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JM 146

Mittwoch, den 29. Juni 1892.

19. Jahrgang

uldaer W Zeitung

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entbrechender Rabatt. . vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen und der alle 14 Tage ericheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen^ in Fulda und auswärts 1 Mark .">0 Prenmg.

Letzte Rr. des 2. Quartals.

5»nr Wegen -es Festes Peter «n- Paul wir- die nächste Rnmmer -s. Bl. erst am Donnerstag ausgegeben.

Deutsches Keich.

Berlin, 27. Juni.

* lieber die Reiseplane des Kaisers liest man heute in der ,Germania': Nachdem bisher die Rückkehr des Kaisers von seiner bevorstehenden Reise nach Norwegen und die Ankunft in Wilhelmshaven auf den 2. August in Aussicht genommen war, heißt es jetzt, daß dafür bereits der 27. Juli bestimmt sei und daß der Kaiser die daran sich anschließende Reise nach England am 30. Juli antreten werde. Diese Angaben stimmen mit den bisher für die Nordlandsreise getroffenen Be­stimmungen nicht überein, wonach vielmehr die Rück­reise von Norwegen erst am 1. August erfolgen soll. Selbstverständlich können neue Entschließungen des Kaisers, sowie Rücksichten auf die Wetterlage und andere Gründe eine Aenderung jener Bestimmungen zur Folge haben; vorläufig wird aber an ihnen fest­gehalten. Die Abreise von Kiel nach dem Norden soll am nächsten Mittwoch Abend, also am 29. Juni, er­folgen. Von Punkten in Norwegen, die auf der Reise berührt werden sollen, werden Drontheim, Digger­mulen, Bodo, Skaarö, Rauenfjord, Bergen und andere genannt. Ob nach der Rückkehr nach Deutschland zunächst noch von Wilhelmshaven aus ein Ausflug nach England unternommen werden wird, wie aller­dings beabsichtigt ist, wird namentlich von den Nach­richten abhängig gemacht werden, die bis Anfang August von dem Hoflager der Kaiserin eingegangen sein werden. Jedenfalls wird aber der Kaiser in der zweiten Woche des Augustmonats wieder in Potsdam eintreffen.

* Im Mordprozeß Heinze beschloß der Gerichtshof, dem Anträge des Staatsanwaltes entsprechend, für die ganze Dauer des Prozesses die Oeffentlichkeit auszu­schließen.

* Die,Kreuzzeitung' behauptet, daß sich in Preußen 18 Logen des amerikanischen Freimaurer-Ordens R'nai Brith, der zur Vereinigung der Israeliten gestiftet ist, befinden, die nach den bestehenden gesetzlichen Be­stimmungen als verbotene geheime Verbindungen anzusehen seien. Bekanntlich sind durch das Edikt vom 20. Oktober 1798 die Freimaurerlogen verboten, mit Ausnahme der Mutterloge zu den drei Weltkugeln, der großen Landesloge und der Loge Royal Dort de FAmitie. Auch diese müßten als verbotene Geheimbünde angesehen und danach ebenfalls behandelt werden, zu­mal dieselben sich nachgewiesener Maßen auch sehr stark mit Politik befassen.

* In Betreff der Pallottiner-Niederlassangen in Deutschland schreibt der ,Wests. Merkur': In diesem Jahre werden die Pallottiner nur eine Niederlassung errichten, jene in Limburg; zum Beginn des aka-

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(23. Fortsetzung.)

„Ich habe sehr Vieles mit Dir zu besprechen," sagte er; „ehe wir aber damit beginnen, mußt Du mich noch einmal herzlich willkommen heißen."

„Du weißt, daß Du es mir immer bist."

Als sie ausgesprochen blickte sie noch einmal mit einem schüchternen Blick zu ihm auf.

„Du bist nun nicht mehr Allan Estcourt, sondern Lord Rylestone," sagte sie.

Seine Lippen verzogen sich aber nicht zu einem bejahenden Lächeln.

„Der neue Titel hat mir Nichts als schmerzliche Enttäuschungen gebracht", sagte er, „ich gäbe viel da­rum, wenn ich wieder Allan Estcourt wäre."

„Wie so?" fragte sie erstaunt.

„Dir das auseinanderzusetzen ist eben der Zweck meines heutigen Besuches. Laß mich aber erst hier unter den üppig wuchernden Hyacinthen ein Plätzchen ausfindig machen, wo Du behaglich sitzen und meiner Erzählung lauschen kannst. Als ich mich um Deine Hand bewarb, gedachte ich mit Freude des Reichthums, der mir eines Tages zufallen sollte, weil ich Dich da­mit überschütten, Dir strahlende Juwelen und kostbare

demischen Studienjahres 1893 allerdings wird beab­sichtigt, die Theologie-Studirenden in Münster unter­zubringen. In Limburg besteht bekanntlich keine theo­logisch-philosophische Fakultät, und Münster ist von den Oberen als der geeignetste Ort erkannt. Ob hier ein wirkliches Scholastikat errichtet wird, wozu die Genehmigung der geistlichen wie weltlichen Behörden erforderlich wäre, oder ob die jungen Leute wie an­dere Studenten miethweise untergebracht werden, ist noch nicht entschieden. Bei jeder solchen Neugründung spielt die Frage: „Woher die Mittel nehmen?" eine große Rolle. Zur entsprechenden Entfaltung ihrer Thätigkeit bedarf die Kongregation mehrerer Anstalten. Die Limburger Niederlassung soll als Novizität und als Studienhaus für die jüngeren Leute dienen, welche ihre Gymnasialstudien machen. Dazu kommen ein Scholastikat für die Theologen, eine Anstalt zur Aus­bildung von Schwestern und, wenn möglich, eine länd­liche Niederlassung für Brüder. Man begreift, daß das sich nicht Alles in einem halben Jahre bewerk­stelligen läßt, es fei denn, daß irgend ein reicher Missionsfreund unerwarteter Weise die Kosten über­nähme.

* Hildesheim, 25. Juni. Die „Toleranz" des gesarnmten Liberalismus erscheint zur Zeit wieder einmal durch einen Vorgang, der sich hier abspielte, in einem wahren Brillantfeuer. Ein armer Arbeiter ist näm­lich wegen eines kurzen „Arbeitsverfäumnisses", dessen er sich am Frohnleichnamstage durch den Be­such der Kirche, der hl. Messe, „schuldig" machte, aus seiner Stelle entlassen worden! Dem Betreffenden wurde dies in seinem Entlassungszeugnisse ausdrücklich bescheinigt. Wenn die Sache umgekehrt läge, wenn ein protestantischer Arbeiter von einem katholischen Unternehmer wegen Kirchenbesuchs entlassen worden wäre, gäbe es gewiß ein Zetern und Schreien im ganzen deutschen Reiche.

* Leipzig, 25. Juni. Die wegen Gottesläste­rung vor dem Creselder Schöffengerichte am 14. bezw, 22. März erfolgte Verurtheilung des Redakteurs der sozialistischen ,Volkstribüne' Nikolaus LinxWeiler und des sozialistischen Agitators Karl Wesch wurde kürzlich vor dem Reichsgericht auf eingelegte Revision hin verhandelt. Linxweiler wurde damals zu 1 Monat und Wesch zu 3 Monaten Gefängniß verurtheilt. Gegen Ersteren ist außerdem noch eine Gefängnißstrafe von 2 Monaten rechtskräftig geworden, die er eben­falls wegen Gotteslästerung zudiktirt erhielt. Das Reichsgericht verwarf, wie die sozialdemokratische .Bolkstribüne' mittheilt, die eingelegte Revision. Schon aus diesen fortgesetzten Prozessen und Verurtheilungen wegen Gotteslästerung sollten unsere Arbeiter er­kennen, was das für Leute sind, und wie sie den Grundsatz „Religion ist Privatsache" in Wirklichkeit verstehen.

* Kisfingen, 27. Juni. Fürst Bismarck ist von München über Augsburg kommend hier Abends 8 Uhr im geschmückten Exttazug eingetroffen, von der Stadt­verwaltung und den Spitzen der Behörden am Bahnhof begrüßt. Bei der Fahrt durch die Stadt wurden Hochs

Gewänder dafür kaufen, kurz, Dir dadurch Alles ver­schaffen wollte, was ein Frauenherz entzückt. Ich schwöre Dir, daß er mir von diesem Gesichtspunkte aus und keineswegs aus selbstsüchtigen Rücksichten begehrens- werth erschien."

„Davon bin ich überzeugt," versetzte sie.

„Daun kannst Du Dir leicht den Schmerz der Ent­täuschung auSmalen, welchen ich bei der Kunde empfand, daß die Schätze, die ich um Deinetwillen so heiß er­sehnt hatte, mir nie im Leben zufallen können."

Sie sah ihn voller Verwunderung an..

„Du bist ja aber doch Lord Rylestone!" sagte sie. „Ja, und das ist eben das Ungerechte, Unwürdige bei der Sache. Ich bin allerdings Lord Rylestone ge­worden, ober ich habe nicht die Mittel, meinem Titel und meiner Stellung angemessen zu leben."

„Du hast aber doch Walton geerbt," sagte sie.

„Ja, ich habe Walton geerbt, aber ich habe nicht die erforderlichen Mittel, um dort zu leben. Laß mich Dir das näher erklären. Die Barone von Rylestone waren einst sehr reich, ihre Einkünfte haben sich aber durch die Extravaganzen der Einen und die Thorheiten und Unglücksfälle der Anderen allmählich so verringert, daß die Güter jetzt nur noch ein jährliches Einkommen von tausend Pfund bringen- Natürlich gehört Walton- court dazu."

auf ihn ausgebracht und Blumen geworfen. Der Fürst brachte von der Reise eine ganze Wagenladung Blumen mit.

* Die Centrumsfraktion in der zweite« badischen Kammer, welche in der nunmehr beendeten Session die Rechte und Interessen der katholischen Kirche und des Volkes ebenso muthig wie geschickt vertreten und dadurch vollen Anspruch auf den Dank ihrer Wähler sich er­worben hat, richtete vor ihrem Auseinandergehen folgende öffentliche Ansprache an die Gesinnungsgenossen im Lande:

Am Schlüsse einer langen und arbeitsreichen Kammertagung drängt es uns, einige Worte an die Parteigenossen im Lande zu richten. Dank der Energie und Opferwilligkeit der Parteigenossen, die allüberall im Lande zu Tage getreten ist, haben die letzten Landtagswahlen ein höchst erfreuliches Ergebniß für unsere Partei gehabt. Das hat uns in erhöhtem Maße die Pflicht auferlegt, nach allen Richtungen hin den Er­wartungen zu entsprechen, welche die Wähler von uns zu hegen vollauf berechtigt sind. Wir waren bemüht, unsere Pflichten als Vertreter des Volkes und Vertrauensmänner der Partei nach besten Kräften zu erfüllen. Mehr als je haben wir unter dem Eindruck großer Verantwortung gestanden. Eine große Zahl von Kundgebungen aus allen Theilen des Landes waren uns ein Anzeichen dafür, daß unsere Bemühungen nicht ohne Anerkennung geblieben sind. Mit Freude benützen wir die Gelegenheit, unfern herzlichsten Dank Allen auszusprechen, die mit so lebhaftem Interesse unsere Arbeiten verfolgt und so freundlich unser ge­dacht haben. Gesinnungsgenossen! Die eben beendete Kammer­tagung hat viele Arbeiten und Sorgen gebracht; unser Arbeiten und Kämpfen war aber nicht ohne Erfolg, wenn auch Verschie­denes von unser politischen Gegnern abgelehnt worden ist, was wir erstrebten und zur Geltung bringen wollten. Mehr als je ist die politische Lage des Landes klar und der Weg uns vor­gezeichnet, auf dem wir weiter arbeiten und kämpfen müssen. Schon das ist ein großer Erfolg. Mehr als je winken aber auch andere Erfolge uns entgegen, wenn wir in der Arbeit und im Kampfe nicht erlahmen. Der gegenwärtige Landtag hat sie vor­bereitet. Darin liegt sein Hauptwerth für uns. Das Jahr 1893 wird die große Entscheidung bringen. Das weiß man in allen Lagern; darauf richtet man sich im gegnerischen Lager; darauf müssen auch wir uns richten. Demgemäß ruht die Arbeit mcht, nachdem die Kammer geschlossen ist. sondern sie muß auf's Neue und mit aller Energie ausgenommen werden. Pflege des Vereinslebens; Unterstützung der Prefse; gegen­seitige Fühlung in Versammlungen; Vervoll­ständigung ^unserer Organisation; Alles muß aufge­boten werden und zufammenwirken, um unsere Partei mobil zu erhalten und in Stand zu setzen, der großen Aufgabe gerecht zu werden, die ihrer in der nächsten Zukunft harrt. Keine Arbeit darf zu viel sein, kein Opfer zu schwer erscheinen. Der politische Gegner, der Jahrzehnte lang seine Uebermacht so schwer hat fühlen lasfen, ist zwar noch in kleiner Mehrheit; allein er ist im Wanken; seine Macht ist erschüttert; Unsicherheit ist in ferne Reihen eingekehrt. Gerade der eben beendete Landtag hat es deutlich gezeigt. Das muß unsere Hoffnung bestärken, unseren Muth erhöhen, unsere Energie steigern. Die nach uns kommen, sollen nicht sagen können, daß wir die wichtige, entfcheidnngsvolle Zeit nicht erfaßt und unsere Stellung nicht ausgefüllt haben. Gesinnungsgenossen! Es ist eine gerechte Sache, die wir ver­treten ; nur mit radellosen Waffen haben wir den Kampf ge­führt und wollen auch in Zukunft ihn führen. Unser endgiltiger Sieg wird der Sieg des Rechtes sein und Segen bringen für Land und Volk, für Fürst und Vaterland. Wie bisher, so jetzt und immer: Mit Gott für Wahrheit, Freiheit und Recht! — Unterzeichnet sind: v. Buol. Marbe. Wacker. Birkenmayer. v. Bodmann. Gerber. Grüninger. Hennig. Hug. Kieser. Lauck. Löffler. Lohr. Neumann. Nopp. Reichert. Schättgen. Schuler. Schüler. Streicher. Weber.

„Ein jährliches Einkommen von tausend Pfund ist aber doch sehr bedeutend," sagte sie.

„Und dennoch ist mehr als das Doppelte erforder­lich, um einen Hausstand, wie es dort nöthig ist, zu unterhalten," sagte er seufzend. „Verstehe mich also recht — ich habe den Titel eines Barons Rylestone auf Rylestone und Waltoncourt geerbt und beziehe ein jährliches Einkommen von nur taufend Pfund, befinde mich also in der peinlichsten Lage, in der sich ein Mensch befinden kann. Die Rylestone's haben von jeher neben­bei ein Privatvermögen gehabt, das selbstredend von dem Vater auf den Sohn überging. Der verstorbene Lord Bernard von Rylestone hatte ein derartiges jähr­liches Einkommen von fünfzehntausend Pfund, das ganz unabhängig von dem Familienbesitz der Rylestone's war. Ec hatte einen Theil davon durch seine Mutter, die eine reiche Erbin, und den andern von einem Pathen, der ein Millionär war, als Erbschaft erhalten. Von diesen fünfzehntausend Pfund führte er auf Walton ein überaus glänzendes Leben. Er hielt für sich einen fürstlichen Hausstand, gab mir eine sehr bedeutende Zu­lage, und ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß mir das große Vermögen dereinst mit Waltoncourt zu­gleich zufallen würde."

„Und das ist nicht geschehen?" fragte sie ruhig.

„Nein, keineswegs — Lord Rylestone hat seiner