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19. Jahrgang

Sonntag, den 26. Juni 1892

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Staat ihm als Bedürfniß zudikürt? Wie lange wird es dauern, bis der Mensch im sozialistischen Staate sich die Frage vorlegt, die sich der Arbeiter heute vor­legt: warum soll mir der Unternehmergewinn ent­gehen? Warum soll der Ueberschuß meiner besonderen Thätigkeit und meiner besonderen Intelligenz der All­gemeinheit zu Gute kommen, start mir, um mich da­durch in den Stand zu setzen, höhere Bedürfnisse zu befriedigen oder als ersparte Arbeit ihn für ungünstigere Zeiten aufzuspeichern? Da aber eine solche Aufspeiche­rung ohne Privateigenthum unmöglich ist, so ist nur der andere Weg offen, solche Ueberschüsse nicht zu schaffen; mit anderen Worten, die Produktion erliegt einer langsamen Erstarrung; die Menschen müßten demgemäß ihre Bedürfnisse einschränken, und das würde unaufhaltsam lortschreiten, bis wir im Zustande mög­lichster Bedürfnißlosigkeit d. h. vollständiger Barbarei angekommen wären.

Wir sehen, wohin die von den Sozialdemokraten so hochgepriesene und heißersehnte Aufhebung des Privat- eigenthums führen würde.

Eine hiervon ganz verschiedene Frage ist es, ob sich das Privateigenthum so, wie wir es jetzt haben, zum Besten der Allgemeinheit entwickelt hat, oder ob nicht gerade die gegenwärtige Erscheinungsform — nicht das Privateigenthum an sich — Mißstände gezeitigt hat. Das ist, wie gesagt, eine ganz andere Frage, welche uns aber heute viel zu weit führen würde. Vielleicht unterhalten wir uns ein andermal darüber, nur so viel sei hier erwähnt, daß es gerade die Aufgabe der christlichen Sozialwissenschaft ist, die richtige Erschei­nungsform des Privateigenthums in der Gesellschaft zu suchen. Sie zu finden, wird nur ihr gelingen, weil der christliche Sozialismus allein nicht blos die gesell­schaftlichen Prinzipien, fondern auch die Zwecke, welche Gott in der Gesellschaft verfolgt, in den Bereich der Betrachtung zieht. Gelingt ihm diese seine Aufgabe nicht oder predigt er tauben Ohren, dann wird der Staat mit all seinen Bataillonen, Schwadronen und Batterien vergebliche Anstrengungen machen, die Ge­sellschaft vor den furchtbarsten Zuckungen zu bewahren.

das thun, was ihnen aufgetragen wird, und nach nichts Anderem streben, als wackere, ehrenhafte Leute zu fein, dann zweifeln wir gar nicht, daß diese auch in einem so idealen Zustande werden leben können. Aber wir zweifeln, daß die Sozialdemokratie die Leute zusammen­bringt; so vollkommen ist die Menschheit nicht, das sind eben Ausnahmen, die berufen sind, die noch das mächtige Motiv der Religion haben und denen die klösterliche Genossenschaft nicht der Zustand der Voll­kommenheit ist, fondern erst das Mittel, sich zu vervollkommnen. Die Menschheit im Allgemeinen besitzt ja auch den Vervollkommnungstrieb; aber nicht in der Weise, daß er das ganze Leben beherrscht, son­dern er richtet sich zunächst auf die behagliche Gestaltung der äußeren Lebenslage; er schafft damit fortwährend neue Bedürfniffe, und diese zu befriedigen, daraus ist das Sinnen und Trachten der Menschen gerichtet. Aller­dings beschränkt sich das nicht nur auf leibliche Be­dürfnisse, sondern umfaßt auch geistige und sittliche, und auf diesem Wege wird eben der Fortschritt des Menschengefchlechtes vermittelt. Der wäre aber ganz unmöglich ohne das Privateigenthum. Wie das gemein­same Eigenthum dem vollkommenen Menschen entspricht, so entspricht das Privateigenthum dem gefallenen, un­vollkommenen Menschen. Einen unvollkommenen Menschen auf den Gemeinbesitz anweisen, das kommt uns gerade vor, als wollte man ein Kind, das noch der Windeln bedarf, in Hofkleidung stecken. Es wird kein Mensch leugnen, daß die Hofkleidung schöner ist, als die Windel, aber wohl fühlt sich das Kind in der Windel, nicht im Hofkleide.

Wenn man sagt: Aus dem Privateigenthum fließt alles Böse, so sind wir, wie in dem Obigen klar nach­gewiesen, auch berechtigt, zu sagen: Aus dem Privat­eigenthum fließt jeglicher Fortschritt der Kultur der gesammten Menschheit. Nehmen wir das Privateigen­thum weg, so ist die Folge davon, däfi man in 'den Zustand der Barbarei zurücksinkt.

Und wir können das mit größerem Rechte sagen. Denn wenn das Privateigenthum vielfach den Anlaß zu Verbrechen bietet, so gibt es außer dem Privat- eigenthume der Anlässe zum Verbrechen noch eine ganze Mafse. Geiz, Neid und Habsucht werden mit der Aufhebung des Privateigenthums nicht aus der Welt geschafft. Wer Neigung zu diesen Lastern hat und sie nicht von Innen heraus bekämpft, der wird ihnen im Systeme eines gemeinfamen Eigenthums wie im Systeme des Privateigenthums fröhnen. Er wird geizen an der Befriedigung seiner Bedürfnisse und das so Ergeizte im Stillen anhäufen. Er wird aus dem Gemeinbesitze sich anzueignen suchen, so viel er kann, und wenn er es nicht verwerthen kann, so kann er es dock besitzen. Das ist ja gerade die Natur des Geizes, daß er nicht an der Verwerthung der Güter, sondern an dem Be­sitze derselben seine Freude hat. ss werden also die Verbrechen nicht aufhören, nicht einmal mit den Eigen- thumsverbrechen wird das der Fall sein. Aber das können wir behaupten, daß der Kulturfortschritt auf­hört mit dem Privateigenthume, daß wir zurückstnken in die alte Barbarei.

Mit dem Privateigenthume fällt das Privat­interesse; die Erfolge der Thätigkeit fallen nicht demjenigen zu, der thätig ist, fondern der Allgemein­heit. Der Einzelne fpürt gar nichts davon, ob er fleißig oder träge, ob er intelligent oder stumpfsinnig arbeitet. Betrachten wir doch, wie sehr sich die Sozia­listen über den Unternehmergewinn ereifern. Lassalle hat ein „ehernes Lohngesetz" aufgestellt, wonach der Arbeitslohn das Bestreben habe, sich so zu stellen, daß der Arbeiter gerade so nothdürftig mit Familie existiren kann. Dieses eherne Lohngesetz galt bis vor Kurzem als sozialistischer Glaubenssatz. Richtig ist er aber nicht; denn sonst müßten die Löhne so ziemlich überall dieselben sein, und ein Möbelschnitzer bekommt doch mehr als ein Straßenkehrer. Aber der Sozialist erkennt das eherne Lohngesetz an und jammert in Folge dessen: „Alles, was bei der Maare mehr erzielt wird, fällt dem Unternehmer in die Tasche, es ist Unter® nehmergewinn, der Arbeiter kann nie vorwärts kom­men; man enthält ihm die Früchte seines Fleißes vor!"

Darüber so große sittliche Entrüstung! Aber be­denkt man denn nicht, daß mit Aufhebung des Privat­eigenthums der Arbeiter gar nicht in der Lage ist, die Früchte seines Fleißes und seiner Intelligenz zu ernten, daß das Ganze in die Tasche des Unternehmers Staat fließt und ihm nichts Weiteres zukommt, als was der

Deutsches leid).

Berlin, 24. Juni.

* Das italienische Königspaar hat sich heute Mittag von den kaiserlichen Majestäten verabschiedet undist um 2»/z Uhr nach Dresden abgereist. Die Ankunft des Königs und der Königin von Italien in Dresden bezw. in der königlichen Villa in Strehlen erfolgte Abends 6 Uhr. Wenige Stunden später, Abends lOVs Uhr, setzten die italienischen Majestäten ihre Reise zunächst nach Frankfurt a. M. fort, wo der Ankunft morgen früh 9 Uhr entgegengesehen wird. Dort sindet eine Truppenrevue statt, nach welcher sich das Königspaar nach Homburg begibt, um die Kaiserin Friedrich zu besuchen.

* Der Kaiser verlieh dem italienischen Minister des Auswärtigen, Bri», die Brillanten zum Großkreuz deS Adlerordens. x .

* Das preußische Staatsministerium hat, wie mehr­fach berichtet wird, die Einberufung der nächsten Session des Landtags bereits für den 7. eventuell 15. No­vember in Aussicht genommen. Der Reichstag soll, wenn möglich bereits im Oktober d. I. einberufen werden. ,

* Fürst Bismarck hat am Donnerstag-Nachmittag Wien wieder verlafsen und sich nach München be­geben.

* Aus Braunschweig wird gemeldet: Professor Noak erhielt einen Brief des Dr. Stuhlmann, datirt aus Bukoba vom 2. April. Emin Pascha wird oft in dem­selben erwähnt, aber es findet sich keine Andeutung, welche auf dessen Tod schließen lassen könnte.

* Der Bandesrath hat dem mündlichen Bericht des vierten, fünften und fechsten Ausschusses über den Gesetzentwurf, betreffend die Einführung einer nnhttt- lichrn Zeitbestimmung, zugestimmt.

* Dec Staatssekretär im ReichSschatzamt Frecher r v. Maltzan bestätigte einer Deputation aus Span­dau, daß voraussichtlich dem Reichstage schon m seiner nächsten Session ein Gesetzentwurf zugehen werde, 6 er die Frage wegen der Kommunalbesteuerung des Reich s- stskus regeln solle. Außer Spandau sind folgende Städte daran interessirt: Danzig, Erfurt, Deutz, Straßburg i. E, München, Dresden, Ingolstadt, Sie g- burg, Hanau, Kiel nebst den Landgemeinden Eller­beck und Gaarden und Mainz.;

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A. G. Das Privateigenthum.

Von Seiten der Sozialdemokratie hören wir immer wieder, wie das Privateigenthum als die Grundquelle aller Uebel hingestellt wird; mit dem Ende des Privat­eigenthums sollen auch alle gesellschaftlichen Uebel schwinden. Die Logik ist unantastbar, es fehlt nur noch der Nachweis, daß das Privateigenthum die Quelle aller gesellfchaftlichen Uebel ist, und fobald der Sozial­demokratie dieser Nachweis gelegt, werden wir für die Abschaffung des Privateigenthums eintreten. Bis dahin sind wir der Ansicht, die Ursache aller gesellschaftlichen Uebel liege in der gefallenen Natur des Menschen, in seiner Abkehr von Gott und in seiner Selbstvergötte­rung.

Die Sozialdemokratie zählt mit vollem Rechte eine ganze Reihe Uebel auf, die aus Anlaß des Privat­eigenthums zum Ausbruche kommen: G«tz, Habsucht, Neid, Verschwendung, Ueppigkeit, Ausbeutung und all' die Unthaten uuo Verbrechen, die aus diesen Beweg­gründen hervorgehen. Wir erwidern dagegen, daß das Alles nicht seine Quelle im Eigenthume hat, sondern in dem schlimmen Gebrauch, den Einer von seinem Eigenthume macht, und daß er diesen schlimmen Ge­brauch nicht machen würde, wenn er sich nicht von Gott abgekehrt hätte, wenn er im Gegmtheil nach dessen Geboten handelte. In diesem Falle wäre das Privateigenthum ein Segen, und es ist daher voll­ständig unzulässig, in ihm die Quelle aller Uebel zu suchen; es ist dasjenige, was der Mensch daraus macht, und so ist's mit noch vielen Dingen. Bei jedem Morde ohne Ausnahme sind menschliche Hände betheiligt; sie mischen das Gift, sie führen , den Dolch, sie drücken den Revolver los, es ist kein Mord denkbar, ohne daß eine menschliche Hand dabei thätig war. Kann man deshalb sagen: die Hände sind die Quelle aller Morde, hocken wir die Hände ab, so werden keine Morde mehr geschehen? Genau so thöricht ist der Satz mit der Abschaffung des Privateigenthums; nicht die Hand ist die Quelle des Mordes sondern die gefallene Natur des Menschen, seine Abkehr von Gott, die ihn den Gedanken fassen läßt, einen Mitmenschen zu ermorden, und zu dieser That seine Hand zu miß­brauchen. Die Hand ist eine köstliche Gabe Gottes, aber der Mensch kann sie zum Morde mißbrauchen, und so ist das Privateigenthum eine von Gott ge­wollte Einrichtung, aber der Mensch kann sie miß­brauchen.

Wir sagen „von Gott gewollt", und damit ist die Beibehaltung dieser Einrichtung für uns eine entschie­dene Sache, um welche zu debattiren weiter nicht nöthig wäre; und wenn wir in die Debatte eintreten, thun wir das nicht um unseretwillen, sondern um diejenigen zu überzeugen, welche sich überzeugen lassen wollen. Wenn Gott das Privateigenthum nicht gewollt hätte, so hätte er es in den zehn Geboten nicht geschützt.

Nun leugnen wir gar nicht, daß der Gemeinbesitz ein vollkommenerer gesellschaftlicher Zustand wäre, als der Privatbesitz. Der Gemeinbesitz der Erde durch die Menschheit, die Befriedigung aller Bedürfnisse aus dem öffentlichen Säckel, so daß alle Noth verschwindet, die Leistungen Aller für den Gemeinfäckel nach besten Kräften, so daß der allgemeine Reichthum immer größer wird: das wäre ein idealer Zustand, welcher die mensch­liche Vollkommenheit zur Voraussetzung hätte.

In den Klöstern strebt man wenigstens nach Vollkommenheit, und da sehen wir diesen idealen Zu­stand durchgeführt. Aber da zielt auch nichts dahin, auch nur diejenigen sinnlichen Bedürfnisse des Menschen, die eine gewisse Berechtigung haben, zu befriedigen, sondern Alles ist auf Adtödtung, auf Beherr­schung jedes Gelüstes, auf Streben nach Gott berechnet. Der Mönch lebt ehelos, das Kloster ist seine Familie, die Menge und Beschaffenheit des Gssens und Trinkens macht ihm wenig Sorge, er nimmt, was er bekommt, schläft auf einem Strohsack und kleidet sich in eine Suite, die er wahrscheinlich sein ganzes Leben lang behält. Dabei ist er von früh bis spät in der einen ober anderen Weise thätig. Wenn die Sozialdemokratie eine Schaar Leute zusammen­bringt, welche auf alle irdischen Genüsse verzichten, mit dem bescheidensten Unterhalt zufrieden sind, den ganzen Tag über, ohne sich um den Achtstundentag zu küm­mern, ohne sich jemals über eine Arbeit zu beklagen,

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