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Dienstag, den 28. Juni 1892.

19. Jahrgang

citnng

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3. Guartal 1892 wolle man schleunigst -em nächsten Postamte zu­stellen, damit uns dieselben rechtzeitig übermittelt wer­den können und prompte Zusendung ermöglicht wird. Der Post-Abonnementspreis auf die , Fulda er Zeitung' mit -er illustrirten Sonntagsbeilage

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A Die Schundliteratur

ist eine Pest in unserem Volksleben, welche von Jahr zu Jahr verheerender wirkt und dennoch nach oben hin so wenig Beachtung zu finden scheint, das bisher an durchgreifende Maßregeln gegen dieselbe nicht gedacht worden ist. Mit einem wahren Raffinement wissen die Verbreiter dieser niederträchtigen Literatur alle „Frei­heiten" der liberalen Epoche für sich auszunutzen, nament­lich das Hausirgesetz in der Gewerbeordnung ist die Hauptnährqaelle für diese Vergifter des Volkslebens. Bonden verschiedenen Branchen dieses „Geschäftszweiges" wollen wir nur den sogenannten Kolportage-Roman herausheben, der zu dem Schlimmsten gehört, was auf diesem Gebiete geleistet wird, abgesehen von der Sünd- fluth direkt unsittlicher Schriften, swelche ihr Haupt- Absatzgebiet in den „höheren" Volkrklassen suchen und — finden.

Der Kolportage-Roman ist auf Massenproduktion berechnet, seine Fabrikationsstätten sind in erster Linie und fast ausschließlich in Deutschland Berlin und Dresden. Jede Nummer der .Deutschen Kolportage- Zeitung' kündigt das Neuerscheinen einer Anzahl Mach­werke dieser Art an, die nie in Bänden, sondern stets in Lieferungen ä 10 Pfg. erscheinen. Die Praxis ist, daß den Kolportage-Buchhändlern, welche nicht blos in Städten, sondern auch fast überall auf dem flachen Lande ihre Vertretungen haben, namentlich wo die Be­völkerung dichter zusammen wohnt, die Lieferungen 1—5 in beliebiger Anzahl „zur Einführung" umsonst geliefert werden, jedes folgende Heft kostet diese 5 Pfg. und wird mit 10 Pfg. im Einzelnen wieder verkauft. Im Allgemeinen berechnet man die Kosten eines solchen Schundromanes auf 25,000 Mark, wobei für einen Umfang von 100 Heften, was in der Regel das Mi­nimum ist, ein Absatz von 5000 Exemplaren nothwendig wird, um die Kosten zu decken. Wenn man sich ver­gegenwärtigt, daß jeder dieser Schundromane sofort von Hunderten und aber Hunderten von Kolporteuren

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(22. Fortsetzung.)

Sie standen einige Augenblicke schweigend neben einander, dann sagte er:

„Wann soll ich Lady Dayenant unfern Entschluß mittheilen?"

„Augenblicklich noch nicht. Es wäre mir lieber, wenn sie es nicht erführe, so lange ich hier im Hanse bin," erwiderte sie. „Wenn sie mir auch selbst Alles sehr genau säge, was gegen unsere Verbindung zu sagen ist, so wäre es mir unerträglich, von einem Dritten was darüber zu hören. Lady Dayenant ist lehr hochmüthig, sie geht um ihre Lebenssphäre so ent­schieden enge Grenzen und würde mich so hart und streng beurtheilen, daß ich sehr unglücklich darüber sein würde."

„So will ich mit ihr nicht eher darüber sprechen, bis Du ihr Haus verlassen hast; das muß dann aber sofort geschehen. Dein jetziger Lebensberuf paßt nicht für meine Braut."

„Ich werde mich ganz Deinen Wünschen fügen," erwiderte sie.

Allan zog einen Brillantring vom Finger — der chöne Stein strahlte im reinsten Glanze.

vertrieben wird, von denen jeder seine Abnehmer nach Dutzenden zählt, manche aber nach Hunderten, so kann man schon leicht ermessen, daß bei diesem „Geschäft" alsbald etwas Erkleckliches herauskommt; wie denn auch bereits mehrere Verleger von Schundromanen in einigen Jahren aus ganz unbemittelten Leuten zu Millionären geworden sind.

Es soll nun nicht behauptet werden, das alle liter­arischen Produkte dieser Art direkt sittlich-anstößigen Inhalt haben, manche vermeiden denselben sogar ge­flissentlich, aber allesammt wenden sie sich an die niedersten Triebe des Menschen; alle Greuel, die der Menschen­geist nur ersinnen tarnt, werden in behaglicher breiter Schilderung, vielfach verführerifch und zur Nachahmung reizend, vorgeführt; im ganzen Romane wimmelt es von Verbrechen, Unthaten, Greueln. Will die,, Spannung" erlahmen, wird ein neues Scheusal eingeführt, welches dann für eine Weile aushält; so reiht sich an einem ganz losen Faden Lieferung an Lieferung, schier endlos spinnt sich die Geschichte weiter, jeder Bogen bringt neue klingende Münze, bis es schließlich nur deshalb des grausamen Spieles genug ist weil man ein anderes, womöglich noch „spannenderes" Unternehmen in Be­reitschaft hat, wozu der Pitaval (eine Sammlung von sensationellen Kriminalprozessen) von Neuem geplündert ist. Dann wird das Dichterwort zur Wahrheit:

„Wenn sich das Laster erbricht, Setzt sich die Tugend zu Tisch";

die verruchten Halunken, die Räuber, Mörder, Ehebrecher, Auswürflinge aller Art werben von der „verdienten" Strafe ereilt — aus ist die Geschichte, sie ist „höchst moralisch", weil — schließlich die Tugend siegt. So geht es nicht bei einem, so ist es bei allen „Romanen" dieser Art der Fall, ein rscht großer Theil spekulirt außerdem auf die niedrigsten, sinnlichen Triebe und führt sich als „Spezialität für junge Leute" ein; dabei wird oft das Aeußerste geleistet, aber so, daß die Robe des Strafrichters nur um einen Millimeter vermieden wird.

Wenn man bedenkt, daß diese Literatur-Gattung ihr Absatzgebiet fast ausschließlich in den Kreisen der breiten Masse, unter unseren Arbeiterfamilien, bei den kleinen Handwerkern, beim Dienstpersonal und bei der Heranwachsenden Jugend hat, so wird man den ganzen Schaden für unser Volksleben ermessen oder doch wenigstens bei einigem Nachdenken ahnen können, der daraus erbringen muß.

Schon in wirthschaftlicher Beziehung ist der Schaden ein nicht geringer. Der Kolporteur kommt iu's Haus und legt seine Sachen vor: „Ein neuer, wunder­schöner Roman, ganz für das arbeitende Volk ge­schrieben, beispiellos billig, das Heft nur 10 Pfennig, für eine Woche macht das ja nichts; hier sind die beiden ersten Hefte, Sie können dieselben aufschneiden und lesen, wenn sie Ihnen nicht gefallen, nehme ich sie ohne Kosten in jedem Zustande zurück!" Der Ver­suchung kann man nicht widerstehen, man behält die Hefte, sie „gefallen", die Fortsetzung wird genommen, der Kolporteur muß „zur Legitimation" einen Schein haben, dieser wird unterschrieben, damit verpflichtet sich

„Nimm diesen Ring als Verlobungsring, meine Margarita," sagte er. „Du sollst später einen andern haben, für jetzt mußt Du Dich mit diesem begnügen." Er steckte ihr dm Ring an den Finger. „Jetzt bist Du mein, und nur der Tod soll uns scheiden!"

Da hörten sie die kleine Maud rufen und Miß Ayenel eilte zu ihr. Das Kind sah sie ganz erstaunt an.

„Wo waren Sie, Miß Ayenel?" fragte sie. „Sie sehen ganz verklärt aus, und Ihre Augen strahlen wie die Sterne! Was ist Ihnen denn?"

„Ich bin unaussprechlich glücklich, mein Herzblatt!" war Margaritas ruhige Antwort, als sie an dem Bette des Kindes niederkniete.

„Was glänzt denn so an Ihrer Hand?" fragte die Kleine weiter.

Margarita lächelte.

„Das Pfand zukünftigen Glückes," erwiderte sie, und das Kind sah voll Erstaunen in daS schöne Antlitz.

„Ich verstehe Sie nicht," sagte sie ruhig, und diese Worte waren die letzten, die die kleine Maud für lange Zeit mit Bewußtsein sprach. Sie fiel in ein hitziges Fieber und schwebte wochmlang in äußerster Lebens­gefahr.

11. Kapitel.

Allans Zukunftspläne wurden durch die plötzliche Erkrankung der kleinen Maud gänzlich zerstört. Er

der Abnehmer auf alle folgenden Lieferungen, deren Zahl niemals angegeben wird, es muß weiter bezahlt roerben, unb wenn sich Jemanb besten weigert, kommt ber Prinzipal bes Kolporteurs als Shylock, ber auf seinem Scheine besteht ; schon aus Furcht vor Weite­rungen bezahlt man bis zum Enbe — bann hat man einen Quarck, für ben Niemand mehr Interesse hat. In den meisten Fällen geht ein Theil der Lieferungen verloren, sie werden verliehen und kommm nicht mehr zurück, oder sie werben im Hause „verkramt"; bas ist noch ber günstigste Fall, beim bann ist wenigstens bies Exemplar bes Ganzen beseitigt, währenb eS sonst, wenn es vielleicht noch in einen dicken Band gebunden Würbe, zehnfaches Unheil stiften müßte.

Wollten Wir im Stile bes Schunbromans schreiben, so Wäre es uns ein Leichtes, an ber Hand des uns vorliegendm Materials einen eigenen Roman über die Verheerungen zu verfassen, welche auf Grund glaub­hafter Zeitungsnachrichten in den letzten Jahren gerade durch die Kolportage-Romane angestiftet worden sind; vielleicht würde ein ingeniöser Verleger un8 ein gutes Stück Geld dafür zahlen; aber eine solche Versuchung kann uns nicht reizen, unser einziger Zweck ist nur, wiederholt auf die schwere Schädigungen unseres sitt­lichen Volkslebens durch die Schundromane aufmerksam zu machen und Jeden, der in dieser Beziehung etwas thnn kann, aufzufordern, mit feinen ihm zu Gebote stehenden Mitteln dem Unheil nach Kräften entgegen­zutreten.

Deutsches Keich.

Berlin, 25. Juni.

* Dec Kaiser ist heute früh 8 Uhr in Kiel einge­troffen und hat sich in Begleitung des Prinzen Hein­rich an Bord der „Hohmzollern" begeben. Später wohnte der Kaiser an Bord der Segel-Jacht „Irene" der internen Regatte des kaiserlichen Jachtklubs bei, an welcher 62 Boote der Marine theilnahmen.

* Fürst Bismarck hat bekanntlich seine Einsiedelei in Friedrichsruh verlassen und eine Reife nach Wien angetreten, um dort der Hochzeit feines Sohnes unb ber Gräfin Hoyos beizuwohnen. Bei biefer Gelegenheit hat sich zu seiner Freube unb zur Ueberraschung Anderer gezeigt, wie tief stellenweise die Verehrung für ihn in ben Herzen sitzt, so tief, daß hier und da sogar das Vaterlandsgefühl neben dieser Verehrung erstickt wirb, wie in Wien. Bei ber Durchfahrt burch Berlin be­grüßten ihn Tausende, bei seinem Aufenthalt inDresben aber bereiteten ihm Zehntausend« eine begeisterte Hul­digung. Er zeigte sich gerührt, sehr gerührt und sprach von verschiedenen bittern Pillen, die man ihm zu schlucken gegeben habe, blieb aber in seinen Reden kurz und wurde nicht deutlich, denn sein Beruf sei, sagte er, zu schweigen. An seine Aussöhnung mit dem Kaiser, von welcher letzthin so ost die Rede war, ist jetzt weniger als je zu denken; eS fcheint, der Fürst meint, daß man zu ihm kommen, nicht aber, daß er einen Schritt zur Versöhnung thun solle. In Wien haben gleichfalls Tausende sich zu seinem Empfang gedrängt, darunter auch viele Anti-

wünfchte, daß Margarita ihre Stellung sofort aufgeben sollte. Sie sollte zu seiner entfernten Verwandten, einer Mrs. Ferguson, übersiedeln, und von dort ans wollte er sich mit ihr vermählen; das war nun aber unmöglich, da das Kind so innig an ihr hing, daß sie es jetzt nicht verlassen konnte. Nur in Margaritas Armen sand sie dann unb wann ein wenig Ruhe unb Schlaf, ihr btennenbeS Köpfchen schien an Margaritas Brust Linderung zu finden; die kleinen heißen Händchen umklammerte sie und die fieberglänzenden Augen folgten ihr von einem Ende des Zimmers zum andern. Wie durfte sie da an sich selbst, an ihre glänzenden Lebens­aussichten denken? Wie konnte ihr Herz froh sein, während der TodeSengel ihren kleinen Liebling um» fchwebte?

Alle Gäste, Allan Estconrt ausgenommen, verließen die Abtei, als die Krankheit eine so ernste Wendung nahm ; Allan erklärte, daß die Erkrankung deS Kindes ihn nicht vertreibe, weil er eS jetzt erst recht für Pflicht halte, Sir Charles etwas zu zerstreuen. Er blieb, bis die bleichen Schneeglöckchen zu sprießen begannen, unb mußte bann nach London zurückkehren.

Seine Abreise erfolgte aber erst, als Miß Ayenel sich mit ihrem Zöglinge auf Lady DayenantS Wunsch für einige Zeit nach Torquay begeben hatte. Durch diese Ortsveränderung war ihr ein Hoffnungsstrahl