150 Dienstag, den 5. Juli 1892. 19. Jahrgang
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PtsMllllllkll S b°- kLL iÄ A.'l|IVUUIll|lll d-n sorlwähimd ton allen P°st. anstatten, den Boten und in der Expedition angenommen.
Deutsches Keich.
Berlin, 2. Juli.
* Ein offiziöser Borstoß gegen die lex Huene ist vor einigen Tagen von den ,Berl. Pol. Nachr.' unternommen worden, deren Herausgeber nach wie vor aus dem Finanzministerium seine Informationen erhält. Anknüpfend an die leider sehr unerfreuliche-Thatsache, daß die preußische Eisenbahnverwaltung gegen den Etat von 1891/92 59 Millionen Mark Minderüberschuß ergeben hat, weisen die,Bert. Pol. Nachr.' darauf hin, daß auS der lex Huene 57 M. Ueber- Weisungen an die Kreise erfolgen, „sodaß viele der letzteren, welche schon die bisherigen Ueberweisungen schwer rationell zu verwenden vermochten, an Ueber- sluß an Geldmitteln leiden werden." Man merkt aus dieser Gegenüberstellung gar zu deutlich den stillen Gedanken heraus: Wenn doch die lex Huene nicht wäre, dann könnte der Minderüberschuß der Eisenbahnverwaltung auf die einfachste Weise gedeckt werden; die Staatskasse hat Ueberfluß an Geldmangel, die Kreiskassen haben Ueberfluß an Geldmitteln: also beseitigen wir die lex Huene, dann ist alles glatt und gut! Diesem Gedanken muß jedoch auf das Ent- fchiedenste entgegengetreten werden. Daß die Ueberweisungen aus der lex Huene von den Kreisen nicht immer und überall rationell verwendet worden sind, bemerkt die .Germania', wollen wir zugeben, aber nur für Ausnahmefälle, und diese Ausnahmen kann man nicht gegen den gesetzgeberischen Gedanken der lex Huene und ihre guten Wirkungen ins Feld führen, es sind die den Kreisen überwiesenen Summen von denselben durchweg richtig und zweckmäßig verwendet worden. Der „Ueberfluß an Geldmitteln" in den Kreis- kassen beruht auch nur in der Phantasie der Finanzpolitiker im Ministerium, im Gegentheil, es wird von den Kreisen vielfach schwer empfunden werden, wenn die Einnahmen aus den Ueberweisungen der lex Huene in Folge der neuen Handelsverträge nicht unwesentlich herabgehen. Damit wird aber den Kreisen noch keineswegs ein Verzicht auf die lex Huene erleichtert, wie die ,Berl. Pol. Nachr.' glauben machen wollen, auch nicht, wenn den Kreisen versprochen wird, ihnen an Stelle der lex Huene eine Staatsdotation zu gewähren, zumal dann nicht, wenn sie hinzufügen, es würde bei der Staatsdotation um eine feste „hinter dem Betrage der Ueberweisungen aus der lex Huene erheblich zurückbleibende Rente" sich handeln. Wenn die,Berl. Pol. Nachr.'trotzdem versichern: „Wie immer die Entschließung der Staatsregierung ausfallen mag, so ist doch sicher, daß die lex Huene in der bisherigen Gestalt dabei von der Bildfläche verschwinden wird," — so mag diese kühne Behaup- tung auf Intentionen im Finanzministerium zutreffen, aber in Betreff der Beseitigung der lex Huene hat
Das vcrhängnflwolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(27. Fortsetzung.)
Sie beantwortete sie natürlich, und wenn Adelaide Cameron in irgend einer Fertigkeit Hervorragenderes, als in der andern leistete, so war das in der Kunst, Briefe zu schreiben, der Fall. Die ganze Poesie ihres Wesens, alle ihre bedeutenden Geistesfähigkeiten schienen in ihren Briefen Ausdruck zu finden, sie waren wahre Edelsteine der Beredtsamkeit, der Poesie und des Humors. Lord Rylestone war ganz erstaunt, als er diesen Brief las.
„Welch' eine schöne Seele muß sie haben!" dachte er. „Ich habe noch in meinem Leben keinen derartigen Brief gelesen", und er meldete ihr seine Ankunft, indem er die Hoffnung, bald wieder von ihr zu hören, aussprach.
Während er an sie schrieb, fühlte er sich mehrmals versucht, ihr von seiner Liebe zu reden; sie war so sanft, so weiblich, so anmuthig, er hätte sie gern gebeten, seiner jungen Gemahlin eine Freundin zu sein. Dann fiel ihm aber ein, daß Margarita gesagt hatte, sie würde sie verabscheuen, und es mußte ihm peinlich sein, wenn sie sich schließlich gegenseitig nicht gefielen. Zudem war es zu leicht möglich, daß Margarita von
doch der Landtag auch ein entscheidendes Wort mitzureden. Und die Mehrheit des Landtags wird nur dann einer Beseittgung der lex Huene ihre Zustimmung geben, wenn gleichzeitig etwas Besseres oder mindestens etwas Gleichwerthiges für die Kreife an deren Stelle gesetzt wird. Man wird im Finanzministerium gut daran thun, bei der weiteren Berathung der Steuerreformpläne nicht dem Gedanken sich hinzugeben, daß die Beseitigung der lex Huene jo leicht zu erhalten sei; es ist ja jetzt noch nicht zu spat, denn tote ein heutiger Artikel der ,Berl. Pol. Nachr.' mittheilt, ist ein Beschluß des Staatsministeriums über die Modalitäten der Steuerreform noch nicht gefaßt worden. Bemerken wollen wir schließlich noch, daß auch die freikonservative,Post' sich mit aller Entschiedenheit, sogar in schroffer Weise gegen die Beseitigung der lex Huene ausspricht. Sie schreibt u. A.:
„Der Ansturm gegen die Geldüberweisungen an die Kreise aus den Überschüssen der Getreidezölle geht hauptsächlich von den Steuertheoretikern und Politikern in den Ministerien aus welche dem praktischen Leben auf dem platten Lande vollständig fern stehen. .Der Kummer, welcher diese Herren darüber erfüllt daß die Kreise die ihnen überwiesenen Gelder „schwer rationell zu verwenden vermögen," zeigt, wie sehr der praktische Verstand der m den Kreistagen waltet, von gewissen Berliner Kreisen unterschätzt wird. Wenn die Antwort aus solcher Versammlung an lene Adresse ertönte: „Fegt vor der eigenen Thür, wirth- schaftet richtig mit den kolossalen Steucrsummen, welche ihr von dem Lande verlangt, und laßt uns mit den Geldern nach unserem Gutdünken verfahren, welche eine für uns sehr glückliche gesetzgeberische Thal uns zugewendet hat!" - so würden wir dies für vollberechtigt halten. ... Wir sind wirklich begierig, den Abgeordneten zu sehen, welcher sich seinen Wählern mit dem Programm: Beseitigung der lex Huene, vorstellen wird. Hier versagt das große allgewaltige Zugmittel, welches die Einkommensteuer-Reform - sagen wir doch lieber, was ja jetzt Jedermann als des Pudels Kern erkannt hat - Steuer- Erhöhung, durchgesetzt hat, nämlich daß der Reiche tüchtig zahlen muß. Hier werden die brr-testen Schichten der Steuerzahler empfindlich getroffen. Die .Berliner Polit. Nachr' mögen >'ch -mmerhin mrt der sicheren Hoffnung schmeicheln, daß die lex Huene in der bisherigen Gestalt auf jeden Fall bei der Steuer- Reform von der Bildfläche verschwinden wird — wir unsererseits meinen nur, daß da Ueberraschungen bevorstehen, von welchen eine gewisse Schulweisheit sich allerdings nichts träumen läßt."
* Den ,Berl. Polit. Nachr.' zufolge sind die Vor- arbetten für die Fortführung der Steuerreform soweit gediehen, daß das Staatsministerium in einer seiner nächsten Sitzungen sich über die Grundzüge, nach welchen eine definitive Gestaltung der Gesetzentwürfe erfolgen soll, wird schlüssig machen können.
* Der Redakteur der .Freisinnigen Zeitung' Hugo Werth wurde wegen Mojestätsbkleidigung zu drei Monaten Gefängniß verurtheitt.
* Die angekündigte Sitzung der LandeSvertheidig- ungskommisfion hat heute (Sonnabend) unter Vorsitz des Prinzen Albrecht, Regenten von Braunschweig, stattgefunden. 9
* Das Heeres-Ergänzungs-Geschäft 1891 hat sich nach einer Vorlage des Reichskanzlers, die dem Bundesrath zugegangen, wie folgt gestellt: In der alphabetischen und Restantenliste wurden 1,421,559 Mann wettergefuhrt. Hiervon wurden 172,515 ausaehoben, 109,116 dem Landsturm ersten Aufgebots und 87 421 der Ersatzreserve, 773 der Marine-Ersatzreserve über»
Adelaide das Geheimniß des Testamentes, das er Fr sorgsam verborgen hielt, erfuhr. Er sagte sich also, daß es gerathener sei, seiner Liebe nicht zu erwähnen.
Adelaide beantwortete seinen Brief sehr bald, und allmälig begannen sie eine regelmäßige Korrespondenz zu führen. Ihre Briefe waren wahrhaft entzückend originell tote ein neues, schönes Gedicht, und er hob |te auf, um sie gelegentlich wieder einmal zu lesen, durchaus nicht aus besonderer Zuneigung für die Schretberm, sondern wegen ihres eigenen weiblichen Werthes. Des Testamentes geschah darin nur ein einziges Mal Erwähnung, und zwar von Miß Cameron, die ihre Freude darüber aussprach, daß das Geheimniß des Testaments so ganz verschwiegen geblieben wäre. Die Worte waren absichtslos niedergeschrieben und trugen doch im späteren Leben so bittere Früchte!
Endlich war der fünfundzwanzigste August herangekommen. und Lord Rylestone, der die Stunden bis zu seinem Erscheinen gezählt hatte, beeilte sich, seine Braut zu empfangen.
Es konnte keine stillere Hochzeit gefeiert werden. Allan hatte sich einst seine Vermählung als eine sehr pomphafte Zeremonie ausgemalt, die entweder in einer der stattlichsten Kirchen Londons ober in Rylestone vollzogen wurde. In Wirklichkeit feierte er nun eine ganz einfache Hochzeit in einer der düftern Kirchen der
wiesen, 483455 zurückgestellt, 13,069 freiwillig eingestellt. Von den Ausgehobenen wurden dem Heer 165,198 zum Dienst mit der Waffe, 3600 zum Dienst ohne Waffe, der Marine 3717 zugewiesen. Vor Beginn des militärpflichtigen Alters traten 12,063 in das Heer, 850 in die Marine ein. Wegen unerlaubter Auswanderung wurden 18,964 von der Land- 366 von der seemännischen Bevölkerung verurtheitt, in Untersuchung befanden sich noch 14,889 bezw. 299.
* Am 1. Juli waren 25 Jahre verflossen, daß das Tunt- und Taxis'sche Lehnpostwesen durch den Ueber- gang an Preußen aufhörte. Die Zahl der Postanstalten in den Ländern des jetzigen Reichspostgebiets (zu dem Bayern und Württemberg nicht gehören) ist von 4870 im Jahre 1867 auf jetzt 24,000, die der Telegraphenanstalten aber von 1030 auf 12,000 innerhalb derselben Zeit angewachsen. In den Ländern des ehemals Thurn- und Taxis'schen Postwesens ist die Zahl der Postanstalten von 520 auf 3250 gestiegen.
* Der .Boß. Ztg.' wird aus München telegraphirt: Sämmtlichen Redakteuren der hiesigen ,Allg. Ztg.' ist für den 31. Dezember d. I. gekündigt worden. Wie es scheint, hängt diese Maßregel mit einem Plane, das Blatt nach Berlin zu verlegen und mit der,Nat.- Ztg ' zu verschmelzen, zusammen.
* Cleve, 2. Juli. Zu der Verhandlung der Sache Busch off am 4. Juli d. I. vor dem hiesigen Schwurgerichte wird der Oberstaatsanwalt Hamm aus Köln erscheinen, um die Anklage neben dem hiesigen Ersten Staatsanwalt selbst zu vertreten und durchzuführen. Auch wird ein vortragender Rath aus dem Justizministerium erwartet, durch dessen Anwesenheit der Justizminister der Wichtigkeit der Sache neuen Ausdruck verleihen würde. Die Verhandlungen dürften eine ganze Woche in Anspruch nehmen. Bereits haben sich viele Vertreter großer Zeitungen, darunter solche aus Wien und Paris, bei dem Vorsitzenden des Schwurgerichts angemeldet. Den Vorsitz am Schwurgericht führt der Landgerichtsdirektor Kluth. Professor Dr. Köster aus Bonn ist als Sachverständiger geladen.
Ausland.
* Dem ungarischen Minister am kaiserlichen Hoflager, v. Scoegyenyi, ist eine seltene Auszeichnung zu Thett geworden. Kaiser Wilhelm hat demselben nämlich in Anerkennung seiner erfolgreichen Bemühungen als Vorsitzender bei den Handelsvertragsverhandlungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland sein lebensgroßes Bildniß mit eigener Namensunterschrift verliehen.
* In Paris bildet die Weltausstellungsfrage das Gespräch des Tages. Das Volk will 1900 in Paris eine Weltausstellung haben — Deutschland zum Tort —, während die Regierung nicht abgeneigt scheint, auf Deutschland einige Rücksicht zu nehmen, zumal die Berufung auf ein Gewohnheitsrecht aus nur zwei Präcedenzfällen doch etwas zu kühn erscheint. Die Regierung ist aber zur Zeit machtloser gegen die Chauvinisten denn je, und so befürchten ernsthafte Politiker an der Seine, daß die Weltausstellungs-An- City, die er absichtlich gewählt hatte, weil er sich dort am wenigsten gekannt glaubte.
Er miethete einen Wagen, fuhr nach dem Bahnhofe und empfing Margarita dort, dann fuhren sie nach der düsteren, staubigen Kirche.
„Sie haben, wie ich sehe, keine Trauzeugen mitge- bracht, sagte der Geistliche. „Das thut Nichts," fügte er freundlich hinzu, „ich werde gleich nach meiner Haushälterin und dem Küster schicken."
So verwandelte sich der glänzende Zug von Braut- inngfern und Hochzeitsgästen, den Allan im Traume geschaut hatte, in die düstere Wirklichkeit einer ältlichen, untersetzten Haushälterin und eines weißköpfigen Küsters.
Aber das störte sie nicht. Die schönen Worte heiliger Weihe, die Gelübde, die die beiden Betheiligten bis in den Tod aneinander ketten foCten, waren nicht minder feierlich, weil sie in einer düsteren, staubigen Kirche gesprochen wurden, und die Braut verlor Nichts von ihrem Liebreize, weil nur die Augen ihres Gatten sie bewundern konnten.
Die Trauung war vollzogen — Allan und Margarita waren nun Mann und Weib. Jetzt konnte Adelaide Cameron ruhig Lord Rylestones Erbschaft antreten, es war nicht mehr zu befürchten, daß Allan je das Geld des Verstorbenen anrühren würde. Sie waren nun fürs Leben verbunden. Sie begaben sich