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Mittwoch, den 6. Juli 1892.

IS. Jahrgang

JW 151

FlildiicrWZkitmig

Erscheint täglich. Sonn» und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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Deutsches Keich.

Berlin, 4. Juli.

* Einen überaus heftigen Leitartikel gegen Herr« van Schorlemer-Alst und das Centrum bringt, wie dem ,Berl. Tgbl.' aus Rom gemeldet wird, der Moniteur de Rome'. Es sei ein Beweis seiner Impertinenz, seiner Hohlheit und seines Mangels an Pietät, wenn Herr v. Schorlemer auf das Septennat zurückkomme. Das Centrum habe dabei keine fchöne Rolle gespielt, wie die Geschichte zeigen werde. Darum könne der Vatikan auch jene lächerlichen, unpassenden Prahlereien leicht ertragen. Im Weiteren wird angeblich ausge­führt, das Centrum habe die Bahnen Windthorst's ver­lassen. [Unb doch hatte in der Septennatsftage der selige Windthorst mit dem ebenfalls in Gott ruhenden Freiherrn von Franckenstein die Führung und wurde das Centrum vom hl. Stuhle wegen seiner Haltung in dieser Frage ausdrücklich belobt!] Es sei Zeit, daß das Centrum zur Verteidigung des Papstes zurückkehre; seit zwei Jahren sei die Sympathie Europas für den deutschen Katholizismus in fortwährendem Sinken be­griffen. Deutschland werde gallicanisch, während Frank­reich es zu sein aufhöre, die Vertheidigung des Drei­bundes sei eine unglückliche Taktik rc. Hierauf erwi­dert die .Germania': „Daß die Auslassungen des Moniteur de Rome' absolut keinen Werth haben und darum eine ernsthafte Beachtung nicht verdienen, haben wir schon wiederholt hervorgehoben; wir erinnern nur an die neuliche Mittheilung unseres gut unterrichteten römischen Korrespondenten, daß der hl. Stuhl auch die Diplomaten hat wissen lassen, daß er für die Aus­lassungen des Moniteur de Rome' und auch des .Osservatore Romano' keine Verantwortung über­nehme. Auch die an Tollheit grenzenden jüngsten Er­güsse des Moniteur' haben daher nur vom patholo­gischen und psychologischen Standpunkte aus betrachtet einiges Interesse. Hat die Redaktion des Blattes sich aber noch eine Spur von Selbstbeherrschung und ruhi­gem Blute bewahrt, so sollte sie sich doch einmal ernst­haft fragen, ob sie mit solchen Leistungen den Inte­ressen des hl. Stuhles und des Katholizismus diene. Das Schicksal seines Vorgängers, des .Journal de Rome', mit dem famosen „Katholiken" Henry de Houx an der Spitze, sollte ihm doch zum warnenden Beispiel dienen."

* Der König von Italien hat anläßlich seines jüngsten Besuches am deutschen Kaiserhofe der kaiser­lichen Regierung 12,000 Frcs. zur Vertheilung an die Armen der Stadt Potsdam, sowie an die Polizei­beamten von Potsdam und Berlin überwiesen.

* Der .Reichsanzeiger' theilt amtlich mit, daß der deutsche Botschafter in Madrid, Frhr. v. Stumm, auf seinen Antrag von diesem Posten abberufen und unter Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rath mit dem Prädikat „Excellenz" vorbehaltlich künftiger Wieder­verwendung in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden ist. (Zum Botschafter in Madrid ist be­kanntlich der deutsche Botschafter in Konstantinopel,

Das verhiingnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(28. Fortsetzung.)

Adelaide hatte Allan von ihrem ersten Begegnen an geliebt, er war ihr theurer, als die ganze Welt. Sie war sehr stolz, überaus verständig und besaß eine außergewöhnliche Bildung. Die Liebe, die ein tiefes, friedenbringendes Gefühl sein soll, wurde für sie zu wilder Erregung, zu einem Strome von Scham, ver­letzt in Stolz und Verzweiflung, der ihr Inneres durchlobte. Durch die Testaments-Eröffnung fühlte sie sich wie mit einem glühenden Eisen gekennzeichnet, ihre warme, treue, herzliche Neigung war dadurch in Leiden­schaft, in eine düstere Tragödie verwandelt worden. Alle Gluth, deren sie fähig war, alle Furcht, Hoffnung und Qual, die sie zu empfinden vermochte, wurden in ihrem Herzen erweckt und mischten sich in ihre Liebe.

Sie hatte es allmählich aufgegeben, darüber nach­zudenken, warum Allan sie so ganz und gar aus seinem Leben ousgeschieden hatte; sie sagte sich, daß der stolze Mann eine Einmischung in seine Herzens- und Hei- raths - Angelegenheiten wohl nicht dulden wollte. Es war ihm also Nichts übrig geblieben, als sie schweigend aus seinem Leben zu verbannen, als ob sie ihn gar nicht kümmere. Adelaide hegte aber dennoch eine stille,

von Radowitz, bestimmt, an dessen Stelle Fürst Rado- lin tritt.)

* Der .Staatsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Ernennung des bisherigen KonsistorialrathS Pfarrer Dr. Drhander in Berlin zum Generalsuperintendenten der Kurmark.

• Der .Reichsanzeiger' publizirt den Wortlaut des bereits gemeldeten, unterm 14. Juni von dem Ge- sandten Bray an dm Portugiesischen Minister des Auswärtigen gerichteten Protestnote, sowie die Antwort des portugiesischen Ministers. Letztere be­sagt, die portugiesische Regierurg habe sich nicht ohne das lebhafteste Bedauern durch die äußerste Bedrängniß der gegenwärtigen Finanzlage gezwungen gesehen, so vorzugehen, wie sie vorgegangen. Der Erlaß vom 13. Juni werde der strengsten Prüfung und gerechten Würdigung durch die Cortes unterworfen werden. Die Regierung berücksichtigte die Ansprüche der Gläubiger, solange die Verhältnisse des Staatsschatzes es erlaubten. Es würde keinerlei Berechtigung haben, durch irgend­welches Verfahren jetzt den Gläubigern volle Zahlung zu verbürgen, woraus sich in kurzer Zeit die gänzliche Unmöglichkeit, irgend etwas zu zahlen, entwickeln müßte.

* Mt Rücksicht auf die für das Jahr 1900 in Paris beabsichtigte Weltausstellung wird , wie die ,National-Zeitung' meldet, am 6. d. Mts. eine Sitzung der gemischten Deputation zur Förderung des Projektes einer Weltausstellung in Berlin Hierselbst startfinden.

* Einem Telegramm Eugen Wolff's aus Sansibar zufolge, zog auf Veranlassung des Geh. Rath Dr. Kayser, Dr. Peters sein Entlassungsgesuch zurück. Dr. Kayser und Oskar Borchert treten am 7. d. M. ihre Rückreise nach Europa an.

* Cleve, 4. Juli. Die Verhandlung gegen Bu­sch off hat um halb 10 Uhr unter bedeutendem An­drang des Publikum«, wovon nur ein beschränkter Theil zugelassen wurde, begonnen, Nach AuSloosung der Geschworenen und Auftuf der Zeugen findet die Ver­nehmung des Angeklagten statt über seinen Verbleib in der Zeit von 9 Uhr früh bis 7 Uhr Abends. Bu- schoff ist schwerhörig, wodurch die Vernehmung erschwert wird. Der Angeklagte, zuerst sehr befangen, später gefaßt, berichtet über seine Beschäftigung an dem Tage, an dem der Mord geschehen und stellt jede Schuld in Abrede.

* München, 4. Juli. Die Nachricht von einer Fusion der hiesigen ,Allgem. Zeitung' mit der Berliner ,National-Ztg.' wird von der letzteren als aus der Lust gegriffen erklärt.

Ausland.

* Zürich, 3. Juli. Die Katholiken Zürich's waren letzthin im dortigen Vereinshaus zahlreich versammelt, um auf ein beleuchtendes Referat ihres hochverdienten Pfarrers Reichlin eine Resolution gegen die fortge­setzten Wühlereien der altkatholischen Pastoren zu beschließen, unter welchen namentlich der Schlesier Wrubel eine Rolle spielt, und bei denen es darauf abgesehen ist, die Protestanten gegen die katholische Gemeinde zu verhetzen.

beseligende Hoffnung, die sie zu keinem Menschen aus­sprach. Sie hatte sich ihr in's Herz gesenkt und sie darüber gedacht und gegrübelt, bis sie ein Theil ihres Wesens geworden war. Sie sagte sich immer wieder, daß Allan nie daran denken würde, sich um sie, als die Erbin des verstorbenen Rylestone, zu bewerben und dadurch das Vermögen des verstorbenen Lords an sich zu bringen, und daß er sich nie entschließen würde, sie aus einem andern Grunde als um ihrer selbst willen zu heirathen. Konnte sich nun nicht schließlich Beides vereinigen lassen? War es nicht möglich, daß er sie lieben konnte, wenn er sie gut und treu fand? Und auf diese Hoffnung gründete sie ihr Lebensglück.

Im Grunde hatte sie gar keine Ursache, zu hoffen, denn es hatte sich Nichts zwischen ihnen geändert, als daß Lord Rylestone zuerst nicht daran gedacht hatte, ihr zu schreiben, und jetzt recht oft schrieb. Sie ver- muthete daraus nicht, daß der einzige Anlaß und Zweck seiner Briefe nur war, sich über ihre Erbschaft völlig zu beruhigen und sie zu überzeugen, daß er ihr darüber» daß sie ihn um das große Vermögen gebracht hatte, durchaus nicht grolle. Außerdem hatte er den aufrich­tigsten Wunsch, ihr Freund zu werden. Er hatte ge­sehen, wie sehr ihr ihre seltsame Lrge zu Herzen ging und er wollte versuchen, sie ihr behaglich zu machen. Dies waren die einzigen Gründe, weshalb er mit ihr

* Das spurlose Verschwinden eines mit Dynamit beladenen Schiffes beginnt in Antwerpen allmählich eine lebhafte Unruhe hervorzurufen. Wie man sich erinnern wird, flog dort im November v. I. das stanzösische Schiff „Pilote II" in die Luft, nachdem es kurz vorher seine in Dynamit bestehende Ladung unterhalb Antwerpens gelöscht hatte. Nach der da­maligen Erklärung der Sachverständigen war die Ex­plosion dadurch herbeigeführt worden, daß das See­wasser in eine Kiste mit Dynamit gedrungen war und das letztere in Nitroglycerin verwandelt hatte, welches sich alsdann in die Schiffsräume ergoß und dort durch irgend einen Zufall explodirte. Die vorher gelöschte Ladung des „Pilote II" hatte man später an Bord des englischen Schiffes „Bistoria Bay" gebracht, welches dieselbe nach einem afrikanischen Hafen transportirm sollte. Der Kapitän der „Viktoria Bay" hatte sich damals gegen das Einladen von einigen 60 Kisten mit Dynamit Anfangs entschieden gesträubt, da dieselben Spuren von Feuchtigkeit zeigten, aber dem Zureden der Spediteure hatte er schließlich nachgegeben und das scheint für das Schiff und seine ganze Besatzung ver- hängnißvoll geworden zu sein, denn bis heute hat man nichts mehr von der „B'ktoria Bay" vernommen, obwohl dieselbe bereits im Dezember v. I. den Ant­werpener Hafen verlassen hat. Dagegen berichtete schon im Januar d. I. ein englischer Kapitän, daß er auf offenem Meere einen gewaltigen Knall gehört hätte, ohne daß er jedoch im Stande gewesen wäre, die Ur­sache desselben zu entdecken. Das Schiff scheint daher infolge einer Explosion untergegangen zu sein, welche auf eine ähnliche Ursache wie bei der Explosion auf dem „Pilote II" zurückzuführen sein dürfte.

* Für die Franzosen, die mit einer unbegreiflichen Langsamkeit in der Dahomey-Angelegenheit vorgehen, lauten die letzten Nachrichten aus Porto Novo nicht sehr erfreulich; es wird gemeldet, daß die Dahomeyer das nur 8 Kilometer von Porto Novo gelegene Dorf Gomö geplündert haben.

* Warschau, 4. Juli. Ein furchtbarer Brand wüthete in der Stadt Karnow (Gouvernement Radom). Gegen 180 Häuser, eine Kirche und das Gerichlsgebäude wurden eingeäschert. Der Schaden ist sehr bedeutend.

* In Bulgarien nimmt der Prozeß Beltschew die allgemeinste Spannung in Anspruch. Die Verlesung der Memoiren des Angeklagten Milaroff brachten Dinge zu Tage, die in Petersburg nicht gerade an­genehm berührt haben mögen, zumal die Stelle der Memoiren, in welcher Milaroff von mehreren Russen Unentschlossenheit vorgeworfen und entgegen gehalten wurde, sie selbst würden, wenn sich Miraloff nicht daran wage, das Komplott zur Ausführung bringen. Wer aber in Petersburg den Plan der Verschwörung gebilligt und die nöthigen Geldmittel hergegeben hätte, darüber verweigerten die Angeklagten die Antwort. Milaroff gab sodann ausführliche Auskunft über die Mittel zur Ermordung des Prinzen Ferdinand. Danach hat er selbst von Krivtzoff 1000 Rubel erhalten, von denen er 200 für den Ankauf von Waffen verwendete.

korrespondirte, und überdies hatten ihre Briefe einen großen Reiz für ihn, weil er sehr viel Sinn für das Schöne und Poesievolle hatte. Er dachte nicht daran, daß sie seinen Briefen eine höhere Bedeutung beimessen könnte, als sie wirklich hatten, sonst würde er sie nie geschrieben haben.

Adelaide fühlte sich inzwischen von Tag zu Tag glücklicher und muthiger. Sie fürchtete jetzt nicht mehr, daß er sie haßte. „Wenn ich ihm so unsympathisch wäre, wie ich eS glaubte, so würde er mir nimmer­mehr schreiben," sagte sie sich. Und es bedurfte von Madame's Seite keiner besonders tiefen Beobachtungs­gabe, um deutlich wahrzunehmen, daß die rosige Frische des schönen stolzen Antlitzes nach jedem Briefe zunahm. Das Lachen ihrer Pflegebefohlenen klang Heller, und zuweilen hörte sie mit Freuden, daß leise Melodien ihren Lippen entströmten.

Als Madame sie zum ersten Male wirklich hell auf­lachen hörte, sagte sich sich: „So, jetzt sind wir auf gutem Wege — wer so lachen kann, stirbt nicht an gebrochenem Herzen;" und im Stillen haderte sie mit Lord Rylestone, daß er nicht eifriger nach der Gunst des jungen Mädchens strebte.

Wenn Adelaide Cameron in dieser Lebens-Epoche mehr mit der Welt in Berührung gekommen wäre, so würde ihre Weise, zu fühlen und zu denken, sehr durch