Beilage zu Nr. 144 der „Fuldaer Zeitung
Sonntag, den 26. Juni 1892.
, "Du hast Recht, Margarita, ich fühle mich elend I und unglücklich und halte Dich allein für die Ursache meines Leidens. „Es scheint mir, als wolltest Du mir niemals Dein Herz schenken!"
An demselben Abend fand er ein kleines Billet. Es enthielt zwar nur wenige Zeilen, sie genügten aber,
10. Kapitel.
So, so; Sie haben wohl Liebesbriefe zu schreiben?
Er schrieb ihr täglich und theilte ihr alle Gedanken und Gefühle mit. Ritterlicher konnte noch nie ein Weib umworben worden sein. Selten nur wurde ihm die Freude, sie zu sehen. Dann und wann traf er sie allerdings auf einem Spaziergang mit ihren Zöglingen, konnte aber natürlich nur wenig mit ihr sprechen, und ein paar Mal sahen sie sich verstohlen im Bibliothekzimmer. Esn oder zwei Mal während seiner Anwesenheit wurde sie aufgefordert, in den Salon hinabzukommen, und ein Mal war eine Kinderqesellschaft, auf der er mit ihr tanzte.
Er lernte sie mehr und mehr um ihrer Schüchtern- hkit und Zurückhaltung willen lieben. Es war ihm unmöglich, irgend eine Zusage von ihr zu erlangen, bls sie ihm eines Tages auf einem der Korridore begegnete und sich dort besorgt über sein leidendes Aussehen zeigte.
, ■ »Nun, dann müssen später mit Lady Dayenant fertig werden, denn sie wird Ihnen wahrscheinlich nachher emen Verweis geben. Sie hält sehr darauf, daß wir Alle gute Kinder sind."
Lady Dayenant vermißte Allan erst, als Alle in der Kirche Platz genommen hatten, und konnte ihn also nicht mehr zu Beiwohnung des Gottesdienstes, veranlassen. Innerlich schalt sie ihn natürlich sehr weltlich und gleichgiltig und hatte keine Idee von dem wahren Sachverhalte. Allan beobachtete die Abfahrt mit Ungeduld. Er wußte, daß nur zwei bis drei Dienstboten zurückblieben und diese während der Zeit in den Souterrains beschäftigt waren. Sein Plan war also, einen sehr kühnen Schritt zu wagen; er wollte nach dem Schulzimmer gehen und Miß Ayenel dort aufsuchen. Kam es zum Schlimmsten, daß sein Wagniß entdeckt wurde, so war er bereit, aller Welt zu verkünden, daß er die Absicht habe, Miß Ayenel
Es wahrte darauf Tage lang, ehe er sie wiedersah, °enn sie mied ihn mehr denn je. Er schrieb ihr dankerfüllte Briefe, und sie beantwortete sie sehr freundlich, aber es gelang ihm nicht, ihr irgendwo zu begegnen. Endlich erreichte er sein Ziel durch eine ganz besondere
um siinem ganzen Leben eine neue Wendung zu geben. „Lieber Allan," schrieb sie, „sei nicht unglücklich. Ich gedenke oft Dein, ja, ich liebe Dich — wie sehr, wage ich nicht auszusprechen."
„Ich weißes selber nicht," erwiderte sie und suchte ihm ihr Antlitz zu verbergen.
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„Ich möchte das Kind um keinen Preis im Schlafe stören", sagte er, aber ich muß Dich sprechen."
„Wenn es sein muß, so bin ich bereit", erwiderte sie; „aber hier ist es unmöglich. Lassen Sie uns nach dem Bibliothekzimmer gehen, dort kann ich gleichzeitig hören, wenn Maud nach mir ruft!"
„Ich hoffe, daß Maud sich einstweilen eines recht langen, stärkenden Schlafes erfreut," sagte er, als sie in das Bibliothekzimmer eintraten.
„Wie kommt es, Mr. Estcourt", fragte sie, „daß Sie aus der Kirche zurückgeblieben sind?"
„Ich fuhr nicht mit, weil ich Dich sprechen wollte, Margarita, Du glaubtest mir, ausweichen zu können! Warum bist Du so grausam gegen mich? Seit Du mir jene Zeilen schriebst, hast Du mir keinen Blick, kein Wort mehr gegönnt; Du hast mich seitdem gemieden, wie Deinen schlimmsten Feind, und dennoch hoffe ich einst Dein Gatte zu werden. Warum folterst Du mich so?"
Gottesdienst-Ordnung i« Fulda.
, Sonntag, den 26. Juni.
D-m. Um 5, 6, 63/« u. V/2 hl. Messen, 9 Uhr Hochamt mit Predigt. Christenlehre um 10»/. Uhr für die Jünglinge, um 1 Uhr für die Jungfrauen, 2 U. Vesper, 4 Uhr Predigt u. Abendandacht, 7 U. Andacht in der Marienkapelle. — Stadtpfarrkirche ü Uhr hl. Messe mit Predigt, 7 Uhr hl. Meffe, 8 Uhr hl. Messe mit Predigt, 9*/i Uhr Hochamt mit Predigt, 11 Uhr hl. Messe um 11 und l1/* Uhr Christenlehre, 3 Uhr Andacht. — MichaelS- krrche 10 Uhr hl. Messe mit Segen, 2 Uhr Predigt und Bru- derschaftsandacht. — Hospitalskirche zum heiligen Geiste. Um 8 Uhr Gottesdienst, 5 Uhr Abendandacht. — Sodalität 10 Ubr Gottesdienst. — Mütterverein. 6 u. 2 Uhr. — Frauenberg 5 u Z^^su-Andacht, 6'/, Uhr Hochamt, 8 Uhr Bruderschaftsmesse' m Uhr Marmnische Bruderschaft-Hauptversammlung, nach dem Gottesdienst Neuwahl des Vorstandes.
Das verhängnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(21. Fortsetzung.)
Aber selbst in ihren kühnsten Träumen hatte sie sich nie em so unaussprechliches Glück ausgemalt, wie sie eben empfand. Sie war fast darüber erschrocken und wagte kaum, es sich einzugestehen. Es schien ihr unglaublich, daß sie, eine arme Erzieherin, die Liebe dieser vornehmen, jungen Helden, nach dem die Damen der großen Welt vergeblich trachteten, für sich gewonnen haben sollte. Das war zu wunderbar, und sie konnte mit Recht sagen, daß sie sich vor ihrem Glück fürchtete.
Er machte sich also muthig auf den Weg und pochte an die Thür des Schulzimmers. Margarita öffnete ihm selbst. Hatte er bisher noch an ihrer Liebe gezweifelt, so mußte die freudige Rörhe auf ihren Wangen und das Lächeln, mit dem sie ihn empfing ihn überzeugen. Plötzlich aber schien ihr ihre Lage erst klar zu werden und sie legte als Zeichen, daß er schweigen möchte, den Finger auf die Lippen.
„Still, still!" flüsterte sie. „Die arme Maud ist ernstlich krank und schläft eben ein wenig."
Er ergriff schweigend ihre Hand und führte sie aus
„O Allan! rief sie aus, „wirst Du diesen Schritt auch niemals bereuen? Bist Du ganz gewiß, daß nie eine Zeit kommen wird, wo Du wünschest, mich nie | geliebt und geheirathet zu haben?"
„Dessen bin ich ganz gewiß," erwiderte er. „Aber ich weiß anderseits auch, daß ich es lebenslang bellagen wurde, wenn Du nicht mein Weib würdest."
„Wenn ich jemals in späteren Jahren sähe, daß durch unsere Herrath irgend welche Nachtheile für Dich erwuchsen, daß Du sie bereutest und unsere Liebe Deine weltlichen Interessen beeinträchtige, das könnte ich nicht überleben!" entgegnete sie.
„Thörichtes, empfindsames Kind!" sagte er. „Sage, Margarita, wie könnte ich jemals die Handlung bereuen, durch die ich für mein Leben die Krone des Glückes kränge. Warum sprichst Du so zu mir, da Du doch emgestehst, daß Du mich liebst?"
"3a- ich liebe Dich; aber weißt Du nicht, daß wahre Liebe stets opfermuthig ist. Lieber mag mein Herz brechen, als daß ich Dir jemals lästig werde, daß ich zwischen Dich und Deine weltlichen Interessen trete!"
„Davon bm ich überzeugt; aber das kann niemals geschehen. Ich bin vollkommen Herr meiner selbst und ganz und gar frei in der Wahl meines Weibes, es hat Niemand weiter darüber zu bestimmen."
„Vielleicht wünscht Lord Rylestone aber nicht, daß Du eine derartige Verbindung eingehst," sagte sie ruhig
„Soll ich denn mit Schatten kämpfen? Lord Ryle- stone hat m Betreff meiner Heirath gar nichts zu sagen. Ich habe meine Handlungen nur vor mir selbst zu verantworten, glaube mir das und gib Deine Sorg-N und Bedenken den Winden Preis. Jetzt lege Deine Hand aber ruhig in die meine und sage mir: „Allan, ich gelobe Dir, Dein Weib zu werden!"
„Wenn ich das verspreche, so werde ich mein Wort auch im vollsten Sinne halten," sagte sie.
„Das ist recht. Du wirst mir dadurch meinen Frieden wiedergeben."
Sie schwieg einige Minuten lang — vielleicht war neser Zeitraum der feierlichste und gewichtigste ihres Lebens — dann erbleichten ihre Wangen und Lippen und sie legte ihre Hände in die seinen.
„Allan, ich gelobe Dir, Dein Weib zu werden und Dich bis zu meinem letzten Athemzuge treu zu lieben!" agte sie leise.
„Ich begreife Dich auch nicht; aber es darf fo nid weiter gehen. Siehe, ich habe nun Lady Dayenant' Unwillen erregen müssen, um Dich endlich auf einige Augenblicke zu sprechen. Wie soll ich Dir für Deinen letzten Brief danken? Ist es wirklich wahr, was Du mir schriebst? Darf ich darauf bauen?"
. S'e schwieg erst einige Augenblick, dann schlug sie entschlossen die Augen zu ihm auf.
"Ä/" ^sicherte sie, „jedes Wort darin ist wahr.
„Also liebst Du mich wirklich?"
„Ja! Aber fragen Sie nun nicht weiter!"
„O doch! Ich bin in diesem Augenblicke zu glück
l'ch. um großmüthig zu sein, und Du mußt mir erst noch versprechen, mein Weib zu werden."
Ihre dunkeln Augen waren mit Innigkeit auf ibn gerichtet. 1 ’
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Er war so schön, so edel und stand so hoch über ihr. Er glich den Helden der Sagen und Lieder, von denen sie so gern gelesen. So ehrfurchtsvoll und galant hatte sie sich stets die Ritter aus alter Zeit gedacht. Und dieser Mann liebte sie nun und seine Liebe sollte ihr für's ganze Leben gehören? Sie fragte sich, ob
Erzieherin einst Lady Rylestone auf Walton werden 1 ' ~ - 9 genant Tertia
sollte. Dieser Gedanke beschäftigte sie aber weniger, hauptsächlich gedachte sie nur des jungen Helden selber, der so innig um ihre Liebe flehte.
„Ich fürchte mich vor mir selber," dachte sie.
Sw kannte sich genugsam, um sich klar zu sein, daß es sich um Tod oder Leben für sie handelte, deshalb zögerte sie immer noch, sich der beseligenden Macht zu ergeben und die Liebe zu erwidern, die sich in so unaufhaltsamen Strome über sie ergoß.
Unb doch war sie schon nahezu besiegt. Warum sollte ste zögern? Warum sich weigern, das große Glück zu erfassen, das sich ihr darbot?
„Er liebt mich," dachte sie, „er wird — er kann nie wieder so lieben, wie er mich liebt."
Sie beschloß noch einige Tage zu warten und ihm b^n'hre Liebe gestehem Denn daß sie ihn liebte, war , uup tl ulc
fte sich wohl bewußt, ^hr Herz pochte mächtig und zu seiner Gemahlin zu machen, ihre Wangen erglühten, wenn sie seiner gedachte und T '' "' " sich seine Worte wiederholte.
Der Tag, an dem sie ihren Liebesbrief erhielt, blieb ihr immer unvergeßlich. Für sie war die Ankunft des Briefes überhaupt ein sehr großes Ereigniß, da es sich nur in seltenen Fällen zutrug, daß ihr Bruder ihr einmal schrieb. Nun hatte sie aber einen Liebesbrief voll süßer Worte empfangen, da füllten sich ihre Augen mit Thränen der Lust. Sie las ihn wieder und wieder, bis jedes Wort sich ihrem Gedächtnisse eingeprägt hatte. Wenige Stunden, nachdem sie ihn , .yt,™ iyic ^uuu ullu nmne
$ l<$ •te ^'LternbmUnb ängstlich nach der dem Zimmer, dessen Thür er behutsam schloß.
Bibliothek, um im ersten Bande von Sir Charles ' °"t ~
Grandissons Werken ihre Antwort niederzulegen. Allan lächelte, als er sie las, sie war so naiv und einfach und doch so beredt.
auf die
,Fuldaer Zeitung'
für das am 1. Juli beginnende
3. Guartal 1892
wolle man schleunigst dem nächsten Postamte zu- stelleu, damit uns dieselben rechtzeitig übermittelt werden können und prompte Zusendung ermöglicht wird.
.Der Post-Abonnementspreis auf die , Fulda er Zeitung' mit der illnstrirten Sonntagsbeilage = Sterne und Sluinen = beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. excl. Bestellgeld.
„ Lady Dayenant legte einen hohen Werth auf den pünktlichen Besuch der Gottesdienste. An jedem Sonntag fuhr der ganze Hausstand, die Gäste, Kinder und Dienerschaft mit eingeschlossen, nach der Kirche zu Laston hinüber, und es blieben nur ein oder zwei Drenstboten im Schlosse zurück. Sehr weltlich und oberflächlich gesinnte Personen sahen es für eine große Unbequemlichkeit bei dem Aufenthalte auf der Abtei an, daß Lady Dayenant von dieser Regel keine Ausnahme gestattete. Ob man sich gern oder ungern darein fügte, galt ganz gleich, sie erwartete unbedingt, daß Niemand sich vom Kirchenbesuche ausschließe.
An einem Sonnabend Abend aber hörte Allan ganz zufällig, wie Lady Dayenant sagte, daß die kleine Maud so sehr erkältet sei, daß sie mit ihrer Erzieherin von der Kirche zurückbleiben müsse.
„So bleibe ich auch zurück," dachte er, äußerte feine Absicht aber erst ganz kurz vor der Abfahrt, wo er sich zu Sir Charles begab und ihm mittheilte, daß er nicht in die Kirche zu fahren beabsichtige.
„Warum nicht?" fragte der gastfreie Baron.
„Mich zwingt ein wichtiger Grund hier zu bleiben," erwiderte Allan.
Wie innig dankte er ihr! Wie segnete er sie für diese Worte! Er neigte sich über fte.
»Nun sind wir verlobt, Margarita," sagteersanft, „und Du bist mein auf ewig!"
(Fortsetzung folgt.)
vermischtes.
* lieber Bedürfniß-Anstalten auf den Bahnhöfe» schreibt man der ,Köln. Bztg/ von der Saar: „In Nr. 331 rügen Sie eine Unsitte oder richtiger Gemeinheit, welche sich vielfach breit macht, indem nämlich die Wände der genannten Anstalten mit Inschriften unsittlicher Natur bedeckt werden. Wie manches kind- liche und unschuldige Gemüth mag schon durch diese Schriften und Zeichnungen beleidigt und geschädigt worden sein! In den genannten Räumen eines hiesigen großen Bergnügungslokals war diese Verunzierung der Wände ebenfalls herrschend. Man hat derselben dadurch ein Ende bereitet, daß man die Wände bis über die Reichhöhe mit glasirten Wandplatten bekleidete, welche das Schreiben mit Kreide oder Blei auf dieselben gar nicht annehmen. Seit dieser Zeit ist der gerügte Uebelstand gänzlich beseitigt."
* Ein Engländer Namens Fischer hat sich in Monte Carlo nachdem er dort vierzigtausend Pfund Sterling verspielt hatte erschossen. '