143 ^Samstag, den 25. Juni 1892.
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19. Jahrgang
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Sehen wir uns die Stellung der Dienstboten in so manchen „modernen" Familien einmal an, ist sie denn wirklich so, daß in den Mädchen Zufriedenheit und Anhänglichkeit erwirkt werden können? Im Allgemeinen kann man sie kurz dahin kennzeichnen: Alles Unangenehme in dem Familienleben müssen die Dienstboten mittragen, oft sogar in doppeltem Maße, aber das Angenehme läßt man spurlos an ihnen vorübergehen. Wenn ein Familienmitglied krank wird, so verlangt man mit Fug und Recht eine gewisse Aufopferung des Dienstboten; aber wenn er| selbst krank wird, ist dann die rechte Gegenseitigkeit da? Unter allen Verdrießlichkeiten, welche die Frau oder Kinder betreffen, muß der Dienstbote mit leiden. Er ist oft geradezu der Blitzableiter des Aergers. In den Witzblättern findet man manchmal mehr oder minder humorvolle Spöttereien darüber, daß die Dienstboten jetzt so arrogant werden, sich vor dem Engagement nach den Verhältnissen der Herrschaft, der Zahl der Kinder u. s. w. zu erkundigen. Auch das hat eine ernste Seite. Es gibt gar zu viel Eltern mit Affenliebe; die verzogenen Kinder sind aber für Niemanden eine größere Qual als für die Dienstboten. Und wie springen häufig die modernen „Fräulein Töchter" mit den Dienstboten ihrer Eltern um! Wenn ein Dienstmädchen in reiferen
In die Dienstbotenschaft ist ein schlechter Geist sichtspunkt, der nie außer Augen gelassen werden darf, werthm emgekehrt, das steht außer Zweifel. Aber sind 1 —‘ — -- ! • - — '*
denn die Herrschaften auch noch so gut wie früher? Früher standen Herrschaften und Dienstboten in einem väterlich-kindlichen Verhältnisse; auf dem Lande ist es glücklicher Weise vielfach noch so. Aber in den städtischen Verhältnissen ist fast jede Spur von Liebe aus diesen Beziehungen verschwunden. Man versucht es miteinander, so lange es beiden Seiten vortheilhaft scheint; der Dienstbote aber weiß, daß er nach kurzer Frist mu Leichtigkeit „sich verändern" kann und die Herrschaft weiß es ebenso. Die Stellenvermittler, welche eine unbegrenzte Wechselfähigkeit ermöglichen, untergraben die Verträglichkeit auf beiden Seiten. Wenn Mann und Frau einmal aneinander gerathen, so müssen sie sich nothgedrungen wieder vertragen, denn sie sind auf ewig verbunden. Zwischen Herrschaft und Gesinde kann aber ein viel geringerer Streitpunkt, ein zerbrochenes Geschirr auf der einen, ein zorniges Wort auf der anderen Seite, zu sofortiger Kündigung und zum Wechsel führen.
I weist darauf hin, daß der Dienstbote, der in das Haus und in die Familie der Dienstherrschaft ausgenommen wird, dadurch auch zur letzteren gehört. Darnach muß sich denn auch das praktische Verhältniß bestimmen, das zwischen Dienstherrschaft und Dienstboten obzuwalten hat. Die Dienstherrschaft darf in dem Dienstboten nicht eine bloße Arbeitskraft erblicken, welche sie ausnutzt, ohne um sein Wohl und Wehe sich weiter
I zu bekümmern. Mit Liebe und Schonung muß sie dem Dienstboten entgegen kommen, mit seinen Schwächen muß sie Geduld tragen, soweit es mit der Ausrechterhaltung der Ordnung und Sitte im Hause sich verträgt; besonders muß die Dienstherrschaft dem Dienstboten gegenüber strenge Gerechtigkeit wahren, denn nichts erbittert mehr als ungerechte Vorwürfe. Thut es Roth, so muß die Dienstherrschaft allerdings mit Ernst und Strenge gegen die Dienstboten auftreten. Aber dabei darf sie es den Dienstboten doch nicht fühlen lassen, daß er eigentlich ein Fremder sei und daß sein Wohl und Wehe die Dienstherrschaft im Grunde nichts kümmere; denn nichts stößt mehr ab als Herzlosigkeit und fremdes Wesen von Seiten Jener, für die doch der Dienstbote das ganze Jahr hindurch zu arbeiten und sich abzumühen hat.
Es gibt Dienstherrschaften, welche die Arbeitskraft ihrer Dienstboten bis zum Aeußersten ausnutzen, um sich weitere Ausgaben für Arbeitskräfte zu ersparen und ihnen nicht die geringste Erholung gönnen. Das ist schweres Unrecht. Wer die ganze Zeit des Dienst- 6oten auch an Sonntagen für den Dienst in Anspruch nimmt, ohne ihm die nöthige Erholung zu gewähren, ! ohne ihm so viel Zeit frei zu geben, daß er seinen I religiösen Verpflichtungen nachkommen kann, der behandelt dm Dienstboten eben nicht mehr als Menschen und Christen, sondern er erblickt in ihm nur eine
Klagen daher die Herrschaften über die schlechte Zucht und Sitte unter den Dienstboten, so tragen doch in manchen Fällen die Dienstherrschaften ihr gutes Theil Mitschuld an diesem Niedergange, insofern sie die Dienstboten nicht so behandeln, wie es sich nach christlichen Grundsätzen geziemt. Der christliche Ge-
des Christenthums wieder in sich lebendig werden und zu Thaten gestalten lassen.
Jahren, welches das Bewußtsein hat, ihre Sache zu verstehen und der Herrschaft treue Dienste gethan zu haben, sich von dem aufgeblasenen, verzärtelten, dummen Backfisch Tag für Tag schuhriegeln, schikaniren, mit Scheltworten traktiren lassen muß, dann kann man es ihm nicht übel nehmen, wenn ihm auch mal die Galle überläuft.
§* Zur Dienstbotenfrage.
Vor einiger Zeit ist vorstehendes Thema an dieser Stelle bereits einmal behandelt worden. Es wurde bei dieser Gelegenheit die Dienstbotenfrage mit Recht als eine hochbedeutsame bezeichnet, weil aus dem Dienstmädchenstande die größte Zahl der Arbeiterfrauen hervorgeht, das Wohl und Wehe eines großen Prozentsatzes unserer Arbeiterfamilien also unauflöslich damit verknüpft ist. Eben diefe ihre Wichtigkeit veranlaßt uns, auf die Frage nochmals zurückzukommen dabei aber etwas näher die Stellung der Dienstherrschaft ins Auge zu fassen.
Das verhängnißsolie Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(20. Fortsetzung.)
„Es liegt aber unbedingt etwas Ungehöriges in dem Gedanken, daß eine arme Erzieherin, die sich mühsam ihr tägliches Brod erwirbt, plötzlich Lady Rylestone werden soll," erwiderte sie.
„Mir scheint der Gedanke viel ungehöriger, daß eine schöne anmuthige Dayie, wie Du, Unterricht er» theilen muß," versetzte er, „als daß sie Lady Rylestone wird, Margarita. Gib mir wenigstens etwas Hoffnung, bevor Du mich verläßt."
Die Glocke gemahnte an die Mittagstoilette und er sah, daß er keinen Augenblick länger verweilen durfte. Der klare, Helle Ton drang über die kahlen Baumwipfel zu ihm herüber und führte seine Gedanken wieder zur Alltäglichkeit zurück.
„Gib mir wenigstens etwas Hoffnung, ehe ich von Dir gehen muß. Ich weiß, wie schwer es sein wird, Dich wieder zu sehen," sagte er, „aber ich kann Dir wenigstens schreiben! Steht Dir daS Bibliothekzimmer nicht jeder Zeit offen?"
„Ja," erwiderte sie, „wahrscheinlich aus Rücksicht auf meinen Beruf. Ich kann mich darin aufhalten, wann ich will."
„Man scheint im Allgemeinen hier im Schlosse
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mich liebtest, Du um meinetwillen Alles verlassen und Elend, Armuth und jeden Schmerz mit mir theilen würdest."
„Das würde ich", erwiderte sie einfach. „Wenn ich Sie liebte, würde ich Sie mit der ganzen Kraft meines Herzens lieben!"
„So gebe Gott, daß ich mir Deine Liebe erwerbe, Margarita!"
„Sie müssen eiligst nach dem Schlosse zurückkehren, Mr. Estcourt. Malen Sie sie sich Lady Dayenants Entsetzen aus, wenn Sie zu spät zu Tische kommen."
<£r hatte gar nicht mehr daran gedacht.
„Ja, ja, ich muß gehen, Gute Nacht, Magarita!" Seine ritterliche Verehrung war so groß, daß er nicht einmal wagte, die weißen Hände, welche er in den seinen hielt, mit seinen Lippen zu berühren. Als er von ihr ging, suchte Margarita eilig die Einsamkeit ihres Zimmers auf, um über das Erlebte nachzudenken.
Dort, wo kein menschliches Auge sie beobachtete, wagte sie sich zu gestehen, wie theuer ihr dieser schöne Mann, dessen Siebe unverhofft wie ein goldener Lichtstrahl in ihr Leben gefallen war, sei. Ihr junges Leben, sie war kaum zwanzig Jahre alt, war fast ganz sorgenlos verflossen, aber es waren der Freuden eben so wenige als der Schmerzen daraus zu verzeichnen. Sie hatte mit ihrer Mutter in tiefer Zurückge-
Deutsches Deich.
Berlin, 23. Juni.
* Die Abreise des italienische« Königspaares erfolgt morgen (Freitag) Abend. König Humbert und Königin Margherita begeben sich zunächst zum Besuche des verwandten sächsischen Königshofes nach Dresden. — Der Kaiser reift morgen Abend nach Verabschiedung von den italienischen Majestäten nach Kiel, von wo am 29. d. M. Abends die Fahrt nach Norwegen angetreten wird.
* Die diesjährige Session des Preußischen Landtags ist heute Nachmittag 3 Uhr in einer gemeinschaftlichen Sitzung beider Häuser des Landtags geschlossen worden. Vorher hielten sowohl das Abgeordnetenhaus wie das Herrenhaus kurze Sitzungen ab. Die Sitzung des Herrenhauses hatte nur eine geschäftliche Bedeutung : die Entgegennahme der Mittheilung über den bevorstehenden Sessionsschluß, die übliche Geschäftsübersicht, der Dank des Hauses an den Präsidenten Herzog von Ratibor für die umsichtige Leitung der Geschäfte, worauf die Sitzung mit einem dreimaligen ! Hoch auf den Monarchen geschlossen wurde. — Im Abgeordnetenhause verkündete der Präsident beim Beginn der Sitzung, daß die Abgg. Jmwalle und Spahn wegen ihrer Ernennung zu Oberlandes- gerichtsräthen ihr Mandat niedergelegt haben. Auf der Tagesordnung stand die wiederholte Berathung des aus dem Herrenhause in abgeänderter Fassung zurück- gekommenen Gesetzes über die Kleinbahnen. Abg. Rickert sprach sein Bedauern darüber aus, daß eine gründliche Prüfung des zwischen dem Abgeordnetenhause und dem Herrenhause in Bezug auf diefes Gesetz bestehenden Streitpunktes (Verstaatlichung der Klein- I bahnen) nach den Geschäftsdispositionen nicht mehr möglich sei, und wies darauf hin, daß die Abänderung von einem beschlußunfähigen Herrenhause — es waren gestern nur 55 Mitglieder anwesend — angenommen worden sei. Abg. Dr. Hammacher bedauerte die im Herrenhause vorgenommene Aenderung in Bezug auf den Verstaatlichungs-Paragrchchen (§ 30), die Bedenken dagegen suchte Eisenbahnminister Thielen dadurch zu zerstreuen, daß er versicherte, es würden nur allgemeine Verkehrsinteressen und strategische Rücksichten, niemals aber fiskalische Interessen bet der Verstaatlichung in Betracht kommen. Demgegenüber wies Abg. Dr. Lieber darauf hin, daß die von dem Minister gegebene Beruhigung nur für die Zeit seiner Amts- thätigkeit wirken könne, das Versprechen einer loyalen Handhabung könne nicht als Ausgleich für eine mangelnde gesetzliche Vorschrift angesehen werden. Ueberdies eröffne die Streichung der die Berstaatlichung einschränkenden Bestimmung eine nicht günstige Perspektive für die Betheiligung des Privatkapitals an dem Bau von Sekundärbahnen. Das Herrenhaus habe mit feinem Beschlüsse das Abgeordnetenhaus in eine bedauerliche
materielle Arbeitskraft, die seinen Jnterefsen allein zu I dienen hat. Und das ist eine schwere Versündigung an dem armen Dienstboten, der dadurch in seiner Menschen- und Christenwürde verletzt und geschädigt wird. Eine solche Dienstherrschaft ist eigentlich des Christennamens gar nicht mehr Werth.
Daß es in der Dienstbotenfrage wieder besser werde, dazu können und sollen daher auch die Dienstherrschaften mitwirken, dadurch, daß sie das Bewußtsein der Pflichten gegenüber den Dienstboten im Sinne wenig Vergnügen an Lettüre zu finden. Ich entdeckte heute eine sehr schöne Ausgabe von Sir Charles Grandissons Werken; es sind drei Bände, die auf dem untersten Fache, neben der Thür stehen. Willigst Du ein, daß wir den ersten Band zu unserem Postbüreau machen? Ich werde meine Briefe an Dich dort hineinlegen, und, nicht wahr, Du wirst ein Gleiches mit Deiner Antwort, und wenn sie auch nur in einer Zeile besteht, thun? Wenn wir unsere Namen nicht darin nennen, so ist keine Entdeckung zu befürchten. Selbst wenn der Zufall wollte, daß einer nuferer Briefe dort gefunden würde, würde man ihn nur für eine alte, längst vergessene Kopie halten. Nicht wahr, Du wirst mir dann und wann eine Zeile schreiben?"
„Ja, wenn Sie es so dringend wünschen," erwiderte sie.
„Ich danke Dir. Ich bin durch dieses Versprechen so stolz und glücklich, als hätte ich ein Königreich erobert. Margarita, wirst Du jemals die Meine werden? Ich wäre bereit, drei Mal sieben Jahre um Dich zu dienen. Wenn ich Dich recht beurtheile, — so würdest Du, selbst wenn ich ein König wäre und Dich bäte, meine Krone mit mir zu theilen, nicht eher einwilligen, bis Du mich wahrhaft liebtest."
„Nein, das würde ich sicher nicht eher", gestand sie zu.
„Und andererseits glaube ich, daß, wenn Du