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j\g 154 Samstag, den 9. Juli 1892. 19. Iabrgimg

Erickeint täalich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen in Fulda und au war ________

Deutsches Keich.

Berlin, 7. Juli.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht einenEr- Äaß vom 23. Mai 1890 an sämmtliche Kaiserliche und Königliche Botschaften und Gesandtschaften, worin da­rauf aufmerksam gemacht wird, daß durch die Presse Stimmungen und Anschauungen des Fürsten Bismarck veröffentlicht werden, die auch die auswärtige Politik berühren und im Auslande schädliche Mißdeutungen erfahren könnten. Der Kaiser sei indessen der Mei­nung, daß entweder von selbst eine ruhigere Stimmung eintreten, oder das Ausland den thatsächlichen Werth jener Aeußerungen richtig würdigen werde. Es sei nicht zu befürchten, daß aus der Verbreitung subjektiver, mehr oder weniger richtig aufgefaßter, theilweise zweifellos absichtlich entstellter und zum Theil zu Per­sonen von anerkannter Feindschaft gegen Deutschland gechaner Aeußerungen ein dauernder Schaden entstehen könne. Der Kaiser unterscheide zwischen dem früheren und dem jetzigen Bismarck und wolle alles vermieden sehen, was das Bild des größten Staatsmannes trüben könnte. Indem ich Sie ermächtige, sich erforderlichen Falls demgemäß zu äußern, füge ich die Hoffnung hin­zu, es werde auch Seitens der Regierung, bei der Sie accreditirt sind, den Aeußerungen der Presse über die Anschauungen Bismarck's ein aktueller Werth nicht beigelegt werden. — Der,Reichsanzeiger' veröffentlicht ferner folgende Depesche Caprivi's vom 9. Juni 1892 an den Botschafter Prinz Reuß in Wien: Im Hinblick auf die bevorstehende Vermählung des Grafen Herbert Bismarck theile ich Ew. Excellenz nach Vortrag bei Sr. Majestät Folgendes ergebenst mit: Für die Gerüchte über eine Annäherung des Fürsten Bismarck an Se. Maj. den Kaiser fehlt es vor Allem an der unentbehrlichen Voraus­setzung eines ersten Schrittes Seitens des früheren Reichskanzlers. Die Annäherung würde aber, selbst wenn ein solcher Schritt geschähe, niemals soweit gehen können, daß die öffentliche Meinung das Recht zu der Annahme erhielte, der Fürst Bismarck hätte wieder auf die Leitung der Geschäfte irgend welchen Einfluß gewonnen. Falls der Fürst nebst Familie sich dem Hause Eurer Durchlaucht nähern sollte, ersuche ich Sie, sich auf die Erwiderung der conventionellen Formen zu befchränken, einer etwaigen Einladung zur Hochzeit je­doch auszuweichen. Diese Verhaltungsmaßregeln gelten auch für das Botschaftspersonal. Ich füge hinzu, daß S eine Ma jestät von derHochzeit keine Notiz nehmen werden. Euer Durchlaucht sind beauftragt, in der Ihnen geeignet scheinenden Weise sofort hiervon dem Grafen Kalnocky Mittheilung zu machen. Graf Caprivi. — Diese Aktenstücke reden eine sehr verständliche Sprache, verständlicher, als die schärfste Kritik der Bismarck'scheu Auslaffungen vermöchte, und keine Ausfälle des ent­lassenen Kanzlers, und mögen sie noch so heftig sein, Werden den Eindruck dieser Schriftstücke abschwächen können. Im Anschluß hieran sei noch bemerkt, daß nach einem Berliner Telegramm des ,Pester Lloyd' hiesige „unterrichtete Kreise" angenommen haben sollten,

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(31. Fortsetzung.)

Der große Staatsmann betrachtete sie lächelnd. Jetzt war er zwar alt, aber er erinnerte sich noch der Zeit, als sein Herz, wie nun das ihre, mächtig gepocht und seine Pulse gebebt hatten.

„Wie offen sie ihr Geheimniß durchblicken läßt," dachte er. „Ich werde ihre rührende Dankbarkeit, wie ihr schönes Antlitz nie im Leben vergessen."

„Lord Rylestone ist Ihnen zu großem Danke ver­pflichtet," sagte er dann laut; „Sie haben sich um seinetwillen große Mühe gegeben."

Sie sah ihn plötzlich erschrocken an.

„Er soll mir niemals danken," sagte sie, „denn er darf das nie erfahren. Sie müssen ihm die Stellung Wie ans sich selbst anbieten, Sir John, und er darf Nichts von meinem Antheil an der Sache erfahren."

„Ganz wie Sie wünschen, Miß Cameron," er­widerte er. „Sie werden das am Besten selbst ermessen. Dann wünschen Sie also, daß ich an Lord Rylestone schreibe und ihm die Stellung anbiete?"

„Ja, darum wollte ich Sie eben bitten," sagte sie dann. „Schreiben Sie ganz aus sich selbst und er­wähnen Sie meiner gar nicht."

„die unerwartet frühe Rückkehr des Kaisers von der Nordlandreise hänge mit der Angelegenheit des Fürsten Bismarck zusammen." Dazu bemerkt die,Nordd. Allg. Ztg.': „In hiesigen wirklich unterrichteten Kreisen ist nichts davon bekannt geworden, daß Se. Maj. beabsichtigte, früher als in Aussicht genommen — Ende Juli — von der Nordlandreise zurückzukehren."

* Die ,Nordd. Allg. Ztg.' vernimmt, zum Nach­folger v. SchläzerS beim päpstlichen Stuhle sei v. Buelo w, gegenwärtig in Bern in Aussicht genommen.

* Offiziös wird der Annahme entgegengetreten, daß die Versetzung des deutsche« Botschafters v. Radowitz von Konstantinopel nach Madrid eine Art Degradirung bedeute. Ein Rangverhältniß zwischen den deutschen Botschaftern existire nicht und das pensionsfähige Ge­halt derselben sei überall dasselbe. Der Unterschied in der Dotirung ihrer Stellungen sei nur dadurch bedingt, daß der eine Ort an sich theurer sei oder eine kost­spieligere Repräsentation erfordere, als der andere. Uebrigens werde eine Erhöhung der Dotirung der Bot­schaft in Madrid erwogen. „Vielleicht", heißt es weiter, „läge die Auffaffung nahe, daß die z. Z. schwebenden Verhandlungen über einen Handelsvertrag mit Spanien der Regierung einen Anlaß zu dem Wunsche gegeben habe, daß sie dort nach dem bedauernswerthen Aus­scheiden des Herrn von Stumm, durch einen ihrer auch nach dieser Richtung erfahrensten Beamten vertreten werde."

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht den Wortlaut der Noten, die über das provisorische Handelsabkommen mit Spanien ausgetauscht wurden sowie der Dekla­ration über das provisorische Handelsabkommen mit Rumänien. Die Note des spanischen Ministers des Auswärtigen schließt mit der Versicherung, daß die spanische Regierung gewillt sei, sofort in die Verhand­lungen zum Abschluß eines neuen deutsch-spanischen Handelsvertrags einzutreten und bereit sein werde, Konzessionen unter dem spanischen Minimaltarif zu machen. In der deutschen Note heißt es, daß die deutsche Regierung zwar den spanischen Minimaltarif nicht als ein genügendes Aequivalent für den deutschen Konventionaltarif anzusehen vermöge, daß sie aber in Anbetracht der Bereitwilligkeit der spanischen Regierung, bei Abschluß eines definitiven Vertrages Konzessionen unter dem spanischen Minimaltarif zu machen, in das Provisorium willige.

* Die diesjährige Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik wird am 30. September und 1. Oktober in Posen abgehalten werden. Posen ist als Ort der Versammlung gewählt mit Rücksicht auf die auf der Tagesordnung stehenden agrarpolitischen Fragen, und weil von dort aus, im Anschluß an die Versamm­lung, am 2. Oktober die Besichtigung der von der Mntengüterkommission neu eingerichteten Kolonien leicht ausgeführt werben kann. Am 30. September wird die „ländliche Arbeiterfrage und die deutfchen Binnen­wanderungen" behandelt werden; Professor Knapp (Straßburg) hat ein einleitendes Referat übernommen; dann wird Privatdocent Dr. Weber (Berlin) über die Enquete berichten, welche der Ausschuß des Vereins

„Es sei. Ich werde nichts davon erwähnen, daß Sie sich auf dem Gipfel der Saison, wo man be­hauptet, daß jede Stunde besonders besetzt ist, damit begnügten, tagelang unermüdlich auf mich za warten, um ein paar Worte mit mir zu wechseln, und daß diese Worte eine Bitte für ihn enthielten, daß sie Gesellschaften, Bälle, Alles, Alles aufgaben, um mich einen Augenblick zu sprechen.

Ihr Antlitz erglühte in dunkler Röthe, ihre Augen füllten sich mit Thränen.

„Nein, Sir John, von alledem dürfen Sie kein Wort zu ihm erwähnen, um dieses Geheimniß dürfen wir Beide nur wissen."

„Ich werde es nicht vergessen. Darf ich Ihnen eine Frage vorlegen, Miß Cameron?"

„Thun Sie es lieber nicht," sagte sie mit einer bezaubernden Geberde, indem sie eine ihrer weißen, juwelengeschmückten Hände erhob — „Fragen sind oft sehr schwer zu beantworten."

„Und vielleicht wäre es mit der meinen in Sonder­heit der Fall. Gut, so stehe ich davon ab und werde mit einiger Neugierde die Botschaft abwarten, die ich mit der Zeit ja empfangen muß."

„Nickt wahr, Lord Rylestone muß England sogleich verlassen?" fragte sie.

„Heute über drei Wochen ungefähr. Er wird nur

veranstaltet hat; daran schließt sich ein Referat des Grafen Kanitz-Podangen vom praktischen Standpunkte aus und endlich ein statistischer Bericht des Unter­staatssekretärs a. D. Dr. v. Mayr (Straßburg) über Binnenwanderungen. Am zweiten Tage wird ver­handelt über die Bodenbesitzvertheilung und die Siche­rung des Kleingrundbesitzes." Zu Referenten sind ge­wonnen Professor Gering (Berlin), der Präsident der Generalkommission Seutner (Bromberg) und Professor Gierke (Berlin) von welchen der Erstere vom prak­tischen, der Letztere vom rechtlichen Standpunkte aus die Frage der Erhaltung des Kleingrundbesttzes er­örtern werden.

• Cleve, 7. Juli. (Prozeß Buschhoff.) Vor der Sitzung theilt der Präsident mit, daß es kaum möglich sein wird, bis Samstag die Verhandlung zu beendigen. In diesem Falle soll sie Sonntag um 7210 Uhr fort- gesetzt werben. Zeuge Wesendrup wirb auf Antrag ber Bertheibigung nicht beeidigt, da gegen ihn vorbereitendes Verfahren wegen Täterschaft im Zuge sei. Wesendrup behauptet, den Sonntag immer zu Hause gewesen zu sein. Zeugin Bellendonk bestätigt dies. Der Gerichtshof hat sich Vorbehalten, über die Beeidigung später zu entscheiden. Am Schluß der Vormittagssitzung gibt Junkermann junior die Erklärung ab, er habe im Auftrage seines Vaters den Denunziationsbrief an ben Staatsanwalt geschrieben. Die Nachmittags vernommenen Zeugen bestätigen Buschhoffs Angabe über seinen Ver­bleib am 29. Juni. In ber Verhandlung am Nach­mittag bekundete Fräulein Rölen, als Buschhoff einmal von einer Vernehmung vom Staatsanwalt kam, sprach Siegmund Buschhoff leise zu seinem Vater. Buschhoff habe darauf erwidert: Ach was, ohne Beweise können sie nichts machen. Buschhoff bestreitet die Aussage. Der Gerichtshof beschloß, den Zeugen Wesendrup zu vereidigen.

* München, 6. Juli. Der diesjährige Ver­bandstag der Raiffeisen-Vereine Deutschlands nahm gestern Abend mit einer Zusammenkunft der Gäste im „Hotel Roth" seinen Anfang. Heute Vormittag um 10 Uhr wurde die 1. Hauptversammlung durch den Generalanwalt der Raiffeisenvereine Raiffeisen jun. mit einer Ansprache eröffnet. Derselbe dankte darin dem Minister Freiherrn von Feilitzsch und Bürgermeister von Widenmayer für ihr Erscheinen. Hierauf wurde der Verbandsanwalt für Oberbayern, Rammmoser, durch Zuruf zum 1. Vorsitzenden gewählt. Er brachte ein Hoch auf den Prinzregenten aus. Minister von Feilitzsch dankte im Namen des Ministeriums für die Einladung. Die Regierung erkenne in vollem Maße die segensreiche Wirkung der Darlehenskassenvereine an, die den wirthschaftlich Schwachen vor Ausbeutung schütze. Die Raiffeisenvereine vermehren sich sort- während. Es ist das eine erfreuliche Thatsache, die in den weitesten Kreisen anerkannt wird. Der edle Vor­kämpfer des edlen Gedankens, I. W. Raiffeisen, grün­dete 1849 in Neuwied den ersten Raiffeisenverein. Der Gründer ist nicht mehr unter uns. Aber seine Gedanken haben Wurzel gefaßt, und wenn ich die Zahl der Raiff­eisenvereine überblicke, so möchte ich nur wünschen, daß

zwei Jahre außer Landes sein; aber wenn er sich seines Auftrages geschickt entledigt, so wirb man ihn zu höheren Stellungen verwenben unb ihm wirb Ge­legenheit geboten werben, sich auszuzeichnen."

„Das wolle Gott!" rief sie tiefbewegt ans.

Sir John sah sie ganz erstaunt an.

„Die Sache geht mich weiter Nichts an," sagte er. „Sie haben mich um eine Gefälligkeit gebeten, unb ich habe Sie Ihnen erzeigt. Es ziemt mir nicht, neugierig zu sein, unb dennoch bin ich es in diesem Falle. Ich glaubte, Lord Rylestone hätte eine sehr bedeutende Erbschaft gemacht."

„Glauben Sie das wirklich?" erwiderte sie aus- Weichenb. z

„Eigentlich stand sie ihm regelmäßig zu, denn der verstorbene Lord war ein sehr reicher Mann. Eine Anstellung mit einem jährlichen Einkommen von drei­tausend Pfund ist doch nichts besonderes Annehmbares für Lord Rylestone auf Waltoncourt."

„Ich kann Ihnen die Verhältnisse nicht näher ous- einandersetzen," sagte sie hastig; „die Zeit löst so viele Räthsel, vielleicht wird sie auch dieies lösen." Und damit überließ sie Sir John seinen Betrachtungen.

„Das ist wirklich seltsam," saqte er zu sich selbst. „Miß Cameron ist das schönste Mädchen, das ich je gesehen, und ich weiß, baß einige ber ebelsten Männer