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140 _ Mtttwoch, den 22. Juni 1892. ».Jahrgang

Fuldaer M Zeitiiug

8erlitt, 20. Juni.

rüsche um Hals und Arme erschien sie thm aber noch viel reizender. Das enganschließende Gewand markirte genau die Formen ihrer schönen Gestalt, jede anmuthige Bewegung, jede Linie war sichtbar. Allans Herz schien von einet unwiderstehlichen Macht zu ihr hingezogen zu werden, während er in ihre Betrachtung versunken war.

Lady Dayenant unterbrach die Zeichnerin hin und wieder, um ihr ihre Ansicht auszusprechen, die das junge Mädchen stets mit vornehmer Freundlichkeit an­hörte.

„Sie macht mehr den Eindruck einer Fürstin, als einer Erzieherin," dachte Allan.

Bald darauf wurde Lady Dayenant aber abgerufen — Sir Charles wünschte über einige Anordnungen mit ihr Rücksprache zu nehmen. Sie sah sich rathlos im Salon um, denn es entsprach durchaus nicht den Regeln der Etikette, daß sie den Gast mit der Erzieherin allein ließ; aber was sollte sie thun? So gutmüthig Sir Charles auch war, so war er doch andererseits sehr ungeduldig und wartete nicht gern, das wußte seine Pflichttreue Gemahlin. Aber wie sollte sie sich helfen? Miß Ayenel hinauszuschicken, wäre zu auffallend ge­wesen. Mylady blickte sich noch einmal um. Das dunkle, edle Haupt mit dem schönen südlichen Antlitz worüber

* Das italienische Königspaar ist heute Abend 6 Uhr in Potsdam eingetroffen und von dem Kaiser und der Kaiserin herzlichst begrüßt worden. Beim Empfange waren sämmtliche in Berlin bezw. Potsdam anwesenden Prinzen und Prinzessinnen zugegen. Die Ehrenwache stellte das Garde-Jägerbataillon. Die Eskorte während der Fahrt nach dem Palais bildete eine Eskadron Leib-Husaren. Das Publikum begrüßte die hohen Herrschaften mit Hochrufen. Bald nach der Ankunft fand im Neuen Palais Familientafel statt. Der Magistrat von Berlin hat 10,000 Mark bewil­ligt, um den Straßenzug, durch den am Mittwoch das italienische Königspaar nach der Rückkehr von Cummers- dorf vom Anhalter Bahnhof nach dem Schlosse fahren wird, auszuschmücken. Der Kaiser nahm heute Vor­mittag eine General-Probe zu dem großen Zapfenstreich ab, der morgen Abend zu Ehren der hohen Gäste vor

selbst und seine Familie, für Gemeinde und Staat aus der Trunksucht ergeben, muß dann nicht einen jeden Menschenfreund, einen Jeden, der ein Herz für das Wohl des Volkes hat, ein bitteres Weh ergreifen, muß er bann nicht sich angeregt und gedrungen fühlen, auch für sein Theil nach besten Kräften an der Beseitigung dieses furchtbaren Krebsübels mitzuarbeiten? Es be­darf in der That der Zusammenfaffung aller Kräfte, es bedarf der Mitarbeit von Kirche, Staat und Ge­meinde, von Arbeitgebern, Armenpflegern, von Beamten und Privatpersonen, um die Uebel siegreich zu bekämpfen. Keine Lebensstellung, hoch oder niedrig, ist denkbar, in der sich nicht Gelegenheit dafür böte, um das Werk der Befreiung des Volkes von diesem bösen Feinde fördern zu helfen. Auch hier gilt der Wahrspruch: „viribus unitis: Mit vereinten Kräften!"

die Zeichnung gebeugt, Allan las eifrig. Was konnte also geschehen? Voraussichtlich würden sie während ihrer Abwesenheit kein Wort wechseln.

Lady Dayenant entschuldigte sich mit einigen flüch­tigen Worten und verschwand. Allan athmete erleichtert auf — die Augenblicke der Spannung waren unerträg­lich für ihn gewesen. Endlich war er nun mit ihr allein. Sein Herz bebte vor Entzücken,, und ehe sie es sich versah, stand er an ihrer Seite.

„Bitte blicken Sie einmal zu mir auf, Miß Ayenel," sprach er. „Hören Sie einige Minuten mit dem Zeichnen auf, ich habe Ihnen etwas zu sagen."

Sie legte den Bleistift nieder und sah zu ihm auf, ihre dunklen Augen blickten schelmisch in die seinen, deren erwidernder Blick ihr Herz heftig schlagen machte.

„Sie sind sehr ungeduldig, Mr. Estcourt." sagte sie.

„Das bin ich allerdings, aber zürnen Sie mir des­halb nicht. Sie wissen nicht — Sie können nicht wissen — wie ich mich gesehnt habe, Sie wiederzusehen. Ich habe den Himmel angefleht, daß er mir eine günstige Gelegenheit bieten möge; lassen Sie mich nun sie aus- nutzen, da ich sie habe."

Die Finger zitterten und das Antlitz erglühte.

„Ich habe Ihnen so unendlich viel zu sagen!" ritzf er ungestüm aus. „Wollen Sie mir glauben, Miß

Im Abgeordnetenhause beantwortete heute Minister­präsident Graf Eulenburg die Interpellation der Abgg. Dr. Sattler und Genossen, betr. die Einziehung des vom Kronfideikommißfonds für die Theater in Han­nover, Kassel und Wiesbaden gezahlten Zuschusses da­hin, daß die Subvention nicht eingezogen werden solle. Da indeß die Kosten stets in steigendem Maße zuge­nommen haben, und sich die Schwierigkeiten fort­dauernd mehren, weil die oberste Verwaltung dieser Theater sich nicht in den betr. Städten befinde, werde vom Hausministerium mit den genannten Städten in der Richtung verhandelt, daß die Verwaltung der Theater von den Städten übernommen und Zuschüsse gewährt würden, welche mit den Mitteln der Kron- dotation im Verhältmß stehen und doch den dauernden Fortbestand der Theater zu sichern geeignet sind. Die Verhandlungen würden in demselben ' wohlwollenden Sinne fortgeführt werden, welcher bisher berhätigt worden. In der sich anschließenden Debatte wurde an­erkannt, daß eine rechtliche Verbindlichkeit nicht vor­liege, die«betr. Theater zu subventioniren, wohl aber eine moralische Verpflichtung. — Ferner wurde der Gesetzentwurf, betr. das Diensteinkommen der Lehrer

Das vcrhiingmßvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(17. Fortsetzung,)

»Mr. Estcourt ist der Herr, der mir an dem Tage, als ich meinen Arm so empfindlich verletzte, zu Hilfe gekommen war." '

„Hoffentlich ist die Wunde besser," sagte Allan.

„Sie ist noch immer sehr schmerzhaft," erwiderte sie.

Als Lady Dayenant sah, daß sie das junge Mäd­chen nicht wohl ignoriren konnte, murmelte sie etwas bon „ganz aus dem Gedächtniß gekommen sein" und ging dann auf den Zweck ihres Erscheinens über. Das junge Mädchen schien die Idee, die sie ihr andeutete, >0s0rt zu erfassen, sie nahm Bleistfft und Papier zur Hand und die Zeichnung war bereits begonnen, ehe <.ady Dayenant mit ihrer Auseinandersetzung zu Ende war Allan zog sich geflissentlich nach dem andern Ende °es Salons zurück. Er wünschte Miß Ayenel recht un­gestört zu beobachten, um sich jeden Zug ihres Antlitzes ewznprägen. Er nahm zu diesem Zweck ein Buch zur Hand und während er eifrig darin zu lesen schien, Duckte er unbeachtet zu ihr hinüber.

. .erste Mal hatte er sie nur in Straßentoilette g^nhen, in dem schwarzseidenen Kleide mit der Spitzen­

F. Ein schweres soziales Uebel.

Einer der schlimmsten Schmarotzer, welche am Marke des deutschen Volkes zehren, ist die Trunksucht, welche in ihrer verderblichsten Form sich als Brannt­weinpest charakterisirt. Alljährlich geht eine Unzahl von Familienglück, Friede, Heil und Hoffnung durch sie zu Grunde; sie zerrüttet Leib und Seele des ihr Verfallenenen, verschuldet einen großen Theil der Selbst­morde und einen noch größeren Theil der Geistes­störungen; sie vernichtet das Familienglück, fördert die Prostitution und steigert die Zahl der Verbrechen.

Trunksucht und Armuth sind sehr nahe mit einander verwandt und wohnen fast immer in demselben Hause: „Ueberall", sagt Picard, „wo die Unmäßigkeit herrscht, folgt Armuth und Elend bald nach, wie der Schatten dem Körper; an dem Tage, wo die Trunksucht ver­schwunden sein wird, wird mehr als die Hälfte des Pauperismus (der Verarmung) verschwunden sein". Der Abg. Gumbrecht, welcher viele Jahre dem Armen- wesen einer größeren Stadt vorgestanden, sprach s. Z in öffentlicher Reichstagssitzung sogar die Ansicht aus, daß unter zehn Verarmungsfällen neun von der Trunk­sucht, dem unmäßigen Branntweingenusse, herzuleiten seien. Und wie wäre es auch anders möglich? Der häufige Wirthshausbesuch, welcher mit dem Trinken meist verbunden ist, raubt Zeit und Lust zur Arbeit, führt zu Spiel uud Müßiggang und endlich natur» nothwendig ins Pfandhaus, wo das letzte Kleidungs­stück und Hausgeräthe zu Spottpreisen versetzt wird, um nur der Leidenschaft stöhnen zu können. Arme Familien, deren Haupt ein Trinker ist! Bei ihnen wohnt Jammer und Elend ohne Maß und Zahl. Auch die Gemeinden werden durch das Laster der Trunk­sucht geschädigt. Ist es nicht empörend, wenn Trunken­bolde ihre Groschen in's Wirthsyaus hineintragen und die besseren Elemente der Gemeinde ihre Armensteuer mtrichten müssen, um die oft genug zu beklagenden Angehörigen solcher Individuen und schließlich diese selbst vor dem Hungertode zu schützen?

. Wie durch die Trunksucht Religion und Sittlichkeit im Menschen vernichtet werden, darüber ließe sich ein langes Kapitel schreiben. Kein Gebot Gottes ist d°m Trunkenbolde heilig. „Des Unmäßigen Gott", sagt der heilige Kirchenlehrer Ambrosius „ist sein Zauch. der Magen sein Altar", - Ersäuftes Pflichtgefühl und Tugend, schrittweiser Untergang aller besseren Regungen unter der Obmacht niedriger Ge­wohnheiten; damit ist aber die ganze Summe des Ruins noch nicht erschöpft. Eine der veryängnißvollsten Nachwirkungen der Trunksucht besteht darin, daß der Trunkenbold in sein eigenes Fleisch und Blut, in seine Nachkommen auf Generationen hinaus den Keim heil- loser körperlicher und geistiger Verkrüppelung legt. In welchem Grade der Trunk der Eltern in ihre Kinder und Kindeskinder den angeborenen Hang zu derselben Leidenschaft verpflanzt, darüber hat man in Teutsch- land noch keine umfassenderen Untersuchungen angestellt. Anders schon ist es bei den Verheerungen, welche das Nervensystem und das Gehirn der Nachkommenschaft durch die Trunksucht der Eltern erfährt. In dieser ।

Beziehung bemerkt der Irrenarzt Dr.Schüle in seinem Handbuche der Geisteskrankheiten: „Die von Demeaux, Flemming, Rner u. A. beigebrachten Beispiele von den Trunkenbolden geborenen epileptischen (fall­süchtigen) Kindern sind nicht bloß durch traurige Häufig­keit erwiesen, sondern auch experimentell durch das Nachrücken von gesunden Nachkommen gesichert, wenn mittlerweile in der Leidenschaft des Vaters eine Besse­rung eingetreten war". Dr. Kind, welcher konstatiren konnte, daß bei rund 550 Kindern von Trinkern nicht weniger als % krank oder tobt waren, be­merkt in seinem Schlußurtheile: „Wenn man nun in diesem Wirrsal von bebingten Momenten auf eine ziffer-mäßige Angabe des Einflusses der Trunksucht auf die Entstehung der Idiotie (des Blödsinns) verzichten muß, so wird man dieselbe doch als einen Faktor gelten lassen müssen, der desto unheimlicher und desto gefährlicher ist, je weniger genau man in vielen Fällen bestimmen kann, ob sie das Verursachende oder das Verursachte ist, ob sie nicht selbst Symptom nner geistigen Störung ist ... ." Kann hiernach Geistesstörung auch einen krankhaften Reiz oder Wider­standslosigkeit zum Trinken erzeugen, so ist doch die häufigere Erfahrung festzuhalten, daß beispielsweise in Norddeutschland die Trunksucht bis zu % aller Geisteskranken verschuldet, die dann wieder bei verheiratheten Entartungen aller Art zur Folge haben kann. Die Hinterlassenschaft des Trinkers!

In Börner's ,Deutsches Wochenbl. für Gesundheits­pflege und Rettung' Jahrgang 1884 Nr. 15 wird die Zahl der in Deutschland jährlich am Delirium zu Grundegehenden auf 10,000 angegeben, die der Trinker unter den männlichen Zuchthäuslern auf 46%; unter männlichen Strafgefangenen feien 53,6% Gelegenheits-, 34,4<»/0 Gewohnheitstrinker. Die preußische Statistik weist aus dem Jahre 1881: 268,005 Verbrechen und Vergehen nach, pon melden 7O«/o in ursächlichem Zu- -------u

sammenhange mit der Trunkenheil stehen. Wie weit dem Neuen Palais stattfinden soll. Ä E^om'nen sein wenn eine Frau es als ein *Sm Abgeordnetenhiusebeantwo Gluck betrachtet, daß ihr Mann - ins Strafgefäng- nifj geräth! — „Seit du weg bist, geht es uns ganz gut; schwer arbeiten muß ich wohl, um mich und die Kinder durchzubringen, manchmal haben wir nur knapp Brod, aber es geht doch. Die Kinder sind ordentlich, seit du fort bist, sie helfen mir bei der Arbeit . . . ." So oder ähnlich, berichtet der Strafanstaltsdirektor Kröhne, lauteten unzählige Briefe, die mir in meiner Stellung in Oldenburg, Schleswig, Hessen, Branden­burg zu Gesichte kamen. ,

Das Verhältniß des Trunkes zum Selbstmorde erhellt für Preußen aus folgenden amtlichen Angaben. Die Zahl der Selbstmorde hat sich von 1872 bis 1885 mehr als verdoppelt, so daß der Durchsckmitt in den ersten sieben Jahren 3000, in den folgenden 4600 war. Bei diesen Zahlen wird „Trunkenheit und Trunksucht" als Grund aufgeführt in den ersten sieben Jahren je 255 mal, in den späteren je 449 mal durchschnittlich. Hinzu kommen die Selbstentleibungen im Säuferwahn­sinne, neuerdings jährlich 86.

Wenn man nun hinblickt auf diese Unmasse von Elend, Roth und Verderben, welche sich für den Trinker

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