bismarck, bis zu einer bestimmten Stunde sein Entlassungsgesuch zu unterbreiten. Der Kaiser hatte dem Fürsten antragen lassen, ihn zum Herzog von Lauenburg zu machen, worauf Bismarck erwiderte, das hätte er schon lange werden können. Der Abgesandte glaubte dem Fürsten die Versicherung geben zu können, der Kaiser mache sich verbindlich, daß dem Fürsten zur standesgemäßen Führung des Herzog- ranges eine Dotation bewilligt werde. Der Fürst meinte, er habe eine solche Laufbahn hinter sich, daß man ihm nicht zumuthen könne, einer Gratifikation, wie sie eifrigen Postbeamten zu Neujahr zu Theil Werbe, nachzulaufen. Dem durch Lucanns bestimmt überbrachten Befehl des Kaisers konnte Bismarck nichts mehr entgegenhalten, als die Erklärung, in der ihm Ungeschriebenen, so kurz bemessenen Zeit ein Schriftstück von solcher Tragweite nicht unfertigen zu können. Er sei bereit, seine schlichte Absetzung sofort zu unterzeichnen. Zu einem Abschiedsgesuch, welches das letzte amtliche Schriftstück eines um die Krone Preußens einigermaßen verdienten Ministers bilden müsse, bedürfe er längerer Zeit. Das sei er sich und der Geschichte schuldig. Fürst Bismarck schrieb darauf vom 18. zum 19. März eine eigenhändige Eingabe an des Kaisers und Königs Majestät, worin er die politische Lage und die Gründe erörterte, welche ihm den Rücktritt trotz seiner Jahre und seiner Gesundheitsverhältnisse als im Staatsinteresse allein nicht erlaubt erscheinen ließen. Der Kaiser erhielt dieses umfangreiche Schriftstück erst gegen Mittag des 20. Wenige Stunden nachher überbrachten dem Fürsten die beiden Unterhändler vom Civil- u. Militär- Kabinet, v. Lucanns und v. Hahnke, die Entlassung. Zugleich wurde dem Fürsten auch die Ernennung zum Herzog von Lauenburg als Beweis besonderen königlichen Dankes zugefertigt. „Entgegen allem sonstigem
Das verhängnisvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(35. Fortsetzung.)
Er beabsichtigte, ehe er sich nach Kanada einschiffte, noch einige Tage in London zu verweilen, und wollte Miß Cameron dann, wie er ihr schon geschrieben hatte, seine Aufwartung machen. Es sollte nur ein rein geschäftlicher Besuch sein; er hatte noch einige Dokumente mit ihr'durchzusehen, und sie mußte verschiedene Inventare unterzeichnen, ehe sie die Pachtung rechtskräftig Übernehmen konnte, und das Alles beabsichtigte er bei seinem Besuche mit ihr zu ordnen. Wenn er nicht so völlig frei von aller Eitelkeit gewesen wäre, hätte er unbedingt aus Adelaides Antwort ersehen muffen, wie sehr die Nachricht von seinem Kommen sie erfreut hatte. Sie schrieb und bat ihn, mit ihnen zu biniren und ihnen den Abend zu schenken, damit sie Alles, Was in seiner Abwesenheit geschehen sollte, recht gründlich besprechen könnten.
Lord Rylestone legte seiner Gattin diesen Brief vor, beachtete aber den tiefen Schmerzenszug nicht, der inbeffen über das schöne, südlich gefärbte Antlitz glitt.
„Allan, Miß Cameron schreibt Dir oft," bemerkte sie. „Ja, ihre Briefe handeln alle von Walton. Ich staune über die Anhänglichkeit, die sie für den Ort