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Freitag, den 8. IM 1892. 19, Jahrgang

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Deutsches Keich.

Berlin, 6. Juli.

* Die gemischte Deputation zur Förderung deS Projektes der Weltausstellung in Berlin hat heute unter Vorsitz des Bürgermeisters Zelle beschlossen, den Kommunalbehörden die Bewilligung einer Summe von 10 Millionen Mk. sür den Garantiefonds zu em­pfehlen. Als Ausstellungsjahr wurde spätestens das Jahr 1898 in Aussicht genommen. Von diesen Be­schlüssen soll dem Reichskanzler, dem deutschen Handels­tag, sowie den Aelteften der Berliner Kaufmannschaft Kenntniß gegeben werden. — In München fand gestern Abend eine Versammlung von Industriellen behufs Besprechung einer Weltausstellung in Berlin statt. Alle Anwesenden waren darin einig, daß daS deutsche Reich ohne Rücksicht auf Frankreich eine Ausstellung im Jahre 1898 abhalten müsse. Ein Zurückweichen würde in Süddeutschland keinen günstigen Eindruck machen. — Wie aus Paris telegraphirt wird, stimmte die Jnitiativkommission der Deputirten- Kammer einhellig dem Antrag Delon cles zu, im Jahre 1900 eine Weltausstellung zu veranstalten.

* Der frühere Kultusminister Graf Zedlitz hat auf eine Adresfe einer Anzahl Berliner Volksschullehrer, in welcher der Uebereinstimmung mit den im Volks- schulgesetzentwurfe enthaltenen Ideen Ausdruck gegeben wurde, folgendes Antwortschreiben erlassen:

„Euer Hochwohlgeboren und den Mitunterzeichneten der mir gewidmeten Adresse danke ich herzlich sür diesen Beweis freundlicher Gesinnung. In dem Jahre, in welchem es mir vergönnt war, an der Spitze der Unterrichtsverwaltung zu stehen, ist es mein aufrichtiges Bestreben gewesen, dem hochbe­deutsamen Interesse der Volkserziehung zu dienen. Damit un­trennbar verbunden schien mir eine gesetzlich geregelte Neuorgani­sation der Schule und eine Verbesserung nicht nur der äußeren Lage, sondern auch der Gesammtstellung des Lehrerstandes. Jene kann nach der historischen Entwickelung, welche das Schul­wesen in Preußen genommen, und nach dem machtvollen Be­wußtsein in den weiten, an der Volksschule interessirten Kreisen meiner Ueberzeugung nach in lebenskräftiger Weise nur unter Anlehnung an die Faktoren geschehen, welche in gleichem Maße berufen sind, für die Erziehung der Kinder zu sorgen. Diese Faktoren sind: Lehrer, Eltern, Kirche, Gemeinde. Sie in ein richtiges Verhältniß zur Schule und zu einander zu bringen, war mein Ziel. Ich mag im Einzelnen fehlgegriffen haben. Gegen Abänderungen, welche das Grundprinzip nicht verletzt hätten, würde ich nicht ablehnend gewesen sein. Gleich bedeutsam ist die Ordnung der äußeren Verhältnisse des Lehrerstandes. Neben auskömmlicher Bemessung des Gehalts und der Pension sehe ich das Ziel in einer hoffnungsreicheren und minder abge­schlossenen Stellung innerhalb und außerhalb des Berufslebens, Mitwirkung bei Verwaltung der Schulangelegenheiten und damit vollberechtigtes Eintreten des Lehrers als solchen in jene, Aus­sicht auf Aufrücken in höhere Stellungen des Schul- und Schul­aufsichtdienstes und die selbstständige Gliederung größerer Lehr­körper erscheinen mir im Interesse der Schule ein ebenso noth- wendiges, wie für die Lehrerschaft berechtigtes Ziel. Wenn es mir nicht gelnngen ist, für jene Grundsätze Erfolg zu finden, fo muß ich mich mit dem Bewußtsein bescheiden, das meiner ehr­lichen, von keinem Sonderinteresse beeinflußten Ueberzeugung Entsprechende erstrebt zu haben. Tief fchmerzlich aber war es für mich, so vielfach auch gerade in Lehrerkreisen in meinen Zielen verkannt zu sein. Um so dankbarer empfinde ich Aeuße- rungen aus diesen, welche mich die Ueberzeugung gewinnen lassen, daß ich nicht auf falschem Wege war. Seien Sie ver­sichert, daß 'Ihre Ansprache mir stets eine besonders werthvolle

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(30. Fortsetzung.)

Man lächelte sich gegenseitig verständnißvoll an und kam darin überein, daß der Stand der Dinge höchst verdächtig fei und daß schließlich Miß Cameron mit ihrem beträchtlichen Vermögen wohl ganz und gar Herrin von Waltoncourt werden würde. Andere be­klagten es sehr, daß Lord Rylestone in's Ausland gehen wolle, und behaupteten, daß die Manie des Reisens überhaupt mehr und mehr unterdrückt werden müsse. Niemand ahnte aber, wie die Dinge eigentlich standen. Miß Camerons Vermuthungen bewahrheiteten sich bald. Sie trat Lord Rylestone durch den Um­stand, daß sie auf Walton lebte, viel näher, als sonst je der Fall gewesen wäre. Sie hatten nun zahllose gemeinsame Interessen. Es trug sich fortwährend etwas zu, worüber sie seinen Rath einholen mußte.

Sie unterbreitete ihm Alles, und er erstaunte wider seinen Willen über die große Rücksicht, die sie auf ihn nahm. Jeder seiner Winke wurde sofort ausgeführt — jeder Wunsch unbedingt erfüllt. Er sah, daß sie fortwährend darüber nachdachte, ihm zu Gefallen zu leben, und er fühlte sich unwillkürlich angenehm da­durch berührt. Ueberdies waren ihre Briefe so reizend und anmuthig und die Sprache darin fo beredt und

Erinnerung an die arbeitvolle Zeit des Vorjahres bleiben wird. Mit dem Ausdruck vollkommener Hochachtung Euer Hochwohl­geboren ganz ergebenster Zedlitz, Staatsminister."

• In Betreff der neuen Militär-Vorlage wird jetzt berichtet, daß die LandeSvertheidigungs-Kommission sich in ihrer letzten Sitzung mit dieser Vorlage beschäftigte, lieber die Beschlüsse der Kommission ist noch nichts in die Oeffentlichkeit gelangt, doch bestätigt die Thatsache der Berathung, daß eine enb gütige Entscheidung noch nicht vorliegt. Wahrscheinlich wird die Vorlage dem Kaiser sogleich nach dessen Rückkehr von der Nord- land-Reise vorgelegt werden und dann unmittelbar an den Reichstag gelangen. Inzwischen wird in der ,Post' für die neue Militär-Vorlage Stimmung zu machen gesucht, und zwar in folgender Weise:

„Die Ergebnisse der deutschen Aushebung von 1891 thun auf's Neue in schlagender Weise dar, wie nothwendig eine Mili­tär - Reform im Sinne der besseren Ausnutzung der gestiegenen Bevölkerungs-Ziffer geworden ist .... Wir erwarten fortgesetzt die baldige Einbringung der Militär - Vorlage beim Reichstage. Es gehört eine Reihe von Jahren dazu, ehe man die Früchte einer solchen Umwälzung erntet, und jedes verlorene Jahr kann sich bitter rächen. Im vergangenen Herbst konnten trotz der im Sommer 1890 gesteigerten Präsenzstärke und der vermehrten Zahl der Königsurlauber wiederum 15,664 Mann von völliger Taug­lichkeit und Abkömmlichkeit nicht zur Einstellung in das Heer ge­langen, 87,421 Mann wurden der Ersatzreserve überschrieben, von welchen etwa ein Fünftel aber ganz unausgebildet bleiben, der 109,116 Mann des Landsturmes ersten Aufgebotes gar nicht zu gedenken, unter welchen noch viele brauchbare Elemente stecken und die sogar der Kontrole gänzlich entzogen sind. Angesichts dieser Verhältnisse halten wir es selbst unter Annahme einer im Allgemeinen zur Zeit friedlichen Konstellation für einen großen Fehler, wenn man die Einbringung der Vorlage noch Jahre hinausschieben wollte. Handelt es sich um den Preis der seit lange erstrebten zweijährigen Dienstzeit, den man zu zahlen ent­schlossen ist, so wird die Mehrheit des Reichstages wohl schwer­lich die Verantwortung auf sich nehmen, der kommenden Vorlage in ihren wesentlichen Punkten die Genehmigung zu versagen."

Ob diese Auslassungen der ,Post' offiziösen Ur­sprungs sind, mag dahin gestellt sein, geschickt sind sie jedenfalls nicht. Der „Scharnhorst'sche Gedanke" von der Wehrpflicht eines jeden wehrfähigen Mannes tritt hier in geradezu brutaler Weise auf, als ob es nur darauf ankomme, möglichst viele aktive Soldaten zu haben und auszubilden, ohne Rücksicht darauf, ob eine militärische Nothwendigkeit dafür vorhanden ist und ob das deutsche Volk im Stande fein wird, die Mehrbe­lastung zu tragen. Mit Bezug auf den Schlußsatz der Ausführungen in der,Post' fei darauf hingewiesen, daß der Reichstag bei der letzten Militär-Vorlage bereits in einer Resolution die Erwartung ausgesprochen hat, daß die Regierung von der Verfolgung etwaiger Pläne, welche auf die Durchführung des Scharnhorst'schen Ge­dankens abzielen, Abstand nehmen möge.

* Generalfeldmarschall Graf Blumenthal ist in sei­ner Eigenschaft als Generalinspekteur von der 4. zur 3. Armeeinspektion (Standort Berlin) versetzt und die 4. Armeeinspektion, deren Standort von Berlin nach München verlegt wird, dem Prinzen Leopold von Bayern übertragen worden. Letzterer hat infolge feiner Ernennung zum Generalinspekteur feine Stelle als Korpskommandeur niedergelegt. Als sein Nach­folger gilt Prinz Arnulf von Bayern.

ungekünstelt. Lord Rylestone hatte nicht einen Ge­danken, der gegen die Treue und Aufrichtigkeit, die er seiner Gattin schuldete, verstieß, aber er fand ein großes Vergnügen daran, Miß Camerons Briefe zu lesen, und das wußte das schöne, junge Weib, das ihn so unablässig beobachtete.

Lord Rylestone hatte eine scharfe Auffassungsgabe, und wenige Männer konnten sich eines feineren Takt­gefühles und zarteren Instinktes rühmen, aber eines entging ihm dennoch vollständig, nämlich, daß Mar­garita sehr zur Eifersucht auf die schöne Erbin geneigt war. Das kam ihm niemals in den Sinn, und hätte ihn Jemand darauf aufmerksam gemacht, so würde er ihn ausgelacht haben. Wie konnte seine Margarita, das Werb, das er von ganzer Seele liebte, auf Jemand eifersüchtig sein, den sie nie gesehen hatte! Er würde durchaus kein Verständniß für das unantastbare, uner­klärliche Etwas gehabt haben, das in Margaritas Herzen eine düstere Gestalt annahm. Er vermochte nur Gestalten, nicht Schemen zu erfassen und konnte nicht in die Luft fechten.

Im Frühjahr begab Miß Cameron sich nach London, weniger eigentlich aus eigenem Antriebe, als auf Madame de Valmy's und ihrer Vormünder Zu­reden. Sie stellten ihr vor, daß es ihre unbedingte Pflicht sei, de« ihr gebührenden Platz in der großen Welt einzunehmen und darin dem Beispiel aller anderen

* Zu der im Juni stattgefundenen ersten Tagung der Reichskommission für Arbriterstatistik bemerkt die »Norddeutsche Allgemeine Ztg.' u. A.: Es ist ein durch­aus friedliches und erfreuliches Zusammenwirken der Mitglieder, einschließlich des von der sozialdemokrati­schen Partei entsandten, vorhanden gewesen , und die Verhandlungen haben wohl auf alle Betheiligten den Eindruck gemacht, daß allfeitig der beste Wille vor­handen ist und die Arbeit eine ersprießliche fein wird.

* Der Kaiser hat auch die um das Zustandekommen des deutsch-belgischen Handelsvertrags verdienten belgi­schen Beamten durch Ordensverleihungen ausgezeichnet. Der frühere belgische Minister des Innern, Molot, erhielt den Rothen Adlerorden 2. Kl. mit dem Stern.

* Die,Kreuzzeitung' erklärt, daß nach Mittheilungen von hiesigen leitenden Stellen keinerlei Pression nach Wien oder München ausgeübt worden sei, welche eS verhindert hätte, daß Fürst Bismarck vom Kaiser von Oesterreich und vom Prinzregenten von Bayern em­pfangen würde.

* Der in nächster Zeit in den Ruhestand tretende Gesandte Kurt von Schlözer ist am 5. Januar 1822 als Sohn eines sehr angesehenen russischen General­konsuls in Lübeck geboren. Früh kam er nach Berlin, wurde hier Schüler Rankes, lebte in engstem literarischen Verkehr mit seinen Landsleuten Ernst Curtius und Wilhelm Wattenbach und bestand glänzend die Doktor­prüfung. Schon damals zeichnete er sich durch Be­herrschung einer großen Zahl fremder Sprachen aus. Nachdem er dann einige Jahre in Paris gelebt und dort geschichtlichen und sozialen Studien sich gewidmet hatte, auch eine kleine Schrift „Les premiers habitants de la Russie“ 1846 veröffentlicht hatte, bereitete er sich in Berlin für die diplomatische Laufbahn vor und wurde 1850 bis 1857 in zunächst noch untergeordneter Stellung im preußischen Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten beschäftigt. In diese Zeit fällt seine hauptsächlichste Wirksamkeit als Geschichtsforscher, vor Allem seine Veröffentlichungen aus der Hansischen Ge­schichte. Dann kam er als Legationssekretär nach Petersburg, wo Herr v. Bismarck-Schönhausen Gesandter war. Nach kurzem Aufenthalt bei der Gesandschaft in Kopenhagen wurde er 1863 als Legationsrath zur Ge­sandschaft beim h. Stuhl versetzt, wo er an der Seite des Gesandten Grasen Harry v. Arnim bis zum Jahre 1867 blieb. Von 1867 bis 1871 war er Gesandter in Mexiko und 1872 bis 1882 deutscher Gesandter in Washington. Schon int Herbst 1881, als er auf Ur­laub in der Heimath war, entsandte ihn Fürst Bis­marck nach Rom, um die Beziehungen mit dem Vatikan wieder anzuknüpfen, die eingestellt worden waren, als Papst Pius IX. die Annahme des Kardinals Hohenlohe alspreußischen Botfchafter 1872 abgelehnt hatte. Schlözer ist unvermählt.

* Der dem Bundesrathe vorgelegte Gesetzentwurf betreffend die Regelung des Auswanderungswesens hat in den vorberathenden Ausschüssen mehrfache Zusätze erhalten. Danach soll u. A. die Rückerstattung des Ueberfahrtsgeldes auch dann verlangt werden können, reichen Erbinnen zu folgen. Lord Rylestone's Name wurde nie erwähnt. Lady Caroll, eine alte, verwittwete Dame, die mit dem verstorbenen Lord entfernt ver­wandt gewesen war, schrieb ihr und bot ihr an, sie in die besten Gesellschaftskreise einzuführen, falls sie nach London kommen wollte.

Adelaide hatte keine große Lust, die Einladung an­zunehmen, Madame de Valmy wußte aber fehr genau, wie sie sie dazu vermögen könnte.

„Du hast oft gewünscht, Lord Rylestone in irgend einer Art dienstbar zu sein," sagte sie ernst, „nun steht Dir der Weg dazu offen."

„Wie kann ich ihm dienen?" fragte sie eifrig.

„Befreunde Dich mit den großen Staatsmännern und den Leitern der Politik, die für den Zauber eines schönen Antlitzes stets sehr zugänglich sind. Verwende Deinen ganzem Einfluß zu seinen Gunsten, und wenn Du bann irgend etwas von einer vakanten geeigneten Stellung hörst, erbitte sie für ihn."

„Das will ich," erwiderte Miß Cameron, und sie hielt Wort.

Sie reiften nach London ab; es war für fte in Mayfare ein hübsches Haus gemiethet" worden, und dort ging nun Adelaide an die Lösung ihrer großen Lebensaufgabe, sich um Allans willen Freunde zu er­werben, die Gesellschaft durch ihre Schönheit und ihren Humor zu bezaubern, ihr vornehmes, anziehendes