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Donnerstag, den 23. Juni 1892.

19. Jahrgang

kitling

Lehrlingswesens zum Zweck einer gründlichen Ausbil­dung sowohl wie zum Zweck einer tüchtig *t moralischen Erziehung, sodann eine gesetzliche Vertretung des Hand­werks, die als begutachtende Behörde in allen das Handwe'-k betr. Fragen nicht blos gehört werden kann, sondern gutachtlich gehört werden muß und deren Mei­nung praktisch in's Gewicht fällt. Herr v. Bötticher deutete seiner Zeit an, daß die Arbeit für Einrichtung der k)andwerkerkammern bereits ernstlich in Angriff genommen sei, und den Freunden des Handwerks wur­den privatim bereits die Grundzüge entwickelt. Seit­dem ist, trotz des im Februar in Berlin abgehaltenen großen Handwerkertages, Alles still. Sollte inzwischen auch auf diesem Gebiete ein „neuester Kurs" den neuen Kurs abgelöst haben? Wir wollen denn doch bis zum Beweis des Gegentheils annehmen, daß die Regierung sich nicht förmlich drängen lassen will zur Erfüllung ihres Versprechens und daß sie mit ihren Erklärungen nicht beabsichtigt hat, die Handwerker wieder für einige Zeit zu beschwichtigen und hinzuhalten, bis sie er­müden oder bis irgend ein Zufall ihre Aufmerksamkeit auf andere Gedanken lenkt.

Sie schaute sich eilig um, als sie eintrat. Allan saß noch an derselben Stelle mit dem Buche in der Hand; glücklicherweise war Mylady ihm nicht nahe genug, um zu entdecken, daß er das Buch verkehrt hielt. Miß Ayenel zeichnete eifrig.

„Mir war, als hörte ich hier sprechen," sagte Mylady. Allan sah ruhig auf.

„Das ist sehr möglich", erwiderte er. „Miß Ayenel scheint viel Talent zum Zeichnen zu haben, die Kopie wird Ihnen sehr gut gefallen."

„Hoffentlich wird Ihr Lob Miß Ayenel nicht eitel machen", bemerkte Mylady, und die junge Erzieherin erhob stolz das erröthende Antlitz, erwiderte aber keine Silbe.

Ihr Bild hatte Allan Estcourt vorher schon ver­folgt, jetzt erging es ihm aber noch schlimmer, er war sich nun klar, daß er Miß Ayenel mit ganzem Herzen und aus voller Seele liebte, und daß sie im Leben seine einzige Liebe sein würde. Das war der Grund, warum ihr Bild ihn überall hin verfolgt, warum er nur ihrer gedachte, nur von ihr träumte, und warum sein ganzes Sein in ihr aufging. Er liebte sie, und wenn sie ihm Gehör schenkte, wollte er sie beschwören, sein Weib zu werden.

9. Kapitel.

„Sie erschrecken mich, Mr. Estcourt — Sie sind I so rasch, so ungestüm; ich weiß nicht, was ich Ihnen erwidern soll." 1

* Gegen verschiedene Blätter wird wegen Veröffent­lichung der auf die Untersuchungshaft des Rektors Ahlwardt bezüglichen Schriftstücke vorgegangen: Es soll § 17 des Preßgesetzes verletzt sein. § 17 verbietet die Veröffentlichung der Anklageschrift oder anderer amt­licher Schriftstücke eines Strafprozesses durch die Presse vor Beendigung des Verfahrens.

* Hefter die neue Militärborlage will nunmehr die ,Post' nähere Mittheilungen machen können. Da­nach soll eine wesentliche Erhöhung des Präsenzstandes und eine wesentliche Vermehrung des Ausbildungs- Personals geplant sein. Die Erhöhung der Friedens­präsenzstärke soll sich auf etwa 63,000 Mann belaufen und jährlich ca. 60 Millionen Mark mehr kosten. Wir wollen zunächst abwarten, ob die Regierung nicht end­lich durch diese Nachrichten sich veranlaßt sieht, eine authentische Aufklärung zu geben.

* Dem Auswärtigen Amte ist aus Dar-es-Salaam gemeldet worden, daß bis heute Vormittag ein detail- lirter Bericht über das angebliche Gefecht des Herrn von Bülow beim dortigen Gouvernement nicht einge­gangen war. Da die über Mombassa nach Sansibar gelangte Nachricht ausschließlich auf mündlichen Mit- theilungen von Negern beruht, ist dieselbe mit großer Vorsicht aufzunehmen.

* Wieder ein neues Gewehr! Kaum ist die Be­waffnung der deutschen Armee mit dem neuen Acht­millimeter-Gewehr durchgeführt, so tritt auch schon wieder in der „Post" der Vorschlag auf, ein neues Gewehr mit dem Kaliber von fünf Milli­meter einzuführen. Der militärische Berather der »Post" knüpft an eine Mittheilung der .France mrlitaire' an, daß auf der Hauptfchießschule im Lager von Chalons s. M. soeben interessante Schießversuche I mit einem neuen Rpetirgewehr von 6,5 Millimeter j Kaliber zum Abschluß gebracht worden sind. Als be­sondere Vorzüge werden ihre große Leichtigkeit, Ein­fachheit und Solidität des Mechanismus hervorge- hoben. Die Flugbahn sei eine sehr gestreckte, die Ge- schoßgeschwindigkeit eine erhebliche. Die Patrone wiege nur 20 Gramm, sei also 9 Gramm leichter als die­jenige des Lebel-Gewehres. „Aber was aus diesem Gewehr ein wahres Wunder macht, ist die neue Lade- weise, die , eine bemerkenswerthe Einfachheit zeigt." „Bestätigt sich diese Nachricht", so wird in der „Post" ausgeführt, „so sei es für Deutschland von großer Wichtigkeit, diesmal in der Kaliberwahl nicht wieder, wie bei dem Gewehr von 1888, Frankreich nachzu- hwken, sondern direkt zu dem anerkanntermaßen aus­führbaren Kaliber von 5 Millimetern zu greifen".

* Münster, 20. Juni. Innerhalb der Diözese Münster ist, laut der .Germania', höheren Orts ge­nehmigt worden, daß während der Dauer des ewigen Gebetes in den Volksschulen der Schulunterricht aus­gesetzt bezw. auf zwei sonst schulfreie Nachmittage ver­legt werde. Zur Erlangung der Bewilligung hat sich der Pfarrer rechtzeitig an den Kreis-Schulinspektor zu wenden.

Das verhiingnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(18. Fortsetzung.)

Er blickte äuf das schöne Antlitz, das so ehrlich zu ihm auf schaute, nieder.

, „Ja, das würde ich, wenn ich eine hätte und sie m dieser Weise darum gebeten würde. Seien Sie barmherzig. Miß Ayenel. Ach wenn Sie wüßten, wie ich Ihrer gedacht habe!"

„Ich möchte wohl gern „Ja" sagen, aber ich darf es mcht", erwiderte sie.

.. --®ie sind sehr grausam! Warum weigern Sie sich? Wenn Sie mir eine passendere Gelegenheit, Sie zu sprechen,, Vorschlägen können, so sollen Sie mich gern bereit finben. Ich würde entschieden darauf be­stehen, mit Ihnen hier im Hause zusammenzukommen, aber ich fürchte, daß Ihnen daraus Unannehmlichkeiten erwachsen könnten."

„Das fürchte ich such. Denken Sie an Lady Daye- uants Entrüstung."

„So geben Sie mir das Versprechen, Miß Ayenel." Er ergriff ihre Hand und neigte sich darüber. Sein riutlitz war tief gerörhet und erwartungsvoll, seine Augen blickten flehend zu ihr nieder.

„Ich werde kommen," erwiderte sie hastig, und ehe Ne noch ein Wort hinzufügen konnte, stand Lady Dayenant bereits in der Thür.

„Verzeihen Sie mir, Miß Ayenel, ich war von jeher sehr ungestüm, aber Sie sollen nicht darunter leiden. Ich bin nicht so schuldig, als ich scheine; be- ! denken Sie nur, daß ich gezwungen bin, in wenigen Augenblicken auszusprechen, was andere Männer erst in Monaten zu sagen wagen."

Sie lächelte und er schöpfte Muth aus diesem Lächeln.

„Ich möchte Ihnen nur begreiflich machen, daß ich Sie von ganzem Herzen liebe."

„Sie lieben mich!" wiederholte sie. „Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein, Mr. Estcourt. Sie haften mich erst zwei Mal gesehen." — „After was kommt es darauf an? Meine Liebe könnte nicht inniger sein, wenn ich Sie hunderttausend Mal gesehen hätte!"

„Es kommt so überraschend," flüsterte sie.

„Wie oft hatte Romeo Julien gesehen, Miß Ayenel, als er sie mit jener Liebe, die sein Verhängniß wurde, umfing? Nur ein einziges Mal! Halten Sie Liebe für die Folge einer langen Bekanntschaft, häufigen Zu­sammenseins und mannichfachen Austausches? Ich nicht."

„Sie bestürmen mich mit so vielen Fragen," er­widerte fie,_ „daß ich mir selbst nicht mehr recht klar über das bin, was ich glaube."

„Lassen Sie mich es Sie lehren. Ich weiß genau, was Sie glauben und was Sie sagen sollen. Ich fühle, daß

Berlin, 21. Juni.

* Zu Ehren des italienischen Königspaares fand heute Vormittag im Lustgarten zu 'Potsdam große Parade statt. Als die Truppen zum Parademarsch einschwenkten, setzte sich der Kaiser an die Spitze der­selben und führte dann noch das 1. Garde-Regiment an König Humbert vorbei, ebenso die GardeL du Corps. Au der Parade nahmen gegen 4500 Mann Theil. Der Parademarsch wurde zwc.mal gemacht. Nach der i Parade fand Frühstückstäfel tto Potsdamer Stadtschloß | ’tatt, wobei der Kaiser die Verlobung seiner jüngsten Schwester, der Prinzessin Margaretha mit dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen, proklamirte. (Ein hiesiges Telegraphenbureau hatte noch gestern gemeldet, daß in römischen Hofkreisen die Rede von'einer bevor- tehenden Verlobung des italienischen Kronprinzen mit Prinzessin Margaretha sei. Von einer Verlobung mag wohl die Rede gewesen sein, nur hatte der betreffende Reporter wohl läuten aber nicht anschlagen gehört.) Die Verlobung selbst hat gestern in Homburg statt- gesunden.

* Der Schluß des Landtages wird wahrscheinlich am Donnerstag erfolgen. Am Mittwoch erst kommt das Kleinbahnengesetz, welches die Kommission des Herrenhauses in zwei Punkten abgeändert hat, im Plenum des Herrenhauses zur Verhandlung.

* Die Ausschüsse des Bundesraths für Handel und Verkehr, für Eisenbahnen, Post und Telegraph und für Justizwesen beriechen heute den Gesetzentwurf über Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung (mittel­europäische Zeit) und beschlossen, die unveränderte An­nahme der Vorlage zu empfehlen.

auf die

,Fuldaer Zeitung'

für das am 1. Juli beginnende

3. Guartal 1892

wolle man baldigst dem nächsten Postamte zu- stellen, damit uns dieselben rechtzeitig übermittelt wer­den können und prompte Zusendung ermöglicht wird.

.Der Post - Abonnementspreis auf die .Fuldaer Zeitung' mit der illnstrirte« Sonntagsbeilage ==: Sterne und Mumm = beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. excl. Be­stellgeld.

.. Reu zugehende Abonnenten erhalten die Zeitung nebst der Sonntagsbeilage gegen Einsen­dung der Post-Quittung bis Ende Juni gratis.

Wann geschieht endlich Gtwas füt’s Handwerk?

Zwei und ein halbes Jahr hat sich der Bund es - rath Zeit genommen, ehe er zu dem am 20. Januar 1890 vom Reichstage beschlossenen Gesetzentwürfe über Einführung des Befähigungs-Nachweises Stel­lung nahm. Am Freitag endlich hat er sich mit dem Gesetze und den auf dasselbe bezüglichen Eingaben be- schaftlgt und, wie nicht anders zu erwarten stand, seine Zustimmung versagt. Auch mehreren Eingaben wegen Wiedereinführung des Befähigungs-Nachweises für das Baugewerbe wurde keine Folge gegeben. Damit sind auch die schwachen Hoffnungen vernichtet, welche die Handwerker jüngst an eine Meldung der .Bauge- werks-Zettung' geknüpft haften mögen. Warum es zu der formellen Stellungnahme so langer Zeit bedurft hat nachdem Staatssekretär v. Bötticher doch schon in diesem Winter erklärt hat, die verbündeten Regierungen kön­nen auf die Wünsche wegen Wiedereinführung des Be­fähigungs-Nachweises für das Handwerk allgemein und für das Baugewerbe im Besonderen nicht eingehen ist wohl nur durch den bureankratischen Mechanismus' er­klärlich. Gleichzeitig mit den so große Erbitterung her- vorrufendenMittheilungen im Reichstage wäre es „ein Aufwaschen" gewesen, während vielleicht jetzt neuer Miß- muth in Handwerkerkrersen erregt wird.

Die Ablehnung des Gesetzes durch den Bundesrath bedeutet nun aber hoffentlich den ernsten Anfang in den Arbeiten für die versprochene Organisation des gesammten Handwerks in Handwerker- kammern. Man hat dem Handwerker in Aussicht gestellt, daß diese Handwerkerkammern dem Handwerke zu dem verhelfen sollen, was es bisher auf dem Wege des Jnnungswesens anstrebte, vor Allem Regelung des