19. IahrglM,
Donnerstag, den 7. Juli 1892.
iilimkrWZeitlliig
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Deutsches Keich.
Berlin, 5. Juli.
* Die .Hamburger Nachrichten' beantworten in einem längeren Leitartikel die Kundgebungen der ,Nordd. Allg. Ztg.' über den Fürsten Bismarck: sie hätten mit der Aeußerung ihrer Ansicht zurückgehalten, so lange sie den Eindruck nicht kannten, den diese Philippika auf Bismarck gemacht habe; sie hätten sich darnach erkundigt und die Antwort mit dem plattdeutschen Ausdruck erhalten: „Dor lach' ick öwer!" Bismarck nimmt die Artikel der ,Nordd. Allg. Ztg.' nicht ernst und hält sie, wie das Hamburger Blatt weiter sagt, nicht für offiziös sondern für Theaterdonner hinter den Koulissen, den Pindter als Jupiter tonans besorgt hat. Wir haben im Reiche noch keine Tradition über die Stellung deS Ex-Reichskanzlers zu seinem Nachfolger, dieselbe soll sich erst bilden. Gegen die preußischen Minister aber ist von jeher in der Presse wie im Parlament eine ganz andere Sprache geführt worden als jetzt. Wir glauben, daß die heutigen Minister, wenn sie auf den bisherigen Wegen fortfahren und wenn die praktischen Folgen ihrer Maßregeln sich im Lande mehr als bisher fühlbar gemacht haben, noch andere Dinge zu hören bekommen werden, als die, welche die ,N. A. Z.' jetzt zu ihrem Verdruß in dem Interview in der .Neuen Freien Presse' gelesen hat. Und wenn Bismarck, der Einladung deS Pindter'schen Blattes folgend, in den Reichstag eintrete, glauben wir nicht, daß seine Kritik an den Maßregeln, welche er nicht billigt, sich in den Grenzen seiner Wiener Aeußerungen halten werde. Wir halten den kritischen Theil der Artikel der ,N. A. Z.' für unwahr und die Drohung eines strengeren Verfahrens gegen BiSmarck für eine geschmacklose Lächerlichkeit. UebrigenS wäre es höchst interessant, wenn der Versuch einer gerichtlichen Klage gegen Bismarck gemacht würde; er habe nichts gegen einen dramatischen Abschluß seiner politischen Laufbahn, auch wenn die Folgen für ihn ernster wären, als nach Lage der Gesetzgebung möglich. Hierauf erwidert die .Germania' u. A.: Eine merkwürdige Vermischung von Feigheit, Trotz und Selbstüberhebung spricht aus diesem Artikel. Feigheit gibt sich zu Anfang kund, wo in dem bekannten groben Stil aller verhaltener Grimm und Zorn des einst Herrschgewaltigen auf das Haupt des Herrn Pindter abgeladen wird. Er allein soll der Schuldige sein, die alle Welt in Spannung haltenden und von aller Welt für hochoffiziös gehaltenen Artikel selbst verfaßt zu haben. Das glaubt Fürst Bismarck im Ernste so wenig, wie irgend ein anderer Sterblicher. Um nur auf Eins hinzuweisen: wie sollte die Redaktion der ,Nordd. Allg. Ztg.' in den Besitz eines amtlichen Aktenstückes gekommen sein, wenn nickt durch eine amtliche Quelle? Man wagt es in Kissingen nicht, offen den Fehdehandschuh aufzunehmen, den ihm sein Nachfolger im Amte aus wiederholte Herausforderungen hin zugeworfen hat.
* Drei sensationelle Nachrichten bringt die ,Rhein.
Das verhiingnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(29. Fortsetzung.)
„Warum freust Du Dich so darüber, daß Miß Cameron auf Walton bleiben will?" versetzte Margarita.
„Das weiß ich selbst nicht recht, aber es ist mir ein angenehmer Gedanke. Erstens ist es in gewissem Sinne ihre Heimath, und da ich doch nicht dort leben kann, finde ich es am verständigsten, wenn sie es thut. Ueberdies nehme ich an, daß sie auf den Ort mehr Sorgfalt als ein Fremder verwenden wird. Das ist Alles. Doch nein! ich habe noch einen anderen Grund. Wenn Miß Cameron dort bleibt, spare ich die Mühe, mich nach einem andern Pächter umzusehen. Jetzt weißt Du alle Beweggründe zu meiner Freude."
„Hältst Du es wirklich für ganz unmöglich, daß wir dort leben?" fragte sie.
„Ja, vollständig. Wir können weder augenblicklich, noch auf Jahre hinaus daran denken, dort zu leben. Ich hoffe, daß die Zeit kommen wird, wo ich mein holdes Weib in ihre Heimath führen kann, aber für jetzt ist es unmöglich."
„Magst Du Miß Cameron gern?" fragte sie darauf.
„Welche Frage! Ja, ich mag sie sehr gern. Sie
Wests. Ztg.' Hier sind sie: „DaS Einstellen der Veröffentlichung weiteren Aktenmaterials gegen den Fürsten Bismarck ist bestem Vernehmen nach auf direkten Befehl der Kaisers erfolgt. — In Kreisen, welche es wissen können, wird die Vorlegung eines neuen Volksschulgesetzentwurfs in der nächsten Tagung des Landtages als sehr wahrscheinlich bezeichnet. — ES darf als ziemlich feststehend gelten, daß die im Laufe der nächsten Jahre nothwendig werdende Erschließung weiterer Quellen für die Befriedigung der Bedürfnisse der Reiches auf dem Wege der stärkeren Heranziehung der Bieres ermöglicht werden soll." Die Richtigkeit derselben lassen wir einstweilen dahingestellt.
* In einer heute stattgefundenen Sitzung des preußischen Staatsministeriums, an der auch der Reichskanzler theilnahm, wurde über die Frage einer Weltausstellung in Berlin verhandelt.
* Die Börsen-Enquete-Kommisfion hat vor ihrer Vertagung am Sonnabend die Sachverständigen-Ver- nehmungen über das Bankwesen im engeren Sinne vorläufig abgeschlossen. Die Kommission hat bisher 29 Sitzungen gehalten. Vernommen wurden 33 Experten aus dem Bankier-Gewerbe, 5 aus der Vertretung der Presse und je 3 aus dem Richter- bezw. Anwaltsstande. Nach dem Wiederzusammentritt der Kommission am 6. Oktober erfolgen die Vernehmungen von Sachverständigen der Produktenbörse.
* Die Vorarbeiten, welche zur Umgestaltung der Unfallversicherung vorgenommen werden, erstrecken sich auf zwei Gebiete. Einmal wird beabsichtigt, einen Gesetzentwurf über die schon lange gewünschte und geplante Ausdehnung der Unfallversicherung auf das Handwerk und zweitens eine Novelle zu der bereits vorhandenen Unfallversicherungsgesetzgebung auszuarbeiten. Was die letztere betrifft, so sind im Laufe der nunmehr bereits nahezu siebenjährigen Praxis den Berufsgenossenschaften sowohl von Seiten der Arbeitgeber wie der Versicherten vielfache Wünsche nach Abänderungen ausgesprochen, welche nunmehr zur Berücksichtigung kommen sollen. Auch hat der Reichstag mehrfach Veranlassung genommen, einzelne auf die Unfallversicherung bezügliche Fragen theils bei den Be- rathungen des Etats des Reichsversicherungsamtes, theils bei anderen Gelegenheiten zu diskutiren. ES liegt demnach für die Ausarbeitung der Novelle ein reiches Material vor. Die Ausdehnung der Unfallversicherung auf das Handwerk ist von den berufenen Vertretern des letzteren mehrfach nicht bloß als zweckmäßig, sondern als nothwendig bezeichnet worden. Die Arbeiten an beiden gesetzgeberischen Werken sind gegenwärtig bereits so weit gediehen, daß sie demnächst zum vorläufigen Abschluß gebracht werden können. Dem Vernehmen nach wird auch hier die Reichsregierung, wie sie es in früheren ähnlichen Fällen gethan hat, bevor die Gesetzentwürfe im Bundesrathe zur Berathung gelangen, dieselben veröffentlichen, damit allen Interessenten ausgiebige Gelegenheit gegeben wird, sich über die einzelnen Fragen zu äußern, und damit diese ihre
ist sehr hübsch, sehr anmuthig und gebildet — durch und durch eine Aristokratin."
„Wenn Du sie geheirathet hättest, dann lebtest Du nun auf Walton", sagte sie traurig.
Lord Rylestone wurde etwas ungeduldig.
„Margarita, ich finde es unrecht von Dir, daß Du immer in der Weise zu mir sprichst. Du mußt doch am besten wissen, daß ich diejenige heirathete, die ich wirklich liebte. — Warum verletzest Du mich immer mit solchen Aeußerungen!"
Sie küßte seine hohe Stirn, auf welche die kastanienbraunen Locken niederfielen.
„Das ist so recht der Frauen Art," meinte er; „sie schlagen erst Wunden, um sie bann schnell zu heilen."
„Allan, ich glaube, Du kannst nie ahnen, und begreifen, was ich fühle. Ich bin fest von Deiner Liebe überzeugt und weiß am besten, wie innig ich Dich wieder liebe, und dennoch habe ich immer daS Gefühl, als hätte ich mich zwischen Dich und Dein Lebensglück gedrängt, als trennte ich Dich von dem starken Theil Deines Daseins. Du verstehst mich nicht, und meine Worte verstimmen Dich nur. Deine Liebe für mich ist Dir theuer zu stehen gekommen — Du hast Alles für mich hingegeben."
„Würdest Du ebenso zu mir sprechen, Margarita, wenn mir das Vermögen nicht entgangen wäre?"
etwaigen Wünsche nach anderweitiger Gestaltung der verschiedenen Bestimmungen rechtzeitig den zuständigen Stellen kundgeben können.
* Die gestern in Berlin zusammengetreteneKommisston für die Untersuchung der Hochwasserverhältnisse der deutschen Ströme befährt im Laufe dieser Woche die Oderstrecken Oderberg-Rattbor und Breslau-Glogau, von denen die erste ünregulirt, die andere regnlirt ist.
* Das preußische Handelsministerium hat eine Sachverständigen-Kommission zur Prüfung der Rauchverbrennungsapparate für den Dampfkessel eingesetzt, welche auch den etwaigen Erlaß von polizeilichen Verordnungen zur Verhütung des Rauches gewerblicher Anlagen in größeren Städten erörtern soll.
* DaS zwischen dem Reiche und Rumänien abgeschlossene provisorische Handelsabkommen erstreckt sich auf die Zeit vom 4. Juli bis 30. November. Rumänien gewährt dem Reiche die Meistbegünstigung, während Deutschland auf rumänisches Getreide und Oelfrüchte die Konventionalzölle anwendet.
* Dem Bundesrathe ist ein Entwurf von Vorschriften für Prüfung von Nahrungsmittel-Chemiker« zugegangen. Die bett. Prüfungskommissionen sollen an Sitze der dafür geeigneten Universitäten und Hochschulen eingesetzt und mit dem 1. April 1893 in Funktion treten.
* Bochum, 5. Juli. Nach dem Märkischen Sprecher' hat auch das Oberlandesgericht in Hamm die Erhebung der Anklage gegen Baare in Sachen der Stempelfälschungen abgelehnt.
* Cleve, 5. Juli. In der Nachmittagssitzung wurde der Kaufmann und Viehhändler Heinrich Junker- manu vernommen, der sofort den Verdacht gefaßt hatte, daß Buschoff der Mörder des Knaben Hegmann sei. Die Bertheidigung verlas einen Artikel des .Xantener Boten' vom 3. März, worin gegenüber den Mittheilungen des Justizministers ein Gutachten des Heinrich Junkermann veröffentlicht wird, in dem Junkermann angibt, er müsse als Fachmann den Schnitt am Halse des Knaben als Schächterschnitt erklären. Junkermann will heute zuerst dieses Gutachten weder geschrieben, noch unterschrieben, noch vor der Veröffentlichung gesehen haben, wohl aber könne es Kaplan Bresser in Xanten verfaßt haben. Nach zweiter Verlesung deS Gutachtens räumt Junkermann ein, daß er es unterschrieben, aber nicht verfaßt habe. Auf Anttag der Bertheidigung wird Kaplan Bresser geladen, um Auskunft über Verfasser und Anlaß des Gutachtens zu geben. Stabsarzt a. D. Dr. Steiner-Xanten schildert den ersten Befund am Thatorte und erklärt, die Menge vor gefundenen Blutes halte er für Nachblutung. Der Fundort sei nicht Thatort. Die Zeitungsberichte, er habe den Schnitt für einen Schächterschnitt erklärt, seien unrichtig. Heute Vormittag wurden dieSachverständigen vernommen. KreisphysikuS Bauer hält den Fundort für den Thatort. Die Durchschneidung des Halses sei anscheinend mit dem bei Buschoff gefundenen Schlicht- messer vorgenommen worden. Ein Unglücksfall fei ausgeschlossen. Geheimrath Kirchgasser ist gleicher Ansicht;
„Nein," erwiderte sie bedächtig, „wahrscheinlich nicht."
„Wenn wir Beide jetzt in meinem Lieblingsgemach, dem kleinen Salon auf Waltoncourt, zusammensäßen, würdest Du mir dann auch sagen, daß meine Liebe mir theuer zu stehen gekommen ist?"
„Nein," versetzte sie, „das glaube ich nicht."
„So darfst Du es auch jetzt nicht thun. Wenn ich Dich nicht gesehen hätte, ja, wenn Du nie geboren wärest, so hätte ich ganz dasselbe Schicksal gehabt, das Vermögen wäre mir dennoch verloren gegangen."
„Aber wenn Du mich nicht geliebt hättest, würdest Du vielleicht Miß Cameron Dein Herz geschenkt haben," beharrte sie.
14. Kapitel.
Das Leben in der hübschen, kleinen Villa bei Maryeth wär wie eine liebliche Sommer-Idylle verflossen.
„Wenn ich fortan in meinem ganzen Leben keinen glücklichen Tag mehr haben sollte," äußerte Lord Rylestone eines Tages zu seiner Gattin, „so dürste ich dennoch mich nicht beklagen, denn ich habe deren schon viele erlebt."
Der einzige Schatten, toenn man es so nennen darf, war für ihn das Bewußtsein, daß er Margarita noch immer das Geheimniß des Testamentes vorenthielt. Oftmals setzte er sich mit dem festen Vorsatze, ihr Alles